Eine Vorstellung des Buchs von Judy Hertz, 2002:
Organizing for Change: Stories of Success
Definition des Community Organizing durch Judy Hertz:.....
Wie
geschieht Community Organizing konkret? Was erreicht es?
Jobs
in der Nachbarschaft erhalten.
Das
„Herz“ der Stadt Hammond retten.
Die
politische Agenda für das Thema „Wohnen“ bestimmen.
„Räuberisches Verleihen“ stoppen..
Kommentar: Aspekte des Community Organizing.
Materialien: Organisationen, Quellen, Hinweise..
Community
Organizing ist Organisieren der Basis (graasroot organizing),
·
das Führung (leadership)
in den Stadtteilen und Nachbarschaften (communities) aufbaut,
·
bei dem die Organisationen den Bewohnern Rechenschaft
ablegen und demokratische Entscheidungsprozesse haben,
·
das auf der Basis von Beziehungen zwischen vielen
BewohnerInnen Macht (power) für die Community entwickelt und
·
eine dauerhafte Organisation der Community entwickelt.
(nach oben)
Jetzt ist eine spannende Sammlung von
„Erfolgsgeschichten“ des Organizing erschienen, in der Kampagnen des Community
Organizing (CO)
geschildert werden, die Erfolg im doppelten Sinne hatten: eine Verbesserung
der Lage der betroffenen Stadtteile und eine verstärkte Machtposition
der Organisationen.
Geschrieben ist das kleine Buch von Judy Hertz, einer
Mitarbeiterin des Trainings- Instituts Midwest Academy und des Master-
Studiengangs Community Development an der North Park University, beides in
Chicago.
Aus Chicago und seinem Umland stammen auch die
Geschichten - und das bedeutet, aus einer Region, in der Community
Organizing nicht nur wegen Saul Alinskys Wirken tief verwurzelt ist und
politisch ernst genommen wird, und in der sich verschiedenste, z.T. auch
konkurrierende Organisationen und Stiftungen den Ansätzen des CO
verbunden wissen.
Hertz’ Grundlage sind Interviews vor allem mit Akteuren
des CO; sie erzählt die Geschichten aus deren Sicht- also durchaus parteilich
und subjektiv.
Ich möchte dieses Buch – auszugsweise und den Text
paraphrasierend – vorstellen und kommentieren. Im Anhang gebe ich kurze
Hinweise zu einigen hier genannten Organisationen.
Das Buch ist von der „Neighborhood Funders Group“
herausgegeben, einem US-weiten Netzwerk von Sponsoren zur Unterstützung für
solche Organisationen, die Menschen mit geringem Einkommen bei der
Verbesserung ihrer Communities helfen. Die NFG möchte mit diesen „success-stories“
ermutigen, CO zu unterstützen. Begründet wird dies mit der besonderen Qualität
von CO:
„Wir unterstützen Community Organizing, weil es
·
zum Fortschritt in vielen Bereichen beiträgt,
·
Unrecht heilen kann,
·
das soziale Netz der Communities verbessert,
·
dafür sorgt, dass offizielle und private Einrichtungen die
Verantwortung für ihr Handeln übernehmen,
·
notwendige Ressourcen in die betroffenen Communities bringen
kann,
·
eine Grundlage zum Training für Bürger und Führungspersonen
schafft, von der aus sie zu anderen Themen, anderen Organisationen und Feldern
weiter gehen können und
·
es die Flamme der bürgerschaftlichen Partizipation in einer
Weise leuchten lässt, wie es anderen Aktivitäten, die finanziell unterstützt
werden, kaum gelingt.“
Judy Hertz hat diese vier Geschichten ausgewählt, weil
sie verschiedene Aspekte des CO repräsentieren, neu sind, reale Erfolge des CO
zeigen und ihrer Kerndefinition von CO (s.o.) entsprechen.
(nach oben)
„Dies ist eine Geschichte einer Bewohnergruppe, die in
der Community-Organisation Logan Square Neighborhood Association (LSNA)
gearbeitet und entschieden hat: Genug ist genug“.
Logan Square:
Das Gebiet war früher Industriegebiet, die Beschäftigten
wohnten in der Umgebung; es gab stabile Jobs, geprägt war das Viertel von
Bewohnern der Arbeiterklasse mit einer Mischung von erschwinglichen
Einfamilienhäusern und Wohnungen.
In den 80er Jahren gab es einen Kampf, um eine Fabrik (Steward-Warner)
offen zu halten; er wurde 1989 verloren mit der Schließung der Fabrik. Ihr
folgte eine „gated community“, also ein nach außen abgeschlossenes Wohngebiet
für die reicheren Menschen. Diese „Gentrifikation“, bei der die Menschen mit
geringem Einkommen aus der Arbeiterschaft verschoben werden in billigere
Gebiete, vielleicht weit weg von den Jobs, den Familien und alten Nachbarn,
schwappt sich langsam von Stadtteil zu Stadtteil und schleicht an den
Boulevards von Logan Square entlang.
