|
Home Nach oben Über foco Nachrichten Rundbriefe Training foco-Buch 1996 CO-Europe
| |
Von Marion Mohrlok, Seattle/
USA, Mai 1996
Überarbeitete Fassung, Juli
2001
Bei Fragen zum Text bzw. Anfragen zu Vorträgen oder
Seminaren wenden Sie sich bitte an: Marion Mohrlok, 207 1/2 N. 41st Street,
Seattle, WA 98103/ USA, (206) 706-5746
1. Die Industrial Areas Foundation -
Alinsky's legendäre Hinterlassenschaft
2. Das King County
Organizing Project, oder kurz: KCOP
3. Und am Anfang war die Macht!
4. Die Kultur der Beziehungen oder: die
Politik beginnt bei den Leuten
5. Die Leader: Zentrale Akteure im
Organisierungsprozeß
6. Eine IAF-Aktion: Die Inszenierung
öffentlichen Lebens
7. Jeder Aktion folgt eine Evaluation
8. Der Aktionskreislauf oder: Die
IAF-Liturgie
9. You can't organize,
what you can't imagine! Zur Umsetzbarkeit von Organizing in der BRD
Verwendete Literatur
Die Industrial Areas Foundation (IAF), 1940 von Saul D.
Alinsky in Chicago gegründet, ist heute die älteste und grösste Institution für
Community Organizing in den USA - und, wie deren derzeitiger Geschäftsführer und
Nachfolger Alinsky's, Ed Chambers, spassig, aber mit doch ernsthaft arrogantem
Unterton meint: auch die Beste! "We are the Mercedes Benz of Organizing" ließ er
uns wissen, als wir ihn im Oktober 1995 in seinem erst vor kurzem neu bezogenen
IAF-Hauptquartier in Chicago aufsuchten.
IAF ist ein Netzwerk von
derzeit ca. 45 Mitgliedsorganisationen in mehreren Bundesstaaten der USA, je
einer in Südafrika und England. Jede Mitgliedsorganisation zahlt einen nicht
unerheblichen Beitrag an die nationale IAF, die wiederum 8 hauptamtliche
OrganizerInnen als BeraterInnen und TrainerInnen und einen Geschäftsführer
beschäftigt und von einem (schwach gehaltenen, so die Aussage Chambers) Vorstand
geführt wird.
IAF ist ein Trainingsinstitut
für deren hauptamtliche OrganizerInnen und deren ehrenamtliche Leitungsebenen
(Leader, s.u.). Dreimal jährlich finden 10-tägige nationale Trainings statt, zu
denen die Mitgliedsorganisationen ihre Leader schicken. Voraussetzung für die
Teilnahme ist eine kurze schriftliche Abhandlung des jeweiligen Organizers über
die TeilnehmerInnen, die er beim Training haben will und warum! Jemand, der/die
nicht in einer IAF-Mitgliedsorganisation arbeitet, wird nur in Ausnahmefällen
zugelassen. Pro Training sind es ca. 100 TeilnehmerInnen. Die Trainingsorte
werden danach ausgesucht, wo eine IAF-Mitgliedsorganisation besteht. Denn ein
wesentlicher Inhalt des Trainings ist die Teilnahme an mindestens einer lokalen
Aktion, durch die die theoretisch vermittelten Organizing-Prinzipien praktisch
verdeutlicht werden.
IAF ist Initiatorin vieler neuer
Community Organizations.
"We never go anywhere unless we are
invited. Sometimes though we organize the invitation! - Wir gehen
nirgendwo hin, es sei denn, wir werden eingeladen. Manchmal jedoch organisieren
wir diese Einladung!"
- so einer der Grundsätze der
IAF, der auf dem 10-tägigen Training in Wilmington, Delaware (12.-22.3.1996),
von einem nationalen Trainer proklamiert wird. Voraussetzung für den Beginn
jeglicher IAF-Aktivität in einer Stadt oder Region ist also die Anfrage von
lokalen Institutionen oder Einzelpersonen, die ein Interesse am Aufbau einer
Community Organization in ihrer Stadt haben und bereit sind, einen Vertrag mit
IAF einzugehen, der ihnen die professionelle Unterstützung eines hauptamtlichen
Organizers und die Leistungen des gesamten Netzwerkes (Training, Beratung,
Austausch) garantiert - der aber auch seinen Preis kostet.
IHRE VISIONEN: Ganz einfach: "Make
democracy work!" (IAF-Training, Wilmington/ Delaware, März
1996). Die Demokratie also arbeitsfähig und für jede/n zugänglich zu
machen, sie nicht nur auf einen Wahlgang alle vier Jahre zu beschränken und
ansonsten anderen zu überlassen. Nicht mehr, und nicht weniger. Keine langen
Systemtheorien oder Gesellschaftsdiskussionen, und ja keine Ideologien. Dagegen
ein ideologiefreier, politischer Pragmatismus, der den Problemen der Zeit
flexibel die Stirn bieten kann und der es ermöglicht, je nach Problem, an
jedermann's oder -frau's Seite zu kämpfen.
IHRE WERTE: Kampf um soziale
Gerechtigkeit, konsequentere Verwirklichung des jeweiligen Glaubens, Schaffung
und Stärkung von Gemeinschaft (community), Einfordern von Beteiligung am
öffentlichen Leben (participation)- und zuletzt das scheinbar Wichtigste: die
Stärkung der Familien und der Organisationen, in den sich Familien
traditionellerweise treffen (Kirchen, Schulen, Nachbarschaftsgruppen). Die
Familien, diese mir oft zu idyllisch gepriesene "Gesellschaftsform im Kleinen",
ist in der heutigen Zeit immer grösserem Druck von aussen (Politik, Wirtschaft,
Medien) ausgesetzt, kann diesem oft nicht mehr standhalten und zerfällt
zusehends - so die These. Der Zerfall der Familienstruktur und -kultur wird in
der IAF-Literatur als einer der Hauptgründe für den desolaten gesellschaftlichen
Zustand beschrieben.
IHR ZIEL: Die Erlangung von
Macht bzw. die Umstrukturierung bestehender Machtverhältnisse im Sinne einer
demokratischeren, gerechteren Gesellschaft durch den Aufbau einer Kultur der
öffentlichen Beziehungen (s.u.). Die Realisierung also eines sog. "relationalen
Machtkonzeptes" (Relational Power). Dies unterscheidet sich von dem herrschenden
unilateralen Machtkonzept dadurch, dass Macht dadurch entsteht, dass Menschen
miteinander in Beziehung treten, sich organisieren, gleichberechtigt und v.a.
sich gegenüber verantwortlich sind.
Dabei wird sich nach wie vor
auf Alinsky berufen, der zwei übliche Erscheinungsformen von Macht beschrieb:
die über organisiertes Geld oder die über organisierte Menschen.
"We're
obviously not going to have a huge concentration of money, so when we're talking
about power as a social concept, we're talking about two or more people coming
together with a plan and acting on it."
(M.B. Rogers, Cold Anger, University of North Texas
Press, Denton/TX, 1990, S. 28)
IHR WEG: Im IAF-Modell führt
der Weg zur Macht über die Organisierung von sog. intermediären Organisationen
(Institutionen möglichst vieler Glaubensrichtungen und diversen ethnischen
Hintergrundes; Gewerkschaften; Nachbarschafts- und Stadtteilgruppen; Schulen),
den klassischen Institutionen also, in denen Menschen und Familien noch -wenn
überhaupt- zusammenkommen, also schon organisiert sind, und die Geld haben!
Diese sog. "Broad Based
Organizations" arbeiten meist stadtweit, manchmal sogar regional, niemals aber
nur stadtteilweit. Darauf, daß möglichst viele Menschen mit möglichst
unterschiedlichen Glaubens-, ethnischen-, politischen Hintergründen, Wert- und
Zielvorstellungen in diesen Organisationen vertreten sind, wird grösster Wert
gelegt. Alle IAF-Organisationen sind parteipolitisch und ideologisch unabhängig,
und, obwohl vorwiegend bestehend aus religiösen Institutionen, nicht einer
bestimmten religiösen Richtung verpflichtet.
IHRE MITTEL:
(a) Die Durchführung von
Einzelgesprächen (Individual Meetings), d.h. der systematische Aufbau, die
Entwicklung und Pflege von öffentlichen (im Unterschied zu privaten) Beziehungen
zu den Menschen in den Mitgliedsorganisationen, PolitikerInnen, Kirchenleuten,
Wirtschaftsleuten, Presse - eben allen, die in dem Organisierungsprozess
interessant und nützlich erscheinen.
(b) Die Identifikation,
Schulung und Begleitung von Führungspersönlichkeiten (Leaders).
(c) Die systematische,
sorgfältige Bearbeitung der Themen (Issues), die in den jeweiligen
Organisationen identifiziert werden durch kreative, sehr strukturierte Aktionen.
Soweit zum groben Rahmenkonzept.
Nun zur Praxis, die ich
1995/1996 durch meine mehrmonatige Mitarbeit in einer der
IAF-Mitgliedsorganisationen in Seattle (Bundesstaat Washington), dem sog. King
County Organizing Project, und der Teilnahme an einem der o.g. nationalen
IAF-Trainings kennenlernte, und die ich nach einer kurzen Beschreibung der
Struktur von KCOP darstellen will.
KCOP ist eine sehr junge IAF-Organisation bestehend aus
derzeit 29 Mitgliedsorganisationen, v.a. Kirchen (katholische und evangelische),
aber auch Lehrergewerkschaften und Stadtteilgruppen, die 1993 nach 2-jähriger
Aufbauarbeit offiziell gegründet wurde.
Räumlicher Fokus der Arbeit von
KCOP ist das Zentrum Seattle's, dessen Südwesten und Süden und der südliche Teil
des Landkreises "King County" (daher der Name), und dies deshalb, weil dies die
armen bis mässig armen Stadtteile von Seattle sind. D.h. die
Mitgliedsorganisationen kommen im wesentlichen aus diesen Gebieten. KCOP ist
jedoch derzeit dabei, Organisationen aus den besser gestellten Stadtteilen und
Teilen des Landkreises zu "werben", ausgehend von der Erkenntnis, dass es einer
repräsentativeren Bevölkerungsstruktur (sprich: arm und reich, schwarz, weiss,
asiatisch und mexikanisch) bedarf, um die Probleme der heutigen Zeit anzugehen.
Und ausgehend von der These und mancherorts schon Erfahrung des "Quid pro Quo",
d.h. der "Eine Hand wäscht die andere- Philosophie". "Wenn ihr aus'm Norden zu
unserer Aktion bzgl. Mindestlohn kommt, dann bringen wir unsere Leute zu Eurer
Aktion gegen den Ausbau des Flughafens!" Denn letztlich zählt die Masse!
Das KCOP-Team besteht aus 2
hauptamtlichen Organizerinnen, die mit je der Hälfte der Mitgliedsorganisationen
arbeiten, und einem 6-köpfigen, ehrenamtlichen Vorstandsgremium (Leadershipteam)
aus den Mitgliedsorganisationen, die die tagtäglichen Geschäfte erledigen und
sich alle 2 Wochen treffen. Das sog. Strategieteam, bestehend aus 2
RepräsentantInnen pro Mitgliedsorganisation, trifft sich alle 2 Monate, um die
allgemeine Richtung der Organisation zu bestimmen.
3 teilzeitbeschäftigte Frauen
sind zuständig für die Buchhaltung, kleinere Projektarbeiten und das Schreiben
von Finanzierungsanträgen. Der Jahreshaushalt beträgt ca. 300.000 DM: die
grösste Einnahmequelle sind die Beiträge der Mitgliedsorganisationen, die 1,5%
ihres Jahresbudgets, mindestens aber 750 DM jährlich an KCOP bezahlen. Gefolgt
von Stiftungsgeldern und Gewinnen aus jährlichen Fundraising-Veranstaltungen,
wie z.B. Tanzabenden, Anzeigenheften, Ralleys.
Das meiste Geld wird für den
Vertrag mit der nationalen IAF und für sog. "Leadershiptrainings" (s.u.)
ausgegeben, nicht also -wie in Deutschland- für Personalkosten der
Hauptamtlichen. Da die Zahl dieser jedoch i.d.R. auf 2 begrenzt ist, sind die
Löhne im Vergleich zu Community Organizations ausserhalb des IAF-Netzwerkes
relativ hoch: Ein Lead Organizer verdient jährlich zwischen 50.000 und 75.000
DM! Auch die Kosten für Räumlichkeiten sind hier eher nachrangig: es gibt
lediglich ein Büro, und dort spielt sich auch nur das Nötigste ab; die
Hauptarbeit findet ausserhalb der Bürowände statt.
