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Edward T. Chambers
Continuum International Publishing NY
ISBN 0-8264-1499-0, 152 Seiten
18,95 US $ (bestellbar bei Seminary CO-OP Bookstore, Chicago, bei Amazon
angekündigt für 17,75 Euro, Anfang August noch nicht erhältlich)
Die Trilogie
ist perfekt: Nach "Rules for Radicals" und "Reveille for Radicals" hat jetzt
Saul Alinskys Nachfolger, Edward T. Chambers,
die Serie mit "Roots for Radicals" vervollkommnet und im Alter von 73 Jahren und
fast einem halben Jahrhundert als Organizer sein Vermächtnis vorgelegt. In einem
Vorwort nennt ihn Chicagos Volksschriftsteller Studs Terkel einen "weltlichen
Priester", und in der Tat kreisen Chambers Gedanken immer wieder um das
Christentum, Bibel und Kirche, und die Hälfte der zu Wort kommenden oder
erwähnten Akteure sind Kirchenmänner.
Die Industrial Areas Foundation (IAF) als politischer Arm der US-Kirche, die
sich nicht mit der Vertröstung auf das Jenseits begnügt, sondern im Diesseits
für irdische Gerechtigkeit sorgt und den Unterprivilegierten die Werkzeuge und
die Methode dazu in die Hand gibt ("Der Kuchen im Himmel ernährt nicht die
Hungrigen auf der Erde") - das ist eine zentrale Aussage des Buches, die in
ihrer Radikalität und Konsequenz Respekt abnötigt, andererseits aber die vom
Autor immer wieder beteuerte ideologische und finanzielle Unabhängigkeit
relativiert.
Der Erfolg der IAF, die Chambers gerne als "Mercedes Benz" des Organizing
angepreist, spricht aber für sich. Die Flagge des IAF-Imperiums würden mehr
Sterne zieren als die "Stars and Stripes" der Vereinigten Staaten - weit über
fünfzig Organisationen in allen Teilen US-Amerikas werden im Anhang mit Adressen
aufgelistet, dazu transatlantische Standbeine in England und Deutschland.
Für alle, die mit der IAF-Methodik nicht vertraut sind, zeichnet Chambers die
einzelnen Schritte auf, die nicht auf rasche Aktion und Konfrontation mit dem
politischen Apparat zielen, so wie es in alter Saul-Alinsky-Tradition selbst von
vielen amerikanischen Community Organizations bis heute noch gepflegt wird.
Chambers hat das Prinzip umgedreht und als wichtigste Grundlage das "Relational
Meeting" erfunden, Einzelgespräche von Organizern und Leadern mit Individuen -
die öffentlichkeitswirksame "Action" folgt erst, nachdem das Haus auf einem
soliden finanziellen Fundament gebaut ist, die Organisation gegründet ist und
nach mehreren Jahren Vorbereitung die Muskeln angespannt werden.
Die halbstündigen Interviews, von denen ein erfahrener Organizer bis zu 30 Stück
pro Woche absolviert, ist das geschickte Fischen nach Talenten und potenziellen
Führern. In ihrer Intensität, Tiefe und Intimität erinnern die "One-on-Ones" an
Therapiesitzungen, bei denen der Organizer sein Gegenüber auch herausfordert
und sich dasselbe gefallen lassen muss, gerade von den gesuchten kraftvollen
Persönlichkeiten. Zu viel Freundlichkeit, wie Chambers nicht müde wird zu
unterstreichen, vernebelt nur die Konturen. Wer den Mann persönlich kennenlernen
durfte, hat mit dem IAF-Berufsethos schnell Bekanntschaft gemacht und ist
entweder durch die provokative Art innerlich gewachsen oder hat fluchend das
Feld geräumt.
Empowerment durch direkte, wenig zimperliche Ansprache und bildliche Beispiele,
das ist die Basis des Organizing-Geschäfts. Der IAF-Boss beschreibt im Buch
einen Pfarrer aus Woodlawn, der bei einem Treffen mit Chicagos Bürgermeister
Richard Daley sich von dessen taktisch eingesetzten Redeschwall überrollen ließ,
ohne zu Wort zu kommen. "Duschen Sie jeden Morgen?", fragte ihn Chambers danach.
Natürlich, war die unsichere Antwort, auf die der Organizer dann sagte: "Dann
stellen Sie sich doch jeden Morgen einen nackten Daley vor, wie er sich
einseift, abtrocknet, dann in die Hose steigt." Chambers Botschaft: Der
Bürgermeister sei ein ganz normaler Mensch, und es bestehe kein Grund, vor ihm
Angst zu haben. Das wirkte, beim Folgetreffen zwei Wochen später unterbrach der
Geistliche den Bürgermeister sofort und trug sein Anliegen resolut vor, während
sein Gegenüber vor Zorn rot anlief und versprach, sich um den Fall zu kümmern.
