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Kap. 7- ACORN[1]: Nationales Programm und lokale Themen

Geschichte und Struktur von ACORN.

Prioritäten von Acorn

Beispiel: ACORN- Berichte vom November und Dezember 2002.

Kommentar..

Geschichte und Struktur von ACORN

Eine deutlich andere politische Kultur als das broad-based Organizing bildet das auf Einzelmitgliedschaften basierte Organizing des CO.

ACORN sieht sich als größte CO von Familien mit kleinem und geringem Einkommen mit mehr als 120.000 Mitgliedsfamilien, die in 600 Nachbarschaftsabteilungen in 45 Städten quer durchs Land organisiert sind.

Auf der März-Titelseite 2002 von www.acorn.org ist der Aufmacher ein Foto von einer Aktion am 5. März 2002, wo 500 ACORN -Mitglieder an einer Versammlung vor dem Gesundheitsministerium teilgenommen haben, um sich gegen einen Plan von Bush zu wenden. Einen Tag später, so heißt es dabei, hat Bush Verbesserungen im Plan angekündigt

Die Darstellung von Erfolgen ist für ACORN notwendig, denn ACORN existiert wesentlich von den Mitgliedsbeiträgen der einzelnen Familien. 

Wir glauben, dass die soziale Veränderung von unten nach oben kommt. Unsere Organizer sind jeden Tag auf den Straßen, klopfen an die Tür und gewinnen neue Mitglieder.

ACORN ist vor 1975 entstanden[2] , zunächst in Arkansas, dann verbreitet auf immer mehr Orte und Staaten. ACORN hat sich immer politisch verstanden, d.h. versucht, Einfluss auf die Politik zu nehmen durch Förderung von einzelnen Kandidaten der großen Parteien oder durch Aufstellung von eigenen Kandidaten, durch Beteiligung an Kongressen und die Aufstellung von konkreten Forderungen. Dabei hatte es in Zeiten der Präsidenten der Demokratischen Partei häufig auch in gewissem Maß Zugang zum Weißen Haus – Clinton rühmt sich in einem Video zum 25jährigen Jubiläum seiner früheren Mitarbeit bei ACORN. Neben die unmittelbare Arbeit in den Nachbarschaften sowie die Durchführung von Kampagnen ist in den 80er und 90er Jahren die Beteiligung an ökonomischen Programmen getreten, wie dem Reinvestment Act und einem Housing Programm.

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Prioritäten von Acorn

·         besseres Wohnen für Leute, die zum ersten Mal ein Haus kaufen, und für Mieter,

·         Living Wages , d.h. Löhne, von denen man leben kann, für Leute, die wenig verdienen,

·         mehr Investitionen in unsere Communities von den Banken und Regierungen und 

·         bessere öffentliche Schulen.

Diese Ziele werden dadurch erreicht, dass CO´s geschaffen werden, die die Macht haben, Änderungen zu gewinnen durch

·         direkte Aktionen,

·         Verhandlungen,

·         Gesetzgebung und

·         Wahlbeteiligung.

Eingeschlossen werden aber auch Taktiken der Konfrontation wie Streiks, Sit-Ins, Besetzungen und auch dass Aktivisten „sometimes go to jail“, also hin und wieder ins Gefängnis gehen,

Wer die Monatsberichte von ACORN, die regelmäßig über COMM-ORG verbreitet werden, ansieht, erkennt zwei Stränge der Aktivitäten: Aktionen nach dem Muster des klassischen CO an den jeweils lokal gefundenen Themen sowie Kampagnen zu den oben genannten wiederkehrenden Themen.

Anders als viele andere Community Organisationen hat ACORN ein formuliertes Programm, eine „People´s Platform“[3].

Darin knüpft ACORN an die Sprache der amerikanischen Revolution an:

Wir bringen nicht eine Petition “mit dem Hut in der Hand” vor, sondern erheben uns als ein Volk und fordern ein.

Genug ist genug.

Wie wollen nicht länger an der Tür von Amerika auf die Krumen warten .Wir wollen nicht verkümmern an vergangenen Versprechen, sondern uns gütlich tun an den kommenden Träumen.

Das ist nicht nur eine simple Vision, sondern ein detaillierter Plan.

Dieser Plan wird auf verschiedene Bereiche angewandt: Energie, Bildung,  Gesundheit, Wohnen, Arbeit, Landwirtschaft, Stadt- und Stadtteilentwicklung, Öffentliche Dienste, Schulen, Steuerreform, Sicherheit, Reform der Verfolgung und Prävention von Vergewaltigungen, Drogenpolitik, Sicherung der Bürgerrechte, Mehr Demokratie.