Von einer gesicherten, auf
Jahre festgelegten Finanzierung wie bei uns, können die OrganizerInnen hier
lediglich träumen. Die Sicherung derselben Jahr um Jahr steht auf der
Tagesordnung der Arbeit der Gesamtorganisation - in der Realität meist auf der
der Organizer.
Diese Finanzierungspolitik
entspricht der IAF-Philosophie, die Staatsknete als Finanzierungsquelle aufgrund
der daraus entstehenden Abhängigkeiten ablehnt bzw.- positiv ausgedrückt- die
davon ausgeht, dass sich der Identifikationsgrad der Mitgliedsorganisationen in
ihrer finanziellen Beteiligung ausdrückt. Und das ist es, was IAF will:
engagierte Mitgliedsorganisationen, die diese Arbeit als ihre betrachten und sie
ernst nehmen.
"Ohne finanzielle
Unabhängigkeit gibt es keine wirkliche politische Unabhängigkeit"
(IAF, 50 Years Organizing for Change, Sapir Press, San Francisco, 1990,
S. 18) - ein v.a. für bundesdeutsche Verhältnisse radikales Statement, denn wer
ist in der BRD schon unabhängig von öffentlichen Mitteln, v.a. in der Sozial-
bzw. Gemeinwesenarbeit? Greenpeace ist da wohl insgesamt eines der wenigen
positiven Beispiele.
KCOP ist eingebettet in die
gesamte Struktur der IAF: sie ist eine der drei IAF-Organisationen im Nordwesten
der USA, deren Organizer und Leader sich regelmässig treffen, sich austauschen,
herausfordern, eine gemeinsame Strategie für die Region erarbeiten, sprich: von-
und miteinander lernen.
Eine weitere Einbindung besteht
in den IAF-Zusammenschluss aller Organisationen an der gesamten US-Westküste,
die einen nationalen Organizer als Supervisor, Berater und Trainer für die
Mitgliedsorganisationen beschäftigen. Eine hochgradig durchorganisierte Struktur
also, deren Ziel u.a. die Qualitätssicherung der Arbeit und die Bündelung der
lokal erarbeiteten Macht ist, um diese überregional nutzbar zu machen. Im Juli
diesen Jahres beispielsweise ist in Los Angeles eine Versammlung aller
IAF-Organisationen der Westküste geplant, die die Eröffnungsveranstaltung für
die erarbeitete Westküstenkampagne ist und zu der 10.000 Menschen organisiert
werden.
"The only purpose of our organization
is to amass power - but we are not interested in brute power...we are about
relational power. There is a difference between strength and bullying. Power can
afford to be practical, flexible, wise, patient. Power can administer justice.
When you have power, you can afford to be generous. Power moves orderly; it
dösn't crush. The misuse of power sets the seed of its own destruction." (Mary
Beth Rogers, Cold Anger, University of North Texas Press, Denton/TX, 1990, S.
48).
Das mit der Macht ist schon
komisch! Keine/r ist scharf drauf - schon gar nicht im sozialen oder gar
kirchlichen Bereich - und wenn doch, so wird dies jedenfalls nicht offen
zugegeben.
Ganz anders hier! Ohne die
Auseinandersetzung mit dem Begriff und der Bedeutung von Macht (Power) läuft im
Organizing nichts! Und die Vermittlung dessen, die Herausforderung zur
Auseinandersetzung mit Macht- und Ohmachtserfahrungen, die Klärung der eigenen
Position diesbzgl. ist zentraler Bestandteil der IAF-Trainings und der
IAF-Organizing Praxis, von der nationalen bis zur lokalen Ebene.
Denn schliesslich ist die
Analyse und die Erlangung von Macht das Alpha und Omega, das letztliche Ziel des
Organizing. "What do you want in
your organization? - Was willst Du in Deiner Organisation?"
werde ich im nationalen IAF-Training gefragt. Und ich weiss, die
Antwort lautet "Power! Macht!". Aber diese Antwort kommt mit nur schwer über die
Lippen. Ist es wirklich das, was ich will?
Ein harter Brocken für mich,
wurde ich doch noch nie herausgefordert, mich so bewusst damit
auseinanderzusetzen, ob ich Macht will und warum, und was Macht für mich heisst,
wer Macht hat und weshalb. Ja, theoretisch habe ich das mit der Macht kapiert.
Theoretisch weiss ich, dass Veränderungen nur erreicht werden können, wenn wir
nicht nur die Macht haben, diese zu fordern, sondern auch die, sie
durchzusetzen. Es bedarf der Macht, um einen Vermieter zur Rechenschaft zu
ziehen und zur Veränderung zu bewegen, der das Haus, in dem 12 vorwiegend
ausländische Familien leben, nicht nur verkommen lässt, sondern auch noch
horrende Mieten verlangt. Von alleine kommt er nicht auf die Idee, sein
Verhalten zu ändern.
Es bedarf der Macht, um Macht
zu zähmen.
Und theoretisch habe ich dies
auch verarbeitet in der Konzeption meiner letzten Arbeitsstelle, in der ich von
Bemächtigung der StadtteilbewohnerInnen bzw. von der Erlangung von Macht
geschrieben habe. Das Wort "Macht" jedoch musste ich mit dem Wort "Einfluss"
ersetzen. Vorstandsbeschluss. Macht sei zu radikal!
Praktisch habe ich mich
allerdings äusserst selten auf der machtpolitischen Ebene bewegt - und wenn,
dann nur, weil es nicht mehr anders ging. Diese Ebene war mir immer suspekt! Ich
verstand deren Regeln nicht. Wollte sie auch nicht verstehen. Das waren "die da
oben" in Wirtschaft, Politik und Medien. Meine Ebene waren "die da unten", der
Stadtteil, die BewohnerInnen und deren Lebensalltag dort.
"Die da oben haben die Macht
und machen eh was sie wollen, da kommen wir sowieso nicht mit, selbst wenn wir's
wollten". Zynismus und Resignation. Eine weitverbreitete Reaktion, und auch in
der Sozial- und Gemeinwesenarbeit anzutreffen. Der Rückzug in's Private, in die
Lebenswelt die scheinbare Lösung, der auch die Sozial- und Gemeinwesenarbeit
folgt. Von der Weltverbesserung zur Lebensweltverbesserung, wie -wenn ich mich
recht erinnere- Dieter Ölschlägel dieses Phänomen treffend beschrieb. Mein
Problem jedoch in Deutschland ist, daß die Weltverbesserer zumeist zu verstrickt
sind in ideologischen Grabenkämpfen, die uns auch nicht weiter gebracht haben.
Da fehlt mir die Praktikabilität, die ich hier erfahre.
Macht war mir also immer
irgendwie ungeheuer, darüber spricht man nicht, und wollen tut man sie schon gar
nicht, oder wenn, dann nur ein bisschen. Denn Macht ist radikal. Macht ist
schlecht. Macht korrumpiert. Machtmißbrauch ist die Assoziation, die mir am
schnellsten in den Sinn kommt bei diesem Wort, verbunden mit eigenen
Ohn-macht-serfahrungen, eigener
Macht-losigkeit:
v
Der Hausmeister meines Gymnasiums beispielsweise, der immer alle
SchülerInnen tyrannisierte und die Macht hatte, uns herumzukommandieren. Oder
der Schaffner, der mich im Wuppertaler Bahnhof mit meinem Fahrrad hat stehen
lassen, obwohl es in seiner Macht stand, mich bis Bonn mitzunehmen.
v
Der Busfahrer, der uns im Winter vor der Schule ewig warten liess,
weil wir uns nicht in einer ordentlichen Reihe aufstellten.
v
Meine Mutter, die die Macht hatte, uns Kindern das Fernsehgucken
zu verbieten.
v
Der Vermieter, der die Macht hat, sein Haus verkommen zu lassen,
und trotzdem horrende Mieten zu verlangen.
v
Frankreich, das die Macht hat, Atomversuche im Pazifik
durchzuführen, wider aller Vernunft.
v
Und Teile unserer deutschen Vergangenheit sind ja Inbegriff des
Machtmißbrauchs an sich.
"Macht korrumpiert. Aber
Machtlosigkeit auch", so der
Ausspruch eines Trainers auf dem nationalen Training, über den ich lange
nachdenken muss.
Wie vielem hier, so wird sich
auch dem Begriff Macht sehr pragmatisch genähert:
"Power is the ability to act", ist also zunächst nicht mehr und
nicht weniger als die Fähigkeit zu handeln! Macht kommt von machen. So
betrachtet ist sie gar nicht so schlimm, die Macht - denn: wer macht nicht
gerne? Mit dieser pragmatischen, dem Webster Lexikon entnommenen "Definition"
bricht der Trainer im nationalen IAF-Training nicht nur einen Teil meines
inneren Widerstandes. Denn: Ich jedenfalls mache sehr gerne! Der erste Schritt
meiner Annäherung!
Dann werden in einem zweiten
Schritt die Ebenen der Macht benannt und analysiert: die institutionellen (in
den Organisationen, mit denen hier gearbeitet wird, den Kirchen, Schulen,
Gewerkschaften,...), die lokalen, regionalen, nationalen und internationalen.
Jeder Konstituierung einer
IAF-Organisation geht eine schriftliche Machtanalyse der jeweiligen Stadt oder
Region voraus. KCOP's 15-seitige "Power Analysis" beschreibt die
Machtverhältnisse, d.h. die politische, wirtschaftliche und soziale Situation in
Seattle, die Hauptakteure und deren Machtpotential. Diese Machtanalyse ist kein
einmaliger Akt, sondern zentraler Bestandteil der Arbeit an allen Themen (Issues)
der Organisation. Diese Analyse ist die Voraussetzung für den Umgang mit
Macht-Habenden und für ein Handeln auf diesen Ebenen der Macht: hier wird sich
nicht mit dem Sozialamtsleiter gestritten, wenn die letztliche Entscheidung bei
der Sozialdezernentin liegt. Es wird nicht der Pfarrer zu einem Training
eingeladen, wenn der Bischoff der ist, der seinen Pfarrern die Genehmigung
erteilt. Und wenn ein Gespräch mit dem Ministerpräsidenten (Governor) den
Prozess der Bearbeitung eines Themas beschleunigt, so wird nicht der lange Weg
durch die Verwaltung gegangen! KCOP hat nach der Entscheidung für die Arbeit mit
öffentlichen Schulen im Blick auf die Organisierung der Eltern fluchs ein
Gespräch mit dem Leiter der Schulverwaltung Seattle's arrangiert, und nicht erst
mit irgendwelchen SchulverwaltungsmitarbeiterInnen. Da wird nicht mit kleiner
Flamme gekocht.
Der dritte Schritt ist die
Verdeutlichung dessen, warum Macht hat, wer Macht hat. Und i.d.R. reduziert sich
die Beantwortung dieser Frage auf das, was schon Alinsky proklamiert hat: Macht
hat entweder, wer Geld hat, oder wer Menschen organisiert. Ich weiss, ganz so
einfach ist das nicht. Aber manchmal hilft die etwas reduzierte Einfachheit, um
bestimmte Sachverhalte zu verdeutlichen.
Daraus folgt: da wir in den
Organisationen in aller Regel nicht über das Geld verfügen, das nötig wäre, um
die Macht zu erreichen, die wir für die Erlangung von Veränderungen bräuchten,
müssen wir Macht durch Masse demonstrieren, d.h. Menschen organisieren. Alles
ganz einfach.
