forum-community-organizing.de    

    foco   foco

Stand: 16.02.2008

Strong Neighborhoods – Strong
Was kann Community Organizing leisten?

von Michael Rothschuh 

..

Forschungsprojekt zur Analyse  des Community Organizing für den Bereich Schulreform.. 20

Vielfalt des  Organzing. 20

Indikatoren für die Veränderung: Indicators Framework.. 22

Beispiel : Gerechtigkeit - Equity.. 23

Theorie der Veränderung: Theory of Change. 23

Der Veränderungsprozess: eine Kampagne für kleine Schulen in Oakland.. 25

Der Mehrwert Wert des CO für die Schulreform: added values. 25

Die besondere Leistungsfähigkeit des CO.. 26

 

 

über : Eva Gold, Elaine Simon, Chris Brown, Strong Neighborhoods, Strong Schools-   Successful Community Organizing for School Reform, 2002[1]

 

Schulen spielen für benachteiligte Stadtteile, in denen Deutsch nur für eine Minderheit die Sprache der Mütter ist, eine zentrale Rolle. Sie sind grundlegend für die Bildungs- und Berufschancen der Kinder und Jugendlichen, an ihrem Ruf und den Erfahrungen mit ihnen machen sich Entscheidungen von Eltern fest, in dem Stadtteil zu bleiben oder aber gar nicht erst den Zuzug zu erwägen. Schulen sind als Experten- Institutionen für die Stadtteilentwicklung gefragt und gleichzeitig merkwürdig desintegriert: Lehrer wohnen selten in den Stadtteilen ihrer Schüler, die Arbeitsbedingungen gelten als erschwert und es bedarf schon eines besonderen Engagements, sich für eine solche Schule zu bewerben. Zu den Eltern besteht oft soziale und sprachliche Distanz, geklagt wird von den Lehrern über ihre mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit, die Schulleistungen zu unterstützen -  umgekehrt klagen Eltern oft über Lehrer, die ihre Kinder nicht hinreichend fördern würden.

Die difu-Projektgruppe Soziale Stadt bemängelt in ihrer Bilanz zum Programm Soziale Stadt die partielle Vernachlässigung des Bereichs Schule und schreibt: „An fast allen Runden Tischen oder Gebietskonferenzen…beteiligen sich die Schulen an den regelmäßig stattfindenden Sitzungen oder Treffen. Dort wird die Durchführung von unterschiedlichen Projekten und Maßnahmen besprochen (Wanderungen, Putzaktionen unter Beteiligung der Schüler, Fußballturniere). Es werden Sprachkurse oder Hausaufgabenhilfen organisiert, nicht selten wird auch versucht, den Eltern Sprachunterricht nahe zu bringen. In keinem Gebiet haben wir ein Konzept gefunden, das die Schulleistungen nachhaltig und messbar erhöhen will. .. Die zentralen Aufgaben der Schulen bleiben außerhalb des Handlungsfelds des Quartiersmanagements. Die Mental Map des Quartiersmanagements endet meist bei den sozialen und baulichen Problemen.“ [2]

 

 


 

„Armer Stadtteil = schlechte Schule“, dieses Image hat in den USA sicherlich aufgrund anderer Finanzierungsmechanismen noch mehr Berechtigung als bei uns. Umso wertvoller erscheint es mir, einen amerikanischen Report zu referieren, in dem dargestellt wird, wie Community Organizing zur Verbindung von Schulen und Stadtteilen, zur Hebung des Schulklimas und damit auch zur Qualität von Unterricht und zur Erhöhung der Leistungen und Chancen der Schülerinnen beitragen kann.

 

Beispielhaft wird in diesem Bericht dargestellt, welche Leistungen CO erbringen kann. Es werden Indikatoren aufgestellt zur überprüfbaren Wirksamkeit des CO, diese Indikatoren werden zusammen gefügt in einer „Theory of Change“, deren Funktionieren anhand der Fallbeispiele verdeutlicht wird. So wird heraus gearbeitet, welche zusätzlichen Leistungen CO gegenüber anderen Ansätzen erbringen kann.

