forum-community-organizing.de    

    foco   foco

Stand: 16.02.2008

Home ] Nach oben ] Über foco ] Nachrichten ] Rundbriefe ] Training ] foco-Buch 1996 ] CO-Europe ] foco-Bibliothek ]

Home
Nach oben
Über foco
Nachrichten
Rundbriefe
Training
foco-Buch 1996
CO-Europe
foco-Bibliothek

Chambers' book review:
Roots for Radicals - Organizing for Power, Action, Justice

Edward T. Chambers
Continuum International Publishing NY
ISBN 0-8264-1499-0, 152 Seiten
18,95 US $ (bestellbar bei Seminary CO-OP Bookstore, Chicago, bei Amazon angekündigt für 17,75 Euro, Anfang August noch nicht erhältlich)

 

Die Trilogie ist perfekt: Nach "Rules for Radicals" und "Reveille for Radicals" hat jetzt Saul Alinskys Nachfolger, Edward T. Chambers[1], die Serie mit "Roots for Radicals" vervollkommnet und im Alter von 73 Jahren und fast einem halben Jahrhundert als Organizer sein Vermächtnis vorgelegt. In einem Vorwort nennt ihn Chicagos Volksschriftsteller Studs Terkel einen "weltlichen Priester", und in der Tat kreisen Chambers Gedanken immer wieder um das Christentum, Bibel  und Kirche, und die Hälfte der zu Wort kommenden oder erwähnten Akteure sind Kirchenmänner.

Die Industrial Areas Foundation (IAF) als politischer Arm der US-Kirche, die sich nicht mit der Vertröstung auf das Jenseits begnügt, sondern im Diesseits für irdische Gerechtigkeit sorgt und den Unterprivilegierten die Werkzeuge und die Methode dazu in die Hand gibt ("Der Kuchen im Himmel ernährt nicht die Hungrigen auf der Erde") - das ist eine zentrale Aussage des Buches, die in ihrer Radikalität und Konsequenz Respekt abnötigt, andererseits aber die vom Autor immer wieder beteuerte ideologische und finanzielle Unabhängigkeit relativiert.

Der Erfolg der IAF, die Chambers gerne als "Mercedes Benz" des Organizing angepreist, spricht aber für sich. Die Flagge des IAF-Imperiums würden mehr Sterne zieren als die "Stars and Stripes" der Vereinigten Staaten - weit über fünfzig Organisationen in allen Teilen US-Amerikas werden im Anhang mit Adressen aufgelistet, dazu transatlantische Standbeine in England und Deutschland.

Für alle, die mit der IAF-Methodik nicht vertraut sind, zeichnet Chambers die einzelnen Schritte auf, die nicht auf rasche Aktion und Konfrontation mit dem politischen Apparat zielen, so wie es in alter Saul-Alinsky-Tradition selbst von vielen amerikanischen Community Organizations bis heute noch gepflegt wird. Chambers hat das Prinzip umgedreht und als wichtigste Grundlage das "Relational Meeting" erfunden, Einzelgespräche von Organizern und Leadern mit Individuen - die öffentlichkeitswirksame "Action" folgt erst, nachdem das Haus auf einem soliden finanziellen Fundament gebaut ist, die Organisation gegründet ist und nach mehreren Jahren Vorbereitung die Muskeln angespannt werden.

Die halbstündigen Interviews, von denen ein erfahrener Organizer bis zu 30 Stück pro Woche absolviert, ist das geschickte Fischen nach Talenten und potenziellen Führern. In ihrer Intensität, Tiefe und Intimität erinnern die "One-on-Ones" an Therapiesitzungen, bei denen der Organizer sein Gegenüber auch herausfordert  und sich dasselbe gefallen lassen muss, gerade von den gesuchten kraftvollen Persönlichkeiten. Zu viel Freundlichkeit, wie Chambers nicht müde wird zu unterstreichen, vernebelt nur die Konturen. Wer den Mann persönlich kennenlernen durfte, hat mit dem IAF-Berufsethos schnell Bekanntschaft gemacht und ist entweder durch die provokative Art  innerlich gewachsen oder hat fluchend das Feld geräumt.

Empowerment durch direkte, wenig zimperliche Ansprache und bildliche Beispiele, das ist die Basis des Organizing-Geschäfts. Der IAF-Boss beschreibt im Buch einen Pfarrer aus Woodlawn, der bei einem Treffen mit Chicagos Bürgermeister Richard Daley sich von dessen taktisch eingesetzten Redeschwall überrollen ließ, ohne zu Wort zu kommen. "Duschen Sie jeden Morgen?", fragte ihn Chambers danach. Natürlich, war die unsichere Antwort, auf  die der Organizer dann sagte: "Dann stellen Sie sich doch jeden Morgen einen nackten Daley vor, wie er sich einseift, abtrocknet, dann in die Hose steigt." Chambers Botschaft: Der Bürgermeister sei ein ganz normaler Mensch, und es bestehe kein Grund, vor ihm Angst zu haben. Das wirkte, beim Folgetreffen zwei Wochen später unterbrach der Geistliche den Bürgermeister sofort und trug sein Anliegen resolut vor, während sein Gegenüber vor Zorn rot anlief und versprach, sich um den Fall zu kümmern.

