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Stand: 16.02.2008

Rückblick:
Erfahrungen im Community Organizing in den USA in den 70-er Jahren -
und was wir daraus lernen können

von Wolfgang Goede

Mitte Oktober 1972 kam ich als Freiwilliger von Aktion Sühnezeichen (ASF) zu einem Friedensdienst nach Chicago und wurde im Community Organizing (CO) eingesetzt. Ich, Jahrgang 51, bin in der politischen Friedhofsruhe der Adenauerzeit aufgewachsen, habe im Elternhaus den Wiederaufbau erlebt (meine Eltern flüchteten 1945 aus Westpreußen, und der Krieg und die Vertreibung war das Thema Nummer eins auf allen Familienfesten), durchlitt mehr schlecht als recht eine sehr autoritäre Schulzeit - und wurde 1968 durch die Studentenunruhen aus dieser  - wie mir immer schien - „eingefrorenen“ Welt herausgerissen.  Doch das war ein Quell neuen Frusts: Ich verstand die Phrasen von Dutschke & Co nicht, ich engagierte mich statt dessen in den behüteten und vertrauten Räumen der evangelischen Kirche für die Dritte Welt, verweigerte den Kriegsdienst und leistete in einem Alters- und Pflegeheim sowie Krankenhaus anderthalb Jahre Zivildienst, wo ich die gleichen undemokratischen Verhältnisse kennenlernte, die mir vorher schon so sauer aufgestoßen waren. „Das kann‘s doch noch nicht gewesen sein!“, dachte ich mir am Ende und nahm sehr dankbar die Gelegenheit an, als „Sühner“ von Aktion Sühnezeichen nach Amerika zu gehen - sehr zum Verdruß meiner Eltern, die mich vergebens zum Studium drängten.

1972 begann dann auch für mich die neue Zeit. Leider habe ich die anderen Deutschen, die damals als Zivildienstleistende zusammen mit mir als Organizer die ersten Stolper-Schritte machten, nicht gewinnen können, ihre Eindrücke und Erfahrungen hier niederzuschreiben - doch ich spreche für sie mit, wenn ich sage: Es hat uns tief geprägt, und wir zehren bis heute davon.  Statt uns über die Welt, wie sie sein sollte, in verrauchten Studentenkneipen die Köpfe heiß zu reden, durften und mußten wir hier auf den Straßen von Chicago die Welt verändern, ganz pragmatisch und in winzig kleinen Schritten. Ich war beim Southwest Community Congress (SCC) gelandet, einer von Alinsky ins Leben gerufenen Organisation. Er selber war ein paar Monate vorher gestorben. Die Nachmittage und Abende verbrachte ich in meiner Nachbarschaft „door knocking“ - Klinken putzen. Ich ging von Tür zu Tür, fragte die Bewohner, Weiße und Schwarze, nach den Problemen, machte besonders Betroffene ausfindig und versuchte sie zu überzeugen, ein kleines Treffen zu veranstalten, um nach Lösungen für die Verbrechenswelle zu suchen. Das gelang mir dann schließlich auch, ich war sehr aufgeregt - doch leider kam kein einziger von meinen Leuten, nicht einmal mein Chairman - sondern der als Rassist verschriene Pastor Father Lawlor mit seiner weißen Gefolgschaft. Was ich hier als Deutscher denn überhaupt verloren hätte und ob ich denn die Probleme verstehen könnte, wenn Schwarze in eine weiße Nachbarschaft einzögen, kam es drohend von der Gruppe, während ich mich kettenrauchend in Erklärungsversuche flüchtete.

