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Stand: 16.02.2008

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Alinsky hat die Grundlage für das geschaffen, was wir heute Community Organizing nennen. Wir können davon ausgehen, das auch er selbst davon ausgegangen ist, dass der Erfolg seiner Arbeit einen Durchbruch, etwas Neues geschaffen hat. Warum hätte er sonst sein erstes Buch „Reveille for Radicals“ genannt? Reveille kommt aus der französischen Militärsprache und bedeutet „Aufwachen!“. Die Reveille ist das morgendliche Wecksignal für die Truppen, die anders als die Offiziere, keinen eigenen Wecker hatten.

Alinsky verstand das, was ihm mit seinem Back-of-the-Yards Projekt gelungen ist, als Durchbruch und er wollte es auch von anderen als Durchbruch verstanden wissen.

Im Back-of-the-Yards Projekt ist es gelungen, die wichtigen, lokalen Machtfaktoren zu identifizieren und zweitens, sie zur Zusammenarbeit zu bewegen.

Die relevanten social forces, wie er diese Kräfte in jener Zeit noch nennt, im Back-of-the-Yards-District waren für ihn die katholische Kirche mit Bischof Bernhard Sheil und die neue Dachgewerkschaft, der Congress of Industrial Organisations (CIO) mit John L. John Lewis an der Spitze. Der von Alinsky eingefädelte Schulterschluss dieser beider Herren führte innerhalb weniger Stunden zum Einknicken der Chicagoer Fleischbarone. Die Folge waren Tarifabschlüsse, die zur Verbesserung des Lebensstandards und zur Regenerierung des gesamten Wohngebietes führten.

Das war die mit Fanfaren begleitete Geburtsstunde des Community Organizing. Das Back-of-the-Yards Council, nach dem Muster gewerkschaftlicher Organisation gebildet, war das Vorbild für weitere Organisationen, die in vergleichbaren Industrial Areas mit mehr oder weniger Erfolg aufgebaut wurden.

Ich möchte einige Aspekte nennen, die zeigen, was neu war an diesem Ansatz

Erstens: Der Ansatz folgt einem gewerkschaftlichen Modell, welches Alinsky in seiner Biographie des Gewerkschaftsführers John L. Lewis beschreibt.

Dieses Modell besteht darin, die traditionellen Einzelgewerkschaften, die zu jener Zeit noch nach verschiedenen Handwerkszweigen getrennt waren, zu einem Dachverband, dem Congress of Industrial Organizations (CIO) zusammenzufassen. Damit vollzog die Gewerkschaftsbewegung nach, was die Industrie vorgemacht hatte. In der Automobilindustrie arbeiten Schlosser, Schweisser, Sattler, Mechaniker gemeinsam an einem Produkt. Sie können nur verhandeln, wenn sie sich zusammenschließen.

Der Back-of-the-Yards-District war der Einwandererstadtteil hinter den Schlachthöfen. Die Einwanderer waren größtenteils katholisch, gehörten aber vielen, oftmals verfeindeten, nationalen Gemeinden an. Der Bischof von Chicago hatte ein Interesse daran, diese Diversität nicht aufzuheben, aber doch unter einem Dach zusammenzufassen und für Sie zu sprechen. Hier wurde das gleiche Muster angewandt, wie in der Industrie und in der Gewerkschaft, nämlich unterschiedliche Teilgruppen mit gleichen oder ähnlichen Interessen zusammenzufassen: Broad-Based-Organizing. Die Übertragung eines Ansatzes, der in einzelnen Industriebetriebe oder Industriezweigen entwickelt wurde, auf die Probleme der Stadtentwicklung und der Reorganisation der kirchlichen Gemeindearbeit, ist das Verdienst Alinskys.

Zweitens: Es handelte sich um ein in mehreren Punkten von der Herangehensweise der traditionellen settlements unterschiedenes Konzept.

Anders als die settlements überlässt Alinsky den organisierten Gruppen die Kontrolle über die entstehende Organisation. Die Gruppen werden nicht an Aktivitäten beteiligt, sie sind nicht Teil des settlements in dem Sinne, dass ihnen erlaubt wird, die Räume des settlements an bestimmten Tagen unter Anleitung oder für ihre separaten Zwecke zu nutzen. Die Gruppen planen, kontrollieren und evaluieren ihre gemeinsamen Aktionen in eigener, selbstbestimmter Verantwortung. Die Professionellen des settlement im Back-of-the-Yards-District, waren Gegner der neuen Methode. Sie hätten das neue Programm nicht kontrollieren können.

Alinsky folgte mit der Abgrenzung gegenüber den Settlements den Bewertungen des soziology-departments der University of Chicago. Den Einschätzungen der Soziologen zufolge waren die von den Einwanderern selbst kontrollierten Organisationen für die Integration wesentlich wichtiger als übergestülpte, außengesteuerte Versuche, den Menschen auf der Grundlage christlicher Nächstenliebe eine individuelle Hilfe angedeihen zu lassen. Es bestand die Befürchtung, dass die unveräußerlichen Rechte des Einzelnen durch Einrichtungen, die vom Wohlwollen der Reichen abhängig sind, nicht unbedingt gefördert würden.

Eine weiterer Unterschied betrifft die Motivation der freiwilligen und professionellen Helfer: Angesichts der Massenprobleme in den Quartieren kann nicht mehr ein unreflektierter, moralischer Anspruch, der die Menschen bessern will, der wesentliche Antriebsgrund sein. Vielmehr ist eine wissenschaftlich begründbare, ganzheitliche Analyse der Situation und eine rationale Strategie gefordert, die auf die Verwirklichung der Rechte und die Veränderung der Bedingungen zielt.

