
 | |
Bürgerbeteiligung in der "Sozialen
Stadt" – Fördervoraussetzung oder Antagonismus ? – Erfahrungen aus dem
(Leipziger) Osten
von Lothar Stock ,
foco- Rundbrief, Juli 2002, S. 11-18
Das Programmgebiet
Das Beteiligungsverfahren
Die studentische Untersuchung
Analyse der Machtverhältnisse
Der nachfolgende Beitrag beschreibt Erfahrungen zum Thema Bürgerbeteiligung
im Rahmen des Bund-Länder-Programms "Stadtteile mit besonderem
Entwicklungsbedarf - die soziale Stadt". In diesem vom Berliner
Bundesbauministerium aufgelegten Programm wird die Partizipation der
Bürgerinnen und Bürger an den Entwicklungsprozessen in ihren Stadtteilen ja
quasi per Förderrichtlinie von ministerieller Seite her offiziell verordnet.
Die konkrete Umsetzung der Fördervorgabe und ebenso die Wahl der
Beteiligungsverfahren obliegt dann den lokalen Akteuren vor Ort. Insofern
erheben die nachfolgenden Ausführungen keineswegs den Anspruch auf
Allgemeingültigkeit; im Gegenteil, sie beschreiben explizit die Vorgehensweise
im Programmgebiet "Leipziger Osten", dem Modellstandort im Programm
"Soziale Stadt" für den Freistaat Sachsen. Vielleicht entdeckt aber
dennoch die Eine oder der Andere Parallelentwicklungen zu ihrem/seinem eigenen
lokalen Wirkungsgebiet. Den Autor würde dies wenig wundern.
Ebenso wenig wird der Anspruch verfolgt, die äußerst komplexe
Organisationsstruktur des mit dem Förderprogramm verfolgten
Stadtgebietsentwicklungsprozesses in allen Einzelheiten (Lenkungs- und
Steuerungsgruppen, Kernprojekte, Projektteamtreffen usw.), insbesondere auf der
Verwaltungsseite, zu beschreiben, sondern vielmehr geht es um die Frage der
konkreten Umsetzung der Bürgerbeteiligung in diesem Verfahren. Hintergrund der
Ausführungen ist eine mittlerweile mehr als zweijährige Begleitung der
Entwicklungen im Leipziger Osten als externer Beobachter bzw. Gutachter, als
interessierter Bürger und Hochschullehrer sowie als Projektverantwortlicher
einer studentischen Untersuchung zur Verwirklichung der Bürgerbeteiligung im
Programmgebiet.
Das Programmgebiet
Der Leipziger Osten besteht aus fünf historisch gewachsenen Ortsteilen mit
zwar jeweils spezifischen Charakteristika und Problemlagen, doch zwölf Jahre
nach der "Wende" kennzeichnen das Programmgebiet insgesamt
insbesondere folgende Faktoren: ein hoher Wohnungsleerstand (vor allem im
Bestand der Gründerzeithäuser, während die "Platte"
städtischerseits weitgehend mit Sozialhilfebezieherinnen und -beziehern belegt
wurde), zahlreiche Brachflächen und Bauruinen, eine hohe Lärmbelastung durch
den durchfließenden Straßenverkehr, eine hohe Arbeitslosenquote sowie eine
entsprechend hohe Zahl von Personen, die auf staatliche Transferleistungen
angewiesen sind, und schließlich ein für Ostdeutschland hoher Ausländeranteil
von ca. 5 Prozent der Bevölkerung. Aus der einstigen das Programmgebiet
durchziehenden "Flaniermeile" Eisenbahnstraße ist heute ein
Straßenzug geworden, in dem viele Ladenlokale entweder leer stehen oder aber
"Billigläden" das Erscheinungsbild nachhaltig prägen. Dies alles
sind Faktoren, die bereits zu einer Konzentration benachteiligter
Bevölkerungsgruppen in bestimmten Bereichen des Wohngebietes führten (es gibt
aber auch andere, gehobenere Quartiere im Programmgebiet!), die dem Stadtbezirk
auf kommunaler Ebene eine höchste Entwicklungspriorität zuwiesen und die
schließlich zu seiner exponierten Aufnahme in das Förderprogramm "Soziale
Stadt" führten.