Das Ganze endete als kollossaler Fehlschlag, sodass mich mein Direktor sofort aus der Gegend herausnahm und mich in eine gepflegte Mittelklasse-Gegend versetzte. Hier war viel mehr Distanz zu überwinden, während ich mich mit den unkonventionelleren Schwarzen viel leichter getan hatte. Doch bald hatte ich den Aufreger Nummer eins identifiziert: einen Porno-Buchladen. Und, was für ein Erfolgserlebnis, ich fand eine Chair-Lady, die in ihrem Wohnzimmer eine Planungssitzung zusammenrief. Die Empörung der Anwesenden war groß, es wurden Treffen mit verschiedenen Aufsichtsbehörden beschlossen - doch irgendwie, ich weiß nicht mehr genau warum, verlief die Sache im Sand. Mein drittes Einsatzgebiet war war ein Wohngebiet von Litauern, für die ich extra mein Haar ganz kurz schneiden ließ, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Doch sie sprachen kaum ein Wort Englisch, ihr Misstrauen mir gegenüber war noch größer als das Father Lawlors - wieder ein Flopp. Im schwül-heißen Sommer 73 fand ich mich dann an der Grenze zu den Vororten wieder, wo eine neue Stadtautobahn geplant war. Auch hier stieß ich schnell auf Grenzen, weil bereits das „Citizens Action Program“ (CAP) aktiv geworden war. Das war eine stadtweite Koalition der von Alinsky gegründeten „Industrial Areas Foundation“ (IAF). Überall schien ich auf irgendwie vermintes Terrain zu stoßen.

Aber auch manche Nächte waren nicht die reine Lust - besonders die von Montag auf Dienstag. Da hatten wir ab 22 Uhr unser staff meeting, Mitarbeiterkonferenz. Hier berichteten wir über unsere Gespräche mit den Nachbarschaftsleuten, den Problemen und welche wir für organisierbar hielten, über unsere Nachforschungen, wer für die Probleme verantwortlich war, wer zu einer öffentlichen Versammlung eingeladen werden konnte, welche Forderungen dort erhoben werden sollten - und vor allen Dingen, wie man die Leute so beraten konnte, dass sie eine solche Strategie auch umsetzten. Zu diesen Treffen erschien auch unser Consultant, Tom Gaudette, der lange Jahre mit Alinsky gearbeitet hatte, jetzt aber mit der IAF im Clinch lag. Er hatte die  „Organisation for a better Austin“ (OBA) und „Northwest Community Organization“ (NCO) aus der Taufe gehoben, die Stadtgeschichte geschrieben hatten, war dann aus der Leitung aber von dem Pfarrer Sheldon Trapp verdängt worden - dem „enfant terrible“ in der Organizing Szene. Gaudette war ein Provokateur, der uns richtig  unter Strom setzte, der uns unsere Themen durchzudenken zwang und auch nicht davor zurückscheute, jemanden mal vom Stuhl zu schubsen, um ihm zu demonstrieren, dass er ein unsicherer  Kantonist war und nicht wußte, wohin er wollte. Ja, es wehte so ein wenig der Hauch eines Wildwest-Saloons, die Erklärungen waren gewürzt mit derben Flüchen, es wurde eine Bierbüchse nach der anderen aufgerissen, sodass gegen Ende der Sitzung - in Ausnahmen gegen eins, oft vier oder fünf Uhr in der Früh - eine ganze Büchsen-Pyramide den Tisch zierte.

Als ich mich nach einem Jahr auf den Flug in die Heimat machte, war ich vom Organizing-Virus infiziert - obwohl ich ja nicht allzuviel auf die Beine gestellt hatte. Immerhin hatte ich zur SCC-Jahreshauptversammlung 200 Leute produzieren können und dazu beigetragen, dass die Organisation trotz vieler Probleme überlebte, bis heute (wie mir eine ehemalige ASF-Freiwillige berichtete, die dort Ende der 90er Jahre gearbeitet hatte), während NCO seine Tore schließen mußte. In den vielen Community Organisationen Chicagos, in die ich im Laufe des Jahres hineingeschnuppert hatte, wurde ich Zeuge, wie Underdogs lernten, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen und sich gegen politisch organisierte Macht durchzusetzen. Das war nicht die Revolution, von denen die 68-er träumten, sondern oft nur eine Kleinigkeit - dass der Ratsherr einem Stopp-Schild zustimmen musste, weil die Leute es ganz fest wollten, die Argumente auf ihrer Seite hatten und glaubhaft machen konnten, dass Sie ein Nein nicht hinnehmen würden. Hier in Amerika kam die Revolution auf viel leiseren Sohlen daher, aber sie griff den Menschen direkt ins Herz und in die Seele - ohne großes rhetorisches Getöse.