 

Forschungsprojekt zur Analyse  des Community Organizing für die Schulreform

Die Situation der Schulen in den benachteiligten Stadtteilen der USA macht Handeln notwendig: 

„Überfüllung, schlechter werdende Einrichtungen, unangemessene Finanzen,  hohe Wechselrate der Mitarbeiter, fehlende aktuelle Schulbücher, und Kinder mit geringem Leistungslevel. Schüler die diese Schulen besuchen, sind zu häufig ausgeschlossen von hoch qualifizierten Programmen, entmutigt zum College zu gehend und in ihren Arbeitsplatzmöglichkeiten benachteiligt.“

 

Mehr als zwei Jahre lang hat eine Partnerschaft von Cross City Campaign und Research for Action fünf Community Organizing Gruppen untersucht, die sich die Verbesserung der Situationen in den Schulen zur Aufgabe gemacht haben. Der Bericht arbeitet aus den Fallstudien zu den einzelnen Organisationen und ihrer Arbeit ein „indicators framework“ und eine „theory of change“ heraus, mit deren Hilfe die Wirksamkeit von Community Organizing im Bereich der schulischen Erziehung (z.T. „education organizing“ genannt) dargestellt wird.

 

„Wir stellen in diesem Bericht eine Methodologie zur Verfügung, um die Beiträge des CO zur Schulreform zu verstehen. Wir präsentieren einen Indikatoren-Rahmen für Education Organizing und eine Theorie der Veränderung, die beschreibt, wie die Arbeit der CO Gruppen einen Prozess schafft, der von erhöhter Kapazität der Community zu verbessertem Lernen der Schüler führt. Wir zeigen: wenn die Schulreform Hand in Hand geht mit dem Aufbau von starken Communities, verändern sich die Unterrichtsinstitutionen grundlegend, wodurch die Chancen steigen, dass die Reformbemühungen durchgeführt werden und von Dauer sind.“

 

Der Bericht wendet sich gegen den „Diskurs des Defizits“, der die meisten Programme zur Schulreform beherrscht:

„Die Familien in den armen Communities werden nach wie vor charakterisiert als solche, denen es an Fähigkeiten und Werten mangelt, die Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen. Es ist der Diskurs des Defizits, den diese Forschung  bestreitet/ heraus fordert. Wenn die Kollegien der Schule, die Eltern und die Community sich in einem demokratischen Entscheidungsprozess engagieren, entwickeln sie ein Gespür für den gemeinsamen “Besitz” an der örtlichen Schule“.

 

Dabei betonen die AutorInnen die Anschlussfähigkeit des Community Organizing/ Education Organizing an das sich verbreitenden „Paradigmas der Schulreform, das Schulen und Communities miteinander verbindet“und arbeiten „addes values“ heraus, den Mehrwert, den CO hierbei gegenüber anderen diesem Paradigma verpflichteten Ansätzen mit sich bringt.

 

Vielfalt  des Organzing

Die Arbeit von fünf CO Gruppen wird dokumentiert und ausgewertet, die quer über die USA verteilt sind und die Diversität des CO[3] repräsentieren, gehören hierzu doch single-issue- wie themenübergreifende Organisationen, auf individueller Mitgliedschaft gestützte Gruppen ebenso wie auf „Organisationen von Organisationen“, religiös orientierte wie religionsunabhängige Institutionen und mehr lokal orientierte ebenso wie staatenübergreifend operierende Netzwerke.

·         Das Alliance Organizing Projekt (AOP) ist eine in Philadelphia 1995 gegründete allein auf den Bereich der Schulreform konzentrierte Gruppe mit fünf Mitarbeiterinnen. Die drei Organizer im Projekt waren Eltern von Kindern in den öffentlichen Schulen des Gebiets. 2001 arbeiteten die Organizer in sieben Schulen jeweils mit einem Eltern-Führungs-Team von sechs bis zwölf Eltern; außerdem arbeitet AOP cityweit zum Thema Lehrermangel und Lehrqualität.

·         Austin Interfaith in Austin, Texas gehört zum Netzwerk der Industrial Areas Foundation (IAF)[4] und ist 1985 gegründet. Es ist eine multi-issue- Koalition von 45 religiösen Gemeinden, Schulen und anderen Institutionen. Die Mitgliedschaft umfasst verschiedenste Denominationen, Einkommensschichten, Nachbarschaften und ethnische Gruppen. Themen sind neben der Schulreform Ausbildung für Jobs, Beschäftigung von Jugendlichen und Ausbildung von Erwachsenen. In Austin Interfaith arbeiten 3 OrganizerInnen. Eine Gruppe von 12 Leadern von den Mitgliedsorganisationen steuert die Organisation, eine Jahresversammlung umfasst Hunderte von Beteiligten.