Und was ist mit dem
Machtmißbrauch? In der Tat eine Gefahr! Deshalb brauchen wir eine andere als die
bestehende Machtkultur. Eine Machtkultur, in der es nicht nur einen oder wenige,
sondern viele Akteure gibt, die sich gegenseitig verantwortlich sind, zur
Rechenschaft ziehen, sich gegenseitig immer wieder überprüfen. Eine sog.
relationale Machtkultur, die geprägt ist von den Beziehungen der Akteure
untereinander (s.u.). Und wir brauchen eine organisatorische Struktur, die diese
-wenn man will- innere Kontrolle ermöglicht. Auf die wird in den
IAF-Organisationen grossen Wert gelegt: jeder Leader, jede Organizerin, jeder
nationale IAF-Trainer, sogar Ed Chambers (!), hat einen Mentor oder Supervisor,
ist also verankert in einem Netz von unterstützenden, aber auch herausfordernden
Beziehungen. Nicht nur innerhalb einer Organisation halten sich die Akteure
gegenseitig verantwortlich, sondern auch zwischenorganisatorisch auf regionaler
und nationaler Ebene. Und diese Struktur ermöglicht nicht nur die gegenseitige
Kontrolle, sondern entscheidend auch die Qualitätssicherung der Arbeit.
Ein faszinierendes Konzept, die
Ebene "der da unten", die Beziehungsebene, mit der machtpolitischen Ebene von
"denen da oben" systematisch, strategisch und zielorientiert zu verbinden. Und:
sehr pragmatisch obendrein. Da wird -wie gesagt- nicht in langen Diskussionen
versumpft. Für mich eine vorstellbare, wenn nicht gar nötige Weiterentwicklung
zumindest meiner zukünftigen Arbeit, wenn nicht gar der bundesdeutschen
Stadtteilarbeit insgesamt, da die Stadtteilebene für die Erreichung wirklicher
und nachhaltiger Veränderungen nicht ausreicht.
Macht ist ein realer Faktor,
wenn nicht der zentrale Faktor in der Welt, wie sie sich heute darstellt. Und um
diesen kann ich mich, will ich durch meine Arbeit ernsthaft und nachhaltig
soziale Veränderungen herbeiführen, nicht mehr herumdrücken. Die Hoffnung auf
den guten Willen der Machthabenden ist keine fundierte Basis für die Arbeit
einer Organisation. Ich kann Macht nicht einfach negieren, so tun, als ob es sie
nicht gäbe oder nur darauf reagieren, wenn's denn nicht anders geht. Nein: es
geht um die bewußte Auseinandersetzung und einen aktiven Umgang damit.
Die erste und vielleicht
wichtigste Lektion des IAF-Organizing für mich.
"The
strongest organizations are those which have built a relational culture both
inside the member units and throughout the broad-based organization."
(Larry Mc Neil, The Soft Art of Organizing, 6.12.1995, S. 1)
IAF-Organizing beginnt nicht mit
spektakulären Aktionen, riesigen Versammlungen oder der Eröffnung irgendwelcher
Räumlichkeiten - also laut. IAF-Organizing beginnt leise - mit vielen, vielen
Einzelgesprächen, beginnt also bei den Leuten.
Und diese Einzelgespräche, die
sog. Individual Meetings, sind das A&O des IAF-Organizing, das tagtägliche Brot
der OrganizerInnen und wie es der IAF-West Coast Director Larry McNeil ausdrückt
"das radikalste Handwerkszeug, das wir besitzen"
(a.a.O., S. 4).
Ich habe kaum einen ganzen Tag im KCOP-Büro
zugebracht, hinter meinem Schreibtisch oder am Computer! Und auch meine beiden
Kolleginnen waren immer unterwegs im Gespräch mit Leuten. Das Büro war lediglich
"Basislager", um die Gespräche telefonisch zu vereinbaren.
Warum nun sind gerade diese Einzelgespräche,
die wir ja eher der sozialarbeiterischen oder therapeutischen Handwerkskiste
zuordnen würden, der wesentlichste Bestandteil der Organisationen?
Die langjährige Organizing-Erfahrung der IAF
führte zu deren Erkenntnis, dass -um es platt auszudrücken- ohne Beziehungen
nichts läuft, zumindest nichts langfristig Währendes:
1.
Die Analyse gesellschaftlicher
Verhältnisse ist klar und eindeutig: mehr noch als in deutschen Landen ist in
den USA der Individualismus, d.h. in gewisser Hinsicht der Zustand der
Beziehungs-losigkeit, einer der Hauptgründe der bestehenden gesellschaftlichen
Probleme. Am Leben gehalten wird diese Kultur der Beziehungslosigkeit von der
aktuellen Kultur der Wirtschaft/des Marktes (nur die Besten kommen weiter) und
der bürokratischen Angebots- bzw. Servicekultur. Beide Kulturen zeichnet aus,
dass die Macht einseitig von oben nach unten geht, i.d.R. mit nur wenigen
geteilt wird und keine Strukturen der Überprüfung beinhalten.
IAF will mit und in ihren Organisationen diesen beiden vorherrschenden Kulturen
die "Kultur der Beziehungen" entgegensetzen, deren Macht dadurch entsteht, dass
Menschen miteinander in Beziehung treten, Verantwortung teilen und sich
gegenseitig zur Rechenschaft ziehen.
2.
Ohne Beziehungen der Mitglieder
untereinander und ohne deren "Pflege" und Training durch die Organizer währt
keine Organisation lange. Aber nur einer langfristig angelegten Organisation
kann es gelingen, eine nachhaltige Veränderung gesellschaftlicher
Machtverhältnisse zu erreichen, sprich: auf Dauer am Verhandlungstisch zu
sitzen.
Dies ist im uebrigen einer der Unterschiede der heutigen IAF verglichen mit dem,
was Alinsky zu seiner Zeit proklamiert und praktiziert hat: sein Prinzip war es,
dass eine Organisation nach 3 Jahren alleine zurechtkommen müsse, was in nahezu
allen von ihm gegründeten Organisationen zu deren Untergang führte.
3.
Auch eine Identität der
Mitglieder nur über die Bearbeitung von Themen/ Missständen (Issues) ist ein
sehr wackliges Fundament für eine Organisation. In der Regel lösen sich solche
Organisationen (Bürgerinitiativen oder auch komplette soziale Bewegungen) auf,
wenn der Missstand behoben ist, da ein anderes Bindemittel nicht entwickelt
wurde.
4.
Ohne eine Beziehung zu den
Menschen, mit denen gearbeitet wird, können diese nicht herausgefordert,
angefragt, zur Rechenschaft gezogen werden. Dies sind aber wesentliche Merkmale
des weiteren Organisierungsprozesses, in dem es eindeutig darum geht, Menschen
in ihrem Wachstum durch Herausforderung zu bestärken und ihnen die Verantwortung
für ihr Handeln klar zu machen.
Von der Wichtigkeit von Beziehungen
überzeugt, führt nun kein Weg daran vorbei, in persönlichen Kontakt zu den
Leuten zu treten - durch systematische, strukturierte, 30-45 minütige
Einzelgespräche. Von einer guten Organizerin werden durchschnittlich 30 solcher
Gespräche pro Woche erwartet! Und das neben all der anderen Arbeit, der Schulung
von den Führungspersonen, der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von
Treffen, Versammlungen, Aktionen. Ich war mit drei solcher Gespräche pro Tag
völlig ausgelastet, bei mehr konnte ich nicht mehr richtig zuhören, mich nicht
mehr auf meine Gegenüber einlassen. Von Leader werden 3 pro Woche erwartet, was
ich in der KCOP Praxis jedoch auch als unrealistisch erfahren habe, da diese
viel anderes um die Ohren haben.
Die Gespräche werden i.d.R. telefonisch
ausgemacht. "Hallo Frau Tennyson, mein Name ist Marion Mohrlok, ich arbeite bei
KCOP und in diesem Zusammenhang mit St. Patricks Church, also ihrer Gemeinde.
Ich bin grad dabei, die Gemeinde kennenzulernen, und Pfarrerin Reis hat mir
empfohlen, mich mit ihnen zu unterhalten. Ich würde sie gerne kennenlernen."
Die Reaktionen: "Warum?"; "Interessant, wo
und wann sollen wir uns treffen?"; "Ich habe kein Interesse!"; "Was ist KCOP?",.....die
gesamte Bandbreite des Reaktionsspektrums ist vertreten, aber ich habe in all
den Monaten nur vier "Abfuhren" erfahren, wo Leute kein Interesse zeigten. Alle
anderen waren relativ offen für ein Gespräch.
Beim 1. Gespräch ist der einzige
Tagesordnungspunkt der, den/die jeweilige/n GesprächspartnerIn kennenzulernen,
das herauszufinden, was die Organizer hier mit Self-Interest (Eigeninteresse)
umschreiben.
Leichter gesagt, als getan: allzu oft lockt
die Aufgabenorientierung! Allzuoft will ich ein konkreteres Ergebnis am Ende des
Gespräches sehen. Oft auch herausgefordert von meinen Gegenüber, denen ein
Gespräch, in dem sie über sich erzählen sollen, irgendwie suspekt ist. Allzuoft
bin ich auch mit Gedanken ganz woanders oder höre nicht richtig zu und hin.
Allzuoft habe ich ein festes Bild von der anderen Person im Kopf(z.B. über einen
Pfarrer, eine Schulrektorin oder einen Geschäftsmann,...), das es mir schwer
macht, mich anders oder neu einzulassen.
Diese Gespräche erfordern die Fähigkeit,
Organizing und die damit verbundene Agenda erstmal für eine Weile zu vergessen
(und nicht sie zu "verkaufen", was eine grosse Falle ist!) und eine Zeit lang
ganz in den Schuhen des/der GesprächspartnerIn stehen zu können, die Welt aus
deren Blickwinkel zu sehen, stereotypische Klassifizierungen aufzubrechen.
Es geht nicht so sehr darum, was jemand tut,
sondern warum. Was ist die Motivation? Was waren Schlüsselerlebnisse? Woran
glaubt sie? Was sind seine Wertvorstellungen? Wo sitzt der Ärger, dessen
Ursprung begründet liegt in Verlust- und Trauererfahrungen, und der gesehen wird
als Antriebskraft für das Handeln? Und letztlich: ist er/sie auch bereit, zu
handeln?
Diese Gespräche sind kein
Frage-Antwort-Spiel, und die wenigsten werden diese z.T. intimen Erfahrungen
teilen, wenn nicht auch ich als Organizerin bereit bin, mich, meine Geschichte,
meine Erfahrungen mitzuteilen, oder -um es in der IAF-Sprache auszudrücken- wenn
nicht auch ich mich "verletzlich" (vulnerable) mache.
Diese Gespräche sind also auch keine
psychologischen Beratungsgespräche, in denen ich die neutrale helfende Profifrau
bin und in denen es nur um individuelle Probleme geht. Und: so "vereinzelt"
diese Gespräche zunächst sein mögen, so stehen sie doch in dem grösseren
Zusammenhang der Organisierung vieler einzelner Menschen, d.h. dem
Zusammenbringen und Teilen der einzelnen Lebensgeschichten mit dem Ziel,
gemeinsam ein anderes Ende zu diesen z.T. leidvollen Erfahrungen zu finden.
Und zu guter letzt handelt es sich bei den
Individual Meetings auch nicht um Gespräche unter FreundInnen, denn es geht ganz
klar um den Aufbau von formalen, öffentlichen, professionellen Beziehungen, die
sich von privaten Beziehungen z.B. darin unterscheiden, dass sie nicht davon
abhängig sind, ob sich die GesprächspartnerInnen leiden können, sondern dass sie
sich respektieren. Allzuoft habe ich ein Gespräch danach beurteilt, ob es mir
danach gut ging, ob ich gemocht wurde, ob ich den/die andere/n leiden konnte.
Aber darum geht es nicht - auch wenn's schwer fällt.
Ein Pastor auf dem IAF-Training erzählt mir,
dass er den Organizer während des ersten Gespräches rausgeschmissen hat! Warum?
Weil sie "Differenzen" miteinander hatten. Warum er dann an dem Training
teilnehme? Weil der Organizer nicht locker gelassen und jeden Tag angerufen
hätte - das habe ihn beeindruckt!
Dieser Organizer hat sich nach dem
Rausschmiss wahrscheinlich nicht allzu gut gefühlt, schon gar nicht gemocht.
Offensichtlich aber hat er in dem Gespräch für sich erkannt, dass wenn der
Pastor zu so was in der Lage ist, er der geeignete Mann für Organizing ist!