Der Leipziger Osten grenzt mit seinen inneren Rändern unmittelbar an den
Innenstadtbereich und der Beginn der Eisenbahnstraße ist vom heutigen
Einkaufsmagnet Bahnhof aus in ca. 5 Minuten fußläufig erreichbar; an den
Außenrändern erfolgt zumindest teilweise ein nahtloser Übergang in den
angrenzenden Grüngartenbereich. Das Programmgebiet umfasst in Gänze eine
flächenmäßige Ausdehnung von 340 ha, in der um die Jahrtausendwende etwa
27.000 Menschen lebten. Trotz ehemaliger "Flaniermeile" ist der
Leipziger Osten von je her ein traditionelles Arbeiterwohngebiet, dessen
Bewohnerinnen und Bewohner auch zu DDR-Zeiten in Folge des überwiegenden
Westwindes unter den Rauchschwaden der weiter westlich gelegenen
Industrieanlagen zu leiden hatten. Das derzeit zentrale städtebauliche Problem
ist - wie eingangs bereits erwähnt - nicht etwa die "konsolidierte
Platte" (wie lange?), sondern der leerstehende und vor sich hin verrottende
Gründerzeithausbestand, dessen flächendeckende Modernisierung und Sanierung
bei einer Überkapazität von aktuell ca. 60.000 leerstehenden Wohneinheiten im
Stadtgebiet auf absehbare Zeit hin nicht zur Debatte steht. Hinzu kommt eine
extrem hohe Verkehrsbelastung durch mehrere stark frequentierte, zuweilen recht
enge Ausfallstraßen sowie eine äußerst geringe Kaufkraft bei weiten Teilen
der ortsansässigen Bevölkerung.
Das Beteiligungsverfahren
Als zentrales Instrumentarium zur Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an
der geplanten Stadtgebietsentwicklung gilt - ähnlich wie das schon seit Jahren
existierende "Forum Grünau" zur größten Plattenbausiedlung in
Leipzig - das "Forum Leipziger Osten". Hier sollen unter externer
Moderation (zwei Organisations-/ Unternehmensberatungsbüros) und "Geschäftsführung"
(Originalzitat) der beiden Stadtteilmanager/innen (Ingenieure in freiberuflicher
Tätigkeit bzw. in Anstellung beim kommunalen Amt für Stadtererneuerung und
Wohnungsbauförderung) alle Fäden zusammen laufen, die verschiedenen Vorhaben
ko-ordiniert, Arbeitsabsprachen unter den einzelnen Beteiligten getroffen sowie
Empfehlungen für die Verwaltung ausgearbeitet werden. Das Forum tagt dreimal
jährlich, jeweils an einem Freitagnachmittag von 14.30 - 18.30 Uhr und ist für
jedermann zugänglich. An der ersten Forumssitzung Ende November 2000 - ca.
sechs Wochen nach der lokalen Auftaktveranstaltung des Förderprogramms "Soziale
Stadt" - nahmen etwa 120 Personen teil. Die Teilnehmerzahl hat sich seitdem
zwischen 80 und 100 Personen eingependelt.
Zur Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger in den nun von Amtsseite her
initiierten Stadtgebietsentwicklungsprozess wurden gleich auf der ersten
Forumssitzung insgesamt zehn Themen-Arbeitsgruppen gebildet. Diese sollten z.B.
zu folgenden Inhalten arbeiten: "Wirtschaft und Arbeit", "Kinder
und Jugendliche" oder "Leben und soziales Miteinander". Alle
Arbeitsgruppen werden durch hierfür eigens bestellte und auf Honorarbasis
entlohnte, sogenannte "Bürgermoderatorinnen/-moderatoren" organisiert
und geleitet. Die Federführung hierfür liegt ebenfalls bei dem für die
Moderation des "Forums Leipziger Osten" zuständigen
Organisationsberatungsbüro.
Bereits bei dem ersten Zwischenbericht zu den bisherigen Aktivitäten der
Themen-Arbeitsgruppen auf dem "2. Forum Leipziger Osten" im Januar
2001 wurde von allen Bürgermoderatorinnen und -moderatoren, ebenso
einvernehmlich wie hilflos, die gänzlich fehlende bzw. allenfalls höchst
unzureichende Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger in den fremd initiierten
Arbeitsgruppen konstatiert. Dort traf man sich in der Regel stattdessen im schon
allseits vertrauten Personenkreis sozialer Fachlichkeit. Diese Situation
änderte sich auch in der Folgezeit nicht und auf Grund von mangelnder Mitarbeit
örtlicher Akteure wurden schließlich mehrere Themen-Arbeitsgruppen inhaltlich
sowie organisatorisch zusammen gefasst.