Bezogen auf die verschiedenen innenpolitischen Felder sieht diese People´s Platform durchaus aus wie ein beachtliches Grundsatz- und Parteiprogramm einer progressiven Partei, die im linken Spektrum angesiedelt ist.

Und in der Tat ist ACORN zum einen verbündet mit der New Party  (www.newparty.org) und nimmt zum anderen an Wahlkampagnen teil:

Während andere CO´s noch daran glauben, dass man beim Wahltag am Rand sitzen sollte, ist ACORN den Weg zur Registrierung von Wählern, Mobilisierung von Mitgliedern und Bewerbung für Wahlen gegangen… Zunehmend bewerben sich ACORN – Leute auch für öffentliche Ämter.

Aber neben der unmittelbaren Organisation der Menschen gibt es auch die ACORN Housing Corporation[4], die an einem Bundesprogramm teilnimmt und Menschen mit niedrigem oder mittlerem Einkommen den Bau und die Renovierung von verlassenen Häusern ermöglicht. Mithilfe von Eigenarbeit können Familien die Häuser kaufen, während das Land das Eigentum von ACORN bleibt. Auf diesem Weg, so ACORN, sind in knapp 20 Jahren 25000 Menschen Hauseigentümer geworden.

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Beispiel: ACORN- Berichte vom November und Dezember 2002

Die Association of Community Organizations for Reform Now (ACORN) gibt jeden Monat einen Bericht vor allem über ihre „Erfolge“ heraus. Er ist ein guter Einblick in die Themen, denen sich Community Organizing derzeit widmet - nicht nur bei ACORN.

Im Bericht vom November 2002  schlagen sich auch die Zwischenwahlen in den USA nieder, bei denen es ja nicht nur um Gouverneure, Senatoren und Abgeordnete ging, sondern auch um viele lokale Abstimmungen und Wahlen für verschiedenste Ämter. ACORN gehört zu den Community Organisationen, die versuchen, Menschen aus ärmeren Regionen zum Wählen zu bringen und sie für ihre Interessen bei den Wahlen zu mobilisieren. Ein gewollter zweiter Effekt solcher Mobilisierung ist, dass ACORN selbst stärker bekannt wird, mehr Mitglieder und damit mehr Macht bekommt.

 

AUS DEM MONATSBERICHT NOV.2002

In Chicago und anderen Orten ist der living wage (der Lohn, der es ermöglicht zu leben) angehoben, in Chicago um §1.45 auf §9.05. Das bedeutet für Tageslöhner, Parkwächter, Kassiererinnen, Wachleiute, ArbeiterInnen in der Gesundheitsfürsorge und Haushaltshilfen eine Steigerung von etwa §3000 je Jahr.
 

In Baltimore wurde eine u.a. von ACORN lancierte Änderung der Wahlbezirke angenommen. Es gibt jetzt mehr und kleinere Wahlbezirke; dadurch gibt es jetzt auch in den ärmeren Wahlbezirken Abgeordnete, die dort leben und den WählerInnen Rechenschaft schulden.

Berichtet wird über teilweise gelungene Gesetzesinitiativen und Abstimmungen, z.B.:

·         über Zwangsräumungen

·         zur Vergabe von  fairen Krediten für den Hausbau, 

·         gegen Steuerreduzierungen, weil diese den Abbau von Dienstleistungen zur Folge hätten.

Eine Finanzdienstleistungsgesellschaft, die von ACORN Praktiken des „räuberischen Verleihens“ beschuldigt wird, ist verkauft worden. ACORN schreibt sich einen Anteil an dem Niedergang der Gesellschaft zu. Jetzt hofft ACORN, dass die angestrebten Reformen bei dem neuen Eigentümer durchgesetzt werden können, weil die Opfer von Houshold in einer hoffnungslosen finanziellen Situation sind.

In Florida ist ein Referendum verabschiedet, das kleinere Klassen in öffentlichen Schulen vorsieht.

 

ACORN hat zur Registrierung und Beteiligung von 100.000en neue WählerInnen beigetragen in einer unparteiischen Kampagne „Geht zur Wahl“ .
Bei den Haustürgesprächen findet ACORN  Themen heraus, die die Menschen bewegen: Hauseigentum, höhere Löhne, Gesundheitsfürsorge für die Kinder, teure Elektrizität, überfüllte Schulen.

ACORN verklagt einen „predatory lender“ . Plakate: „Vorsicht: Kredithai in der Nachbarschaft!“

Bostons Hausmeister siegen nach einem Streik mit ihren Forderungen; Löhne werden um $3 erhöht auf bis zu 13.15$.