Organizer müssen, so Chambers, Pragmatiker und gute Menschenkenner sein, soziale Kompetenz sowie verlässliche Instinkte mitbringen, als Motor eine große Portion Wut im Bauch haben. Er vergleicht die Profis mit Künstlern und Dirigenten, Akademiker in diesem Gewerbe sind ihm ein Greuel ebenso wie Ideologen, Idealisten oder Liberale. Seine Lebensphilosophie ist wohltuend simpel. Die Welt besteht aus einem Ist- und Soll-Zustand, Sein und Werden, Yin und Yang. Zwischen diesen Polen besteht wie bei  einer Batterie Spannung. Der Organizer als Sozialingenieur/Sozialdirigent greift in diesen Zustand ein, reibt die verdeckten Konflikte wund, erschüttert den Status quo und erreicht in Form eines neuen Machtausgleichs wieder ein stabiles Gleichgewicht - bis mit dem nächsten Kampagne der Kreislauf wieder von vorne beginnt.

In der Konfrontation mit den Mächtigen probieren die Bürgerorganisationen ihre Muskeln aus. Diese Aktion muss wie ein Theaterstück nach allen Regeln der Dramaturgie kunstvoll inszeniert werden, sie muss polarisieren und personalisieren, auf der Bühne einen heißen Stuhl bereitstellen, auf dem der Gast durch die zugespitzten Fragen der Veranstalter tüchtig ins Schwitzen geraten muss, bis er zu Zugeständnissen bereit ist.

Die Inszenierung eines öffentlichen Dramas, das war wohl unter Alinsky nicht viel anders. Die Aktion gilt weiterhin als der Sauerstoff der Organisation, sonst aber setzt sich sein Nachfolger in der Beschreibung seines Lebenswerkes von seinem berühmten Vorgänger klar ab. Während Alinskys Ansatz sich auf den Dreierschritt "Zielen - Mobilisieren - Zuschlagen" reduzieren lasse, habe er, Chambers, dazu eine Methodik entwickelt, deren Herzstück des "Beziehungs-Treffen" sei. Die nachbarschaftliche Community als Revier des Organizing sei in der modernen Welt viel zu eng geworden, weshalb die IAF um 1980 den Begriff "broad based" eingeführt und damit den geografischen Aktionsradius entscheidend vergrößert habe, was der Vielfalt des Kollektivs zugute gekommen sei.

Weiterhin habe er die Alinsky fremde Evaluation eingeführt, in der eine Aktion ausgewertet  und einer Manöverkritik unterzogen wird - nur so könnten die allfälligen Fehler von Organizern und Leadern korrigiert werden, bleibe das Erfahrene in den Köpfen haften und öffneten sich Perspektiven für die weitere Arbeit. Chambers ist stolz darauf, dass er das IAF-Training eingeführt hat. Alinsky habe  über seine Arbeit nur sprechen können, aber Menschen darin zu unterrichten, das sei ihm nicht in den Sinn gekommen. Last not least weist der Top-Organizer darauf hin, dass der Job in
Alinskys Zeiten meistens von schwer bechernden Männern versehen worden sei, er dagegen habe die Türen erstmals für Frauen geöffnet.

Als sein Meisterstück und Modell für Organizing im 21. Jahrhundert gibt Chambers die 1997 ins Leben gerufene "United Power for Action and Justice" aus, eine Bürgerorganisation im Großraum Chicago, die aus 330 Mitgliedsorganisationen besteht (darunter muslimischen) und sich u.a. Krankheitsschutz und bezahlbare Wohnungen für Arbeiterfamilien auf die Fahne geschrieben hat. An diesem Beispiel beschreibt Chambers ausführlich die notwendigen Schritte für die Gründung einer IAF-Organisation, wobei der Finanzierungsteil einem Krimi ähnelt. In zwei Jahren wurden 13 000 (!) "Beziehungs-Treffen" veranstaltet, die zum Kickoff dann immerhin zehntausend Menschen auf die Beine brachten. Broad Based contra Community: Mit diesem "Großraum-Mercedes" hebt sich Chambers deutlich von seinem Mentor ab, der 1939 mit dem Back-of -the-Yards-Coucil die typische und für viele Jahrzehnte maßgebliche Nachbarschaftsorganisation schuf - das Ford-T-Modell oder den VW. Ob Chambers neue Luxusklasse den Weg in den Organizing-Olymp schafft, muss abgewartet werden. Aus Organizer-Kreisen in Chicago ist zu hören, dass mit dem spektakulären Massenaufmarsch im Herbst 1997 mehr Hoffnungen ausgelöst wurden, als bisher eingelöst werden konnten - insgesamt sei es ziemlich still um die Organisation.