So war mein weiterer Weg schon beinah vorgezeichnet: Nach drei Monaten Studium kehrte ich Anfang 1974 nach Chicago zurück und erhielt durch Vermittlung von Shel Trapp und gesponsert von der katholischen Caritas einen Organizer-Job im Norden der Stadt in der Pfarrgemeinde „St. Mary of the Lake. In dem bunten Ethno-Mix der Stadtteile Lakeview und Uptown mit seinen Mexikanern und Puerto Ricanern, Schwarzen und liberalen Weißen war das Organisieren viel einfacher als im Südwesten, der sich in der Schwarz-Weiß-Konfrontation festgefahren hatte. Unter der Führung eines erfahreneren Organizers organisierten wir beide Straße für Straße und begründeten ein ganzes Netzwerk von Blockclubs, die gemeinsam stadtteilweite Probleme wie Kriminalität, Rauschgift, Slum-Häuser, verdreckte und kaputte Straßen und Verkehrsprobleme bei den Stadtvätern und den zuständigen Behörden anmahnten. Weiterhin waren wir Teil einer von Trapp organisierten stadtweiten Koalition, der „Metropolitan Area Housing Alliance“ (MAHA). Sie erreichte, das die Gerichte einmal im Monat einen Bürgertag einrichteten, bei dem die Bewohner von heruntergewirtschafteten Mietshäusern als Zeugen vorgeladen wurden, um Druck auf die Besitzer auszuüben.

Nach dem Ausscheiden meines Partners war ich für ein Jahr für alles selber verantwortlich und arbeitete manchmal um die hundert Stunden in der Woche, war jeden Abend bis spät unterwegs, kümmerte mich um die Mitfinanzierung meines schmalen Gehalts und der Bürokosten - und entdeckte die Senioren. Die lebten in den zahlreichen Altenheimen der Gegend, die zum Teil in erbärmlichem Zustand waren, was die Bewohnerinnen und Bewohner in ziemliche Rage versetzte. Es waren ein paar taffe Führungspersonen darunter, sodass wir in kurzer Zeit unser erstes öffentliches Meeting abhalten konnten, bei dem das Management dieser Häuser gar keinen guten Eindruck hinterließ, woraufhin sich die Chicagoer Presse und das Fernsehen auf das Thema stürzten. Das wurde zum Selbstläufer, alle Forderungen waren in kurzer Zeit erfüllt - die Siegesfeier wurde mir allerdings verhagelt, weil sich die Leiter der Heime bei den Pfarrern meiner Kirche beschwert hatten und ein Spendenboykott androhten. Statt mit meinen Plänen ernst zu machen, all die unterschiedlichen Gruppierungen zu einer einzigen und übergreifenden Organisiation zu verschmelzen, wurde mir nahe gelegt, mir doch eine andere Arbeit zu suchen. Die Pfarrer hatten kalte Füsse bekommen, und selbst meine Führungsleute konnten sie nicht mehr umstimmen - das Geld war wichtiger. So  hatten sich nach zwei weiteren Jahren in Chicago mein Traum und Ehrgeizvon einer Organizer-Karriere erfüllt, und ich war überrascht, was sich mit diesem nützlichen Werkzeug alles erreichen ließ, wie erfolgreich man alternative Bürgerpolitik betreiben und damit dem öffentlichen Leben eine ganz neue Ebene einziehen konnte - doch wie schnell man beim Aufbau von Gegenmacht mit der etablierten Macht ins Gehege kommen und in die Wüste geschickt werden konnte. Und das tat mächtig weh! Oder war ich nicht professionell genug gewesen? Ich nahm Kontakt mit IAF-Direktor Ed Chambers auf, um meine Möglichkeiten bei ihm auszuloten. Wir hatten einen Termin, bei dem seine erste Frage war, was denn mein Vater im Krieg gemacht hätte. Wir beide hatten kein großes Interesse aneinander, ich ging für zwei Monate nach Mexiko, um Spanisch zu lernen und heuerte am 1. Januar 1976 bei der „Community of the Outer Mission Organisations“ (COMO) in San Francisco an.

