forum-community-organizing.de    

    foco   foco

Stand: 16.02.2008

Home ] Nach oben ] Über foco ] Nachrichten ] Rundbriefe ] Training ] foco-Buch 1996 ] CO-Europe ] foco-Bibliothek ]

Home
Nach oben
Über foco
Nachrichten
Rundbriefe
Training
foco-Buch 1996
CO-Europe
foco-Bibliothek

 

Kap. 5- Professionelles Organizing auf der Basis von Religionen-
Eine Untersuchung zum “Faith Based  Community Organizing“ (FBCO)

_

Kennzeichen des FBCO..........................................................................................................

Ergebnisse der Untersuchung..................................................................................................
Kommentar: FBCO und der Anspruch der „Breiten Basis“.........................................................

 

Beim Faith Based Community Organizing (FBCO) geht es um CO, das vorwiegend von christlichen oder jüdische Gemeinden, z.T. auch Gemeinschaften anderen Glaubens, durchgeführt wird. Es wird teilweise auch Church Based CO oder auch Congregational CO genannt.

FBCO strebt einen machtvollen Beitrag zu Amerikas Demokratie an. Die Gruppen, die in FBCO einbezogen sind, versuchen, das öffentliche Leben zu verbessern, indem sie sich auf demokratisches Handeln vorwiegend in den religiösen Institutionen stützen, die das tägliche Leben der Familien und Communities strukturieren. FBCO entwickelt Führerschaft, die von diesen Institutionen ausgeht und von anderen, wie Schulen und Gewerkschaften, hin zu wirksamen Führern für die Communities.  FBCO …versuchen, unterschiedliche Communities zusammen zu bringen, um die Partizipation auszuweiten in der öffentlichen Sphäre. [1]

Warren und Wood haben alle lokalen, FBCO untersucht, von denen die Autoren wussten, dass sie 1999 in den USA aktiv waren.[2]

(nach oben)


Kennzeichen des FBCO

Als Kennzeichen des FBCO, die zur Auswahl der befragten Organisationen herangezogen wurden, werden genannt:

Faith-based: Die Mitgliedschaft besteht hauptsächlich aus religiösen Institutionen wie Gemeinden. Die Gruppen arbeiten daran, ihr Organizing in den Werten und Traditionen der jeweiligen Religion zu verankern.

Broad-based: FBCO streben an, möglichst umfassend die Diversität der Community einzuschließen; typischerweise sind sie interreligiös, viele beziehen auch Schulen, Gewerkschaften, Nachbarschaftsgruppen u.a. ein. Die Leader sollen quer zu den Grenzen von Rassen, Einkommen und Geschlecht zusammen kommen.

Die Gruppen sind lokal konstituiert, das Organizing geht von großen Nachbarschaften bis zu ganzen Stadtregionen. Auch wenn die Gruppen mit nationalen und regionalen Netzwerken verbunden sind, so liegt die Betonung doch auf lokalem Organizing.

Multi-Issue: Die Organisationen beziehen sich ausdrücklich auf unterschiedliche Anliegen und  Themen. Ihr Ziel ist es, lokale Leader zu trainieren, damit sie drängende Themen effektiv in Angriff nehmen können.

Sie haben professionelle Organizer angestellt, deren Hauptverantwortung darin liegt, lokale Leader zu rekrutieren und zu trainieren.

Relational Organizing: Organizing geschieht durch Bildung von Beziehungen; so lernen die Menschen, wie sie Beziehungen innerhalb und quer zu den Institutionen als Basis für öffentliche Aktionen aufbauen können[3].

Sie sind politisch, aber nicht an Parteien gebunden. Sie suchen Macht in der öffentlichen Arena zu bilden, basierend auf der Stärke der Beziehungen und der Mitgliedsorganisationen. In der Regel sind sie als gemeinnützige Organisationen (nach amerikanischem Recht) eingetragen.[4]

133 Organisationen wurden von den Autoren der Untersuchung gefunden, von den vorgelegten Fragebögen wurden 100 beantwortet, in der Regel durch die Haed- Organizer; anschließend wurde ein Teil von ihnen vertiefend interviewt. Nicht alle diese Merkmale treffen auf alle befragten Organisationen zu. Ausgewählt wurde nach dem formalen Status (beschäftigter Organizer, noch aktiv).

