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Rückblick:
Erfahrungen im Community Organizing in den USA in den 70-er Jahren -
und was wir daraus lernen können
von Wolfgang Goede
Mitte Oktober 1972 kam ich als
Freiwilliger von Aktion Sühnezeichen (ASF) zu einem Friedensdienst nach
Chicago und wurde im Community Organizing
(CO) eingesetzt. Ich, Jahrgang 51, bin in der politischen Friedhofsruhe der
Adenauerzeit aufgewachsen, habe im Elternhaus den Wiederaufbau erlebt (meine
Eltern flüchteten 1945 aus Westpreußen, und der Krieg und die Vertreibung
war das Thema Nummer eins auf allen Familienfesten), durchlitt mehr schlecht
als recht eine sehr autoritäre Schulzeit - und wurde 1968 durch die
Studentenunruhen aus dieser - wie
mir immer schien - „eingefrorenen“ Welt
herausgerissen. Doch das war ein
Quell neuen Frusts: Ich verstand die Phrasen von Dutschke & Co nicht, ich
engagierte mich statt dessen in den behüteten und vertrauten Räumen der
evangelischen Kirche für die Dritte Welt, verweigerte den Kriegsdienst und
leistete in einem Alters- und Pflegeheim sowie Krankenhaus anderthalb Jahre
Zivildienst, wo ich die gleichen undemokratischen
Verhältnisse kennenlernte, die mir vorher schon
so sauer aufgestoßen waren. „Das kann‘s doch
noch nicht gewesen sein!“, dachte ich mir am Ende
und nahm sehr dankbar die Gelegenheit an, als „Sühner“ von Aktion Sühnezeichen
nach Amerika zu gehen - sehr zum Verdruß meiner
Eltern, die mich vergebens zum Studium drängten.
1972 begann dann auch für mich die neue
Zeit. Leider habe ich die anderen Deutschen, die damals als
Zivildienstleistende zusammen mit mir als Organizer
die ersten Stolper-Schritte machten, nicht gewinnen können, ihre Eindrücke
und Erfahrungen hier niederzuschreiben - doch ich spreche für sie mit, wenn
ich sage: Es hat uns tief geprägt, und wir zehren bis heute davon.
Statt uns über die Welt, wie sie sein sollte, in verrauchten
Studentenkneipen die Köpfe heiß zu reden, durften
und mußten wir hier auf den Straßen von Chicago
die Welt verändern, ganz pragmatisch und in winzig kleinen Schritten. Ich war
beim Southwest Community
Congress (SCC) gelandet, einer von Alinsky ins
Leben gerufenen Organisation. Er selber war ein
paar Monate vorher gestorben. Die Nachmittage und Abende verbrachte ich in
meiner Nachbarschaft „door knocking“
- Klinken putzen. Ich ging von Tür zu Tür, fragte die Bewohner, Weiße und
Schwarze, nach den Problemen, machte besonders Betroffene ausfindig und
versuchte sie zu überzeugen, ein kleines Treffen zu veranstalten, um nach Lösungen
für die Verbrechenswelle zu suchen. Das gelang mir dann schließlich auch,
ich war sehr aufgeregt - doch leider kam kein einziger von meinen Leuten,
nicht einmal mein Chairman - sondern der als Rassist verschriene
Pastor Father Lawlor
mit seiner weißen Gefolgschaft. Was ich hier als Deutscher denn überhaupt
verloren hätte und ob ich denn die Probleme verstehen könnte, wenn Schwarze
in eine weiße Nachbarschaft einzögen, kam es drohend von der Gruppe, während
ich mich kettenrauchend in Erklärungsversuche flüchtete.
Das Ganze endete als kollossaler
Fehlschlag, sodass mich mein Direktor sofort aus der Gegend herausnahm und
mich in eine gepflegte Mittelklasse-Gegend versetzte. Hier war viel mehr
Distanz zu überwinden, während ich mich mit den unkonventionelleren
Schwarzen viel leichter getan hatte. Doch bald hatte ich den Aufreger
Nummer eins identifiziert: einen Porno-Buchladen. Und, was für ein
Erfolgserlebnis, ich fand eine Chair-Lady, die in
ihrem Wohnzimmer eine Planungssitzung zusammenrief. Die Empörung der
Anwesenden war groß, es wurden Treffen mit verschiedenen Aufsichtsbehörden
beschlossen - doch irgendwie, ich weiß nicht mehr genau warum, verlief die
Sache im Sand. Mein drittes Einsatzgebiet war war
ein Wohngebiet von Litauern, für die ich extra mein Haar ganz kurz schneiden
ließ, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Doch sie sprachen kaum ein Wort Englisch,
ihr Misstrauen mir gegenüber war noch größer als das Father
Lawlors - wieder ein Flopp.
