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Stand: 16.02.2008

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Saul-Alinsky-Organizing: Jetzt auch in Deutschland

von Wolfgang C. Goede

Dutzende von Freiwilligen haben in den letzten 30 Jahren in den USA in Community Organizations gearbeitet. Nun kommt die diese amerikanische Form der Graswurzel-Demokratie auch in Europa und Deutschland in Schwung. Ex-Sühner Wolfgang C. Goede, von 1972 bis 1977 als Organizer in Chicago und San Francisco tätig, hat auf beiden Seiten des Atlantiks die C.O.-Szene durchleuchtet.

Er sieht nicht aus wie ein Aufrührer, eher wie ein Vorstandsmitglied. Doch Ed Chambers ist Motor einer Revolution, die die innenpolitischen Kultur der Weltmacht radikal verändert. Das Hauptquartier seiner Organisation, die Industrial Area Foundation (IAF), liegt in Chicago. Von hier aus steuert der 68jährige 50 Organisationen. »Demokratie fordert mehr als den Gang zur Wahlurne«, sagt Chambers. »Wir kultivieren die Werte der griechischen Polis und erziehen Bürger dazu, sich in der Arena des öffentlichen Lebens zu behaupten.«
IAF-Organisatoren verstehen sich als Katalysatoren, die ihren Klienten zeigen, wie man Menschen motiviert, Veranstaltungen organisiert, leitet, verhandelt und siegt. Die Probleme sind immer wieder die gleichen, wie miserable Wohnungen und Schulen, zunehmende Kriminalität. Dennoch führen die Organisatoren vor der Geburt einer neuen Organisation Hunderte von Interviews, um herauszufinden, was den Menschen am schlimmsten auf den Nägeln brennt und wer sich für Führungspositionen eignet.
Chambers geniale Taktiken haben Schlagzeilen gemacht. 1966 half er Afroamerikanern, mehr Arbeitsplätze bei Kodak durchzusetzen. Ein Gerücht half, den Filmhersteller an den Verhandlungstisch zu zwingen: Die Schwarzen hatten laut darüber nachgedacht, im vornehmen Symphonieorchester 100 Sitze aufzukaufen und drei Stunden vor der Darbietung eine Bohnenmahlzeit einzunehmen...
Zehn U-Bahn-Minuten entfernt vom IAF-Büro befindet sich das National Training and Information Center (NTIC). Sein Direktor, Shel Trapp, war früher Methodistenpfarrer und organisiert seit 30 Jahren die »Verlierer des amerikanischen Traums«. Für eine Gruppe von Nachwuchsorganisatoren legt er eine Videokasette ein und führt Lehrmaterial vor. Vor einer Luxusvilla in der US-Hauptstadt haben sich 500 Menschen aus ganz Amerika, Mitglieder der von Trapp gegründeten National People's Action (NPA), versammelt. Hier wohnt der Präsident von Marriott, eine der großen Hotelketten. Als die Besucher ihn auch nicht im Golfklub finden, belagern sie das Marriott-Hauptquartier, bis eine Delegation sie empfängt. Ergebnis: Eine Zusage von 6000 Jobs für NPA-Mitglieder.
Vorsitzende der Koalition ist Gail Cincotta. Ihr Thema ist die »Verslummung« der US-Großstädte. Hauptursache, hat sie recherchiert, sind die Banken, die das Geld ihrer Sparer nicht in die Nachbarschaften investieren und sie deshalb finanziell erdrosseln. Gail blockierte Wall Street, ließ über der Bundesbank einen Riesenhai aufsteigen und brachte den entnervten US-Kongreß schließlich dazu, folgendes Gesetz zu verabschieden: Banken müssen einen Teil ihres Geldes dort investierten, wo die Anleger wohnen. Bis dato haben die Geldinstitute 1,6 Milliarden Dollar für die verfallenden US-Städte zugesagt.