Bedrückend, ja sogar gefährlich klingt Chambers Nabelschau, wenn er den inneren Zustand der Weltmacht mit seinem wachen analytischen Verstand seziert und in seiner Kritik an Michael Moore erinnert. Wählen - wenn er überhaupt zur Urne gehe - könne er nur mit zugehaltener Nase, die Parteien hätten völlig abgewirtschaftet, die Politiker seien Marionetten der Konzerne. Ein immer weniger kontrollierter Kapitalismus und die Zangen der Globalisierung griffen immer brutaler zu, machten das Leben immer teurer  und unerschwinglicher, sodass selbst die Mittelklasse immer schwerer über die Runde komme und allmählich erodiere. Chambers outet sich als leidenschaftlicher Gegner der amerikanischen Politik nach dem elften September. Während Washington Afghanistan bombardierte, trafen sich 4000 Christen und Muslime und Chicago und kamen einander mit One-on-Ones näher.  

Hinter der schroffen Kruste verbirgt sich ein feinfühliger Mensch, wie Chambers in einem Kapitel über seinen persönlichen Werdegang offenbart. Sein Kampf mit der Macht und der Kirche, die sich wegen seiner Neugier und Umtriebigkeit  weigerte, den jungen Priesteranwärter in ihre Reihen aufzunehmen - also wurde der grenzenlos Enttäuschte ein "weltlicher Priester", der bis ins höhere Alter dem Kirchenestablishment zeigt, wo`s langgeht. Seine idealistisch-vergeblichen Versuche in New York, den Underdogs Brücken zu bauen. Schließlich das Zusammentreffen mit Saul Alinsky, die prägenden Jahre mit ihm zusammen in der Bürgerrechtsbewegung und FIGHT`s glamouröser Kampf gegen Kodak, in dem der ehrgeizige Mann sich für höhere Weihen qualifizierte, bisweilen lebensgefährlichen Situationen durch "Antis" ausgesetzt war oder ins Visier der Staatssicherheit geriet.

Sein wissenschafts-soziologischer Ansatz sowie Ausblick in die künftige Arbeit fallen ein wenig schal aus. Er stimmt ein in den Heils-Chor über die Zivilgesellschaft, den mittlerweile schon die Spatzen von den Dächern pfeifen, ohne jedoch grundlegend neue Erkenntnisse vorlegen zu können. Als Zukunftsvision teilt er das von Nichtregierungsorganisationen entwickelte Konzept der globalen Zivilgesellschaft und regt er an, dass sich die IAF noch "broader based" aufstelle, über die Grenzen Amerikas blicke und sich in Europa und Lateinamerikas verwurzele.

"Roots for Radicals" ist ein leicht verstehbares und interessant, teilweise spannend zu lesendes Werk über Community Organizing im IAF-Stil nach Alinsky, präsentiert in einer klaren Sprache und einer eindeutigen Botschaft. Für Insider ist vieles bekannt, Outsidern aber kann man mithilfe des Buches das Wesen von CO schneller und prägnant begreifbar machen. Das bedeutet eine merkliche Bereicherung der politischen Kultur, besonders unserer deutschen, die wegen großer Restbestände des alten zentralistischen Denkens mit Bürgeraktivierung a la CO oft auf  Kriegsfuß steht. Zu hoffen ist, dass das Buch als wichtiger Richtungsweiser in der Auseinandersetzung über Zivilgesellschaft und bürgerschaftliches Engagement schnell übersetzt wird.

Natürlich kann das Buch nicht alle Wünsche erfüllen. So würde es bereichert werden durch ein Kapitel, in dem der Autor sich mit anderen gängigen Methoden des Community Organizing in den USA auseinandersetzt und davon abgrenzt - die machtvolle Konkurrenz und der oft konfliktive inneramerikanische Diskurs mit ihr fällt völlig unter den Tisch. Hier toben mit aller Vehemenz und Professionalität ausgetragene Machtkämpfe, die die Bewegung insgesamt schwächen - zur Freude der attackierten Politiker und Konzerne. Die Ehe mit der Kirche, die Chambers eingegangen ist, entspricht amerikanischer Tradition und ist gleichwohl ein genialer Schachzug, der die Türen zu finanziellen und humanen Ressourcen sperrangelweit öffnet und in kirchlichen Kreisen - hoffentlich - erhebliche Reformkräfte wachruft, insbesondere auch deshalb, weil die Kirche wie Politik und Wirtschaft Mitverursacher der von Chambers beklagten Misere ist (wie er als Realist und Opfer selber weiß). Ein direkter Import der IAF-Methode in andere Länder könnte dort, besonders nach dem Irak-Krieg, auf erhebliche Widerstände stoßen. Chambers plädiert in seinem Buch immer wieder für Pluralismus - durch Aufnahme anderer nationaler Elemente könnte die Methode zum global einsetzbaren Instrumentenkoffer der Bürgerpolitik werden.
 


[1] Die Industrial Areas Foundation (IAF) wurde von Saul Alinsky und VertreterInnen von Gewerkschaften und Kirchen gegründet; sie wird seit dem Tod von Alinsky von Ed Chambers geleitet.

Herausgeber: Forum Community Organizing, Website: Michael Rothschuh, Brühl 20 31134 Hildesheim, HAWK