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Mehr Bürger-Beteiligung durch mehr Bürger-Macht von Wolfgang Goede, 2005 Deutschland in der Krise. Landauf, landab wird derzeit heftigst diskutiert, wie Bürger sich intensiver einbringen und durch größere Beteiligung die Muskeln der Demokratie stärken können. Schlüsselbegriffe in der Debatte sind “Zivilgesellschaft“ und “bürgerschaftliches Engagement“. Parallel dazu läuft die Auseinandersetzung um Sozialreformen, die die Menschen unabhängiger vom Staat machen sollen und ihre Selbstverantwortung betonen. Überwölbt wird das Ganze von Meldungen über leere öffentliche Kassen sowie die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm in Deutschland: Der Anteil der von Armut betroffenen Haushalte stieg von 1998 bis 2004 von 12,1 auf 13,5 Prozent. Im Schatten der Globalisierung lahmt auch die deutsche Wirtschaft. Immer mehr Industrien und Arbeitsplätze wandern in Billiglohnländer aus, was zum einen die Arbeitslosigkeit weiter steigen, zum anderen die Steuerloch weiter anwachsen lassen wird. In der Diskussion um geeignete Gegenstrategien meldet sich das Forum Community Organizing foco e.V. zu Wort. Die Mitglieder des Vereins kommen zum großen Teil aus den Sozialberufen. Sie orientieren sich an der 70 Jahre alten Tradition des US-amerikanischen “Community Organizing“ (CO) und haben diese Methode in Deutschland in der Sozialarbeit wie auch in der allgemeinen Öffentlichkeit ins Gespräch gebracht. Die US-Methode bietet einen Werkzeugkasten an mit praktischen Schritten, die Angehörigen der unteren sozialen Schichten und sozial Benachteiligten erlauben, eine stärkere politische Beteiligung durchzusetzen. Mit der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen wird das Sozialsystem und die Gesellschaft insgesamt stabilisiert. foco’s Wurzeln gehen auf den Anfang der 1990er Jahre zurück, als drei Studenten der Freiburger Universität über das amerikanische CO ihre Diplomarbeit schrieben. Diese erschien als Buch unter dem Titel “Let’s Organize!“ und sorgte in der Fachöffentlichkeit für Aufsehen. 1993 und 1995 führten zwei professionelle Organisatoren aus den USA Trainings in Deutschland durch, die von fast 40 Teilnehmern besucht wurden. foco veranstaltete zwei Studienreisen nach Amerika, bei denen über 20 Mitglieder an Ort und Stelle die Praxis des CO kennenlernten, andere Mitglieder arbeiteten in US-Städten längere Zeit als Community Organizer. In den letzten zehn Jahren haben foco-Mitglieder 50 Trainings in Deutschland durchgeführt, Bücher und Beiträge in den Medien über Bürgeraktivierung veröffentlicht, regelmäßig einen Rundbrief mit den neuesten Entwicklungen herausgegeben und CO-Strategien in die soziale Arbeit eingeführt. Derzeit ist auf Einladung von foco und unterstützt durch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ein erfahrener amerikanischer Organisator zu Gast in Deutschland. Reverend Paul Cromwell, Pfarrer der “United Church of Christ“ mit über 20jähriger Erfahrung als Community Organizer, hat mehrere Monate lang das Land bereist. Dabei führte er mit Professoren an Ausbildungsstätten für Sozialberufe, Vertretern der Kirchen und Parteien sowie Sozial- und Gemeinwesenarbeitern ausführliche Gespräche. Cromwells Erkenntnisse: Überall wollen die Menschen sich mehr beteiligen und die Zivilgesellschaft auf Trab bringen – doch es fehlen Knowhow, Trainingsangebote und professionelle Unterstützung. In Leipzig möchten Nachbarschaftsgruppen lernen, wie sie mehr Menschen