·         Logan Square Neighborhood Association (LSNA) in Chicago, Illinois, begann in den 60er Jahren als Gruppe von örtlichen Kirchen, Geschäftsleitern und Hausbesitzern[5]. Die Nachbarschaften haben sich in Logan Square grundlegend von einer europäischen Arbeiterschaft zu einer lateinamerikanisch  geprägten Zusammensetzung verändert, heute wird die Organisation bestimmt durch einen vom „Core Comitee“ aufgestellten und jährlich revidierten „holistic plan,“ der neben der Verbesserung der Schulen die Entwicklung von „youth leadership“, Erhöhung der Sicherheit in den Nachbarschaften, Sicherung von erschwinglichem Wohnen angesichts von Tendenzen der Gentrifizierung, sowie Revitalisierung der örtlichen Ökonomie zum Ziel hat. Die Mitgliedschaft umfasst Individuen wie auch Repräsentanten von 47 Nachbarschaftsorganisationen. Das sechsköpfige Exekutivkomitee besteht jetzt aus vier Latinas und zwei Anglos.

·         New York ACORN[6] gehört zur Association of Community Organisations for Reform Now, die 1970 gegründet wurde; ihr gehören in New York 22.000 individuelle überwiegend afroamerikanische, afrokaribische und lateinamerikanische Mitglieder bzw. Familien an, vor allem aus Stadtteilen wie Brocklyn, Queens, South Bronx und Harlem. 1988 hat New York ACORN ein School Office gegründet mit ACORN High Schools[7]. Über diese Schulen hinaus werden cityweit Kampagnen zu Schulfragen durchgeführt.

·         Die Oakland Community Organizations (OCO) sind in Oakland in Kalofornien seit über 30 Jahren aktiv und gehören zum PICO Netzwerk[8]. Ursprünglich gehörten zu den OCO`s individuelle Mitglieder aus ärmeren Nachbarschaften, die Organsation hat sich dann aber verändert zu einem „faith based, institutional organzing model“, der im Jahr 2000 35 Mitgliedsgemeinden angehörten, überwiegend in den ärmeren und „low moderate“ Nachbarschaften. Neben einer Mehrzahl von Latinos und Afroamerikanern gehören auch einige asiatische Gruppen und Kaukasier dazu. Zu den Mitarbeitern gehörten 2000 ein Exekutivdirektor und vier Organizer. Die Organisation arbeitet an verschiedenen Themen: günstiges Wohnen,  Kriminalitätsprävention, Drogenprävention und Erziehung. Die Arbeit von OCO zur Verbesserung der Schulsituation wird von den Autoren als zentrales Fallbeispiel für den Prozess des Education Organizing verwendet.

 

Als gemeinsame Kennzeichen für diese CO- Gruppen stellt der Bericht heraus:

-          „Sie arbeiten um öffentliche Schulen so zu verändern, dass sie gerechter sind und effektiv für alle Schüler;

-          sie bauen eine breite Basis von Mitgliedern auf, die gemeinsame Aktionen unternehmen um ihre Vorhaben voran zu treibe;

-          sie bilden Beziehungen und kollektive Verantwortlichkeit, indem sie gemeinsame Probleme identifizieren, Allianzen schaffen sowie Koalitionen, die Nachbarschafts- und Institutions- Grenzen überschreite;

-          sie entwickeln Führerschaft unter den Bewohnern der Community um die Agenda durchzuführen, die die Mitgliedschaft in einer demokratischen Struktur bestimmt;

-          sie nutzen die Strategien der Erwachsenenbildung, Bürgerbeteiligung, öffentlichen Aktion und Verhandlung um Macht für die Bewohner von armen und mittleren Communities aufzubauen.“


 

Indikatoren für die Veränderung

Auf der Grundlage von Zusammenkünften mit den Beteiligten, in empirischer Forschung sowie aufgrund vorhandener Literatur identifiziert die Studie Indikatoren der Wirkung von Community Organizing für die Schulreform. Zunächst werden acht Indikatorenbereichen aufgestellt:

·         Entwicklung von Leadership

„ist persönliches Empowerment, wenn Eltern und Mitglieder der Community öffentliche Rollen übernehmen. Leader erhöhen die Partizipation der Bürger und schärfen ihre Fähigkeiten beim Treffen der Leader, bei der Befragung von Offziellen, bei der Repräsentation der Community in öffentlichen Veranstaltungen und mit den Medien und bei der Verhandlung mit denen, die an der Macht sind.“

·         Macht: Community power

„meint, dass Bewohner von ärmeren Nachbarschaften Einfluss bekommen um Ressourcen und Veränderungen der Politik zu gewinnen, die notwendig sind um ihre Schulen und Nachbarschaften zu verbessern. Community Power entsteht, wenn Gruppen strategisch und kollektiv arbeiten“.

·         Soziales Kapital

„bezieht sich auf die Netzwerke wechselseitiger Verpflichtung und wechselseitigen Vertrauens, sowohl zwischen den Personen als auch den Gruppen…Manche Gruppen nennen dies „relational power“, andere…Bildung von „politischem Kapital“… CO Gruppen bringen Leute zusammen, die sich sonst kaum verbinden, aufgrund kultureller und sprachlicher Barrieren (z.B. Latinos, Afroamerikaner, Asiaamerikaner) oder wegen ihrer verschiedenen Rollen und Positionen, wie Lehrer, Schulvorsteher und Eltern“.

·         Öffentliche Verantwortung: Public Accountability

„ist auf der Annahme aufgebaut, dass öffentliche Erziehung eine kollektive Verpflichtung ist. CO Gruppen schaffen öffentliche Settings für unterschiedlich positionierte Beteiligte an der Schule- Lehrer, Eltern, Mitglieder der Community, gewählte oder andere öffentliche Offizielle, privater und non-profit Sektor die Schüler selbst- um Probleme zu identifizieren und Lösungen zur entwickeln zur Verbesserung der Schulen…Durch diesen öffentlichen Prozess machen sie die Offiziellen verantwortlich, auf die Bedürfnisse der ärmeren Communities zu antworten“.

·         Gerechtigkeit: Equity

„garantiert allen Kindern, unabhängig von ihrem sozio-ökonomischen Status, ihrer Rasse oder Ethnie, dass sie die Ressourcen und Möglichkeiten haben, die sie brauchen um starke Lernende zu werden für Leistungen in der Schule und Erfolg in der Arbeitswelt… CO Gruppen machen Druck, damit die Ressourcen dorthin kommen, wo Armut und Vernachlässig zu finden ist, so dass Schulen in ärmeren Gebieten Vorrang haben“.

·         Verbindung von Schule und Quartier: School/community connection

„…erfordert, dass die Professionellen die Fähigkeiten und das Wissen der Mitglieder der Community wert schätzen. In diesem Modell dienen Eltern und Bewohner als Ressourcen und die Schulen erweitern ihre Aufgaben dahin, dass sie Zentren für die Community werden, die Bildungs-, Sozial- und Freizeitprogramme anbieten für die Bedürfnisse der Bewohner“.

·         Positives Klima in der Schule

„ist grundlegende Voraussetzung für Lehren und Lernen. ..CO Gruppen beginnen oft ihr Organizing für die Verbesserung der Schulen, indem sie Sicherheit in und um die Schule und die Bedürfnisse für bessere Ausstattung angehen. Die Verringerung der Größe von Schulen und Klassen ist ein anderer Weg, wie CO Gruppen ein positives Schulklima zu schaffen versuchen“.

·         Guter Unterricht: High quality instruction and curriculum

„CO Gruppen arbeiten darauf hin, hohe Erwartungen für alle Kinder zu schaffen und für professionelle Entwicklung für die Lehrer zu sorgen, damit sie neue Ideen kennen lernen, wozu auch gehören kann, sich der Kultur der Communitys zu nähern und die Eltern als aktive Partner in der Erziehung ihrer Kinder einzubeziehen“.

 

„Indicator areas“ sind Felder, in denen die CO- Gruppen Veränderungen anstreben, Strategien entwickeln und Ergebnisse erzielen, die sich auch an Daten nachvollziehen lassen., wobei diese Daten sind. Die Indicator Areas werden wie im folgenden Beispiel aufgeschlüsselt und auf Charts niedergelegt, die zu jedem Bereich drei bis fünf Strategien umfassen. Das Set von Charts bildet zusammen „The Education Organizing Indicators Framework”, das im Anhang des Berichts ausgeführt wird.