Den zugrundeliegenden üblichen Aufbau der Organisation habe ich so verstanden:

 

 

Mitglieder sind nicht Einzelpersonen, sondern mehrere Gemeinden und zum Teil – im Idealfall –auch nicht-religiöse Institutionen. Diese Gesamtorganisation stellt einen oder mehrere Organizer an, die Organisations-, Trainings- und Beratungsfunktion haben. Die Organisation wird von einem Vorstand (Board) geleitet, der sich in der Regel aus den Leadern der tragenden Mitgliedsorganisationen zusammensetzt.

Die eigentliche strategische Führung der Organisation hat eine kleinere Gruppe (Exekutivkomitee), deren Mitglieder gelegentlich als Leader 1. Grades bezeichnet werden. Führungspersonen der einzelnen Mitgliedsorganisationen (Leader 2. Grades) bilden die Brücke zwischen der Organisation und den Mitgliedern der einzelnen Gemeinden usw. Innerhalb der Gemeinden gibt es informelle Leader (3. Grades) , die die Mitglieder der Gemeinden und nicht-religiösen Institutionen für Aktionen usw. der Community Organisation mobilisieren, wie z.B. Versammlungen, Befragungen, Unterschriftenlisten.

Die Community Organisation selbst kann wiederum lokalen oder überregionalen Netzwerken angehören. Die Zugehörigkeit zu einem der großen Netzwerke wie IAF bedeutet nicht, dass z.B. IAF die Arbeit der einzelnen Organisation bestimmt, sondern dass IAF (durch Vertrag) definierte Unterstützung leistet.

Die Ergebnisse der Untersuchung sollen hier knapp zusammen gefasst werden:

(nach oben)


Ergebnisse der Untersuchung in Daten

Organisationen

133 lokale Organisationen sind in 33 Staaten der USA aktiv, die Hälfte aller Organisationen in den sechs Staaten Kalifornien, Texas, New York , Florida, Illinois und Ohio.

Die Organisationen haben insgesamt 4000 Mitgliedsorganisationen, davon 87% religiöse Organisationen, 13% Gewerkschaften[5], Schulen sowie andere Community Organisationen.

Zwischen 1 und 1,5% aller religiösen Organisationen sind am CO beteiligt[6].

Organizer, Leader und Basis

  • 460 professionelle Organizer
  • 2700 Menschen in den Vorständen, davon ca. ¼ Geistliche
  • 24.000 Leader[7],
  • 100 000 Leute waren innerhalb von 18 Monaten wenigstens bei einer öffentlichen Aktion beteiligt.
  • 1-3 Mio. Menschen werden als Mitglieder der Gemeinden und anderen Mitgliedsorganisationen durch FBCO erreicht.

Religiöse Mitgliedsgemeinschaften

  • 33% Katholische Gemeinden,
  • 33% liberale und gemäßigte protestantische Konfessionsgemeinschaften (United Methodists, Lutherans, Episcopalians, Presbyterians, and Congregationalists (UCC);
  • 16 %Baptisten, in der Regel „black“ Gemeinden
  • weitere religiöse Gemeinschaften sind : jüdisch, unitarische Universalisten, schwarze evangelikale (Church of God in Christ) Gemeinden mit jeweils 2% 
  • sehr wenige theologisch konservative protestantische Gemeinden (Assembly of God, Nazarene, Apostolic and Wesleyan) mit weniger als 3%
  • Nicht-christlich/ jüdisch/ universalistische Gemeinden sind mit weniger als 1% beteiligt: buddhistische, muslimische und Hindu- Gemeinschaften

Nicht am FBCO beteiligt sind vor allem die in Amerika sehr bekannten weißen evangelikalen und fundamentalistischen Gemeinden.

Beteiligung von nicht-religiösen Institutionen

  • Mehr als die Hälfte der Organisationen (57%) haben nicht-religiöse Institutionen als Mitglieder. 
  • 13% aller Mitgliedsorganisationen sind nicht-gemeindliche Institutionen, davon

·         42 % Schulen

·         15 % Gewerkschaften

·         7% Nachbarschaftsorganisationen

·         36% verschiedenste Organisationen in der Community

Organizer

  • Meistens sind ein bis zwei Organizer angestellt, einige Organisationen haben bis zu acht Organizer.

·         Etwa die Hälfte der Organizer sind Weiße, 29% Schwarze, 16% Hispanics;

·         56% sind Männer, bei den Head-Organizern mehr als 80%;

·         In der Tendenz werden im Laufe der Zeit mehr Farbige und mehr Frauen Organizer.