in ihre Arbeit einbeziehen können. Eine Organisation in Hamburg will die im Stadtteil isolierten Migranten zum Mitmachen ermutigen, Senioren in München wollen die Probleme älterer Menschen adressieren. In Wuppertal möchten Pfarreien besser mit dem diakonischen Werk kooperieren, um die Qualität der Sozialdienste anzuheben. Alle von Cromwell interviewten Personen hatten großes Interesse, mit dem “CO-Werkzeugkasten“ ihre Visionen zu realisieren – “aber dafür müssen wir uns ein Mal im Monat mit einem Profi beraten“, hieß es. Für solche Fachkräfte hatte foco bisher kein Geld, doch eine Fundraising-Aktion könnte Abhilfe schaffen. Community Organizing zeichnet sich durch drei markante Eigenschaften aus, die es von der traditionellen Sozial- und Gemeinwesenarbeit unterscheidet. -> Katechismus für sozial Benachteiligte: Regisseure ihrer eigenen Biografie werden lassen Während Sozialeinrichtungen gewöhnlich bei den Defiziten ihrer Klienten ansetzen, stellt CO deren Stärken und Talente in den Vordergrund: Von Sozialproblemen Betroffene sind die besten Indikatoren dafür, was in den Nachbarschaften und Stadtteilen schief läuft, welche Probleme angepackt werden müssen und wie die Lösungen dafür aussehen könnten. CO fußt auf dem Recht, dass auch und insbesondere benachteiligte Menschen einen Anspruch darauf haben, ihr eigenes Leben selbständig zu gestalten – nur so werden sie zu tatkräftigen Staatsbürgern. Griffig hat das der Düsseldorfer Soziologe Norbert Herriger in seinem Buch „Empowerment in der sozialen Arbeit“ formuliert: „Klienten Regisseure ihrer eigenen Biografie werden lassen“, empfiehlt er. -> Tragfähige Grundlage sozialer Arbeit: Knüpfen eines Netzes öffentlicher Beziehungen Im Community Organizing beginnt der Beteiligungsprozess damit, dass Benachteiligte zuallererst nach ihren Erfahrungen, Eindrücken und Problemwahrnehmungen befragt werden, was intensives Zuhören verlangt. Das geschieht in der Regel bei einem persönlichen halbstündigen Gespräch. Davon werden oft mehrere Hundert geführt, durch den Organisator und durch von ihm angeleitete Mitbetroffene und Laien. In einem sich anschließenden Vernetzungsprozess kommen die Befragten zusammen, um Problemlösungsstrategien zu entwerfen, wobei sie gleichzeitig ihre soziale Isolation überwinden. Sie selber untersuchen die Machbarkeit ihrer Vorschläge, einigen sich auf die wichtigsten und treten mit ihnen an die öffentlichen Entscheidungsträger heran. Bei den Verhandlungen müssen die Angehörigen der sozialen Randgruppen ein wichtiges Wort darüber haben, welche Lösungen am brauchbarsten für sie sind. Der Organisator ist in diesem ganzen Prozess nur Katalysator und Coach – die Experten sind die Betroffenen. Für diese Art von Partnerschaft in der sozialen Arbeit plädiert auch der Münchner Gemeindepsychologe Heiner Keupp. -> Ein neuer Machtbegriff, der die Liebe einbezieht Der Schüsselbegriff im Community Organizing ist Macht – ein vielfältig auslegbares Wort mit hoher emotionaler Aufladung, dem man in der Sozialarbeit und Bürgeraktivierung in Deutschland gern ausweicht, vermutlich aus Angst, hatten doch auch Nationalsozialisten und Kommunisten das “Empowerment“ der kleinen Leute auf ihre Fahnen geschrieben, eklatant missbraucht und die traumatischen Zusammenbrüche der so konzipierten Staatensysteme herbeigeführt. Deshalb an dieser Stelle die Definition von Macht aus der Feder des US-Bürgerrechtlers Martin Luther King, der radikaler Lehren unverdächtig ist: “Macht ist die Fähigkeit, ein