 


 

Beispiel für eine strategie zum Indikatorenbereich : Gerechtigkeit - Equity

Strategien

Für jeden Bereich (area) werden drei bis fünf Strategiefelder aufgeführt und ihnen mehrere einzelne Aktionen zugeordnet. Eines dieser Felder wird hier aufgeführt

Resultate

Es werden jeweils konkrete gewünschte Ergebnisse benannt

Datenquellen

teils qualitativer, teils quantitativer Natur

Erhöhung der Mittel für zu gering  ausgestatte Schulen

-          Kampagnen für neue Gebäude und Renovierungen, um die Überfüllung zu verringern und die Sicherheit zu erhöhen;

-          Geldquellen für Erwachsenenbildung und Programme für die Zeit nach dem Unterricht erschließen;

-          Anträge einreichen für private und öffentliche Gelder, um u.a. für eine professionelle professionelle Entwicklung der Lehrer zu sorgen



 

-          Neue Schulgebäude und Anbauten;

-          mehr Geld für Beleuchtung, Wachen, Spielplätze usw….;

-          geringere Zahl von Unfällen und Zwischenfällen im Schulbereich;

-          mehr Gelegenheiten für Lehrer zu ihrer professionellen Entwicklung.



 

-          Budget der Schulbezirke für Sachmittel und Personal;

-          Berichte über Zwischenfälle in der Nachbarschaft/ City/ im Bezirk;

-          Finanzierungspläne

-          Besichtigung von Schulgebäuden und –Anlagen;

-          Bericht von Lehrern und Eltern;

-          Schulverzeichnisse und Programme.


 

 

 

Theorie der Veränderung: Theory of Change[9]

Der Bericht geht davon aus, dass die Arbeit CO Gruppen in allen acht Indikatoren- Bereichen wichtig ist, aber von den Eltern bis hin zu den  Politikern am meisten Wert gelegt wird auf die Schulleistungen. Das bedeutet, dass die beispielhaften Geschichten des CO für Schulreform das Vertrauen schaffen sollen, dass letztlich das Lernen der Schüler verbessert wird. Deshalb haben die Autoren aus der Analyse der fünf Fallstudien eine „Theorie der Veränderung“ entwickelt, die zeigt wie CO eine Kapazität der Community aufbaut, die zu einer Verbesserung der Schulen und höheren Schülerleistungen führt.

An einem zentralen Schaubild, in dem alle oben dargestellten Indikatoren-Bereiche zu finden sind,  lässt sich diese erläutern:

 


 

 


 

Im linken Bereich geht es um die Kapazität oder Leistungsfähigkeit der Community, der Nachbarschaft oder des Stadtteils. Die Leistungen in diesem Bereich sind relativ unabhängig von dem jeweiligen Themenbereich, um den es geht, also z.B. Wohnen, Arbeit, Stadtentwicklung oder in diesem Fall Schulreform. Community Organizing zeichnet sich generell dadurch aus, dass in einem sich verstärkenden Zirkel Führungspersonen gefunden und in ihrer Entwicklung unterstützt werden, dass daraus sich Macht der Community im oben aufgeführten Sinn entwickelt, und damit das soziale Kapital vermehrt wird.

Im rechten Bereich geht es um das konkrete Thema des Community Organizing, hier die Verbesserung der Schulsituation: sie wird erreicht durch mehr Gerechtigkeit, eine intensivierte Verbindung von Schulen und Communites und daraus resultierend einer Veränderung von Curriculum, Unterricht und Schulklima.

 

Die Gelenkstelle dieser „Theory of Change“ ist die öffentliche Übernahme von Verantwortung.