Larry McNeil bezeichnet diese Einzelgespräche
"The Soft Art of Organizing" - die leise und sanfte Seite der
Organisierungskunst also (neben der lauten, "harten" und v.a.
ergebnisorientierten Seite der Mitgliederwerbung, Aktionen, disziplinierten
Versammlungen, der Mitgliedsbeiträge, Strategien,...), die nicht mal eben
beiläufig zu bewerkstelligen ist, sondern die eingeübt und ständig reflektiert
werden will. Ich begleite meine Mentorin zu ihren Gesprächen, sie kommt mit zu
meinen, danach geben wir uns Rückmeldungen, tauschen wir uns aus, werten aus -
was ein hohes Mass an Kritikfähigkeit erfordert. Und danach erst schreibe ich
auf, was ich im Gespräch über die Person erfahren habe, fasse ich zusammen und
merke viel zu oft, dass ich nicht zum Kern vorgedrungen bin.
Nun ist eine Beziehung natürlich nicht schon
nach einem Gespräch aufgebaut. Und nach manch' einem ersten Gespräch stellt sich
vielleicht heraus, dass die jeweilige Person kein Interesse oder keine Zeit hat
oder dass sie kein "Leader" (s.u.) ist bzw. kein Potential hat, eine/r zu
werden. Dieses Urteil muss ich als Organizerin wenn nicht nach dem ersten
Gespräch, so doch aber bald fällen. Ich muss mir relativ schnell klar werden
darüber, mit wem ich arbeiten, in wen ich "investieren" will - denn die Zeit
eines IAF-Organizers ist sehr knapp bemessen!
Dies führt zur Notwendigkeit der Beantwortung
der Frage, mit wem solche Einzelgespräche durchgeführt werden!
Zunächst gilt
grundsätzlich, dass jeder Kontakt im Rahmen des Organizing über persönliche
Gespräche gesucht wird, und nicht schriftlich, über Telefonate oder grosse
Versammlungen: sei es der Kontakt zur örtlichen Presse, zur örtlichen
Verwaltung, Politik, Wirtschaft. Auch jegliche Art von Recherchen
(Machtanalysen, Informationen zu bestimmten Themen,...) werden in der Regel über
persönliche Gespräche durchgeführt, da damit immer die Chance zum Knüpfen einer
Beziehung besteht, nach dem Motto: wer weiss, für was diese gut sein kann!
Da IAF-Organisationen nun in der Regel nur
einen hauptamtlichen Organizer (in selteneren Fällen Frauen!) -in Ausnahmefällen
und maximal jedoch zwei (1 sog. Lead Organizer und 1 Organizer, der
herangebildet wird)- beschäftigen, ist schon von daher klar, dass diese nicht
mit jedem/jeder reden können.
Mit wem also? Antwort: mit sog. "Leader" -
ein Wort, das mir auch nach einem Jahr USA noch schwerfällt, zu übersetzen, v.a.
da die wörtliche Übersetzung mit "FührerInnnen" mir im bundesdeutschen
Zusammenhang nicht so recht aus der Feder fliessen und über die Lippen kommen
will. Und die anderen Übersetzungsvarianten (Schlüsselpersonen,
Führungspersonen, LeiterInnen, Leitungsebene, MultiplikatorInnen,...) treffen
leider nicht ganz den Sinn.
Deshalb umschreibe ich diese zentrale
Organizing-Spezie und benutze die IAF-Definition: Leader sind Personen, die ein
Netz von Beziehungen haben (manchmal wird diese anhand von Zahlen konkret
festgelegt: mindestens 7!) und in der Lage sind, diese zu "produzieren",
d.h. sie, wenn es ansteht, zu Aktionen, Versammlungen,... zu bringen, in denen
es darum geht, "Macht durch Masse" zu demonstrieren - und darum geht es in allen
IAF-Aktionen. Es sind also keine vereinzelten AktivistInnen, die für eine gute
Sache kämpfen, aber keine/n hinter sich haben. Es sind auch keine
Ehrenamtlichen, die etwas für andere tun. Denn die eiserne Organizing-Regel
steht in jedem guten Lehrbuch und muss hier jede/r einhalten: "Never do for
others what they can do for themselves. Never! Tu nie etwas für andere, was
diese selbst tun können! Niemals!"
Es sind Personen, die -bewußt oder unbewußt-
eine gehörige Portion Ärger in sich tragen, der oft begründet ist in
persönlichen schmerzvollen Leiderfahrungen und der sie motiviert, zunächst für
Veränderungen in ihrem Lebensumkreis/ in "ihrer Sache", einzutreten und zu
kämpfen. Bis sie irgendwann bereit sind, für nicht nur sie unmittelbar
betreffende Anliegen einzutreten.
Wie und wo finde ich nun diese zentralen
Akteure im Organisierungsprozeß? Dazu ein Beispiel:
St. Patrick's Church ist eine katholische
Kirchengemeinde in Seattle, die zu den Mitgliedsorganisationen gehörte, mit
denen ich zusammenarbeitete. Dort stand ein Prozess der Reorganisierung an, da
der "Hauptleader" dort die Kirchengemeinde wechselte. "Organizing is
reorganizing", so ein weiteres Grundprinzip von Organizing, d.h. der Prozess des
Organisierens ist nicht irgendwann beendet, er ist immer unfertig, muss manchmal
umgemodelt, neu begonnen werden, da die Akteure in diesem Prozess Menschen sind
mit vielerlei Bedürfnissen und in vielerlei Lebenslagen und keine Maschinen. "Reorganizing"
in St. Patrick's hiess, möglichst viele Einzelgespräche durchzuführen, zunächst
mit dem Ziel, ein Verständnis von den Leuten und der Kirchengemeinde zu
bekommen. Letztlich war der Plan für diese Gemeinde, ein Team von Leader
herauszufinden, um mit diesen ein Training durchzuführen. In einer
Kirchengemeinde ist der erste Schritt nun relativ klar: der Gang zum Pfarrer, in
diesem Fall eine Frau, die als Theologin Leiterin der (katholischen!!) Gemeinde
war. In meinem ersten Gespräch mit ihr war relativ schnell klar, daß sie über
beide Ohren mit Arbeit zugepackt ist, und sie deshalb die KCOP-Arbeit zwar
ideell unterstützte, sich aber nicht persönlich engagieren wollte. Sie gab mir
aber die "Erlaubnis" für meine Arbeit mit der Gemeinde und die Namen einiger
Gemeindemitglieder, von denen sie dachte, daß sie potentiell Interessierte sein
könnten.
So rief ich diese an, und verwies als
Referenz immer auf die Pfarrerin. In den Einzelgesprächen war jeweils eine Frage
auch, ob sie noch andere Gemeindemitglieder wüssten, mit denen ich reden sollte.
Von den insgesamt 30 Leuten, mit denen ich mich getroffen habe, waren es dann
15, die ich als potentielle Leader einstufte und 10, die dann tatsächlich zum
Training kamen. Realistisch ist, dass davon vielleicht 5 weitermachen, d.h. dass
sie im folgenden Prozess die sind, die Einzelgespräche durchführen, ihr Netz von
Beziehungen also aufbauen bzw. vertiefen, zu Strategieteamtreffen kommen und
einen aktiven Part bei Aktionen übernehmen. 5 allerdings, die dann mindestens 45
andere hinter sich haben müssen! Zu der Pfarrerin hielt ich während des gesamten
Prozesses Kontakt und liess sie meine Analyse der Gespräche wissen. Auch stellte
ich diese in einer Kirchengemeinderatssitzung zusammen mit einer Frau, mit der
ich zuvor ein Gespräch geführt hatte, einer potentiellen Leaderin also, vor.
Und: die Pfarrerin kam denn auch zum Training!
Oft sind die Leader in den IAF-Organisationen
Personen des kirchlichen Lebens, meist PfarrerInnen. Aber nicht nur. Die
KCOP-Leader sind auch "ganz normale Leute": eine junge Lehrerin, eine ältere
Nonne, eine Hausfrau aus Kolumbien, ein phillipinischer Grundstücksmakler, eine
Verkäuferin.
Sie kommen aus je einer der
KCOP-Mitgliedsorganisationen und die Beziehung zu jeder dieser Leader begann mit
einem Einzelgespräch, das die Organizerin führte, mit der sorgfältigen Analyse
also der Stärken und Schwächen dieser Person, deren Motivation und deren
Geschichte, und führte jeweils zum Ergebnis, dass es sich im IAF-Sinne lohne, in
diese zu "investieren". Und dies heisst: diese in Trainingsreihen zu schulen,
ihnen die Prinzipien und Grundsätze des Organizing zu vermitteln, sie zu
nationalen IAF-Trainings zu schicken, intensiver mit ihnen zu arbeiten.
Im IAF-Jargon nennt man dies "Leadershipdevelopment",
denn Leader werden meist nicht als solche geboren, sie werden dazu gemacht, was
nach den Einzelgesprächen der zentrale Aufgabenbereich der Organizer ist.
"Wir glauben, daß die meisten Leader gemacht,
nicht geboren werden, und daß die Mehrheit der Männer und Frauen die Fähigkeit
hat, zu verstehen, zu urteilen, zuzuhören, Beziehungen aufzubauen, zu reden, zu
konfrontieren und zu überzeugen. In unseren Kirchengemeinden und unseren
Nachbarschaften, unseren sozialen Wohnungsbauprojekten und in den Barrios finden
wir ein grosses Potential an fähigen Menschen. Sie sind oft nicht geschult und
nicht gelehrt. Sie werden von fast allen ignoriert...aber sie haben bewiesen,
dass sie fähig sind zu wachsen, wenn in sie investiert wird. Das Herz unseres
Organizing ist das Finden talentierter potentieller Führungspersönlichkeiten,
deren Einladung zu Schulungen und zu einem Beziehungsaufbau, und deren
Befähigung, zu entscheiden, ob sie sich entwickeln wollen, wo, wann und wie
schnell."
(IAF, 50 Years Organizing for
Change, Sapir Press, San Francisco, 1990, S. 17/18).
Diese Leader sind es dann, die die
IAF-Organisationen leiten - zumindest nach aussen hin. Die Leader leiten,
nachdem sie von den OrganizerInnen geschult und "getestet" wurden. Die Leader
pflegen ihr Netz von Beziehungen, bauen neue Beziehungen in ihren Organisationen
auf, stehen bei Aktionen im Vordergrund, sitzen auf dem Podium, verhandeln mit
VertreterInnen der Politik, der Polizei, der Presse oder wem auch immer. Die
Oganizer agieren hinter der Bühne - wenn der "Vorhang" noch zu ist schreiben sie
das Drehbuch, bereiten Versammlungen, Aktionen vor, proben mit den Leader in
Rollenspielen die "Stücke" und wenn der Vorhang wieder fällt werten sie aus,
kritisieren sie, bereiten nach und leiten die weiteren Schritte ein... bis zur
nächsten öffentlichen Vorstellung. Während der Vorstellung fällt ihnen lediglich
die Soufflage zu - aber nur wenn's denn sein muss.
In gewisser Hinsicht sind die Organizer
zunächst die Regisseure, die Leader die Akteure. Die Bühne ist das inszenierte
öffentliche Leben.
Wilmington/
Delaware, 19. März 1996, 7:00 pm.
Der Vorhang geht auf - pünktlichst, wie bei
jeder IAF-Aktion, Versammlung oder jedem gewöhnlichen IAF-Treffen.
"We start in time and end in
time!", so die Devise. Wir fangen
pünktlich an, und hören auch genauso pünktlich auf, denn wir schätzen die Zeit,
die sich die Leute nehmen, die zu solchen Treffen kommen. Erste Spielregel.
Die Bühne: eine schwarze baptistische Kirche
in einem Stadtteil von Wilmington, der Hauptstadt des Bundesstaates Delaware, in
der die Familie Dupont schaltet und waltet - dieser hat der gesamte und sehr
kleine Bundesstaat seinen steuerfreien Status und den Ruf der "Schweiz Amerika's"
zu verdanken.
Das Publikum: die Kirche ist bis auf den
letzten Platz gefüllt, einige stehen sogar. 550 Leute, steht am nächsten Tag in
der Presse. Und man weiss genau woher diese Leute kommen, denn sie sitzen in
ihren Kirchengemeinden mit grossen Plakaten zugeordneten Bänken. Eine Reihe für
die Grace United Methodist Church, zwei für die Trinity Episcopal, vier für die
First Christian Church of Wilmington undsoweiter - 16 Kirchen sind vertreten, in
all ihrer Unterschiedlichkeit: Menschen verschiedener Glaubensrichtung und
Hautfarbe, gemischten Alters, Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche. Die
Leader haben also gute Arbeit geleistet, für die sie später noch belohnt werden
sollen.