Am Golden Gate in Kalifornien bekam ich Gelegenheit, mich weiter zu professionalisieren. Die Themen waren dieselben wie in Chicago, auch die Methodik - doch der Stil war unterschiedlich. COMO war von zwei hervorragenden Organisatoren, Larry Gordon und Jim Dickson, gegründet worden, die ihr Geschäft mit sehr viel Herzblut betrieben. Für  beide war ganz wichtig, dass die Organizer so wenig wie möglich in Erscheinung traten, sondern sich auf ihre Rolle als Coach konzentrierten. Das heißt: Keiner von uns sagte seinen Leuten, so und so müßt ihr das Ding aufziehen, sondern wir durchdachten mit ihnen das Vorgehen so lange, bis sie selber zu den notwendigen Schlussfolgerungen gelangten. Das war ein mühsames Unterfangen, aber viel ehrlicher, demokratischer und vor allem motivationsfördernder, als den Leuten die Rezepte fertig aufzutischen. Diese Regel galt auch für die Mitarbeiterkonferenzen, bei denen wir nie irgendwelche Anweisungen, nicht mal Ratschläge erhielten, sondern die beiden Direktoren so geschickte Fragen stellten, das wir uns selber die richtigen Antworten gaben. Ein Thema, das mich ein ganzes Jahr lang begleitete, war ein verlassenes Haus inmitten einer Wohngegend. Im Grunde kein großer Aufreger, aber ich hielt die Sache am Köcheln, konnte immer mehr Leute dafür gewinnen, die wegen nicht erfüllter Versprechen der Stadt immer ärgerlicher wurden, bis wir schließlich in einer Riesenaktion eines Abends den obersten Staatsanwalt der Stadt in seinem Haus besuchten, keine Rebellen, sondern „little old ladies“, wie die Zeitungen schrieben, die ihm den Unrat und die Ratten von dem verwahrlosten Grundstück vor die Tür legten und ihn an seine schlampige Amtsführung erinnerten. Ich werde die Spannng nie vergessen, die in der Luft lag, als er die Tür öffnete, sich die TV-Kameras auf ihn richteten, er entsetzt die Tür zuschlagen wollte, die Leute ihn aber sofort in ein Gespräch verwickelten, wir schließlich in seinem Wohnzimmer über Abhilfe verhandelten und am Ende eine Pressekonferenz abhielten. Das war sozusagen mein Gesellenstück. Diesmal wurde ich nicht verjagt, sondern mein Sprecher Steve Rabisa - der mich bei den ersten Kontakten fast aus dem Haus geschmissen  hätte - fing Feuer und gewann so viel Ansehen, dass er ein paar Monate später für das COMO-Präsidentenamt vorgeschlagen wurde, die Wahl  gewann und während seiner Amtsperiode im Süden der Stadt vieles bewegte.

Nach einem Jahr in San Francisco und insgesamt vier Jahren im Organizing fühlte ich mich Ende 1976 ziemlich ausgebrannt. Die ständige Spät- und Nachtarbeit, die langen Stunden, der ständige Stress, etwas bewegen zu müssen, Druck zu machen und gleichzeitig auszuhalten und schließlich der lausige Verdienst hatten  mich mürbe gemacht. Als  mein schon lange dahinsiechender, 15 Jahre alter Ford Falcon schießlich den Geist aufgab, ich aber meine ersparten tausend Dollar nicht für einen neuen Wagen investieren wollte, den ich ja hauptsächlich nur für die Arbeit benötigte, schmiss ich das Handtuch und reiste mit dem Geld durch Lateinamerika, wo ich mich in Kolumbien niederließ. Ich studierte später in München Publizistik und Politikwissenschaft, kam durch Zufall über ein Stipendium der Bosch-Stiftung zum Wissenschaftsjournalismus und bin seitdem für eine populärwissenschaftliche Zeitschrift tätig. Ausbildung, Familiengründung, berufliche Etablierung - das alles brachte  das CO-Virus fast auf null, bis ich vor vier Jahren auf eine zweiwöchige Recherche nach Chicago fuhr, einen ausführlichen Artikel über die neuesten Entwicklungen schrieb und dabei auch auf foco stieß.

Mein Resumee: CO ist eine zeitlose und grenzüberschreitende Methode, um Staatswesen von der Basis her mit demokratischem Geist zu beleben, jenseits aller politischen Ideologien - das Mittel der Wahl, um uns gesellschaftlich fürs dritte Jahrtausend fit zu machen. Nur zur Erinnerung: Wie CO in Chicago, dem „Harvard“ für Community Organizing, heute funktioniert  - das hat Peter Szynka im letzten Rundbrief sehr lebendig und mit vielen Beispielen beschrieben.        (WG)

Herausgeber: Forum Community Organizing, Website: Michael Rothschuh, Brühl 20 31134 Hildesheim, HAWK