Alinsky hat die Grundlage für das geschaffen, was wir
heute Community Organizing nennen. Wir können davon ausgehen, das auch er
selbst davon ausgegangen ist, dass der Erfolg seiner Arbeit einen Durchbruch,
etwas Neues geschaffen hat. Warum hätte er sonst sein erstes Buch „Reveille
for Radicals“ genannt? Reveille kommt aus der französischen Militärsprache und
bedeutet „Aufwachen!“. Die Reveille ist das morgendliche Wecksignal für die
Truppen, die anders als die Offiziere, keinen eigenen Wecker hatten.
Alinsky verstand das, was ihm mit seinem
Back-of-the-Yards Projekt gelungen ist, als Durchbruch und er wollte es auch
von anderen als Durchbruch verstanden wissen.
Im Back-of-the-Yards Projekt ist es gelungen, die
wichtigen, lokalen Machtfaktoren zu identifizieren und zweitens, sie zur
Zusammenarbeit zu bewegen.
Die relevanten social forces, wie er diese Kräfte in
jener Zeit noch nennt, im Back-of-the-Yards-District waren für ihn die
katholische Kirche mit Bischof Bernhard Sheil und die neue Dachgewerkschaft,
der Congress of Industrial Organisations (CIO) mit John L. John Lewis an der
Spitze. Der von Alinsky eingefädelte Schulterschluss dieser beider Herren
führte innerhalb weniger Stunden zum Einknicken der Chicagoer Fleischbarone.
Die Folge waren Tarifabschlüsse, die zur Verbesserung des Lebensstandards und
zur Regenerierung des gesamten Wohngebietes führten.
Das war die mit Fanfaren begleitete Geburtsstunde des
Community Organizing. Das Back-of-the-Yards Council, nach dem Muster
gewerkschaftlicher Organisation gebildet, war das Vorbild für weitere
Organisationen, die in vergleichbaren Industrial Areas mit mehr oder weniger
Erfolg aufgebaut wurden.
Ich möchte einige Aspekte nennen, die zeigen, was neu war
an diesem Ansatz
Dieses Modell besteht darin, die traditionellen
Einzelgewerkschaften, die zu jener Zeit noch nach verschiedenen
Handwerkszweigen getrennt waren, zu einem Dachverband, dem Congress of
Industrial Organizations (CIO) zusammenzufassen. Damit vollzog die
Gewerkschaftsbewegung nach, was die Industrie vorgemacht hatte. In der
Automobilindustrie arbeiten Schlosser, Schweisser, Sattler, Mechaniker
gemeinsam an einem Produkt. Sie können nur verhandeln, wenn sie sich
zusammenschließen.
Der Back-of-the-Yards-District war der
Einwandererstadtteil hinter den Schlachthöfen. Die Einwanderer waren
größtenteils katholisch, gehörten aber vielen, oftmals verfeindeten,
nationalen Gemeinden an. Der Bischof von Chicago hatte ein Interesse daran,
diese Diversität nicht aufzuheben, aber doch unter einem Dach zusammenzufassen
und für Sie zu sprechen. Hier wurde das gleiche Muster angewandt, wie in der
Industrie und in der Gewerkschaft, nämlich unterschiedliche Teilgruppen mit
gleichen oder ähnlichen Interessen zusammenzufassen: Broad-Based-Organizing.
Die Übertragung eines Ansatzes, der in einzelnen Industriebetriebe oder
Industriezweigen entwickelt wurde, auf die Probleme der Stadtentwicklung und
der Reorganisation der kirchlichen Gemeindearbeit, ist das Verdienst Alinskys.
Anders als die settlements überlässt Alinsky den
organisierten Gruppen die Kontrolle über die entstehende Organisation. Die
Gruppen werden nicht an Aktivitäten beteiligt, sie sind nicht Teil des
settlements in dem Sinne, dass ihnen erlaubt wird, die Räume des settlements
an bestimmten Tagen unter Anleitung oder für ihre separaten Zwecke zu nutzen.
Die Gruppen planen, kontrollieren und evaluieren ihre gemeinsamen Aktionen in
eigener, selbstbestimmter Verantwortung. Die Professionellen des settlement im
Back-of-the-Yards-District, waren Gegner der neuen Methode. Sie hätten das
neue Programm nicht kontrollieren können.
Alinsky folgte mit der Abgrenzung gegenüber den
Settlements den Bewertungen des soziology-departments der University of
Chicago. Den Einschätzungen der Soziologen zufolge waren die von den
Einwanderern selbst kontrollierten Organisationen für die Integration
wesentlich wichtiger als übergestülpte, außengesteuerte Versuche, den Menschen
auf der Grundlage christlicher Nächstenliebe eine individuelle Hilfe
angedeihen zu lassen. Es bestand die Befürchtung, dass die unveräußerlichen
Rechte des Einzelnen durch Einrichtungen, die vom Wohlwollen der Reichen
abhängig sind, nicht unbedingt gefördert würden.
Eine weiterer Unterschied betrifft die Motivation der
freiwilligen und professionellen Helfer: Angesichts der Massenprobleme in den
Quartieren kann nicht mehr ein unreflektierter, moralischer Anspruch, der die
Menschen bessern will, der wesentliche Antriebsgrund sein. Vielmehr ist eine
wissenschaftlich begründbare, ganzheitliche Analyse der Situation und eine
rationale Strategie gefordert, die auf die Verwirklichung der Rechte und die
Veränderung der Bedingungen zielt.