Die Foren selbst sind zwar nach wie vor gut besucht, doch stellt sich hier
stets die Frage, von wem? An Hand der jeweils ausgelegten Teilnehmerlisten
konnte in etwa folgendes Bild, zumindest für die jüngsten Forumssitzungen,
ermittelt werden. Etwa die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommt aus
der Verwaltung bzw. aus der für das Programmgebiet örtlich zuständigen
Kommunalpolitik (im Laufe der Zeit haben immer mehr Stadträte aus dem Leipziger
Osten das Forum als Möglichkeit der eigenen Plattform/Präsentation erkannt).
Weitere etwa 30 Prozent sind im Programmgebiet in irgendeiner Form gegen
Bezahlung Beschäftigte (z.B. Architektinnen/Architekten, Sozialarbeiterinnen/Sozialarbeiter,
Bürgermoderatorinnen/-moderatoren, aber auch Ladenbesitzerinnen/Ladenbesitzer
bzw. allgemein Gewerbetreibende). Verbleiben noch ca. 20 Prozent Bürgerinnen
und Bürger, die nichts anderes auszeichnet, als dass sie im Leipziger Osten
wohnen. Bei einer Teilnehmerzahl von 80 Personen wären dies 16 Menschen (von
27.000 Einwohnerinnen und Einwohnern im Stadtbezirk).
Inhaltlich sind die Foren stets klar vorstrukturiert, meistens mit
Programmpunkten überladen und sie stehen immer unter einer themenspezifischen
Schwerpunktsetzung (z.B. Wirtschaft, Öffentlichkeitsarbeit/Image, Sauberkeit
und Ordnung). Der Raum für Diskussionen ist in der Regel äußerst knapp
bemessen und welche Bürgerin bzw. welcher Bürger getraut sich schon nach oft
stundenlangen Beiträgen vermeintlicher Expertinnen und Experten noch selber das
Wort zu ergreifen? Auch die Ergebnisse der Themen-Arbeitsgruppen werden im Forum
meist von den Bürgermoderatorinnen und -moderatoren vorgestellt. So ist es
nicht verwunderlich, dass sich von Seiten des Publikums vordringlich im
Stadtbezirk ansässige Ladenbesitzerinnen und -besitzer zu Wort melden und zwar
immer dann, wenn sie konkret ihre eigenen Interessen als Geschäftsleute im
Programmgebiet gefährdet sehen. Als die Stadtverwaltung zum Beispiel versuchte,
mit Hilfe kommunaler Fördermittel dem Leerstand vieler Ladenlokale in der
Eisenbahnstraße entgegen zu wirken, machte man sofort gegen den in diesem Fall
vermuteten weiteren Zuzug ausländischer Ladenbetreiberinnen und -betreiber in
den Stadtbezirk öffentlich und unverhehlt mit eindeutigem Gedankengut Stimmung.
Als jüngster, mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut untauglicher Versuch, mehr
Bürgerstimmen im "Forum Leipziger Osten" zum Gehör zu verhelfen, ist
noch die kürzlich beschlossene Einrichtung einer sogenannten "Speakers’s
Corner" zu erwähnen. Eigentlich gar keine so schlechte Sache, aber warum
müssen dies ausgerechnet die letzten 15 Minuten am Ende eines insgesamt
vierstündigen Sitzungsmarathons sein, wo doch jede/r der noch verbliebenen
Anwesenden endlich ins Wochenende will?
Die können sollen,
müssen wollen dürfen!"
Graffito-Berlin, Alexanderplatz, ges. v. W. Häcker
Die studentische Untersuchung
Nach etwa einem Jahr der externen Beobachtung der Entwicklungen im Leipziger
Osten - in diesem Zeitraum wurde der Autor von verschiedenen Akteuren vor Ort
immer wieder einmal punktuell zum Thema Bürgerbeteiligung angesprochen (z.B.