Organizer müssen, so Chambers, Pragmatiker und gute Menschenkenner sein, soziale
Kompetenz sowie verlässliche Instinkte mitbringen, als Motor eine große Portion
Wut im Bauch haben. Er vergleicht die Profis mit Künstlern und Dirigenten,
Akademiker in diesem Gewerbe sind ihm ein Greuel ebenso wie Ideologen,
Idealisten oder Liberale. Seine Lebensphilosophie ist wohltuend simpel. Die Welt
besteht aus einem Ist- und Soll-Zustand, Sein und Werden, Yin und Yang. Zwischen
diesen Polen besteht wie bei einer Batterie Spannung. Der Organizer als
Sozialingenieur/Sozialdirigent greift in diesen Zustand ein, reibt die
verdeckten Konflikte wund, erschüttert den Status quo und erreicht in Form eines
neuen Machtausgleichs wieder ein stabiles Gleichgewicht - bis mit dem nächsten
Kampagne der Kreislauf wieder von vorne beginnt.
In der Konfrontation mit den Mächtigen probieren die Bürgerorganisationen ihre
Muskeln aus. Diese Aktion muss wie ein Theaterstück nach allen Regeln der
Dramaturgie kunstvoll inszeniert werden, sie muss polarisieren und
personalisieren, auf der Bühne einen heißen Stuhl bereitstellen, auf dem der
Gast durch die zugespitzten Fragen der Veranstalter tüchtig ins Schwitzen
geraten muss, bis er zu Zugeständnissen bereit ist.
Die Inszenierung eines öffentlichen Dramas, das war wohl unter Alinsky nicht
viel anders. Die Aktion gilt weiterhin als der Sauerstoff der Organisation,
sonst aber setzt sich sein Nachfolger in der Beschreibung seines Lebenswerkes
von seinem berühmten Vorgänger klar ab. Während Alinskys Ansatz sich auf den
Dreierschritt "Zielen - Mobilisieren - Zuschlagen" reduzieren lasse, habe er,
Chambers, dazu eine Methodik entwickelt, deren Herzstück des
"Beziehungs-Treffen" sei. Die nachbarschaftliche Community als Revier des
Organizing sei in der modernen Welt viel zu eng geworden, weshalb die IAF um
1980 den Begriff "broad based" eingeführt und damit den geografischen
Aktionsradius entscheidend vergrößert habe, was der Vielfalt des Kollektivs
zugute gekommen sei.
Weiterhin habe er die Alinsky fremde Evaluation eingeführt, in der eine Aktion
ausgewertet und einer Manöverkritik unterzogen wird - nur so könnten die
allfälligen Fehler von Organizern und Leadern korrigiert werden, bleibe das
Erfahrene in den Köpfen haften und öffneten sich Perspektiven für die weitere
Arbeit. Chambers ist stolz darauf, dass er das IAF-Training eingeführt hat.
Alinsky habe über seine Arbeit nur sprechen können, aber Menschen darin zu
unterrichten, das sei ihm nicht in den Sinn gekommen. Last not least weist der
Top-Organizer darauf hin, dass der Job in
Alinskys Zeiten meistens von schwer bechernden Männern versehen worden sei, er
dagegen habe die Türen erstmals für Frauen geöffnet.
Als sein Meisterstück und Modell für Organizing im 21. Jahrhundert gibt Chambers
die 1997 ins Leben gerufene "United Power for Action and Justice" aus, eine
Bürgerorganisation im Großraum Chicago, die aus 330 Mitgliedsorganisationen
besteht (darunter muslimischen) und sich u.a. Krankheitsschutz und bezahlbare
Wohnungen für Arbeiterfamilien auf die Fahne geschrieben hat. An diesem Beispiel
beschreibt Chambers ausführlich die notwendigen Schritte für die Gründung einer
IAF-Organisation, wobei der Finanzierungsteil einem Krimi ähnelt. In zwei Jahren
wurden 13 000 (!) "Beziehungs-Treffen" veranstaltet, die zum Kickoff dann
immerhin zehntausend Menschen auf die Beine brachten. Broad Based contra
Community: Mit diesem "Großraum-Mercedes" hebt sich Chambers deutlich von seinem
Mentor ab, der 1939 mit dem Back-of -the-Yards-Coucil die typische und für viele
Jahrzehnte maßgebliche Nachbarschaftsorganisation schuf - das Ford-T-Modell oder
den VW. Ob Chambers neue Luxusklasse den Weg in den Organizing-Olymp schafft,
muss abgewartet werden. Aus Organizer-Kreisen in Chicago ist zu hören, dass mit
dem spektakulären Massenaufmarsch im Herbst 1997 mehr Hoffnungen ausgelöst
wurden, als bisher eingelöst werden konnten - insgesamt sei es ziemlich still um
die Organisation.