 

„Öffentliche Verantwortlichkeit ist das Gelenk, das die Kapazität der Community mit der Verbesserung der Schule verbindet. Erhöhte Partizipation in der Community und feste Beziehungen zusammen erweitern die Verantwortlichkeit für die Verbesserung der öffentlichen Erziehung. …Diese schafft den politischen Willen, gleiche Chancen und die Verbindung von Schule und Community voran zu treiben, dabei verbessern sich Schulklima, Curriculum und Unterricht und machen sie aufgeschlossener für die Communities und legen damit die Basis für besseres Lernen und bessere Leistungen der Schüler. Stärkere Schulen wiederum tragen bei zur Stärkung der Kapazität der Community.“

 

Durch die Stärkung der Community gelingt es danach, alle Beteiligten, von den Eltern, Schüler und Bewohnern der Community, den politisch Verantwortlichen und den Verwaltungen bis hin zu den Lehrern und Schulleitungen gemeinsam in die Pflicht zu nehmen und zu gemeinsamer Verantwortlichkeit für und „Eigentümerschaft“ an der Schule zu führen.[10] Dies bewirkt konkrete bessere Bedingungen für die Schulen (z.B. kleine Schulen, kleine Klassen, gute Ausstattung der Schulen, gemeinsame Lehrpläne), gleichere Chancen für Benachteiligte und engere Verbindungen von Schule und Community. Daraus entwickelten sich zielgerichtet besserer Unterricht, ein besseres Schulklima und damit im Ergebnis bessere Leistungen der SchülerInnen.

Der Veränderungsprozess: eine Kampagne für kleine Schulen in Oakland

Das „indicator framework“ und die „theory of change“ helfen, den Veränderungsprozess zu verstehen und Erfahrungen übertragbar zu machen- aber Community Organizing ist kein Prozess, der Indikatoren abarbeitet.

Vor Ort „wirst du nichts hören über ‚indicator areas’.  Sondern du wirst etwas hören über Themen in der Community und den Schulen, Geschichten über Kampagnen des Organizing und die Erfahrungen von Leadern, Rückschläge wie auch Vorwärtsbewegungen, Siege, die lange Zeit brauchen, und Praktiken und Prinzipien und wie sie angewendet wurden im speziellen Fall.“

Der Prozess der Schulreform der Oakland Community Organizations (OCO) wird von den Autoren exemplarisch  dargestellt und danach verdeutlicht, dass auch die anderen Gruppen in jeweils unterschiedlicher Weise diese „theoriy of change“ bestätigen.

Bei den OCO`s ging es darum, Bauland zu gewinnen für neue kleine Schulen. Hier zeigt sich beispielhaft, wie Arbeit auf lokaler Ebene und politischer Ebene miteinander verbunden sind und wie Schule und Nachbarschaft von den Eltern und den Mitglieder der Community aus verknüpft werden.

 

1986 wurde ein Warenhaus geschlossen. 1993 haben Führungspersonen aus den OCO`s von den Sorgen der Bewohner über das verlassene Warenhaus, das zu einem Schandfleck wurde, erfahren; es war voll gemalt mit Graffitis, die Fenster waren zerbrochen, Leute aus der Umgebung berichteten von nächtlichen Schießereien. Gleichzeitig hörten die Leader von Sorgen der Eltern über die Überfüllung der Schule. Deshalb entschied sich der OCO- Vorstand, die Überfüllung zu einem Schwerpunkt für die gesamte Organisation zu machen. Die Leader erforschten das Thema, fanden eine Kluft der Schülerleistungen zwischen den großen und überfüllten Schulen in diesen Nachbarschaften und kleineren Schulen in reicheren Gebieten heraus und begannen eine nach einigen Jahren erfolgreiche Kampagne für eine veränderte Schulpolitik des Bezirks, die auf kleine Schulen ausgerichtet war. Bei der Suche nach Bauland dafür kam man auf das Warenhaus. Aufgrund eines Prozesses der Gentrifizierung, einer Entwicklung, bei der die Bewohnerschaft Zug um Zug durch Reichere ersetzt wird und damit Gebäude und Bauland immer wertvoller werden, war der Abriss der Reste des Warenhauses, der die Voraussetzung für den Bau neuer Schulen war, ein kontroverses Thema. Mit einer Vielzahl von Taktiken wie z.B. großen öffentlichen Versammlungen mit Offiziellen, Petitionen, Verhandlungen und  demonstrativen Aktionen, bis hin zu Gerichtsprozessen wurde schließlich 2001, also nach acht Jahren, das Warenhaus abgerissen und es entstanden zunächst provisorische Schulräume. Die kleinen Schulen werden in Oakland nun mit finanzieller Unterstützung der Stiftung von Bill Gates und seiner Frau aufgebaut.