wie funktioniert denn eine "aktivierende Befragung"?) - reifte der
Entschluss, im Rahmen eines studentischen Projektes stärker in den Prozess der
Bürgerbeteiligung einzusteigen. Nach einer Bestandserhebung zum bislang
realisierten Ausmaß der Partizipation der Bürgerinnen und Bürger sollten mit
dem Projekt die hierfür hinderlichen Faktoren herausgearbeitet und vor diesem
Hintergrund Vorschläge zur einer stärkeren Einbeziehung der Bewohnerinnen und
Bewohner in den Stadtgebietsentwicklungsprozess entwickelt werden. Nachdem der
Projektgedanke im Sommer vergangenen Jahres mit dem Organisationsberatungsbüro
sowie dem Stadtteilmanagement konkretisiert und abgesprochen werden konnte,
startete das studentische Projekt zur "Bürgerbeteiligung im Leipziger
Osten" unter den oben genannten Zielvorgaben dann im Oktober 2001 (unter
dem enormen Zeitdruck bis Ende Januar 2002 bereits wieder abgeschlossen zu sein).
Zur Bestandserhebung wurden in den ersten Wochen der Projektarbeit zahlreiche
Gespräche mit den verschiedensten Akteuren vor Ort geführt (Stadtteilmanagement,
Quartiersmanagement [im Gegensatz zum zentralen Stadtteilmanagement nur für
einen Ortsteil innerhalb des Programmgebietes zuständig und schon früher
installiert], Organisationsberatungsbüro, Bürgermoderation, soziale Träger im
Programmgebiet) sowie bei Treffen der Themen-Arbeitsgruppen hospitiert. Zwei im
Projekt mitarbeitende Studentinnen waren zudem als Bürgerin bzw. als ehemalige
Praktikantin in den Stadtgebietsentwicklungsprozess im Leipziger Osten
persönlich involviert. Das knappe, aber dennoch äußerst aufschlussreiche
Ergebnis all dieser Gespräche: Der Grad der Bürgerbeteiligung ist in der Tat
äußerst gering ausgeprägt und lässt daher sehr zu wünschen übrig. Die von
Anfang an gehegte Vermutung wurde mit der Untersuchung also evident.
Gravierender noch ist jedoch die Feststellung, dass sich für diese
Aufgabenstellung und prioritäre Förderungsvoraussetzung in dem
millionenschweren Programmgebiet (Fördervolumen ca. 250 Mio. Euro/Jahr) niemand
zuständig fühlt. Das Stadtteilmanagement begreift sich als stadtbezirkweites
Koordinierungsgremium sowie primär als Bindeglied in die Verwaltung und besaß
selbst eineinhalb Jahre nach Programmstart noch nicht einmal eine
kontinuierliche Anlaufstelle im Leipziger Osten. Bezeichnend für den
Stellenwert, der der Bürgerbeteiligung insgesamt vom Stadtteilmanagement
zugesprochen wird, ist auch die Tatsache, dass alle Bemühungen in dieser
Richtung in der Vergangenheit stets als studentische Praktika oder im Rahmen von
für diese Aufgabe völlig unqualifizierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
angegangen wurden. Der Quartiersmanager wiederum beschränkt seine durchaus
anerkennenswerten Aktivitäten auf den ihm gemäß Arbeitsauftrag zugewiesenen
Ortsteil Volkmarsdorf und ist selbst auf den Forumssitzungen nur sporadisch -
wenn es ganz konkret um dieses Wohngebiet geht - präsent. Organisations- und
Unternehmensberatungsbüro sehen ihre Verantwortlichkeit ausschließlich in der
Moderation der Forumssitzungen und die Bürgermoderatorinnen/-moderatoren
begrenzen ihr Engagement ebenso auf die unmittelbare Arbeit in den
Themen-Arbeitsgruppen, wer immer sich daran auch beteiligt bzw. dort nicht
erscheint. Die sozialen Träger schließlich haben ihre jeweils eigenen
Arbeitsschwerpunkte und verfolgen darüber hinaus vordergründig ihre
Eigeninteressen hinsichtlich der finanziellen Absicherung ihrer Arbeit bzw. der
Erschließung neuer "Pfründe" im Rahmen der mit dem Förderprogramm
"Soziale Stadt" neu gegebenen Möglichkeiten. Insofern verfolgen sie
den Stadtgebietsentwicklungsprozess im allgemeinen sowie das "Forum
Leipziger Osten" im besonderen primär unter diesen finanziellen bzw.
förderungstechnischen Gesichtspunkten.
