Online-Tagung „Wie politisch ist Community Organizing“

In der kleinteiligen praktischen Arbeit in Stadtteilen stellt sich immer wieder die Frage, wie politisch ist das Ganze eigentlich? Haben alle Bemühungen um lokale Verbesserungen – z.B. um mehr öffentliche Kommunikationsorte, Verkehrsberuhigung oder mehr Sauberkeit auf Gehwegen – eine, vor allem nachhaltige, politische Dimension? Oder sind das nicht vielmehr wichtige, aber letztlich doch lediglich punktuelle Aktionen zu Alltagsproblemen? Und: Welche Rolle spielt die persönliche Dimension der Engagierten dabei? Wie wichtig ist die Transformation jeder einzelnen Person im Organizingprozess?

Diesen und anderen Fragen wurde in der in Kooperation mit der Hochschule Emden-Leer am 16. und 17. April ausgerichteten Online-Tagung „Wie politisch ist Community Organizing?“ gemeinsam mit ca. 100 Teilnehmenden nachgegangen.

Freitag, 16.04.2021

Am Freitagnachmittag gab es drei spannende Inputs:

Joe Szakos (Virginia Organizing)

beleuchtete in seiner Keynote vor dem Hintergrund seiner langjährigen Erfahrung als Organizer und ehemaliger Geschäftsführer des landesweit agierenden Virginia Organizing die Thematik aus us-amerikanischer Sicht.

Prof. Dr. Roland Roth (Hochschule Magdeburg-Stendal)

schlug den Bogen zurück über den großen Teich und legte in seinem Beitrag den Fokus auf das politische Profil der deutschen Zivilgesellschaft.

Claudine Nierth (Bundesvorstandssprecherin von Mehr Demokratie e.V.)

ging schließlich der Frage nach, ob und inwieweit Bürger*innenräte und Volksentscheide als (neue) Form der politischen Meinungsbildung angesehen werden können.

Samstag, 17.04.2021

Nach dem externen Input am Freitag stand der Samstagvormittag ganz im Zeichen der eher internen Vergewisserung.

Bernadett Sebály (Ungarn/USA)

führte mit ihrem Videobeitrag in die Thematik ein:

Anschließend diskutierten

  • Hester Butterfield (Jane Addams Zentrum e.V., München)
  • Alima Matko (Styria vitalis, Graz)
  • Dr. Peter Szynka (Hochschule Hannover)
  • Guido Vogel-Latz (Stadtteilverein „Malstatt – gemeinsam stark e.V.“, Saarbrücken)

in vier Arbeitsgruppen ausgehend von ihrer eigenen Praxis das Politische von Community Organizing in Bezug auf konkrete Umsetzungsmöglichkeiten, Chancen und besondere Herausforderungen.

So gelang es in der Siedlung „Alte Heimat“ in München-Laim vor dem Hintergrund eines sehr in die Jahre gekommenen und dringend sanierungsbedürftigen baulichen Zustands der Häuser und Wohnungen, Gerüchten über einen Abriss der Siedlung sowie einer anfänglich wenig zugänglichen kommunalen Wohnungsbaugesellschaft und Hausverwaltung mit Hilfe des von Hester Butterfield initiierten CO-Prozesses auf politischer Ebene die Einrichtung eines monatlichen Jour fix mit kommunalen Politiker*innen und Stadtplaner*innen, Wohnungsbaugesellschaft, Architekt*innen und Mieter*innen durchzusetzen. Die Bewohner*innen der „Alten Heimat“ haben sich hiermit ein kontinuierlich tagendes Gremium erkämpft, in dem sie ihre Anliegen und Sicht der Dinge einbringen können. Alle baulichen und infrastrukturellen Vorhaben in der Siedlung werden seitdem gemeinsam miteinander beraten und entschieden. Einzelne Anliegen (z.B. Kameras im Hauseingangsbereich für gehörlose Mieter*innen) werden mittlerweile auch auf stadtweiter Ebene vertreten.

Kann eine Sitzbank politisch sein?“ Dieser Frage wurde im Workshop von Alima Matko nachgegangen. Die Antwort hierauf war eindeutig: Ja! Bei Gesprächen mit Geflüchteten und Bürger*innen in Lieboch, einer etwa 5.300 Einwohner*innen zählenden Gemeinde in der Nähe von Graz, wurde deutlich, dass es dort zu wenig Kontaktmöglichkeiten im öffentlichen Raum gibt. Besonders die Geflüchteten vermissten Gelegenheiten, Deutsch zu sprechen. Die sogenannten „Bewegungsbankerl“ sind zum Erfolgsschlager geworden und es wurde eine Bankl‘ nach der anderen eröffnet. Das Politische steckte dabei auch im Persönlichen und in der Kampagne gab es viele Beispiele dafür. Eines davon ist die persönliche Politisierung einiger Engagierten, die über die Kampagne in eine Partei eingetreten sind.

Um die Selbstorganisation in der Wohnungslosenhilfe ging es im Workshop von Peter Szynka. Hierbei stellte sich u.a. auch die Frage, ob Community Organizing für die tradierten Wohlfahrtsverbände eine Herausforderung darstellt. Mit Blick auf die hier oft anzutreffende Stellvertreter*innenpolitik wurde unmissverständlich herausgestellt, dass wohnungslose Menschen Expert*innen der eigenen Lebenswelt sind und ihnen daher die politische Bühne bei den sie betreffenden Themen überlassen werden sollte sowie darüber hinaus Räume und Möglichkeiten zur Selbstorganisation erforderlich sind.

Die vielfältigen Aktivitäten des Stadtteilvereins „Malstatt-gemeinsam stark e.V.“ (MaGS), angefangen von Kampagnen für mehr Sauberkeit bis hin zur aktuellen Online-Petition gegen den Transit-LKW-Verkehr im Stadtteil, beleuchtete Guido Vogel-Latz. Im Kontext einer erfolgreichen Ladenleerstandsaktion hat der Verein im Jahr 2014 eine gute Beziehungsgrundlage für die zahlreichen Aktivitäten geschaffen, wobei das Miteinander-aktiv sein vor allem immer auch Spaß machen muss. Dann lassen sich Durststrecken und Frustrationen besser gemeinsam verkraften. Ebenso wichtig war in der Gründungsphase des Vereins die regelmäßige CO-Projektbegleitung. Darüber hinaus haben gerade vermeintlich kleine Lastenfahrrad- oder Rikscha-Projekte oder Tempo 30-Kampagnen das Potential, mit dem großen Thema „Verkehrswende/Klimagerechtigkeit“ als Bürgerverein politisch aktiv zu werden.