Die Ehrengäste: insbesondere der
Polizeipräsident Wilmingtons und der Bürgermeister und bestimmt noch einige
andere politische Grössen, die aber keine weitere Rolle spielen.
Der Veranstalter: Wilmington Interfaith
Network (kurz WIN!), eine IAF-Organisation, bestehend aus insgesamt 16
Mitgliedsorganisationen, hier, anders als bei KCOP, nur Kirchengemeinden.
Der Titel: "Accountability Action!" Eine
Aktion also, in der die o.g. Ehrengäste in aller Öffentlich- und Höflichkeit zur
Rechenschaft gezogen werden, was im Verlauf der Aktion noch geschehen soll.
Stichwort "Accountability": dies ist einer
der wesentlichen Grundpfeiler des IAF-Organizing, nicht nur nach aussen. Denn
nicht nur PolitikerInnen und Polizeichefs werden von den Organisationen dazu
angehalten, das zu tun, was sie öffentlich vertreten (bzw. das zu vertreten, was
die Organisationen fordern!), sondern auch die Leader und Organizer bzw. alle im
Organisierungsprozess Aktiven. Die gesamte IAF-Struktur zielt darauf ab,
Verantwortung für das eigene öffentliche Handeln zu übernehmen, sich gegenseitig
Rechenschaft darüber abzugeben, d.h., sich gegenseitig äusserst ernst zu nehmen.
Denn das Agieren in der öffentlichen Arena ist kein Spiel. Man muss sich völlig
aufeinander verlassen, aufeinander zählen können.
Wenn eine Aktion mit 500 Leuten geplant und
der Governor des Bundesstaates eingeladen ist, müssen sich alle darauf verlassen
können, dass diese 500 denn auch tatsächlich kommen, sonst würde man sich
ziemlich lächerlich machen.
Und wenn ich sage, dass ich 5 Leute zu diesem
Treffen bringe, dann muss ich schon gute Gründe haben, wenn es nur 2 sind. Oder
wenn ich in meinem wöchentlichen Bericht als Organizerin schreibe, dass ich in
der nächsten Woche 15 Individual Meetings durchführen will, muss ich meiner
Mentorin gegenüber erklären, warum ich "nur" 10 geschafft habe. Es geht dabei
nicht um Schikane, sondern um die realistische Einschätzung der eigenen
Fähigkeiten und Kapazitäten und darum, wie effektiv und verlässlich ich und
andere sind. Schikane also nicht, Druck entsteht aber allemal - auch wenn ich
mich realistisch einschätze, denn es wird immer ein bisschen mehr erwartet!
Ausruhen gibt es nicht. "Ohne Druck bewegt sich keine/r; ich auch nicht!", so Ed
Chambers bei unserem Besuch in Chicago. Und offensichtlich hat der Erfolg des
IAF-Organizing genau diesen Preis. Denn nicht zuletzt diesem konseqünt
praktizierten und eingeforderten Prinzip der Verlässlichkeit verdankt IAF, dass
sie grössere Mengen von Menschen mobilisieren kann, als manch' andere
Organisation.
Zurück zum Ort des Geschehens.
Bevor der Vorhang aufgeht, hat das sog. "Floor
Team" (eine Art Vorbereitungsteam, das eine wichtige Rolle im gesamten Stück
hat) die BesucherInnen am Eingang begrüsst, Buttons, den Programmablauf und
einige schriftliche Informationen zu WIN und dessen Forderungen ausgeteilt,
Stühle geschleppt. Wenn es sein muss sorgen die Mitglieder des Floorteams für
die Stimmungsmache. In dieser Aktion sorgt zunächst ein peppiger Gospelchor für
Stimmung.
Der Vorhang geht auf. Der Gospelchor
verstummt. Die Stimmung ist gut. Nun treten die Leader, die Akteure dieser
Aktion, auf, einer nach der anderen: Reverend Matthew aus St. Paul's betet das
Eingangsgebet. Pastor Weeks von der gastgebenden Baptistengemeinde heisst alle
Willkommen. Janice aus St. Mary's ist die Versammlungsleiterin. Sie ist auf die
letzte Minute eingesprungen, da die eigentlich dafür vorgesehene Frau plötzlich
erkrankt ist: etwas unsicher lässt sie deshalb die Tagesordnung absegnen und
erklärt, warum wir alle hier sind.
Warum? Inoffiziell, um nach aussen und nach
innen hin "Muskeln zu zeigen", Macht zu demonstrieren und neue Leader zu testen
- das sagt sie aber nicht!
Offiziell, weil sich der Polizeichef
Wilmington's weigert, mit WIN zusammenzuarbeiten, um das Problem der
Kriminalität in 3 Stadtteilen von Wilmington anzugehen. Dies ist also das von
WIN identifizierte "Issue", der Missstand, der Gegenstand der diesjährigen
Kampagne ist. Die konkreten Forderungen zur Verbesserung der Sicherheit in den
Stadtteilen: mehr Polizeieinsatz in den 3 identifizierten Stadtteilen, v.a. zu
Fuß; Zusammenarbeit mit sog. "Policing Teams", d.h. 25-30 BewohnerInnen der
jeweiligen Stadtteile; Koordination der Polizeistrategie mit bestehenden
Stadtteilangeboten; Schulung der PolizistInnen im Bereich
Stadtteilorganisierung.
Reverend Wein fährt fort in der Tagesordnung
-es ist jetzt 7:33 pm- und erklärt, wer und was WIN ist.
Um 7:36 pm steht das Publikum auf und alle
singen "My country 'Tis of Thee"!
7:38 pm:
sog. "Member Rounds", Teil 1 der Rechenschaftsprozedur. D.h. VertreterInnen der
16 WIN-Mitgliedsorganisationen treten an's Mikrofon, erklären öffentlich,
wieviel Leute ihrer Organisation sie zur heutigen Aktion mitbringen wollten und
wieviel tatsächlich erschienen sind! Wow!
Die Quote der Vertreterin der Bethel African
Methodist Episcopal Gemeinde war 50 - und 50 sind auch da! Applaus! Die Quote
des Vertreters des Greater Bethel Apostolic Temple war 75, 90 sind erschienen!
Jubel! St. Mary's hat 25 versprochen, aber nur 17 "geliefert"! Trotzdem Applaus
ob so viel Ehrlichkeit.
Zusätzlich zu dieser Accountability-Runde
gibt jede/r VertreterIn ihren Jahresbeitrag an WIN ab, ein weiterer Akt, der
Zugehörigkeit und v.a. Unabhängigkeit von öffentlichen Mitteln demonstrieren
soll. Zuletzt werden noch 3 neue Mitgliedsorganisationen begrüsst.
7:50 pm,
der Höhepunkt der Aktion: "Public Business, Part I: Public Safety Campaign"! Ein
Geschäftsmann und ein Bewohner eines Stadtteils, beide Mitglieder von
WIN-Mitgliegsorganisationen, erzählen ihre Geschichten zum Thema öffentliche
Un-sicherheit - in einem Fall war die Polizei zur Stelle, im anderen nicht. Ein
gutes dramaturgisches Element und eine weitere Situation, in der bewusst neue
Leader auf der öffentlichen Bühne "getestet" wurden. Dies aber nicht
unvorbereitet. Denn: die gesamte Aktion wurde am Vortag zweimal geprobt, wie es
sich für ein gutes Schauspiel gehört! Jede/r hatte sein/ ihr Skript, haarklein -
es konnte also nicht allzu viel passieren, und wenn doch, waren die erfahreneren
Leader zur Stelle.
Nun, um 7:56 pm, der 5-minütige
Auftritt des Polizeichefs und des Bürgermeisters. Aber: jeder einzeln. Zunächst
der Polizeichef. Mrs. Scott, eine erfahrenere Leaderin, stellt ihm 3 Fragen, die
sich alle auf o.g. Forderungen bezogen.
Diese kamen für ihn nicht aus blauem Himmel.
In Verhandlungen vor der Aktion, wurden ihm diese mitgeteilt, wurden Positionen
ausgetauscht - ein Teil der Gesamtstrategie. Denn es geht nicht darum, wen auch
immer blosszustellen. Es geht darum, dass PolitikerInnen, oder wer auch immer
Ziel der Aktion ist, ihre Positionen öffentlich machen und so zur Rechenschaft
gezogen werden können, wenn sie nicht das tun, was sie proklamiert haben.
"Mr. Pratcher, sind Sie bereit, mit WIN im
Bereich der Verbesserung der Sicherheit in unseren Stadtteilen
zusammenzuarbeiten?" Ihm bleibt
nur die Möglichkeit, mit ja oder nein zu antworten. Und es wäre in dieser
öffentlichen Situation vor so vielen ZuschauerInnen und vor seinem Bürgermeister
(der ihn bestimmt hat!) äusserst ungeschickt, wenn er nein sagen würde,
wenngleich man ihm ansieht, daß dies seine ehrliche Antwort wäre. Ihm behagt
diese öffentliche, spannungsreiche Situation offensichtlich nicht, dies ist er
nicht gewöhnt. "Ja". Applaus.
"Mr. Pratcher, sind Sie bereit, ab nächster
Woche mindestens zwei ihrer PolizistInnen in den 3 von uns identifizierten
Stadtteilen auf Fusspatrouille zu schicken, sie zu von uns angebotenen Trainings
zu schicken und sie an Stadtteilgruppen mit den BewohnerInnen teilnehmen zu
lassen?" Noch konkreter. Noch mehr Druck. "Ja". Applaus.
Nach der dritten Frage und dem dritten "Ja"
lässt er es sich doch nicht nehmen, in einem Statement seine eigentliche Meinung
durchblicken zu lassen - dass die Polizei ja schon alles tue, dass er nicht
genügend PolizistInnen habe, daß er es nicht mag, so unter Druck gesetzt zu
werden. Das hätte man ja doch in aller Freundschaft regeln können! Er stellt
sich selber bloß. Keine Buh-Rufe, aber auch kein Applaus. Und die Gewissheit,
dass wenn Mr. Pratcher nicht hält, was er in aller Öffentlichkeit versprochen
hat, der Druck gewiss noch grösser wird.
Dann der Bürgermeister. Ihm wird zunächst
gedankt für seine Unterstützung in einer anderen Sache: er hat Geld für die
Renovierung eines Parkes bereitgestellt, der in einem der drei o.g. Stadtteile
zu einem Drogenumschlagplatz geworden ist. Applaus. Das gefällt dem
Bürgermeister offensichtlich.
Doch auch an ihn die 3 Fragen bzgl. der
Verbesserung der Sicherheit Wilmingtons, da er sich in dieser Angelegenheit in
der Öffentlichkeit bisher eher zurückhaltend benommen hat. Dreimal "Ja", nicht
so zögerlich wie der Polizeichef. Mr. Sills versteht es, sich strategisch
geschickter zu vermarkten und diese Situation zu nutzen. Er lobt die
Organisation, das Engagement der Akteure. Viel Applaus. Und vielleicht auch ein
paar Wählerstimmen mehr. Wer weiss!
Einschub. Eine wichtige strategische
Organizing-Regel lautet: "There are no permanent enemies and no permanent
friends". D.h. es gibt keine permanenten GegnerInnen, aber auch keine
permanenten FreundInnen, wie dies Beispiel beweist. Mr. Sills war in der einen
Sache eindeutig ein Partner, und dafür bekam er auch Anerkennung. Dies schützt
ihn aber nicht davor, in weiteren Bereichen herausgefordert und angefragt zu
werden, Stellung zu beziehen. Und Mr. Pratcher, der sich bisher eher noch auf
der "Gegnerseite" aufhält, wird genauso gewürdigt, wenn er tut, was er
versprochen hat!
Beide Herren stimmten zu, die gerade
getroffenen Vereinbarungen in einem sog. "Public Agreement", in einer
öffentlichen Vereinbarung also, mit ihrer Unterschrift vor Ort zu besiegeln. Und
beide haben wahrscheinlich eine Ahnung, was es heisst, nicht Wort zu halten.
Wenn diese Organisation es v.a. in Wilmington, einer noch sehr segregierten
Stadt, schafft, so viele untschiedliche Leute, dazu noch aus so
unterschiedlichen Kirchengemeinden zusammenzubringen und eine solche
Veranstaltung auf die Beine zu stellen, dann...!