Etwa zeitgleich mit dieser studentischen Analyse kam das die Entwicklungen im
Leipziger Osten wissenschaftlich begleitende Deutsche Institut für Urbanistik (difu)
in Berlin zu ähnlichen Ergebnissen: Von Seiten der Kommunalverwaltung werden
unter (sehr) engen zeitlichen Vorgaben, viele "steile Vorlagen"
gegeben, die selbst für die professionellen Akteure vor Ort mitunter kaum bzw.
nicht erreichbar sind, geschweige denn für in ihrer Freizeit engagierte
Bürgerinnen und Bürger. Entsprechend ist deren Beteiligung im
Stadtentwicklungsprozess relativ gering und sollte daher mit neuen Formen der
Partizipation forciert werden.
Derartige Erkenntnisse, zudem von zwei ganz unterschiedlichen Seiten
festgehalten, könnten nun ja eigentlich zum Nachdenken über die bisherige
Arbeitsweise in Bezug auf die Bürgerbeteiligung im Leipziger Osten führen.
Nicht aber so bei dem dort etablierten Stadtteilmanagement. Mann und Frau geht
stattdessen in die Offensive und dreht den Spieß ganz einfach um. In etwa so:
das Programm "Soziale Stadt" sei nun einmal ein Modell nach den
Vorgaben "top down" und von dem könne man somit auch gar keine
Partizipation der Bürgerinnen und Bürger im Sinne von "bottom up"
erwarten. Außerdem sei es Aufgabe der örtlichen Sozialarbeit - und nicht des
Stadtteilmanagements - für die Bürgerbeteiligung zu sorgen. Thema abgeharkt
und erledigt - den Kritikerinnen und Kritikern der örtlichen Praxis jeden Boden
entzogen!
Analyse der Machtverhältnisse
Von Saul D. Alinsky wissen wir, dass die Durchsetzung der Interessen von
ökonomisch benachteiligten Bevölkerungsgruppen, der "Habenichtse" um
in seinem Sprachgebrauch zu bleiben, eine Frage der Macht bzw. der Veränderung
von bestehenden Machtverhältnissen ist. Deshalb soll der im Leipziger Osten mit
dem Programm "Soziale Stadt" angestoßene
Stadtgebietsentwicklungsprozess abschließend nochmals unter dieser
Fragestellung näher analysiert werden. Sicherlich könnte auch diese Analyse
kurz und bündig mit dem oben skizzierten Verfahren des Stadtteilmanagements
abgetan werden, denn im Bund-Länder-Programm geht es ja beileibe nicht um
veränderte Machtstrukturen oder gar um den Aufbau von konfliktfähigen
Bürgerorganisationen, sondern vielmehr um die "Nutzung endogener
Potenziale in den Stadtteilen", "die Entsäulung der Verwaltung",
"die ressortübergreifende Zusammenarbeit", "die Einbeziehung des
Expertentums der lokalen Akteure" oder wie alle ebenso blumigen wie
nichtssagenden ministeriellen Formulierungen auch lauten möchten. Trotzdem
lohnt sich eine etwas gründlichere Betrachtungsweise, denn diese kann
vorhandene Spielräume, vergebene Chancen oder aber auch bewusst ausgeschaltete
mögliche Machtfaktoren auf Seiten der Bürgerinnen und Bürger zu Tage fördern.
Genau dies ist das Anliegen der nachfolgenden Ausführungen.
Das Programm "Soziale Stadt" ist - da ist der Stadtteilmanagerin
und dem Stadtteilmanager im Leipziger Osten in keiner Weise zu widersprechen -
zweifelsohne ein Modell der Marke "top down", oftmals noch verbunden
mit der hohen Erwartung, in möglichst kurzer Zeit große Erfolge vorweisen zu
können. Selbst die Geldgeber auf Bundesebene warnen mittlerweile vor der
allerorts zu beobachtenden "Projekttitis" und der Berliner
Stadtforscher Hartmut Häußermann konstatiert nüchtern, dass in absoluter
Verkennung der örtlichen Realitäten weite Bereiche der involvierten
Programmgebiete in der "Sozialen Stadt" mittels gezieltem Geldzufluss
zu Stadtteilen entwickelt werden sollen, die sie niemals waren. Im westdeutschen
Denkschema bedeutet dies in etwa, dem Sozialen Wohnungsbau der 70er Jahre mit
seinen Großsiedlungen am Stadtrand den heimeligen Flair der Eigenheimsiedlung
am anderen Ende der Stadt geben zu wollen.