Im schwül-heißen Sommer 73 fand ich mich dann an der Grenze zu den Vororten
wieder, wo eine neue Stadtautobahn geplant war. Auch hier stieß ich schnell
auf Grenzen, weil bereits das „Citizens Action Program“
(CAP) aktiv geworden war. Das war eine stadtweite Koalition der von Alinsky
gegründeten „Industrial Areas Foundation“
(IAF). Überall schien ich auf irgendwie vermintes
Terrain zu stoßen.
Aber auch manche Nächte waren nicht die
reine Lust - besonders die von Montag auf Dienstag. Da hatten wir ab 22 Uhr
unser staff meeting,
Mitarbeiterkonferenz. Hier berichteten wir über unsere Gespräche mit den
Nachbarschaftsleuten, den Problemen und welche wir für organisierbar hielten,
über unsere Nachforschungen, wer für die Probleme verantwortlich war, wer zu
einer öffentlichen Versammlung eingeladen werden konnte, welche Forderungen
dort erhoben werden sollten - und vor allen Dingen, wie man die Leute so
beraten konnte, dass sie eine solche Strategie auch umsetzten. Zu diesen
Treffen erschien auch unser Consultant, Tom Gaudette,
der lange Jahre mit Alinsky gearbeitet hatte,
jetzt aber mit der IAF im Clinch lag. Er hatte die
„Organisation for a better
Austin“ (OBA) und „Northwest Community Organization“
(NCO) aus der Taufe gehoben, die Stadtgeschichte geschrieben hatten, war dann
aus der Leitung aber von dem Pfarrer Sheldon Trapp verdängt worden - dem „enfant
terrible“ in der Organizing Szene. Gaudette
war ein Provokateur, der uns richtig unter
Strom setzte, der uns unsere Themen durchzudenken zwang und auch nicht davor
zurückscheute, jemanden mal vom Stuhl zu schubsen, um ihm zu demonstrieren,
dass er ein unsicherer Kantonist
war und nicht wußte, wohin er wollte. Ja, es
wehte so ein wenig der Hauch eines Wildwest-Saloons,
die Erklärungen waren gewürzt mit derben Flüchen, es wurde eine Bierbüchse
nach der anderen aufgerissen, sodass gegen Ende der Sitzung - in Ausnahmen
gegen eins, oft vier oder fünf Uhr in der Früh - eine ganze Büchsen-Pyramide
den Tisch zierte.
Als ich mich nach einem Jahr auf den Flug
in die Heimat machte, war ich vom Organizing-Virus
infiziert - obwohl ich ja nicht allzuviel auf die
Beine gestellt hatte. Immerhin hatte ich zur SCC-Jahreshauptversammlung
200 Leute produzieren können und dazu beigetragen, dass die Organisation
trotz vieler Probleme überlebte, bis heute (wie mir eine ehemalige
ASF-Freiwillige berichtete, die dort Ende der 90er Jahre gearbeitet hatte), während
NCO seine Tore schließen mußte. In den vielen Community
Organisationen Chicagos, in die ich im Laufe des Jahres hineingeschnuppert
hatte, wurde ich Zeuge, wie Underdogs lernten, ihr Leben in die eigenen Hände
zu nehmen und sich gegen politisch organisierte Macht durchzusetzen. Das war
nicht die Revolution, von denen die 68-er träumten, sondern oft nur eine
Kleinigkeit - dass der Ratsherr einem Stopp-Schild zustimmen
musste, weil die Leute es ganz fest wollten, die Argumente auf ihrer Seite
hatten und glaubhaft machen konnten, dass Sie ein Nein nicht hinnehmen würden.
Hier in Amerika kam die Revolution auf viel leiseren Sohlen daher, aber sie
griff den Menschen direkt ins Herz und in die Seele - ohne großes
rhetorisches Getöse.