Der Abschluss dieses Aktes: ein weiteres
Zeugnis von Mrs. Samantha, einer betroffenen alleinerziehenden Mutter eines 4.
Stadtteiles, die desöfteren Opfer von Einbrüchen und deshalb Opfer von
Polizeiwillkür war - ein strategisch bewusst geplanter Hinweis darauf, dass das
Thema mit dieser Aktion noch lange nicht abgehandelt ist.
Stichwort "Risiko": Mrs. Samantha stand zum
ersten Mal im öffentlichen Rampenlicht. Und dies fällt ihr nicht leicht, obwohl
der Organizer vorher mit ihr gearbeitet und sie ihre kleine Rede einstudiert
hat. Denn: sie macht sich und ihr Problem in einer äusserst heiklen Sache
öffentlich. Wer weiss, wie die Polizei künftig reagieren wird, wenn sie sie
braucht? Wer weiss, was die NachbarInnen sagen? Sie ist mit diesem öffentlichen
Auftritt ein Risiko eingegangen, dessen Ausgang unklar ist. Aber sie hat auch
etwas gelernt: sie hat Unterstützung erfahren von einer gesamten Organisation,
und wird diese auch weiterhin erfahren; sie hat Vertrauen in sich gewonnen,
indem sie in dieser grossen Öffentlichkeit geredet und erfahren hat, dass sie
das kann. Sie ist gewachsen, indem sie etwas riskiert hat.
Dies ist ein wichtiges Element in der
IAF-Arbeit, sowohl in der Arbeit mit Organizern als auch mit Leadern: jede/r
wird dazu angehalten (die OrganizerInnen von ihren jeweiligen MentorInnen; die
Leader von ihren OrganizerInnen), manchmal auch gepuscht, etwas zu riskieren,
d.h. sich in Situationen zu begeben, die neu sind, sich ausserhalb der jeweils
eigenen Komfortzone zu bewegen, die jeweils eigenen Grenzen zu erfahren. Dies
alles aber in der Freiheit, Fehler machen zu dürfen und mit der Gewissheit,
dadurch zu wachsen.
Public Business, Teil II: Dies ist der
Startschuss einer weiteren Kampagne von WIN, nämlich der Initiierung der Arbeit
mit Jugendlichen, da v.a. die Quote der SchulabbrecherInnen, der minderjährigen
alleinerziehenden Mütter und der Jugendgewalt als ein weiteres Problem
identifiziert wurde.
Alle anwesenden Jugendlichen werden gebeten,
aufzustehen - und sie werden durch viel Applaus gewürdigt. Wieder 2 Geschichten:
von einer alleinerziehenden, minderjährigen Mutter, die ihren Schulabschluß
nachgeholt hat, und einem jungen Mann, der die Schule abgebrochen hat und warum.
Geplant als zweiter Höhepunkt des Abends,
sorgt dieser Akt trotz seiner Intensität eher für Länge. Und: die Forderungen
bzw. folgenden Aktionen sind unklar.
Um 8:20 pm fasst Reverend Krehbiel
nochmal das Geschehene zusammen und weisst auf verschiedene Bereiche hin, in
denen Interessierte mitmachen können.
Um 8:29 pm das Schlussgebet einer
Pastorin. Das für 8:27 pm geplante Abschlusslied muss ausfallen. Denn pünktlich
um 8:30 pm fällt der Vorhang - wie geplant.
Das Publikum geht - wahrscheinlich genauso
beeindruckt wie ich von dieser Inszenierung, von dessen Struktur, Kürze,
Prägnanz, Vielfalt der Aktionen und dem Mut der Akteure, den öffentlichen
Vertretern so klar gegenüberzustehen.
Dies war jedenfalls keine der langweiligen
Podiumsdiskussionen, Informationsveranstaltungen oder Vortragsreihen, die ich
schon so oft durchgehalten habe - dies war eine lebendige Aktion mit
Showeinlagen, dramaturgischen Momenten und einer enormen Spannung. Das Urteil
"typisch amerikanisch" muss sich diese Aktion, ja: diese Show, jedoch v.a. im
Vergleich zu unserer bundesdeutschen, sehr trockenen Diskussions- und
Tiefenkultur gefallen lassen. Aber: Na und? Ein bisschen Pfeffer unter'm Hintern
und Pep bei unserer Arbeit stünde uns auch nicht schlecht!
Für die Akteure, die
Leader und den Organizer, ist der Abend jedoch noch nicht vorbei! Denn genauso
sorgfältig, wie die Aktion in wochen- vielleicht monatelanger Arbeit vorbereitet
wurde, genauso sorgfältig wird sie auch ausgewertet in einer 15-minütigen
Evaluation direkt nach der Aktion, der eine ausführlichere etwa 1-2 Wochen
danach folgt. Und dieses Prinzip der Auswertung ist Bestandteil jeglicher
öffentlicher Handlung im Organisierungsprozeß: nicht nur solch spektakuläre
Aktionen wie diese werden sorgfältig vorbereitet und ausgewertet, sondern jedes
öffentliche Treffen, jede Verhandlung.
Hier nun, sozusagen hinter dem Vorhang, tritt
der Organizer wieder auf, wird er sichtbar. Er tritt vor die Leader, neben sein
Flipchart, in Anzug und Krawatte. Die Kleiderordnung wird hier streng
eingehalten. Auf der Bühne des öffentlichen Lebens -egal ob bei grosser Aktion
oder bei kleinerem Treffen- sieht man keine Birkenstockschuhe oder Jeans. Jede/r
erscheint in bester Kleidung, ist fein herausgeputzt, Leader wie Organizer. Und
auch die Trainer erscheinen während des IAF-Trainings immer in Anzug und
Krawatte.
Genau wie die Aktion, so ist nun auch die
Evaluation strukturiert: der erste Teil ist den Gefühlen gewidmet. "How do
you feel about the action?" Wenn die Aktion keinen gefühlsmässigen Eindruck
hinterlassen hat, war sie schlecht - denn die Gefühle bleiben hängen, mehr als
die Ergebnisse. Aber in diesem Fall hat sie! Alle fühlen sich gut, v.a. ob des
unerwartet großen Publikums, die Aktion habe Spaß gemacht, war spannungsgeladen;
jede/r habe seinen/ ihren Part gekonnt gespielt. V.a. die persönlichen
Geschichten einzelner Betroffener wurden als sehr gut bewertet. Die Auswahl
eines Liedes stösst auf Kritik, es sei zu nationalistisch und schliesse v.a. die
schwarze Bevölkerung aus. Der Zeitplan wurde nicht ganz eingehalten - dies wird
nicht überbewertet, aber registriert! Und: in Zukunft ist es deshalb besser,
nicht jede Minute in den Programmablauf zu schreiben; dies führe beim Publikum
nur zu Irritationen. Es reicht, wenn die Akteure einen genauen Zeitplan haben.
Jede/r wird zur Antwort herausgefordert - vom
Organizer, bevor dieser sein Feedback gibt, die Akteure, speziell die neuen,
lobt, sie bestärkt. Und notfalls auch kritisiert, wenn es denn was zu
kritisieren gibt.
Dann werden die Ziele überprüft: waren so
viele Leute da, wie wir geplant haben? Ja, sogar mehr! Die Liste der
Organisationen wird nochmal durchgegangen, die Quoten mit der aktuellen Zahl der
Anwesenden, die im Laufe der Aktion vom Floorteam gezählt wurden, überprüft!
Haarklein. Die jeweiligen Leader werden gelobt. Die kleine "Aktion in der
Aktion", nämlich die Übergabe des Jahresbeitrages, wurde als ein gutes Element
mit grosser Wirkung bewertet.
Ist es uns gelungen, uns als Organisation
darzustellen und uns eine grössere öffentliche Identität zu schaffen? Gewiss.
Haben wir Spannung kreiert und erhalten? Ja.
V.a. durch die persönlichen Geschichten, die bewiesen haben, dass wir uns um
unsere Mitglieder sorgen, während die Regierung sie als KlientInnen abstempelt
und die Wirtschaft sie vermarktet.
Und durch die klare Herausforderung der
beiden Ehrengäste, denen es nicht gelang, die Aktion für sich umzumünzen. Es war
ganz klar eine WIN-Veranstaltung und kein politisches Forum für Prominente.
Nach 15 Minuten ist diese Auswertung vorbei,
die in aller Regel auch vom Organizer dazu benutzt wird, eines der
Organizing-Prinzipien zu lehren! "The evaluation is a good teaching moment".
Erst jetzt ist der Abend für alle beendet.
Dies war eine der beiden Aktionen, die ich im
Rahmen des nationalen IAF-Trainings in Wilmington mitbekommen habe, und die auch
wir in den Trainingseinheiten noch einmal haarklein ausgewertet und -unter
Anwesenheit des Organizers und der zentralen WIN-Leader (!)- mit Noten bewertet
haben. Eine enorme Lernerfahrung, die Offenheit und eine überaus grosse
Kritikbereitschaft voraussetzt.
Beide Aktionen liefen nach demselben Muster
ab, beide Male war es eine sehr gute Inszenierung, eine effektvolle
Demonstration von Macht, die nicht nur theoretisch immer und immer wieder
proklamiert, sondern die auch praktisch realisiert wird.
Die Themen sind dabei beliebig austauschbar -
um diese geht es letztlich auch nicht, auch das bekomme ich immer wieder
eingebläut. Es geht darum, dass ganz "normale Leute" am öffentlichen Leben
partizipieren und für sich lernen können. Und dies ist effektiv und nachhaltig
nur möglich durch Erfolgserlebnisse, die man auf der öffentlichen Bühne in der
Regel nur hat, wenn man Macht hat und beweist.
"Durch eine Aktion erst kommen
Entscheidungsträger in direkten Kontakt mit den Leuten, auf die sich deren Macht
auswirkt. Erst durch diesen Druck und diese direkte Konfrontation können
signifikante soziale Veränderungen erreicht werden."
(IAF, 50 Years Organizing
for Change, Sapir Press, San Francisco, 1990, S. 29).
Aktionen sind "der Sauerstoff für eine
jede Organisation" (IAF, 50 Years Organizing for Change, Sapir Press, San
Francisco, 1990, S.29) und von daher unerlässlich für den Organisierungsprozess.
Ja -um in dem Bild zu bleiben- tödlich, wenn sie fehlen.
Das gesamte Handeln im Organizing ist
aktions- und nicht diskussionsorientiert!
Nun stehen die Aktionen aber nicht für sich
alleine.
Sie sind eingebettet in einen Kreislauf, der
sich, wenn abgeschlossen, immer wiederholt - und den man in jeder
IAF-Organisation finden wird. Larry McNeil bezeichnet diesen Kreislauf als
"IAF-Liturgie" (Larry McNeil, The Soft Art of Organizing, 6.12.1995, S.4),
dessen Herzstück die Aktion ist. Die Bestandteile dieser "Liturgie" sind:
Prozess des Zuhörens (Listening Process) -
Identifizierung eines Themas (Issue) - Nachforschungen zu und Testen des Themas
(Research)- Rückmeldungen zum Thema (Briefing) - Aktion - Auswertung
(Evaluation).
Der Kreislauf beginnt also mit einem Prozess
des Zuhörens. Das Mittel hierzu sind sog. "House-Meetings", d.h. Treffen von ca.
10-20 Leuten, zu denen die Leader Leute aus ihren Mitgliedsorganisationen
einladen. Neben den Einzelgesprächen ist dies ein zweites Ritual, das in der
Regel 1x jährlich organisiert und praktiziert wird. Ziel ist es hier mehr als in
den Individual Meetings, die konkreten Themen herauszuarbeiten, die die Leute
betreffen. Es geht aber auch, wie in dem gesamten Organisierungsprozess um den
Aufbau oder die Vertiefung von Beziehungen und letztlich wird dies als
Möglichkeit gesehen, neue Leader herauszufinden.
Diese Form der Themenfindung unterscheidet
sich also von der zumindest mir geläufigeren Organizing-Methode des "Door-knocking",
d.h. des Gehens von Haustür zu Haustür und des Abfragens von Themen vor Ort.
Vorteile dieser House-Meetings bestehen darin, dass dies wieder eine Möglichkeit
ist, in der Menschen in Kontakt kommen und Beziehungen entstehen bzw. vertieft
werden können, und dass dies nicht so zeitintensiv ist wie das Door-knocking.