Drittens: Strategische Einbeziehung des resentments

Als ich mich in den 70er Jahren zum ersten Mal mit Community Organizing beschäftigte, sagte mir jemand: „Gib mir Deine Wut, ich kann Sie gebrauchen“. Ich dachte: „Okay, wenn Du sie nimmst, dann bin ich sie wenigstens los!“.

Alinsky würde sagen, erkenne Deine Wut und nutze sie. Er gibt seinen Organizern den Rat „rub raw the resentments“. Die Wut, der Ärger steht am Anfang jeder Organisation. Wenn sie nicht intensiv genug empfunden wird, so Alinsky, dann gibt es keine Kontroversen und dann gibt es auch keinen Fortschritt und keine Verbesserung. Die strategische Einbeziehung des Ärgers ein weiterer wichtiger Impuls, der von Alinskys Arbeit ausgeht. Dieses alliterative Kürzel, „rub raw the resentments“, das dreimal tief knurrende RRR! Es ist schwer zu übersetzen.

Die Wut anstacheln, den Ärger schüren, das klingt alles so, als wolle Alinsky damit anfangen, die Menschen zu ärgern. Dabei ärgern sich die Menschen bereits vorher. Sie rufen ihn, weil sie sich über irgendetwas ärgern, weil sie sich von anonymen Mächten, social forces, bedroht oder benachteiligt fühlen. Sie rufen ihn, weil sie dieses Gefühl loswerden wollen.

In Rochester hat man ihn gerufen, weil es bei Rassenunruhen Tote gegeben hat. Alinsky hat den Ärger, den es dort gab nicht erzeugt, sondern systematisch freigelegt. Er hat dafür gesorgt, dass die Menschen ihrem Ärger Luft machen. Er hat dies in einer Weise getan, die zu mehr Arbeitsplätzen für schwarze Jugendliche geführt hat. Er hat Aggressionen kanalisiert, sublimiert und die Kontrolle über diese Gefühle wieder an die Menschen zurückgegeben. Er hat rationales Handeln da ermöglicht, wo vorher blinde Wut herrschte.

Dabei wendet Alinsky kein psychoanalytisches Triebmodell an. Seine Methode ist der sokratische Dialog, mit dem er gleichwohl die Gefühle und Widersprüche freilegen kann, die in den Tragödien des Alltags entstehen. Er formt aus dieser Energie den Willen, politisch zu handeln. Er steht damit in der seriöser Tradition der Befürworter eines gerechten oder sittlichen Zorns. Im 18. Jahrhundert identifiziert bereits Adam Smith, Begründer der Nationalökonomie, in seiner theorie of moral sentiments, zwei mächtige Gefühle, die wirklich staatstragend sind. Es handelt sich um seelische Reaktionen, die komplementär zu betrachten sind: gratitude und resentment, Dankbarkeit und moralische Missbilligung, vulgo: Wut, Ärger, Zorn. Dankbarkeit entsteht, wenn sich Menschen für das Gemeinwohl einsetzen. Ärger, verursacht, wer dem Gemeinwohl schadet.

Viertens: gegen politische Romantik

Ein vierter Impuls, der von Alinsky ausgeht ist ein Impuls, der sich gegen traditionelle Rückwärtsgewandtheit und Dogmatik, gegen politische Romantik und ausgrenzenden Gemeinschaftsgeist wendet. Alinsky stellt sich damit gegen alle selbsternannten und selbstgerechten Vertreter des Gemeinwohls. Für mich ist dies der interessanteste Punkt und der, der am leichtesten übersehen wird.

Alinsky hat ein ambivalentes Verhältnis gegenüber der Tradition, in der er als Jude erzogen wurde und er hat ein ambivalentes Verhältnis gegenüber Traditionen überhaupt. Dies betrifft sowohl religiöse Traditionen, die wie er sagt, die Hoffnungen der Menschen artikulieren, dies betrifft aber auch die politischen Heilsversprechungen, die oftmals nicht viel mehr sind als säkularisierte Religion.

Alinsky unterstützt die Hoffnung, aber er bekämpft das Dogma. Er bezieht sich auf Franz von Assisi und auf Moses und nennt den Bischof von Los Angeles einen „prähistorischen Schafskopf“.

Er empfiehlt seinen Lesern und Schülern, sich mit den religiösen Vorstellungen der Menschen im Stadtteil intensiv zu befassen. „tradition is our terrain“. Gleichzeitig droht er damit, die Menschen mit ihrem eigenen Büchern zu schlagen.

Die traditionelle Gemeinschaft ist für ihn nicht das Ziel, sondern der Ausgangspunkt. Organisation ist Reorganisation. Er reorganisiert, wenn er Religion findet, auch diese in Richtung auf ein tolerantes, ökumenisches, multireligiöses Bündnis.

 Ich halte diesen Punkt auch im Zusammenhang mit Diskussionen, wie sie in der Kommunitarismusdebatte geführt werden, für äußerst wichtig. Alinsky sieht die idealisierte Gemeinschaft nicht als Produkt des Organisierens an, sondern als Rohstoff. Die traditionelle Gemeinschaft, so Alinsky ist ein kultureller Kokon, in dem die Individuen wachsen und reifen, den sie aber verlassen müssen, wenn sie erwachsen werden wollen.

 Peter Szynka, FOCO Mitglied, Referent für Wohnungslosenhilfe beim Diakon. Werk Oldenburg,/ Lehrbeauftragter Uni Bremen. P: Bohlenweg 5a, 26188 Edewecht


 

Herausgeber: Forum Community Organizing, Website: Michael Rothschuh, Brühl 20 31134 Hildesheim, HAWK