Nicht anders erfolgte auch die Implementierung (und ich wähle diesen Begriff
bewusst, denn er bedeutet das Einsetzen von etwas Körperfremden!) der "Sozialen
Stadt" im Leipziger Osten. Nur sollte man wissen, dass Leipzig als die
Stadt der Bürgerbewegung in der damaligen DDR auf eine lange Tradition der
Bürgervereine zurück blicken kann. Weit über 20 derartige Zusammenschlüsse
ehrenamtlichen Bürgerengagements existieren auch heute noch stadtweit. Ein Teil
dieser Bürgervereine arbeitet auf rein ehrenamtlicher Basis, andere wiederum
fungieren auch als Träger der Sozialen Arbeit. Gemeinsam ist allen, dass sich
hier engagierte Bürgerinnen und Bürger zusammen gefunden haben, um gemeinsam -
und zuweilen auch in Konfrontation mit den kommunalen Behörden - die
Lebensbedingungen in ihrem Wohngebiet mit zu gestalten, möglichen negativen
Entwicklungstendenzen entgegen zu steuern und somit die Lebensqualität in ihrem
sozialen Nahraum nachhaltig zu erhöhen. In Teilgebieten des Leipziger Ostens
existieren ebenfalls derartige Initiativen. Was hätte also näher gelegen, als
diese zu den primären Akteuren bei der beabsichtigten Stadtgebietsentwicklung
zu machen? Oder war es doch die Angst vor der - sicherlich nicht ganz einfachen
- Zähmung des widerspenstigen Borstigen, welche die Stadtverwaltung den Aufbau
neuer, in ihrer Arbeitsweise von ihr vorbestimmten Organisationsstrukturen
favorisieren ließ?
Während der studentischen Befragung der maßgeblichen Akteure bei der
lokalen Umsetzung des Programms "Soziale Stadt" wurde zunehmend
deutlich, dass die Bürgerbeteiligung formal zwar angestrebt wird, aber diese
ausschließlich in dem dafür amtlicherseits vorgegebenen Rahmen zu erfolgen
hat. An der Entwicklung alternativer Strukturen, die möglicherweise zu einem
größeren Bürgerengagement hätten führen können, zeigten die Protagonisten
wenig bzw. kein Interesse. In diesem Zusammenhang sollte noch Erwähnung finden,
dass das Amt für Stadtereneuerung und Wohnungsbauförderung nicht nur die eine
Stadtteilmanagerin stellt, sondern in Form der Amtsleitung das gesamte
Stadtteilmanagement "steuert".
Eine Moderatorin moderiert und ein Moderator tut das Gleiche, denn für dies
werden beide schließlich ja auch aus den staatlichen Fördertöpfen bezahlt.
Auf diese einfache Formel lassen sich die Diskussionen - sofern es sie
überhaupt gab - auf den verschiedenen Forumssitzungen reduzieren. Das
"Forum Leipziger Osten", durch seinen für die Verwaltung lediglich
empfehlenden Charakter und der noch darüber hinaus gehenden Vorfilterfunktion
des Stadtteilmanagements (Anträge und Vorhaben der Themen-AG’s oder anderer
Arbeitskreise werden hier ob ihrer Förderungsfähigkeit/-würdigkeit
vorgeprüft) ohnehin ein "zahnloser Tiger", verliert durch diese
Leitungsvorgabe vollends an Bedeutung. An zwei Beispielen sei dies nachfolgend
verdeutlicht.
Die Themen-Arbeitsgruppe "Image und Öffentlichkeitsarbeit" hatte
mit viel Aufwand und Energie eine Forumssitzung zu ihrem Thema vorbereitet,
einen Ideenwettbewerb für ein Logo sowie einen Slogan für den Leipziger Osten
("dort geht die Sonne auf") durchgeführt und einen Werbefachmann für
einen Vortrag auf dem Forum gewonnen. Im Ergebnis sollte dies zum Start einer
Imagekampagne für das gesamte Programmgebiet führen. So etwas kostet jedoch
Geld und dieses nicht zu wenig, wie der Werbefachmann sicherlich nicht ohne ein
gewisses Eigeninteresse die Forumsbesucherinnen und -besucher wissen ließ. Das
Forum konnte sich anschließend zwar nahezu einstimmig für ein derartiges
Vorhaben aussprechen, doch in der Stadtverwaltung gab es hierfür kein Geld.