Zwei Fragen stehen bei den House-Meetings im
Vordergrund: Was ist das Problem/Thema, das Ihre Familie am dringlichsten
betrifft? Und was das Ihrer Organisation?
Die jeweiligen Versammlungsleiter werden
bzgl. der Vorbereitung und Durchführung dieser Treffen geschult: Wen und wie
laden wir ein? Quoten werden festgelegt - auch hier! Wann? Wo? Vorher anrufen
nicht vergessen! Wie eröffne ich das Treffen? Wie leite ich? Darauf achten, dass
der Zeitrahmen eingehalten wird- wichtig! Pünktlich anfangen, pünktlich aufhören
- für die, die's noch nicht begriffen haben.
Ziel der gemeinsamen Auswertung, nachdem alle
Treffen stattgefunden haben, ist die Identifizierung des am meist genannten
Themas - 2. Schritt im Aktionskreislauf. Und da geht es sowohl um das Thema
(oder die Themen, wie bei KCOP), das dann von allen Mitgliedsorganisationen
gemeinsam bearbeitet wird, aber auch um Themen, die einzelne Organisationen
betreffen und die diese dann für sich angehen.
KCOP hat in den im Mai 1995 durchgeführten
House-Meetings ca. 4000 Menschen erreicht und danach 2 Themen identifiziert:
1. Die öffentliche Schulbildung, über die
viele TeilnehmerInnen der House-Meetings ärgerlich sind. Eltern fühlen sich
nicht genügend einbezogen, die allgemeine Schulbildung und die Schulleistungen
der Kinder sind schlecht. Die SchulabbrecherInnenrate ist hoch.
2. Arbeit. Nicht nur in der BRD ist dieses
eher unfassbare Thema ein heisses Eisen. Viele Mitglieder von KCOP klagen
darüber, entweder keine Arbeit zu haben, oder oftmals 2-3 Jobs haben zu müssen,
um überhaupt den Lebensunterhalt für die Familie erwirtschaften zu können. Oder
aber, und das gilt v.a. für die Mittelklasse, einen relativ guten Job zu haben,
aber Überstunde um Überstunde rackern zu müssen, um die anfallende Arbeit
bewältigen zu können, und so fast keine Zeit zu haben für das Privatleben, die
Familie, die Kinder, die FreundInnen.
Nun beginnt der 3. Teil des
Aktionskreislaufes: die sorgfältigen Nachforschungen über diese Themen, die auch
dazu genutzt werden, Leader in den Prozess miteinzubeziehen bzw. alte Leader zu
"testen". Sind die Themen bearbeitbar? Wer sind mögliche BündnispartnerInnen? Wo
ist Widerstand zu erwarten? Was sind die Positionen der beteiligten "SpielerInnen"?
Wo könnte unsere Nische sein? Wo können wir Erfolge erzielen, und zwar
kurzfristig und effektvoll?
Was sind unsere Stärken darin? Können wir
dadurch als Organisation wachsen?
Dieser Teil wird sehr ernst genommen.
Informationen zum Thema werden in der Regel über persönliche Gespräche
gesammelt. Dabei geht der Organizer niemals alleine zu einem solchen. Es ist
mindestens ein Leader mit dabei, der/die einen Part übernimmt, wenn nicht das
ganze Gespräch leitet. Und am Ende dieses Prozessteiles dann die Frage: Sollen
wir uns dieses Themas annehmen und wie? Was sind unsere Ziele? Was ist unsere
Strategie?
KCOP, d.h. die Leader und die Organizer,
haben sich erstaunlicherweise zur Bearbeitung beider Themen entschlossen: im
Oktober 1995 wurden sie mit einer spektakulären "Kick off-Aktion" und der klaren
Benennung des Kampagnenamens und deren Zielen unter Dabeisein von "nur" ca. 500
Menschen und dem Governor von Washington offiziell angekündigt! Dies ist also
der 4. Teil des Aktionskreislaufes ("Briefing"): die öffentliche Rückmeldung der
Ergebnisse der House-Meetings und der Nachforschungen v.a. an die
TeilnehmerInnen der House-Meetings aber auch an die allgemeine Öffentlichkeit.
Die Ziele von KCOP:
1. Die Zusammenarbeit mit 3 Grundschulen, zu
denen schon Kontakte bestanden, und die Organisierung der dortigen Eltern zu
jeweils eigenständigen Elternorganisationen- quasi als Pilotprojekt, da KCOP in
der Arbeit mit Schulen und der Elternorganisierung noch keine Erfahrungen hatte.
In einigen anderen IAF-Organisationen sind sie da schon etwas erprobter, was
KCOP zugute kommt.
Für die Arbeit in der BRD sehe ich in der
aRbeit mit Schulen übrigens einen interessanten und realistischen Impuls.
2. a.Die Identifizierung von ArbeitgeberInnen,
die mit KCOP zusammenarbeiten, die einen Mindestlohn von $ 11/Stunde (der
gesetzlich festgesetzte Mindestlohn im Bundesstaat Washington ist derzeit $
4.25!) garantieren und der Einstellung von KCOP-Mitgliedern Vorrang geben.
b.Die Identifizierung von Arbeitssuchenden in
den Mitgliedsorganisationen und die genaue Analyse von deren Bedürfnissen. c.Die
Identifizierung, evtl. Initiierung von Ausbildungsmöglichkeiten, die genau für
die Jobs qualifizieren, die angeboten werden. d.Die Initiierung eigener
Arbeitsplätze durch die Entwicklung von Kooperativen!
Erst nachdem dieser gesamte Prozeß abgelaufen
ist, aber dann auch bald, folgen die Aktionen, manchmal kleinere- mindestens
einmal jährlich aber eine grosse.
Der Kreislauf schliesst sich mit der
Auswertung der Aktionen - und kann nun von neuem beginnen.
Organizing ist nie fertig. "Organizing is
reorganizing"! - immer und immer wieder und mit z.T. rasantem Tempo.
Da wird nicht ewig lange geplant und
diskutiert, oder werden ewig lange die Pros und Contras abgewogen. Da wird
geplant und manchmal auch diskutiert, da werden Pros und Contras abgewogen, aber
dann auch bald entschieden, gehandelt, ausprobiert - aktionsorientiert,
strategisch und schnell. Für mich oftmals zu schnell, und oftmals so, dass keine
Zeit bleibt für das Hören von Argumenten und Gegenargumenten aus den eigenen
Reihen. Wenn man nicht "auf Linie schwimmt", wenn man nicht schnell und
hinreichend begründen kann, womit man Schwierigkeiten hat oder was es vielleicht
noch zu bedenken gäbe, hat man einen schweren Stand. So habe ich selten erlebt,
dass in Versammlungen und Treffen verschiedene Sichtweisen ausgetauscht,
Argumente abgewogen, oder eine Strategie gemeinsam entwickelt wurde. Dieser
Prozess wäre zu langsam. Und eine Ausrede für Nicht-Handeln-Wollen! Was oftmals
leider ja auch zutrifft.
In der Regel werden diese Foren dazu benutzt,
eine zuvor im kleinen Kreis von ein paar Leader und dem Organizer kurz
diskutierte und sogleich festgelegte Strategie vorzustellen und "absegnen" zu
lassen. Für mehr bleibt wegen der überaus strukturierten und sehr engen
Tagesordnung und des knappen Zeitrahmens keine Zeit. Kein Treffen und keine
Aktion dauert länger als 1 max. 1 1/2 Stunden! Treffen um der Treffen willen
gibt es nicht. In einem KCOP-Strategieteamtreffen beispielsweise reduzierte sich
die aktive Teilnahme der Anwesenden auf die Entscheidung für einen Namen für den
jährlich stattfindenden Fundraising-Tanzabend!
Auf der anderen Seite allerdings ist diese
Herangehensweise aber eben auch erfrischend pragmatisch und erwiesenermassen
effektiv.
Dennoch ist mir durch die Mitarbeit bei KCOP
klar geworden, dass mir persönlich eine langsamere Gangart und insgesamt ein
druckfreieres Klima mehr entspricht. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob
Erfolge in der öffentlichen Arena nur durch dieses Tempo und diesen Druck
erzielt werden können.
"Du
kannst nicht organisieren, was Du Dir nicht vorstellen kannst"
- so ein weiterer Schlüsselsatz.
Die Organisierungsarbeit beginnt also mit
deren Vorstellung. Wie könnte ich mir also eine solche in Deutschland
vorstellen? Das habe ich mich während dieses Jahres hier oft gefragt,
unterscheidet sich diese Praxis doch ziemlich von dem, was ich bisher in der BRD
selbst praktiziert und von anderen mitgekriegt habe. "Impulse" habe ich schon
ausprobiert, mir hie und da rausgepickt, was mir für meine GWA-Praxis in
Wuppertal von dem, was ich theoretisch über Community Organizing wusste,
brauchbar erschien. Die "Radikalität" dieses Ansatzes habe ich erst hier
begriffen.
"Du kannst nicht organisieren, was Du Dir
nicht vorstellen kannst" - Wie sieht es nun mit meiner Vorstellungskraft bezogen
auf Deutschland aus?
(1) Die
Auseinandersetzung mit Macht
Wollen wir uns nicht nur damit zufrieden
geben, Impulse aus der CO zu leihen, führt kein Weg an der bewussten
Auseinandersetzung mit "Macht" vorbei. Und dies setzt voraus, dass wir unsere
bisherigen Arbeitsziele durchleuchten, überprüfen, in Frage stellen und
gegebenenfalls verändern. Wollen wir wirklich soziale Veränderungen,
Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Emanzipation der StadtteilbewohnerInnen,...?
Wie wollen wir dies erreichen, wenn wir uns nicht gezielt mit den
machtpolitischen Faktoren auseinandersetzen, die genau dies oftmals verhindern?
Wie wollen wir das erreichen, wenn wir nicht mit am "Verhandlungstisch" sitzen?
Und da werden wir nur sitzen, wenn wir "Muskeln zeigen", wenn auch wir selbst
ein Machtfaktor sind, wenn auch wir Macht haben.
Die Auseinandersetzung mit Macht beginnt
jedoch letztlich bei jeder/jedem Einzelnen: Was heisst Macht für mich? Was sind
meine Widerstände? Was sind meine Macht- und Ohnmachtserfahrungen?
Kann ich mir vorstellen, Macht zu haben?
Meine Antwort: Ja, ich "mache" gerne! Auf
organisatorischer Ebene jedoch kann ich es mir nur vorstellen, wenn das Ziel der
Machterlangung eingebettet ist in das gesamte Konzept der sog. relationalen
Macht und die Kultur der Beziehungen (s.o.). D.h. keine Macht nur um der Macht
willen!
(2) Die
professionelle Beziehungsarbeit
Das ist es, was Organizing für mich attraktiv
macht: es ist keinesfalls nur aktionsorientierte, großpolitische Arbeit. Nein.
Ohne die Menschen und ohne die Beziehung der Menschen untereinander wären die
Organisationen tot, wären sie nichts anderes als eine weitere der basislosen,
politischen Organisationen, von denen wir schon genügend haben.
Können wir uns also vorstellen, uns von
unseren Schreibtischen und Computern, aus unseren Büros, Stadtteilläden und
sonstigen Räumlichkeiten wegzubewegen, und uns so radikal auf die Menschen
einzulassen, konsequent, professionell, strategisch?
Können wir uns vorstellen, eine Kultur der
Beziehungen aufzubauen? Können wir uns vorstellen, dass dies eine Alternative,
eine Ergänzung zur vorherrschenden Markt- und bei uns v.a. vorherrschenden
bürokratischen Angebotskultur sein kann?
Während hier eine klare Antwort mit "ja"
wahrscheinlich schnell über die Lippen kommt, habe ich in der BRD jedoch eine
diesbzgl. Praxis oft vermisst und selbst auch nicht oft so konsequent
praktiziert. Ja, ich habe mit Menschen gearbeitet, aber habe ich tatsächlich
erfahren, wer sie sind, was sie bewegt, was sie motiviert, habe ich sie nicht
viel zu oft und viel zu schnell in ein stereotypes Kästchen gesteckt? Sass ich
nicht viel zu oft in meinem Büro, hinter meinem Schreibtisch, was nicht so
energieraubend war, wie die ständige Auseinandersetzung mit den Menschen. Es
bedarf eines grössen Energiereservoirs, um sich immer und immer wieder
einzulassen.