Als ich mich in den 70er Jahren zum ersten Mal mit
Community Organizing beschäftigte, sagte mir jemand: „Gib mir Deine Wut, ich
kann Sie gebrauchen“. Ich dachte: „Okay, wenn Du sie nimmst, dann bin ich sie
wenigstens los!“.
Alinsky würde sagen, erkenne Deine Wut und nutze sie. Er
gibt seinen Organizern den Rat „rub raw the resentments“. Die Wut, der Ärger
steht am Anfang jeder Organisation. Wenn sie nicht intensiv genug empfunden
wird, so Alinsky, dann gibt es keine Kontroversen und dann gibt es auch keinen
Fortschritt und keine Verbesserung. Die strategische Einbeziehung des Ärgers
ein weiterer wichtiger Impuls, der von Alinskys Arbeit ausgeht. Dieses
alliterative Kürzel, „rub raw the resentments“, das dreimal tief knurrende RRR!
Es ist schwer zu übersetzen.
Die Wut anstacheln, den Ärger schüren, das klingt alles
so, als wolle Alinsky damit anfangen, die Menschen zu ärgern. Dabei ärgern
sich die Menschen bereits vorher. Sie rufen ihn, weil sie sich über
irgendetwas ärgern, weil sie sich von anonymen Mächten, social forces, bedroht
oder benachteiligt fühlen. Sie rufen ihn, weil sie dieses Gefühl loswerden
wollen.
In Rochester hat man ihn gerufen, weil es bei
Rassenunruhen Tote gegeben hat. Alinsky hat den Ärger, den es dort gab nicht
erzeugt, sondern systematisch freigelegt. Er hat dafür gesorgt, dass die
Menschen ihrem Ärger Luft machen. Er hat dies in einer Weise getan, die zu
mehr Arbeitsplätzen für schwarze Jugendliche geführt hat. Er hat Aggressionen
kanalisiert, sublimiert und die Kontrolle über diese Gefühle wieder an die
Menschen zurückgegeben. Er hat rationales Handeln da ermöglicht, wo vorher
blinde Wut herrschte.
Dabei wendet Alinsky kein psychoanalytisches Triebmodell
an. Seine Methode ist der sokratische Dialog, mit dem er gleichwohl die
Gefühle und Widersprüche freilegen kann, die in den Tragödien des Alltags
entstehen. Er formt aus dieser Energie den Willen, politisch zu handeln. Er
steht damit in der seriöser Tradition der Befürworter eines gerechten oder
sittlichen Zorns. Im 18. Jahrhundert identifiziert bereits Adam Smith,
Begründer der Nationalökonomie, in seiner theorie of moral sentiments, zwei
mächtige Gefühle, die wirklich staatstragend sind. Es handelt sich um
seelische Reaktionen, die komplementär zu betrachten sind: gratitude und
resentment, Dankbarkeit und moralische Missbilligung, vulgo: Wut, Ärger, Zorn.
Dankbarkeit entsteht, wenn sich Menschen für das Gemeinwohl einsetzen. Ärger,
verursacht, wer dem Gemeinwohl schadet.
Ein vierter Impuls, der von Alinsky ausgeht ist ein
Impuls, der sich gegen traditionelle Rückwärtsgewandtheit und Dogmatik, gegen
politische Romantik und ausgrenzenden Gemeinschaftsgeist wendet. Alinsky
stellt sich damit gegen alle selbsternannten und selbstgerechten Vertreter des
Gemeinwohls. Für mich ist dies der interessanteste Punkt und der, der am
leichtesten übersehen wird.
Alinsky hat ein ambivalentes Verhältnis gegenüber der
Tradition, in der er als Jude erzogen wurde und er hat ein ambivalentes
Verhältnis gegenüber Traditionen überhaupt. Dies betrifft sowohl religiöse
Traditionen, die wie er sagt, die Hoffnungen der Menschen artikulieren, dies
betrifft aber auch die politischen Heilsversprechungen, die oftmals nicht viel
mehr sind als säkularisierte Religion.
Alinsky unterstützt die Hoffnung, aber er bekämpft das
Dogma. Er bezieht sich auf Franz von Assisi und auf Moses und nennt den
Bischof von Los Angeles einen „prähistorischen Schafskopf“.
Er empfiehlt seinen Lesern und Schülern, sich mit den
religiösen Vorstellungen der Menschen im Stadtteil intensiv zu befassen. „tradition
is our terrain“. Gleichzeitig droht er damit, die Menschen mit ihrem eigenen
Büchern zu schlagen.
Die traditionelle Gemeinschaft ist für ihn nicht das
Ziel, sondern der Ausgangspunkt. Organisation ist Reorganisation. Er
reorganisiert, wenn er Religion findet, auch diese in Richtung auf ein
tolerantes, ökumenisches, multireligiöses Bündnis.
Ich halte diesen Punkt auch im Zusammenhang mit
Diskussionen, wie sie in der Kommunitarismusdebatte geführt werden, für
äußerst wichtig. Alinsky sieht die idealisierte Gemeinschaft nicht als Produkt
des Organisierens an, sondern als Rohstoff. Die traditionelle Gemeinschaft, so
Alinsky ist ein kultureller Kokon, in dem die Individuen wachsen und reifen,
den sie aber verlassen müssen, wenn sie erwachsen werden wollen.
Peter Szynka, FOCO Mitglied, Referent für
Wohnungslosenhilfe beim Diakon. Werk Oldenburg,/ Lehrbeauftragter Uni Bremen.
P: Bohlenweg 5a, 26188 Edewecht