Ein Leader wird zitiert: „All diese Treffen und Aktionen …wurden ein echter ‚Schulraum’ für die Führungspersonen… Bewaffnet mit den Fakten, bereit zu handeln und im eigenen Namen Zeugnis abzulegen, und gestärkt durch das Wissen, dass niemand von uns alleine steht,  durch unsere organisierten Anstrengungen, wussten wir: wir können viele Siege erringen“.

 

Der Bericht führt detailliert aus, in welcher Weise die Indikatoren- Bereiche und ihr in der Theorie der Veränderung postulierter Zusammenhang  in dem Vorgehen in Oakland erfüllt werden. Zusammenfassend heißt es:

„Die Strategie der OCOs für kleine Schulen wurde motiviert und geprägt durch den lokalen Kontext…Die Strategie wurde beeinflusst durch den nachbarschaftsorientierten Ansatz der OCO, bei dem die Themen aufgestellt und Prioritäten gesetzt wurden. …Die Geschichte illustriert, wie Organizing auf verschiedenen Ebenen vorgeht, indem sie Nachbarschaftsthemen angeht und zugleich Einfluss auf die cityweite Politik zu nehmen versucht.“

Der Mehrwert Wert des CO für die Schulreform: added values

„Wie unterscheidet sich CO von der Myriade von anderen Ansätzen im Markt der  Schulreform?“

Die einzigartige Rolle des CO liegt darin, dass sie die Kapazität der Community aufbaut und über die Brücke „öffentliche Verantwortlichkeit“ mit der Verbesserung der Schulen verbindet.

Ihren „added value“ gegenüber anderen Ansätzen, die ebenfalls die Verbindung von Schule und Community zum Ziel haben, sieht der Bericht in vier Momenten:

1.      CO ermöglicht Nachhaltigkeit (sustaining).

Schulreform ist ein Langzeit- Unternehmen. CO- Gruppen sind den Nachbarschaften ihrer Mitglieder verpflichtet und halten als gegenüber der Schule externe Kraft die Triebkraft für die Verbesserung über die Zeit hinweg und auch bei einer Veränderung der Akteure aufrecht. Dazu tragen CO Gruppen bei durch

-          Aufbau einer starken Basis,

-          kontinuierliche Beobachtung (monitoring) der Reform,

-          Schaffen einer Generation von Lehrern, die dem neuen Schulparadigma verpflichtet sind.

2.      CO sichert Beharrlichkeit (persistence).

Ohne beharrliche Kämpfer können Reformen aufgrund der starken Gegenkräfte der Bürokratie und konkurrierender politischer und ökonomischer Interessen entgleisen. Der Beitrag des CO zur persistence liegt in

-          der hohen Motivation,

-          dem Einsatz von Erforschen und Reflektieren,

-          einer machtvollen Basis.

3.      CO schafft einen klaren politischen Willen.

„Bürokratien, Stadtregierungen und städtische Schulsysteme sind bekannt für Untätigkeit, Korruption und Widerstand gegenüber Veränderung. Die Struktur der Verantwortlichkeiten kann diffus sein und macht es möglich, dass Offizielle die Verantwortung weiter schieben“

Gegenüber diesen Hindernissen

-          baut CO „überbrückendes“ soziales Kapital auf und  entwickelt Vertrauensbeziehungen zwischen Mitgliedern der Community und Offiziellen,

-          so dass machtvolle Communities gegen halten können gegen konkurrierende ökonomische und politische Interessen,

-          und öffentliche Diskussionen den politischen Willen schaffen, der die Bürokratien zum Handeln bewegt.

4.      CO sorgt für einen authentischen Wandel, der die Sache der Eltern und der Community wieder spiegelt

Education Organizing reflektiert den Kern des neuen Paradigma, in dem lokales Wissen wert geschätzt und in Rechnung gestellt wird für die Dynamik zwischen Schulen und ihrer Umwelt. Die Stimmen der Eltern und der Community können die Schulreform stärken, indem sie

-          das Curriculums anspruchsvoller machen und passend zu dem Leben in der Community,

-          Themen aufstellen, die sonst nicht vorkommen,

-          sichtbar machen, wie Schulen und die Community wechselseitig besser ihre Ressourcen nutzen können und

-          eine gemeinsame „Eigentümerschaft“ an der Schule und an ihrer Reform schaffen.