(3) Die Verknüpfung der Beziehungs- mit der
machtpolitischen Ebene
Können wir uns vorstellen, weder auf der
Beziehungs-, noch auf der anderen machtpolitischen Ebene "steckenzubleiben",
sondern diese konsequent zu verbinden? Trauen wir den Menschen, mit denen wir
arbeiten zu, dass sie auf der machtpolitischen Ebene handeln können, dass sie
beispielsweise mit der Bürgermeisterin, dem zuständigen Politiker oder der
Sozialdezernentin verhandeln können?
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass genau
diese Verbindung, professionell angeleitet und begleitet, den
Ohnmachtserfahrungen der Einzelnen und der daraus resultierenden weit
verbreiteten Resignation etwas entgegenhalten kann. Sofern, und das wäre für
mich das professionelle und die Bedingung daran, diese Verbindung zum Erfolg bei
der Bearbeitung der jeweiligen Themen/ Anliegen führt.
(4) Das Herausfinden
und Schulen von Führungskräften
Dies beginnt mit der eigenen Rollenklärung.
Können wir uns als hauptamtliche Organizer
vorstellen, nicht im Rampenlicht zu stehen, sondern lediglich "hinter'm Vorhang"
zu agieren? Können wir uns vorstellen, die Bühne denen zu überlassen, mit denen
wir arbeiten? Können wir uns vorstellen, den grössten Teil unserer Arbeit damit
zu verbringen, Menschen zu finden, die bereit und offen sind für diese Art der
Arbeit? Können wir uns dann weiter vorstellen, diese Menschen auf das
öffentliche Leben, v.a. die öffentliche Bühne vorzubereiten, sprich: sie zu
schulen, herauszufordern, zu begleiten? Und: Können wir uns vorstellen, dass
diese Menschen die Organisationen führen? Trauen wir ihnen das zu?
Meine Erfahrung hier ist, daß auch dies harte
Arbeit ist, die einen langen Atem und viel Geduld ebenso voraussetzt, wie eine
grosse Überzeugung in die eigene Arbeit und eine Klarheit in der eigenen Rolle.
(5) Die stadtweite bzw. regionale Arbeit
Das Erreichen nachhaltiger sozialer und
politischer Veränderungen setzt eine Arbeit in einem grösseren Bezugsrahmen
voraus. Die anstehenden Probleme unserer Zeit werden nur in den seltensten
Fällen in Stadtteilen zu lösen sein.
Kann ich mir also einen größeren, und damit
nicht so vertrauten und klaren Bezugsrahmen wie den Stadtteil oder eine
bestimmte Zielgruppe für meine Arbeit vorstellen? Theoretisch kann ich das
mittlerweile, aber es fällt mir noch schwer, war ich doch bisher davon
überzeugt, dass sich Menschen -wenn überhaupt- fast nur noch ihrem Lebensumfeld
aktivieren lassen, weil sie da die Veränderungen hautnah mitkriegen. Und dieser
eher kleinere Rahmen war mir persönlich lieber, weil überschaubarer und
vertrauter.
Da nun in einer Community Organization jede
Mitgliedsorganisation aber nach wie vor in ihrem Bezugsrahmen arbeitet und dabei
-wenn nötig- von der Organizerin Unterstützung erfährt, verschwindet dieser
nicht ganz. Jedoch ist er ganz klar nicht der Hauptbezugsrahmen.
(6) Die Organisierung von Organisationen
Hier müssten wir uns von unserer
monokulturellen, vereinzelten und oftmals konkurrierenden Organisationstruktur
verabschieden und uns der bei uns ja viel diskutierten "Multikultur" öffnen.
Können wir uns vorstellen, Organisationen mit
den unterschiedlichsten Ziel- und Wertvorstellungen und kulturellen
Hintergründen, Organisationen verschiedener Glaubens-richtungen,…zu
organisieren?
Können wir uns vorstellen, gewisse
Stereotypen aufzubrechen, und z.B. mit Kirchen zusammenzuarbeiten? Übrigens auch
hier in den USA nicht so leicht, wie es sich vielleicht anhören mag.
Welches wären in der BRD die Organisationen,
die wir organisieren würden? Wo kommen bei uns noch am ehesten Menschen
zusammen, wo sind am ehesten noch Menschen organisiert? In Kirchen? Schulen?
Gewerkschaften? Vereinen? Interessensgruppen? Oder gar in Parteien? Oder
erscheint uns für die BRD die zeitintensivere Organisierung von Einzelpersonen
realistischer? Oder wäre gar eine Mischung aus beidem anzustreben?
Meine Erfahrung mit der Organisierung von
Organisationen beschränkt sich auf bestimmte Vernetzungsaktivitäten von
Stadtteilorganisationen. Ausgehend davon könnte ich mir in der BRD eine Arbeit
mit Kirchen, Schulen, Vereinen und Interessensgruppen gut vorstellen. Ob diese
aber bereit sind und ein Interesse daran haben, sich nicht nur lose miteinander
zu vernetzen, sondern auch Geld in die Arbeit zu investieren, weiß ich nicht
einzuschätzen.
(7) Womit wir beim Geld wären…
Wahrscheinlich ist das das grösste Hindernis
unserer Vorstellungskraft!
Können wir uns vorstellen, eine Organisation
zu schaffen, die sich vorwiegend aus Mitgliedsbeiträgen finanziert, in jedem
Fall aber keine, wie auch immer geartete, "Staatsknete" annimmt? Und dies nicht
etwa deshalb, um den Staat aus der Verantwortung zu entlassen, sondern -gerade
umgekehrt- um, wenn es sein muss, genau dafür zu kämpfen!
Theoretisch haben wir das wohl schon lange
kapiert- nur gab es bisher -v.a. im Vergleich zu den USA- noch nicht so viel,
wofür wir hätten richtig kämpfen müssen. Und das ist ja auch gut so. V.a. nach
einem Jahr gelebte us-amerikanische Realität, habe ich unser sozialstaatliches
Sicherungssystem sehr zu schätzen gelernt. Die Philosophie "alle für eine/n,
eine/r für alle" ist mir tausendmal lieber als die diesem Staat zugrunde gelegte
"jede/r gegen jede/n". Und ich will "unsere" Philosophie erhalten. Ich will kein
amerikanisiertes Deutschland. Um keinen Preis.
Die andere Seite unserer
"Absicherungsphilosophie" jedoch ist die Trägheit, in die wir verfallen sind,
die uns auch in Teilen der Kreativität beraubt hat, die uns v.a. jetzt -in
Zeiten des drastischen Sozialabbaus- gut täte.
So bleibt uns wahrscheinlich gar keine Wahl
mehr, als nach kreativen Möglichkeiten einer alternativen Finanzierung zu suchen
und hoffentlich zu finden. Da der Staat bei uns bisher das meiste bezahlt hat,
haben sich alternative Finanzierungsinstitutionen nicht so ausgiebig entwickelt
wie hier in den USA, wo in den Community Organizations Stiftungsgelder neben den
Mitgliedsbeiträgen die zweitgrösste Finanzierungsquelle sind.
"Fundraising" beschränkte sich bei uns bisher
vorwiegend auf das Schreiben von Anträgen an die Kommune, das Land, den Bund
oder -seit neuestem- die EG.
So traurig die bundesdeutsche
Milliardenverchuldung und der wahrscheinlich damit verbundene Abbau der
staatlichen Finanzierung von sozialer- und Gemeinwesenarbeit ist, so besteht
zumindest eine Chance, kreative Finanzierungsmöglichkeiten zu erarbeiten. In
jedem Fall werden diese unsicherer sein, als das was wir bisher gehabt haben.
Können wir uns also vorstellen, uns bewusst auf diese unsicherere
Finanzierungssituation einzulassen?
(8) Be creative!
An Kreativität mangelt es nun m.E. nicht nur
im Bereich "Finanzierung" - auch in der tagtäglichen Arbeit sind wir irgendwie
steckengeblieben, eingeschlafen. Haben wir den Mut, die eingefahrenen Bahnen zu
verlassen, mehr zu riskieren und zu konfrontieren?
Können wir uns vorstellen, mit den Menschen,
mit denen wir arbeiten, das öffentliche Leben pro-aktiv und nicht nur re-aktiv
zu "inszenieren"? Zieht nicht jede/r ein gutes Schauspiel einer langweiligen
Podiumsdiskussion, einem diskussionsorientierten und langen Treffen, einem
immergleichen Informationsstand am langen Samstag in der Fussgängerzone oder
einer faden Aktion, bei der eh' immer nur die anderen reden, vor?
Ich kann mir das vorstellen, wenngleich auch
etwas Angst vor der eigenen Courage mitschwingt. Aber, hey: auch von einer
misslungenen Aktion, einem schlechten Schauspiel kann man lernen!
(9) Zu guter letzt…
Können wir uns vorstellen, uns auszusetzen?
Dem öffentlichen Leben, anderen Menschen und deren Kritik?
Ich denke, die IAF ist u.a. deshalb so
erfolgreich, weil sie Menschen genau in diesem Bereich, in ihrer Kritik- und
damit Lernfähigkeit, herausfordert - oft bis an die jeweils eigenen Grenzen und
darüberhinaus.
Dies ist vielleicht einfacher vorgestellt als
tatsächlich gelebt. Es gehört eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, oder im
IAF-Jargon: "a big ego", dazu, um sich diesem auszusetzen, und v.a. der Wille,
immer und immer wieder zu lernen, zu überdenken, zu entscheiden, aufzuhören und
neu zu beginnen, zu hinterfragen, zu analysieren, strategisch und politisch zu
denken.
IAF hat sich eine Struktur geschaffen, in der
das für viele möglich ist: "Organizing im Paket" incl. Training, kollegiale
Beratung, Austausch, Supervision, Organisationsaufbau und -weiterentwicklung.
Dies aber nur für zahlende Mitglieder!
Organizing also nicht scheibchenweise, in
Impulsen, nicht ein bisschen hier und ein bisschen da. Nein: entweder-oder. IAF
will v.a. im Feld der Organizer "committed people", Menschen, die bereit sind,
sich auf diese Art der Arbeit einzulassen, was aber -zumindest theoretisch-
nicht heisst, sich dafür aufzugeben. Diese Balance zu halten ist kein einfaches
Unterfangen und praktisch oft sehr schwer zu realisieren - deren Wichtigkeit
wird aber immer wieder betont. Schon Ed Chambers hob, als wir ihn im Oktober
1995 in Chicago besuchten hervor, wie wichtig es sei, ein Privatleben zu haben.
Im nationalen Training ist dem persönlichen Zeitmanagement gar eine ganze
Trainingseinheit gewidmet. Dabei wird nicht nur die Bedeutung des Privatlebens
hervorgehoben, sondern auch die der persönlichen und professionellen
Weiterentwicklung durch Lektüre, Gespräche, Fortbildungen und zuletzt: die
zentrale Bedeutung eines/einer persönlichen Mentors/Mentorin. IAF-Organizer
werden nicht nur dazu ermutigt, sich eine/n solche/n geistigen Ziehvater/
Ziehmutter zu suchen, sondern auch selbst eine/r zu sein. Von anderen lernen und
Gelerntes weitergeben - so die Devise.
Können wir uns zusammenfassend also
vorstellen, uns mit diesem Hintergrund auf den Weg zu machen, um eine Community
Organization in der BRD zu kreieren, eine Organisation, die unserer Kultur
entspricht, unserem Tempo, unserem Stil? Können wir uns vorstellen, eingefahrene
Bahnen zu verlassen, Neues auszuprobieren, etwas zu riskieren und gemeinsam
miteinander daran zu wachsen?
You can't
organize, what you can't imagine!
Let's imagine!
Industrial
Areas Foundation, 50 Years Organizing for Change, Sapir Press, San Francisco,
1990
Larry Mc
Neil, Diskussionspapier, The Soft Art of Organizing, 6.12.1995
Leo J.
Penta, Organizing and Public Philosophy: The Industrial Areas Foundation, in:
The Journal of Peace and Justice Studies, 1992
Mark G.
Hanna/ Buddy Robinson, Strategies for Community Empowerment, The Edwin Mellen
Press, Lewiston/NY, 1994
Mary Beth
Rogers, Cold Anger, University of North Texas Press, Denton/TX, 1990
Diverse
Informationsmaterialien von KCOP, die bei der Autorin angefragt werden können.
|