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Saul-Alinsky-Organizing: Jetzt auch in Deutschland
von Wolfgang C. Goede
Dutzende von Freiwilligen haben in den letzten 30 Jahren in den
USA in Community Organizations gearbeitet. Nun kommt die diese amerikanische
Form der Graswurzel-Demokratie auch in Europa und Deutschland in Schwung.
Ex-Sühner Wolfgang C. Goede, von 1972 bis 1977 als Organizer in Chicago
und San Francisco tätig, hat auf beiden Seiten des Atlantiks die C.O.-Szene
durchleuchtet.
Er sieht nicht aus wie ein Aufrührer, eher wie ein Vorstandsmitglied.
Doch Ed Chambers ist Motor einer Revolution, die die innenpolitischen Kultur
der Weltmacht radikal verändert. Das Hauptquartier seiner Organisation,
die Industrial Area Foundation (IAF), liegt in Chicago. Von hier aus steuert
der 68jährige 50 Organisationen. »Demokratie fordert mehr als
den Gang zur Wahlurne«, sagt Chambers. »Wir kultivieren die
Werte der griechischen Polis und erziehen Bürger dazu, sich in der
Arena des öffentlichen Lebens zu behaupten.«
IAF-Organisatoren verstehen sich als Katalysatoren, die ihren Klienten
zeigen, wie man Menschen motiviert, Veranstaltungen organisiert, leitet,
verhandelt und siegt. Die Probleme sind immer wieder die gleichen, wie
miserable Wohnungen und Schulen, zunehmende Kriminalität. Dennoch
führen die Organisatoren vor der Geburt einer neuen Organisation Hunderte
von Interviews, um herauszufinden, was den Menschen am schlimmsten auf
den Nägeln brennt und wer sich für Führungspositionen eignet.
Chambers geniale Taktiken haben Schlagzeilen gemacht. 1966 half er
Afroamerikanern, mehr Arbeitsplätze bei Kodak durchzusetzen. Ein Gerücht
half, den Filmhersteller an den Verhandlungstisch zu zwingen: Die Schwarzen
hatten laut darüber nachgedacht, im vornehmen Symphonieorchester 100
Sitze aufzukaufen und drei Stunden vor der Darbietung eine Bohnenmahlzeit
einzunehmen...
Zehn U-Bahn-Minuten entfernt vom IAF-Büro befindet sich das National
Training and Information Center (NTIC). Sein Direktor, Shel Trapp, war
früher Methodistenpfarrer und organisiert seit 30 Jahren die »Verlierer
des amerikanischen Traums«. Für eine Gruppe von Nachwuchsorganisatoren
legt er eine Videokasette ein und führt Lehrmaterial vor. Vor einer
Luxusvilla in der US-Hauptstadt haben sich 500 Menschen aus ganz Amerika,
Mitglieder der von Trapp gegründeten National People's Action (NPA),
versammelt. Hier wohnt der Präsident von Marriott, eine der großen
Hotelketten. Als die Besucher ihn auch nicht im Golfklub finden, belagern
sie das Marriott-Hauptquartier, bis eine Delegation sie empfängt.
Ergebnis: Eine Zusage von 6000 Jobs für NPA-Mitglieder.
Vorsitzende der Koalition ist Gail Cincotta. Ihr Thema ist die »Verslummung«
der US-Großstädte. Hauptursache, hat sie recherchiert, sind
die Banken, die das Geld ihrer Sparer nicht in die Nachbarschaften investieren
und sie deshalb finanziell erdrosseln. Gail blockierte Wall Street, ließ
über der Bundesbank einen Riesenhai aufsteigen und brachte den entnervten
US-Kongreß schließlich dazu, folgendes Gesetz zu verabschieden:
Banken müssen einen Teil ihres Geldes dort investierten, wo die Anleger
wohnen. Bis dato haben die Geldinstitute 1,6 Milliarden Dollar für
die verfallenden US-Städte zugesagt.