Die besondere Leistungsfähigkeit des CO

Wenn wir uns für Community Organizing interessieren, dann oft, weil wir den Prozess des CO anschauen und begeistert sind von dem sichtbaren  Zusammenhalt der Menschen, ihrem Ideenreichtum, ihrer öffentliche Präsenz, dem Auftreten von einfachen Leuten bei großen Veranstaltungen, ihrer Respektlosigkeit und Frechheit gegenüber den „großen Tieren“ und ihrer Freude und ihren Siegesfeiern.

Demgegenüber stellt der Bericht ziemlich nüchtern auf den Nutzen, die Leistungsfähigkeit und den „Mehrwert“ des Community Organizing ab, natürlich auch deshalb, weil er damit öffentliche und private Geldgeber überzeugen will, dass es sich lohnt CO zu unterstützen.

Diese Nüchternheit überdeckt vielleicht die grundlegende Bedeutung der Untersuchung: In diesem Bericht wird zum einen deutlich, dass Organzing ein höchst anspruchsvoller Vorgang ist, dessen spezifische Leistungsfähigkeit klar erkennbar und nachweisbar ist, zum anderen zeigt sich, dass sich die Position der Menschen in den benachteiligten Stadtteilen auf diesem Weg grundlegend verändert von „Betroffenen“ zu aktiv Beteiligten, von Objekten erzieherischer Bemühungen zu Subjekten der Veränderung der Lebensbedingungen und Lebenschancen. Community Organizing in seinen sehr unterschiedlichen Varianten liefert dazu einen umfassenden Ansatz, beginnend von sehr bestimmten Grundvorstellungen, über eine Strategie des Handelns und Reflektierens bis hin zu einem Handwerkskasten von einzelnen Techniken.

Es fehlt in der Stadtentwicklung, Sozialarbeit und Politik derzeit nicht ab Bekenntnissen zur sozialraumorientierten Arbeit, zum bürgerschaftlichen Engagement, zur Betroffenenbeteiligung und aktivierender Politik. Aber Vorhaben versanden, Versprechen werden gebrochen, Enttäuschung der Betroffenen wird programmiert.

Community Organizing, so das Ergebnis dieser Studie, schafft durch die Stärkung der jeweiligen örtlichen Gemeinschaft die Beharrlichkeit einer machtvollen Basis, das Bewusstsein, dass es um „das Eigene“ geht und den notwendigen politischen Willen und Druck, damit gemeinsam wirkliche Verantwortung übernommen wird für nachhaltige Veränderungen. Deshalb ist es notwendig, Prinzipien, Strategien und Methoden des Community Organizing zu entwickeln und in die Wirklichkeit umzusetzen. Jetzt.


 


 

[1] A report in the Indicators Project on Education Organizing series: Strong Neighborhoods, Strong Schools, March 2002 by The Cross City Campaign for Urban School Reform, COMM-ORG Papers 2003, http://comm-org.utoledo.edu/papers.htm

[2] Arbeitspapiere zum Programm Soziale Stadt, Bd. 9, Good Practice in Neubauquartieren, Eine Analyse im Rahmen des Bund-Länder-Programms "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - die soziale Stadt", Berlin, März 2003, Teil II: Von der Sozialen Stadt zur umfassenden Nachbarschaftsentwicklung - Anregungen zur Veränderung der Programmkonzeption, (http://www.sozialestadt.de/veroeffentlichungen/arbeitspapiere/band9/2-organisation.shtml#31

[3] Ein Überblick über die verschiedenen Organisationsweisen und Ansätze in: www.fo-co.info/community_organizing_in_den_usa

[5] in einer Fallgeschichte beschreibt Judy Hertz die Arbeit von LSNA für die Entwicklung des Stadtteils sowie die Sicherung von Jobs für die Bewohner, vgl. http://rothschuh.bei.t-online.de/CO_6_IAF.htm

[7] Die Merkmale von ACORN Schulen werden dargestellt in: http://www.acorn.org/acorn10/betterschools/BetterSchoolsReports/eas.htm

[10] Hier zeigt sich deutlich eine Veränderung des Community Organizing: Ging es, z.B. bei Shel Trapp, noch vor allem darum, dass die Community die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft zum Handeln zwingt, dazu, dass „sie geben, was wir wollen“,  so geht es hier daneben auch darum, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Herausgeber: Forum Community Organizing, Website: Michael Rothschuh, Brühl 20 31134 Hildesheim, HAWK