ACORN in Washington DC fordert erschwingliche Wohnungen und führt ein öffentliches Forum gegen die Entwicklung von Luxuswohnungen in Capitol Hill durch. Für den 21.11. kündigt ACORN eine Demonstration an, worauf die Entwicklungsgesellschaften lt. Washinton Post tatsächlich reagieren mit dem Versprechen, erschwingliche Wohnungen zu bauen.

Für in den USA lebende Menschen aus der Dominicanischen Republik wird eine ACORN- Abteilung  gegründet, die auch soziale Veränderung in der Dominicanischen Republik unterstützen soll.

In 9 großen Städten gibt es zum Tag der Kinder ACORN- Aktionen für Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den Straßen.

 

Im Dezember-Bericht (Rundmail an acornupdatesplusq@acorn.org, 20.12.2002) zieht der Präsident der Organisation eine Jahresbilanz. Einerseits wird das Wachstum und die Stärke von ACORN hervorgehoben, andererseits die Bedrohung der bisherigen Erfolge durch die neue republikanische Mehrheit im US- Kongress.

Aber es kann auch sein, dass Kongress, Präsident und Republikanische Partei zu weit gegangen sind…in ihrer selbstgerechten Verachtung der Meinung des Volkes, zu unbarmherzig sind in ihre radikalen „Konservatismus“…Wenn wir organisiert sind, können wir hoffen, dass im kommenden Jahr die diskriminierenden Praktiken der Kreditindustrie beschränkt werden statt geschützt zu werden. Wir können die Wiederherstellung des (durch Preissteigerungen) verlorenen Wertes des Mindestlohnes fordern, ebenso wie eine Rückkehr zu wirklich öffentlichen Schulen (statt Privatisierung)…

Es wird kein einfacher Kampf. Wir sind die Mehrheit, aber wir müssen geschmeidig sein, strategisch und unvermindert. Ich dränge euch, ACORN in diesem Kampf beizutreten.

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Kommentar

Im Spektrum des CO hat ACORN meines Erachtens die größte Nähe zu den Parteien. Ähnlich wie die Grünen in ihrer Entstehungszeit versuchen sie eine programmatische Verbindung zwischen sozialen Aspekten, Bürgerrechtsfragen und Umweltthemen. Ähnlich wie diese versuchen sie auch den außerparlamentarischen Weg zunehmend mit dem parlamentarischen zu verbinden, z.B. durch die Teilnahme bei Wahlen und Aufstellung von Kandidaten, wobei das Wahlrecht in den USA eine direkte parlamentarische Vertretung einer dritten Partei praktisch nicht ermöglicht.

Ein chilenischer Organizer von ACORN 1998 auf meine Frage, ob es auch in Chile CO gäbe:

Nein, das ist dort nicht notwendig, da gibt es ja eine starke sozialistische Partei.

Ein klarer Unterschied zu den Parteien ist, dass ACORN über das Prinzip des „member-based“ eine unmittelbare Aktivierung von Leuten mit niedrigem Einkommen anstrebt und, um zu überleben, erreichen muss. Dies führt auch dazu, dass ACORN so etwas wie nützliche Dienstleistungen anbietet, die den Mitgliedern deutlich machen, dass sie etwas Konkretes davon haben, Mitglieder zu werden: Leichteren Zugang zu den von ACORN ausgehandelten Jobs, Möglichkeiten ein Haus zu erwerben.

Kritisch gesehen werden bei ACORN (siehe dazu auch Swarts) die Arbeitbedingungen der Organizer, die durch zum einen durch hohe Belastung und wenig Einkommen geprägt sind, zum anderen durch ein zwar effektives, aber nicht vieldimensionales Training on the job. Zusammen genommen führt dies zu einer hohen Fluktuation der MitarbeiterInnen. Im Gegensatz vor allem zum religiös basierten Community Organizing wird offenbar zu wenig Wert gelegt auf die persönliche Entwicklung der einzelnen Mitarbeiter wie auch der Beziehungen zwischen ihnen und den Führungspersonen



[1] http://www.acorn.org/ vgl. zur Beschreibung der Arbeitsweise von ACORN siehe auch weiter unten Kapitel 8 zu Swarts vergleichender Untersuchung

[2] Dan Russel, ca. 1995, acorn.org/whoisacorn/history.html (geladen 16.1.2003), auf diese Seite wird auch 2003 noch von ACORN verwiesen.

[3] http://acorn.org/whoisacorn/platform.html

[4] http://www.acornhousing.org/

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