Folge: Die personelle Mitarbeit in der Themenarbeitsgruppe "Image und
Öffentlichkeitsarbeit" schrumpfte auf ein Minimum. Wen wundert’s?
Ein zweites Beispiel führt unter den Gesichtspunkten des Community
Organizing zu ungleich größerem Unwohlsein. Auf Grund angeblich rückläufiger
Schülerzahlen, was aber in anderen Stadtbezirken Leipzigs keineswegs anders ist,
sollte das einzige im Programmgebiet noch verbliebene Gymnasium nach Vorgabe des
kommunalen Schuldezernenten zum nächsten Schuljahresbeginn geschlossen werden.
Die Schülerinnen und Schüler des zum Stadtteil hin sehr geöffneten
Felix-Klein-Gymnasiums sowie ihre Lehrerinnen und Lehrer erhielten -
bezeichnenderweise wiederum zum Ende einer Forumssitzung - die Gelegenheit, auf
diese Problematik mit all ihren negativen Konsequenzen für den Stadtbezirk (z.B.
Wegzug der Familien mit schulpflichtigen Kindern) aufmerksam zu machen. Alle
Bemühungen um eine nachhaltige Aufwertung des Wohngebietes würden mit diesem
Schließungsbeschluss konterkariert. Erst nach hartnäckigem Drängen einzelner
Forumsteilnehmerinnen und -teilnehmer sah sich die Moderatorin schließlich
gezwungen, eine Empfehlung des Auditoriums an die Stadtmütter und -väter zum
Erhalt dieses Gymnasialstandortes anzunehmen. Und damit hatte sich die ganze
Sache erst einmal erledigt - bis zur nächsten Forumssitzung wenige Tage vor der
entscheidenden Stadtratssitzung. Das Thema stand nun weiter vorne auf der
Tagesordnung und das örtliche Schulamt hatte sogar einen allerdings
nachgeordneten Mitarbeiter entsandt, der den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des
"Forums Leipziger Osten" hinsichtlich der beabsichtigten
Schulschließung nun Rede und Antwort stehen sollte. Dies konnte
selbstverständlich nur zu sehr unbefriedigenden Ergebnissen führen und drei
Tage später beschloss der Stadtrat von protestierenden Eltern aus dem Leipziger
Osten weitgehend unbehelligt tatsächlich die Schließung des
Felix-Klein-Gymnasiums. Was wäre hier nicht alles möglich gewesen, hätte man
die Empörung und Verärgerung der Eltern wirklich aufgegriffen und in ein
strategisches Handeln geleitet! Aber das ist ja schließlich nicht die Aufgabe
einer Moderatorin.
Auf ein letztes, allerdings bislang rein hypothetisches Problem sei hier am
Ende der Überlegungen ebenfalls hingewiesen. Gesetzt den Fall, das "Forum
Leipziger Osten" erhielte tatsächlich zu irgendeinem Zeitpunkt
weitergehende Entscheidungsbefugnisse als beispielsweise über den Slogan für
den Stadtbezirk abzustimmen, welche demokratische Legitimation hätte es denn?
Nicht nur die bis zu 80 Prozent "Ortsfremden", sondern auch die
zufälligen Mehrheiten - heute z.B. die Jugendlichen, wenn es um ihren
Jugendtreff geht und bei der nächsten Forumssitzung vielleicht die Seniorinnen
und Senioren, weil es sich um deren Ruhebedürfnis im gleichen Straßenzug
handelt - würden dann ein noch zu lösendes Problem darstellen. Und wie
verhält es sich mit der Konkurrenzsituation zu den gewählten
kommunalpolitischen Gremien auf Stadtbezirksebene? Diese eher
verwaltungstechnisch zugeschnittenen, zum Teil aber auch historisch gewachsenen
Sozialräume bewegen sich innerhalb ganz anderer räumlicher Ausdehnungen als
die qua Förderrichtlinie festgesetzten Grenzen des Programmgebietes "Soziale
Stadt". Bislang arbeiten Stadtbezirksbeirat und "Forum Leipziger Osten"
weitgehend isoliert nebeneinander. Gemeinsam ist beiden die geringe
Bürgerbeteiligung und vorallem das Nicht-Infragestellen der etablierten
Machtstrukturen. Aber erwartet man da von ministeriellen Förderprogrammen bzw.
kommunalpolitischen Mandatsträgerinnen und -träger vielleicht nicht auch zu
viel?
|