Finanzielle Basis

  • Medianwert (jeweils ½  der Organisationen haben weniger/ mehr)  150.000 $ / Jahr
  • Mitgliedschaftsbeiträge 22%
  • Catholic Campaign for Human Development  19%[8]
  • Andere religiöse Geldgeber 12 %
  • Private Stiftungen 30%
  • Lokal 5 %
  • andere 12 %

Netzwerke

Ein Teil des FBCO ist in die vier großen Netzwerke eingebunden, die etwa 1600 Leader pro Jahr auf nationaler Ebene in mehrtägigen Trainings trainieren.

(nach oben)


Kommentar: FBCO und der Anspruch der „Breiten Basis“

Religiöse Gemeinden sind eine herausragende Basis für lokale Organisation, weil der örtliche Bezug und die reale regelmäßige Zusammenkunft der Mitglieder zu ihrem Wesen gehört. Was sonst oft mühsames Produkt intensiver Arbeit ist, dass Menschen eines Ortes sich real treffen, ist für die Gemeindemitglieder gelebte Tradition; allerdings mit zwei wesentlichen Einschränkungen: die Menschen eines Ortes gehören, in den USA sehr verschiedenen oder auch keinen religiösen Gemeinden an und das traditionelle Gemeindeleben erodiert.

Das Interesse der Gemeinden liegt deshalb nicht nur darin, Verbesserungen für den Stadtteil, die Stadt oder die Region zu erreichen, sondern ebenso darin, die innere Community mit neuem Leben zu füllen. FBCO verspricht insofern eine „win-win- Situation“ als es insbesondere aufgrund des „relational power“ Ansatzes Stärkung der jeweils unterschiedlichen Gemeinden und zugleich der Lebensbedingungen im Stadtteil anstrebt.

Deutlich wird eine Dominanz von katholischen und evangelischen Organisationen.

Damit kommen hier mit den verschiedenen Konfessionen und Religionsgemeinschaften sehr unterschiedliche Kulturen zusammen, z.B. befindet sich die katholische Kirche in einer Minderheitsposition in der amerikanischen Gesellschaft und ist selbst hierarchisch gegliedert, was zu einer besonderen Stellung von Kardinälen und Bischöfen führt. Die protestantischen Kirchen sind sehr fragmentiert; ihre Gemeinden haben oft ein hohes Maß an Autonomie. Die Fragmentierung gilt auch für die theologischen und sozialmoralischen Fragen mit einem Nebeneinander von Fundamentalisten und reformorientierten Gemeinden[9].

Insofern ist der Anspruch des „broad-based“ teilweise allein schon durch die Zusammenarbeit von verschiedenartigen Gemeinden erfüllt. Allerdings ist insgesamt nur der kleine Teil der Gemeinden in das CO involviert, der für sich eine spezifische Aufgabe in der Veränderung der Gesellschaft sieht, wobei dies durchaus mit einem „Wertkonservatismus” etwa in Bezug auf die Bedeutung der „Familie” verbunden sein kann.

Verankert ist das CO auch z.T. im jüdischen Bereich, allerdings mehr bei den Organizern als den Gemeinden selbst. Kaum gelungen ist die Einbeziehung von moslemischen, buddhistischen und anderen nicht-christlichen Organisationen; zu Recht ist deshalb z.B. United Power for Action and Justice in Chicago stolz auf ihre Diversität, die über die christlichen Gemeinden hinaus geht.

Die Zusammenarbeit von sehr unterschiedlich geprägten religiösen sowie nicht-religiösen Vorstellungen geprägten Institutionen macht den Dialog zwischen den Organisationen und ihren Mitgliedern zu einer zentralen Aufgabe und dürfte mit ein wesentlicher Grund sein dafür, dass es zwar gemeinsame Orientierungen (z.B. Demokratie wirksam machen, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit) gibt, nicht aber ein „Programm”, eine „Plattform” für alle. Eine Untersuchung zur IAF kommt zu dem Schluss, dass die konsensuale Entwicklung von Issues zwischen den verschiedenen Organisationen zu Grenzen z.B. bei der Thematisierung von Rassendiskriminierungen führen kann[10]

Innerhalb der Organisationen sind zwar nur ¼ der Vorstandmitglieder Geistliche, aber mir erscheint es als plausibel, dass diese zum einen innerhalb ihrer Gemeinden eine herausragende Bedeutung haben und zum anderen auch die Laien-Leader innerhalb der Kirchen – ähnlich wie Kirchenvorstandsmitglieder in Deutschland – die Institution Kirche verkörpern. Die Frage ist, wieweit dann kirchlich nicht gebundene „native leader“, die informellen Führungspersonen, die Alinsky angesprochen hat, noch eine eigenständige Rolle auch bei der Formulierung der Ziele und Lösungsmöglichkeiten in den Community Organisationen spielen können.