So war mein weiterer Weg schon beinah
vorgezeichnet: Nach drei Monaten Studium kehrte ich Anfang 1974 nach Chicago
zurück und erhielt durch Vermittlung von Shel
Trapp und gesponsert von der katholischen Caritas einen Organizer-Job
im Norden der Stadt in der Pfarrgemeinde „St. Mary of the
Lake“. In dem bunten Ethno-Mix
der Stadtteile Lakeview und Uptown
mit seinen Mexikanern und Puerto Ricanern, Schwarzen und liberalen Weißen war
das Organisieren viel einfacher als im Südwesten, der sich in der Schwarz-Weiß-Konfrontation
festgefahren hatte. Unter der Führung eines erfahreneren Organizers
organisierten wir beide Straße für Straße und begründeten ein
ganzes Netzwerk von Blockclubs, die gemeinsam stadtteilweite Probleme wie
Kriminalität, Rauschgift, Slum-Häuser, verdreckte und kaputte Straßen und
Verkehrsprobleme bei den Stadtvätern und den zuständigen Behörden
anmahnten. Weiterhin waren wir Teil einer von Trapp organisierten stadtweiten
Koalition, der „Metropolitan Area
Housing Alliance“ (MAHA).
Sie erreichte, das die Gerichte einmal im Monat einen Bürgertag einrichteten,
bei dem die Bewohner von heruntergewirtschafteten Mietshäusern als Zeugen
vorgeladen wurden, um Druck auf die Besitzer auszuüben.
Nach dem Ausscheiden meines Partners war
ich für ein Jahr für alles selber verantwortlich und arbeitete manchmal um
die hundert Stunden in der Woche, war jeden Abend bis spät unterwegs, kümmerte
mich um die Mitfinanzierung meines schmalen Gehalts und der Bürokosten - und
entdeckte die Senioren. Die lebten in den zahlreichen Altenheimen der Gegend,
die zum Teil in erbärmlichem Zustand waren, was die Bewohnerinnen
und Bewohner in ziemliche Rage versetzte. Es waren
ein paar taffe Führungspersonen darunter, sodass
wir in kurzer Zeit unser erstes öffentliches Meeting abhalten konnten, bei
dem das Management dieser Häuser gar keinen guten Eindruck hinterließ,
woraufhin sich die Chicagoer Presse und das Fernsehen auf das Thema stürzten.
Das wurde zum Selbstläufer, alle Forderungen waren in kurzer Zeit erfüllt -
die Siegesfeier wurde mir allerdings verhagelt, weil sich die Leiter der Heime
bei den Pfarrern meiner Kirche beschwert hatten und ein Spendenboykott androhten.
Statt mit meinen Plänen ernst zu machen, all die unterschiedlichen
Gruppierungen zu einer einzigen und übergreifenden Organisiation
zu verschmelzen, wurde mir nahe gelegt, mir doch eine andere
Arbeit zu suchen. Die Pfarrer hatten kalte Füsse
bekommen, und selbst meine Führungsleute konnten
sie nicht mehr umstimmen - das Geld war wichtiger. So
hatten sich nach zwei weiteren Jahren in Chicago mein Traum und Ehrgeizvon
einer Organizer-Karriere erfüllt, und ich war überrascht,
was sich mit diesem nützlichen Werkzeug alles erreichen ließ, wie
erfolgreich man alternative Bürgerpolitik betreiben und damit dem öffentlichen
Leben eine ganz neue Ebene einziehen konnte - doch
wie schnell man beim Aufbau von Gegenmacht mit der etablierten Macht ins
Gehege kommen und in die Wüste geschickt werden konnte. Und das tat mächtig
weh! Oder war ich nicht professionell genug gewesen? Ich nahm Kontakt mit
IAF-Direktor Ed Chambers auf, um meine Möglichkeiten bei ihm auszuloten. Wir
hatten einen Termin, bei dem seine erste Frage war, was denn mein Vater im
Krieg gemacht hätte. Wir beide hatten kein großes Interesse aneinander, ich
ging für zwei Monate nach Mexiko, um Spanisch zu lernen und heuerte am 1.
Januar 1976 bei der „Community of the
Outer Mission Organisations“
(COMO) in San Francisco an.