Organisationen wie IAF und NPA verdanken ihre Existenz zum guten Teil der katholischen Kirche, die seit 25 Jahren einen Kreuzzug gegen die Verarmung Amerikas führt und die Graswurzel-Bewegung mit 250 Millionen Dollar unterstützt hat. Koordinator war lange Zeit der Jesuitenpater Joe Hacala von der Loyola-Universität. Er und seine Mitstreiter berufen sich auf die katholische Soziallehre, insbesondere aber die Bibel. »Was predigte Jesu seinen Jüngern?« fragt Pater Joe. »Geht für die Hungernden nicht selber fischen, sondern bringt ihnen das Fischen bei. Das nehmen wir wörtlich.«
Begründer der Graswurzel-Politik ist Saul Alinsky. Der Sohn jüdischer Einwanderer aus Rußland hatte früh erkannt: Chicagos Politik war in der Hand von Iren, die eine raffinierte politische Maschine aufgebaut hatte und beinah so skrupellos wie Al Capones Mafia operierte. Wer außerhalb dieses Systems Macht wollte, der mußte wie eine Gewerkschaft mit Boykotts, Besetzungen und Streiks drohen können. Im Schlachthofviertel, wo Upton Sinclair seinen sozialkritischen Roman »Der Sumpf« geschrieben hatte und dessen Bewohner weiterhin im Elend lebten, ging Alinsky mit der »Maschine« in den Clinch. 1939 gründete er den Back of the Yards Council und setzte im Slum Reformen rasch durch.
1940 gründete Alinsky die IAF und wurde in ganz Amerika aktiv. Seine David-gegen-Goliath-Taktiken machten Geschichte. 1961 zwang er Chicagos mächtigen Bürgermeister Richard J. Daley in die Knie mit der Ankündigung, ein »Shit-in« in den Toiletten des Flughafens O'Hare zu veranstalten.
Mittlerweile hat die Alinsky-Philosophie auch die Alte Welt erreicht. In London wurde aus 30 Mitgliedsgruppen The East London Communities Organization (TELCO) gegründet. TELCO verlangt u.a., daß Unternehmen die im Hafenviertel ansässigen Arbeitslosen einstellt.
Auch zwischen Rhein und Oder treibt die Graswurzel-Revolution bereits die ersten Keime. Nach Praktika in Chicagoer Organisationen gründeten Gemeinwesenarbeiter FOCO, das Forum für Community Organizing. Eine Studie (»Forward to the roots«, verlegt bei Stiftung Mitarbeit, ISBN 3-928053-50-7) geht der Frage nach, welche Perspektiven sich für Deutschland aus dieser Empowerment-Methode ergeben. In Berlin, Osnabrück und Saarbrücken haben sich konfessionelle Gruppen zu Aktionskomitees zusammengeschlossen.
Auf der Jahreshauptversammlung im Frühjahr sagten FOCO-Aktive dem Alinsky-Modell eine große Zukunft voraus, nachdem sich die Schere zwischen Arm und Reich weit geöffnet hat. »C.O. könnte die Kraft werden, die den Sozialstaat einfordert, wenn jetzt auch noch die SPD immer mehr Leistungen streicht«, glaubt FOCO-Mitglied Wilfried Nodes. Sein Kollege Horst Schiermeyer kritisiert: Nicht mal mehr auf die Grünen sei Verlaß, nachdem sich durch die Parteiarbeit ihr »außerparlamentarisches Standbein abgeschliffen« hat. C.O., hofft Schiermeyer, wird die »Arbeit der Bürgerinitiativen, Gewerkschaften, Kirchen, Umwelt- und Frauenverbände intensivieren und die Basis wiederbeleben«.
Aber nicht nur England und Deutschland, ganz Europa könnte durch die neuen Graswurzel-Organisationen neue Impulse empfangen, so die britischen Sozialforscher Barry Knight und Peter Stokes: Nach dem Bankrott des Sozialismus und der zunehmenden Verrohung des Kapitalismus »taucht jetzt endlich eine neue Form des sozialen Kapitals auf«.

Ehemalige ASF-Freiwillige, insbesondere Ex-Organizer, die sich daran beteiligen möchten, Saul-Alinsky-Organizing in Deutschland einzusetzen, mögen bitte mit dem Autor Kontakt aufnehmen:
Wolfgang C. Goede
Straßberger Str. 32
80809 München
Tel: 089/4152-558
351 5570
Fax: 361 01 704

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