Ziel zu erreichen. Sie ist die Kraft, die erforderlich ist, um soziale, politische und wirtschaftliche Änderungen herbeizuführen. In diesem Sinne ist Macht nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, um die Forderungen von Liebe und Gerechtigkeit in die Tat umzusetzen. Eines der größten Probleme in der Geschichte ist, dass Liebe und Macht gewöhnlich als Gegensätze betrachtet werden. Liebe ist ein Verzicht auf Macht und Macht eine Verweigerung von Liebe...Wir müssen begreifen, dass Macht ohne Liebe rücksichtslos, Liebe ohne Macht blutleer ist. Macht auf seinem höchsten Niveau ist Liebe, die den Forderungen nach Gerechtigkeit nachkommt. Gerechtigkeit auf ihrem höchsten Niveau ist Liebe, die alles beseitigt, was der Liebe im Wege steht“ (aus: Where Do We Go From Here: Chaos or Community?, 1967). Ohne dieses Verständnis von Macht werden nur die Symptome kuriert, die Wurzeln der Probleme bleiben hingegen verborgen. Macht stellt sich in demokratischen Gesellschaften in zwei Formen dar: organisiertem Geld und organisierten Menschen. Den unteren sozialen Klassen und Randgruppen fehlt die Geldmacht – wenn sie sich aber organisieren, entwickeln sie gesellschaftliche Macht, eine Lobby, die sicherstellt, dass ihnen die Entscheidungsmacher zuhören. Zusammengefasst: Ziel von CO ist der Aufbau unabhängiger Bürgerorganisationen, die sich im lokalen, vorparlamentarischen Raum selbstbestimmt für ihre eigenen Interessen einsetzen. Macht entsteht durch eine möglichst breite Basis öffentlicher Beziehungen zwischen den Menschen. CO ist vernetzend, handlungsorientiert, partizipativ, konfliktiv, demokratiefördernd und ein elementarer Baustein der Zivilgesellschaft. Das zum großen Teil in Chicago entwickelte Community Organizing lässt sich problemlos in die politische Kultur Europas und Deutschlands integrieren. Der Ansatz ist eingebettet in die abendländische Tradition politischer Selbst- und Mitbestimmung, die erstmals vor 2500 Jahren in Athen Geschichte schrieb. Community Organizing steht im Geist der Aufklärung und ihres großen Vordenkers Immanuel Kant, der die Mündigkeit des Einzelmenschen dem Absolutismus staatlicher Apparate entgegenstellte. Letztlich reiht sich Community Organizing auch nahtlos ein in die großen Aufbrüche seit 1968: Bürgerinitiativen, die Frauen-, Selbsthilfe- und Agenda-Bewegung – mit dem Unterschied, dass CO sich breiter aufstellt, nicht re-aktiv auf Missstände reagiert, sondern pro-aktiv die soziale Zukunft mitgestaltet. Im November 2004 veranstaltete die Landeshauptstadt Hannover die Tagung “BürgerInnen-Beteiligung im Stadtteil“, die von foco mitgetragen und bei der das Community Organizing in Theorie und Praxis sowie Übertragbarkeit einer großen Fachöffentlichkeit vorgestellt wurde (ein ausführlicher Tagungsbericht erscheint bei: www.stadtteilarbeit.de). In seinem Impuls-Referat zum Auftakt der Veranstaltung beklagte Hannovers Kämmerer Stephan Weil die „politische Verarmung“ im Lande: Immer mehr Bürger verlören Interesse an der Politik. Die Atrophie der politischen Muskeln ist heilbar: Wenn die Bürger an Politik nicht nur teilnehmen, sondern Politiker die Bürger an der Macht teilhaben lassen würden. Der Autor, Wolfgang C. Goede, ist Politologe M.A. und war Community Organizer in Chicago und San Francisco. |
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Herausgeber: Forum Community Organizing, Website: Michael Rothschuh, Brühl 20 31134 Hildesheim, HAWK
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