Bedrückend, ja sogar gefährlich klingt Chambers Nabelschau, wenn er den inneren
Zustand der Weltmacht mit seinem wachen analytischen Verstand seziert und in
seiner Kritik an Michael Moore erinnert. Wählen - wenn er überhaupt zur Urne
gehe - könne er nur mit zugehaltener Nase, die Parteien hätten völlig
abgewirtschaftet, die Politiker seien Marionetten der Konzerne. Ein immer
weniger kontrollierter Kapitalismus und die Zangen der Globalisierung griffen
immer brutaler zu, machten das Leben immer teurer und unerschwinglicher, sodass
selbst die Mittelklasse immer schwerer über die Runde komme und allmählich
erodiere. Chambers outet sich als leidenschaftlicher Gegner der amerikanischen
Politik nach dem elften September. Während Washington Afghanistan bombardierte,
trafen sich 4000 Christen und Muslime und Chicago und kamen einander mit
One-on-Ones näher.
Hinter der schroffen Kruste verbirgt sich ein feinfühliger Mensch, wie Chambers
in einem Kapitel über seinen persönlichen Werdegang offenbart. Sein Kampf mit
der Macht und der Kirche, die sich wegen seiner Neugier und Umtriebigkeit
weigerte, den jungen Priesteranwärter in ihre Reihen aufzunehmen - also wurde
der grenzenlos Enttäuschte ein "weltlicher Priester", der bis ins höhere Alter
dem Kirchenestablishment zeigt, wo`s langgeht. Seine idealistisch-vergeblichen
Versuche in New York, den Underdogs Brücken zu bauen. Schließlich das
Zusammentreffen mit Saul Alinsky, die prägenden Jahre mit ihm zusammen in der
Bürgerrechtsbewegung und FIGHT`s glamouröser Kampf gegen Kodak, in dem der
ehrgeizige Mann sich für höhere Weihen qualifizierte, bisweilen
lebensgefährlichen Situationen durch "Antis" ausgesetzt war oder ins Visier der
Staatssicherheit geriet.
Sein wissenschafts-soziologischer Ansatz sowie Ausblick in die künftige Arbeit
fallen ein wenig schal aus. Er stimmt ein in den Heils-Chor über die
Zivilgesellschaft, den mittlerweile schon die Spatzen von den Dächern pfeifen,
ohne jedoch grundlegend neue Erkenntnisse vorlegen zu können. Als Zukunftsvision
teilt er das von Nichtregierungsorganisationen entwickelte Konzept der globalen
Zivilgesellschaft und regt er an, dass sich die IAF noch "broader based"
aufstelle, über die Grenzen Amerikas blicke und sich in Europa und
Lateinamerikas verwurzele.
"Roots for Radicals" ist ein leicht verstehbares und interessant, teilweise
spannend zu lesendes Werk über Community Organizing im IAF-Stil nach Alinsky,
präsentiert in einer klaren Sprache und einer eindeutigen Botschaft. Für Insider
ist vieles bekannt, Outsidern aber kann man mithilfe des Buches das Wesen von CO
schneller und prägnant begreifbar machen. Das bedeutet eine merkliche
Bereicherung der politischen Kultur, besonders unserer deutschen, die wegen
großer Restbestände des alten zentralistischen Denkens mit Bürgeraktivierung a
la CO oft auf Kriegsfuß steht. Zu hoffen ist, dass das Buch als wichtiger
Richtungsweiser in der Auseinandersetzung über Zivilgesellschaft und
bürgerschaftliches Engagement schnell übersetzt wird.
Natürlich kann das Buch nicht alle Wünsche erfüllen. So würde es bereichert
werden durch ein Kapitel, in dem der Autor sich mit anderen gängigen Methoden
des Community Organizing in den USA auseinandersetzt und davon abgrenzt - die
machtvolle Konkurrenz und der oft konfliktive inneramerikanische Diskurs mit ihr
fällt völlig unter den Tisch. Hier toben mit aller Vehemenz und Professionalität
ausgetragene Machtkämpfe, die die Bewegung insgesamt schwächen - zur Freude der
attackierten Politiker und Konzerne. Die Ehe mit der Kirche, die Chambers
eingegangen ist, entspricht amerikanischer Tradition und ist gleichwohl ein
genialer Schachzug, der die Türen zu finanziellen und humanen Ressourcen
sperrangelweit öffnet und in kirchlichen Kreisen - hoffentlich - erhebliche
Reformkräfte wachruft, insbesondere auch deshalb, weil die Kirche wie Politik
und Wirtschaft Mitverursacher der von Chambers beklagten Misere ist (wie er als
Realist und Opfer selber weiß). Ein direkter Import der IAF-Methode in andere
Länder könnte dort, besonders nach dem Irak-Krieg, auf erhebliche Widerstände
stoßen. Chambers plädiert in seinem Buch immer wieder für Pluralismus - durch
Aufnahme anderer nationaler Elemente könnte die Methode zum global einsetzbaren
Instrumentenkoffer der Bürgerpolitik werden.
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