Am Golden Gate
in Kalifornien bekam ich Gelegenheit, mich weiter zu professionalisieren. Die
Themen waren dieselben wie in Chicago, auch die Methodik - doch der Stil war
unterschiedlich. COMO war von zwei hervorragenden Organisatoren, Larry Gordon
und Jim Dickson, gegründet worden, die ihr Geschäft
mit sehr viel Herzblut betrieben. Für beide
war ganz wichtig, dass die Organizer so wenig wie
möglich in Erscheinung traten, sondern sich auf ihre Rolle als Coach
konzentrierten. Das heißt: Keiner von uns sagte seinen Leuten, so und so müßt
ihr das Ding aufziehen, sondern wir durchdachten mit ihnen das Vorgehen so
lange, bis sie selber zu den notwendigen Schlussfolgerungen gelangten. Das war
ein mühsames Unterfangen, aber viel ehrlicher, demokratischer und vor allem
motivationsfördernder, als den Leuten die Rezepte fertig aufzutischen. Diese
Regel galt auch für die Mitarbeiterkonferenzen, bei denen wir nie
irgendwelche Anweisungen, nicht mal Ratschläge erhielten, sondern die beiden
Direktoren so geschickte Fragen stellten, das wir uns selber die richtigen
Antworten gaben. Ein Thema, das mich ein ganzes Jahr lang begleitete, war ein
verlassenes Haus inmitten einer Wohngegend. Im Grunde kein großer Aufreger,
aber ich hielt die Sache am Köcheln, konnte immer
mehr Leute dafür gewinnen, die wegen nicht erfüllter Versprechen der Stadt
immer ärgerlicher wurden, bis wir schließlich in einer Riesenaktion eines
Abends den obersten Staatsanwalt der Stadt in seinem Haus besuchten, keine
Rebellen, sondern „little old ladies“,
wie die Zeitungen schrieben, die ihm den Unrat und die Ratten von dem
verwahrlosten Grundstück vor die Tür legten und ihn an seine schlampige
Amtsführung erinnerten. Ich werde die Spannng nie
vergessen, die in der Luft lag, als er die Tür öffnete, sich die TV-Kameras
auf ihn richteten, er entsetzt die Tür zuschlagen wollte, die Leute ihn aber
sofort in ein Gespräch verwickelten, wir schließlich in seinem Wohnzimmer über
Abhilfe verhandelten und am Ende eine Pressekonferenz abhielten.
Das war sozusagen mein Gesellenstück. Diesmal wurde ich nicht verjagt,
sondern mein Sprecher Steve Rabisa - der mich bei
den ersten Kontakten fast aus dem Haus geschmissen
hätte - fing Feuer und gewann so viel Ansehen, dass er ein paar Monate
später für das COMO-Präsidentenamt
vorgeschlagen wurde, die Wahl gewann
und während seiner Amtsperiode im Süden der Stadt vieles bewegte.
Nach einem Jahr in San Francisco und
insgesamt vier Jahren im Organizing fühlte ich
mich Ende 1976 ziemlich ausgebrannt. Die ständige Spät- und Nachtarbeit, die
langen Stunden, der ständige Stress, etwas bewegen zu müssen, Druck zu
machen und gleichzeitig auszuhalten und schließlich der lausige Verdienst hatten
mich mürbe gemacht. Als mein
schon lange dahinsiechender, 15 Jahre alter Ford Falcon
schießlich den Geist aufgab, ich aber meine
ersparten tausend Dollar nicht für einen neuen Wagen investieren wollte, den
ich ja hauptsächlich nur für die Arbeit benötigte, schmiss ich das Handtuch
und reiste mit dem Geld durch Lateinamerika, wo ich mich in Kolumbien
niederließ. Ich studierte später in München Publizistik und
Politikwissenschaft, kam durch Zufall über ein Stipendium der Bosch-Stiftung
zum Wissenschaftsjournalismus und bin seitdem für eine populärwissenschaftliche
Zeitschrift tätig. Ausbildung, Familiengründung, berufliche Etablierung -
das alles brachte das CO-Virus
fast auf null, bis ich vor vier Jahren auf eine zweiwöchige Recherche nach
Chicago fuhr, einen ausführlichen Artikel über die neuesten Entwicklungen
schrieb und dabei auch auf foco stieß.
Mein Resumee:
CO ist eine zeitlose und grenzüberschreitende Methode, um Staatswesen von der
Basis her mit demokratischem Geist zu beleben, jenseits aller politischen
Ideologien - das Mittel der Wahl, um uns gesellschaftlich fürs dritte
Jahrtausend fit zu machen. Nur zur Erinnerung: Wie CO in Chicago, dem
„Harvard“ für Community Organizing,
heute funktioniert - das hat
Peter Szynka im letzten Rundbrief sehr lebendig
und mit vielen Beispielen beschrieben.
(WG)
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