Organisationen wie IAF und NPA verdanken ihre Existenz zum guten Teil
der katholischen Kirche, die seit 25 Jahren einen Kreuzzug gegen die Verarmung
Amerikas führt und die Graswurzel-Bewegung mit 250 Millionen Dollar
unterstützt hat. Koordinator war lange Zeit der Jesuitenpater Joe
Hacala von der Loyola-Universität. Er und seine Mitstreiter berufen
sich auf die katholische Soziallehre, insbesondere aber die Bibel. »Was
predigte Jesu seinen Jüngern?« fragt Pater Joe. »Geht
für die Hungernden nicht selber fischen, sondern bringt ihnen das
Fischen bei. Das nehmen wir wörtlich.«
Begründer der Graswurzel-Politik ist Saul Alinsky. Der Sohn jüdischer
Einwanderer aus Rußland hatte früh erkannt: Chicagos Politik
war in der Hand von Iren, die eine raffinierte politische Maschine aufgebaut
hatte und beinah so skrupellos wie Al Capones Mafia operierte. Wer außerhalb
dieses Systems Macht wollte, der mußte wie eine Gewerkschaft mit
Boykotts, Besetzungen und Streiks drohen können. Im Schlachthofviertel,
wo Upton Sinclair seinen sozialkritischen Roman »Der Sumpf«
geschrieben hatte und dessen Bewohner weiterhin im Elend lebten, ging Alinsky
mit der »Maschine« in den Clinch. 1939 gründete er den
Back of the Yards Council und setzte im Slum Reformen rasch durch.
1940 gründete Alinsky die IAF und wurde in ganz Amerika aktiv.
Seine David-gegen-Goliath-Taktiken machten Geschichte. 1961 zwang er Chicagos
mächtigen Bürgermeister Richard J. Daley in die Knie mit der
Ankündigung, ein »Shit-in« in den Toiletten des Flughafens
O'Hare zu veranstalten.
Mittlerweile hat die Alinsky-Philosophie auch die Alte Welt erreicht.
In London wurde aus 30 Mitgliedsgruppen The East London Communities Organization
(TELCO) gegründet. TELCO verlangt u.a., daß Unternehmen die
im Hafenviertel ansässigen Arbeitslosen einstellt.
Auch zwischen Rhein und Oder treibt die Graswurzel-Revolution bereits
die ersten Keime. Nach Praktika in Chicagoer Organisationen gründeten
Gemeinwesenarbeiter FOCO, das Forum für Community Organizing. Eine
Studie (»Forward to the roots«, verlegt bei Stiftung Mitarbeit,
ISBN 3-928053-50-7) geht der Frage nach, welche Perspektiven sich für
Deutschland aus dieser Empowerment-Methode ergeben. In Berlin, Osnabrück
und Saarbrücken haben sich konfessionelle Gruppen zu Aktionskomitees
zusammengeschlossen.
Auf der Jahreshauptversammlung im Frühjahr sagten FOCO-Aktive
dem Alinsky-Modell eine große Zukunft voraus, nachdem sich die Schere
zwischen Arm und Reich weit geöffnet hat. »C.O. könnte
die Kraft werden, die den Sozialstaat einfordert, wenn jetzt auch noch
die SPD immer mehr Leistungen streicht«, glaubt FOCO-Mitglied Wilfried
Nodes. Sein Kollege Horst Schiermeyer kritisiert: Nicht mal mehr auf die
Grünen sei Verlaß, nachdem sich durch die Parteiarbeit ihr »außerparlamentarisches
Standbein abgeschliffen« hat. C.O., hofft Schiermeyer, wird die »Arbeit
der Bürgerinitiativen, Gewerkschaften, Kirchen, Umwelt- und Frauenverbände
intensivieren und die Basis wiederbeleben«.
Aber nicht nur England und Deutschland, ganz Europa könnte durch
die neuen Graswurzel-Organisationen neue Impulse empfangen, so die britischen
Sozialforscher Barry Knight und Peter Stokes: Nach dem Bankrott des Sozialismus
und der zunehmenden Verrohung des Kapitalismus »taucht jetzt endlich
eine neue Form des sozialen Kapitals auf«.
Ehemalige ASF-Freiwillige, insbesondere Ex-Organizer, die sich daran
beteiligen möchten, Saul-Alinsky-Organizing in Deutschland einzusetzen,
mögen bitte mit dem Autor Kontakt aufnehmen:
Wolfgang C. Goede
Straßberger Str. 32
80809 München
Tel: 089/4152-558
351 5570
Fax: 361 01 704
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