[1] FAITH-BASED COMMUNITY ORGANIZING: THE STATE OF THE FIELD, A report of the findings of a national survey conducted by Interfaith Funders, Jericho, NY, Co-authored by Mark R. Warren and Richard L. Wood (1) , Januar 2001 http://comm-org.utoledo.edu/papers2001/faith/. Wood hat zu dem Thema Faith in Action: Religion, Race, and the Future of Democracy" promoviert. Zu dem Forschungsteam gehörte auch Marshall Ganz, der sich kenntnisreich und kritisch auch mit dem Ansatz der IAF auseinander setzt (siehe dort).

Vergleiche zur Beschreibung der Arbeitswseise der FBCO auch das Kapitel zu Swarts in diesem Bericht

[2] Es wird auch von Church Based Organizing gesprochen oder Congregrational Based Organizing; „Broad Based Organing“ bezeichnet den Anspruch, über den Bereich der Kirchengemeinden hinaus zu organisieren, insb. Beim IAF.

[3] Besonders intensiv wird die Notwendigkeit von Einzelgesprächen in der jüdischen Organisation „Gather The People“ begründet: WHY BUILD ONE-TO-ONE RELATIONSHIPS, IN CONGREGATIONAL COMMUNITY?
http://www.gatherthepeople.org/Pages/GTPwhy_1-1.htm

[4] Vertreter von ACORN wiesen uns 1995 darauf hin, dass mit dieser steuerrechtlich vorteilhaften Eintragung die politische Handlungsfreiheit eingeschränkt sei.

[5] Das können rein lokal organisierte Vertretungen von ArbeitnehmerInnen sein.

[6] Michael Byrd,  Left-Wing Mainline Cognitive Structure and IAF Organizing in Metro Nashville, 1997, http://comm-org.utoledo.edu/papers98/warren/faith/byrd.html,untersucht die “kognitive Struktur” der Gemeinden, die an einer Arbeit, wie sie die IAF verkörpert, teilnehmen und kommt zu den Ergebnis, dass die Organisationen durch eine linksgerichtete Grundlinie charakterisiert sind, die das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit betont. Allerdings muss diese Ausrichtung nicht für alle Organisationen, z.B. außerhalb des IAF- Netzwerkes, gelten.

[7] Der Begriff der “Leader” wird unterschiedlich verwendet, er bezieht formelle Führungspersonen ein, aber auch aktive Ehrenamtliche..

[8] The Catholic Campaign for Human Development unterstützt u.a. Community Organizing bei der Bekämpfung der strukturellen Ursachen der Armut: http://www.usccb.org/cchd/aboutus.htm . In den Bewerbungsformularen www.usccb.org/cchd/cofull.exe vom Dez. 02  (download 9.1.2003) werden die Bedingungen für eine Unterstützung verdeutlicht. Dort wird u.a. bestimmt, dass nur Organisationen gefördert werden, die die Heiligkeit des Lebens achten und weder Abtreibungen noch die Todesstrafe unterstützen. Konflikte seien oft unvermeidlich und ein Element sozialer Veränderung; „der Konflikt muss jedoch einer Atmosphäre der Gewaltfreiheit und des Respekts vor den menschlichen Personen stattfinden“. Die Campaign verlangt außerdem, dass die Vorhaben mindestens zur Hälfte ärmeren Communities und Gruppen zu Gute kommen; die Organisationen müssen auch deren entsprechende Beteiligung im Vorstand nachweisen.

[9] vgl. Die Vereinigten Staaten, hrsg. Von Adams, Czempiel, Ostendorf, Shell, Spahn, Zöller, Frankfurt/New York, , Band 2, 2.Auflage, 1992, die amerikanischen Religionen, S. 537-575

[10] http://www.tresser.com/iafin.htm : Marc Warren 1996: IAF in Texas: CREATING A MULTI-RACIAL DEMOCRATIC COMMUNITY

(nach oben)