Seit 1996 ging es vor allem um den Verkauf eines
Warenhauses „Cotter & Co“ und die Frage, welche Perspektiven das Stadtviertel
für Wohnen und Arbeiten entwickeln kann.
Im Rahmen der bestehenden Community-Organsation Logan
Square Neighborhood Asssociation (LSNA) beginnen Führungspersonen aus der
Nachbarschaft, wie z.B. eine Pastorin aus der „Church of the Good News“ oder
langjährige BewohnerInnen des Stadtteils, mit einem wöchentlichen Treffen in
der Kirche, um zu erforschen und zu entscheiden, was sie tun können um die
Entwicklung einer „gated community“- vorgelegt war ein Plan von 500
Wohneinheiten- zu stoppen.
Einige wollen sich zunächst nicht beteiligen, weil sie
den Kampf um die Erhaltung von Stewart-Warner gesehen hatten mit der
Erfahrung, dass trotz allem, was die Beschäftigten und die Community taten,
die Fabrik geschlossen wurde. Nach einem Rausschmiss bei dem Versuch, Kontakt
zu den Verantwortlichen aufzunehmen, führt der Ärger über die bestehenden
gated Communities sowie über einen Rausschmiss, aber zu dem Beschluss, die
Entwicklung auf diesem Gelände zu stoppen.
Erforschung der Machtverhältnisse.
Man fand heraus, dass der für den Bezirk zuständige
Abgeordnete sein eigenes Haus beim Planer der 500 Wohneinheiten gekauft hatte.
Dies führte zu einer Aktion, bei der 75 Leute zur seiner Baustelle gingen und
ein Band mit aneinander gereihtem Spielgeld aufhängten. Die Botschaft: Die
Nachbarschaft verlangt die selbe Art von einem „guten Geschäft“, wie es der
Abgeordnete gemacht hatte.
Hinzu kam ein Bündnis mit dem Besitzer einer
Fleischfabrik, der 500 Arbeiter mit ausreichendem Lohn und der Kooperation mit
Gewerkschaften beschäftigte; er drohte, seine Fabrik abzuziehen, wenn diese
Edelwohnungen entstehen würden; der Fabrikbesitzer hatte genug eigenen
Einfluss auf den Bürgermeister Daley, so dass die Bewohner auf die
Unterstützung des Abgeordneten verzichten konnten. Sein Statement wurde in
Chicagos Medien wieder gegeben, und er bekam einen Anruf des in Chicago
fast übermächtigen Bürgermeisters Daley: Der Bürgermeister unterstütze keine
Änderung des Gebiets; dort würden deshalb keine Wohnungen entstehen.
Etwas zu stoppen ist nicht genug
Wenn keine Wohnungen entstehen, würden, was dann?
In einer Versammlung werden Kriterien festgelegt: Es
sollen nur Planungen unterstützt werden, bei denen
·
mindestens 500 „living wages jobs“, d.h. Jobs mit einem
gesicherten Mindesteinkommen, entstehen;
·
zudem müssten soziale Leistungen für die Beschäftigten gesichert
werden, sowie
·
Kinderversorgung sicher gestellt wird und
·
ein Training für die vorgesehenen Arbeitsplätze angeboten wird.
Zum Rathaus gehen
Das
Rathaus, die City Hall, ist das Zentrum für Politik und Verwaltung der Stadt.
Dort verweigert zunächst der Abgeordneten, gegen den sich die dargestellte
Aktion gerichtet hatte, ein Treffen, daraufhin gehen 20 Leute in seine
reguläre Sprechstunde; ein Treffen mit dem Planungsamt ergibt nichts, weil das
Amt nur reagieren und nicht selbst planen könne. „Offenbar handeln sie nur,
wenn es ihnen passt, haben wir daraus gelernt.“
Bewohner fahren mit einer Busladung zum Rathaus und sind
ab jetzt immer wieder im 5. Stock, wo der Bürgermeister residiert. „Wir wurden
enge Freunde der Sicherheitswache des 5.Stocks“.
„Die konstante Anwesenheit bewirkt eine Änderung:die Leute
aus dem Rathaus fangen an zuzuhören und uns früher im Entscheidungsprozess
anzurufen, und ie Haltung der Nachbarschaft verändert sich.“
„Immer mehr Türen öffneten sich. Wir waren klar in Bezug
auf unsere Kriterien. Das Planungsamt wusste, wann wir auf dem 5. Stock
waren. Sie wurden viel pro-aktiver, sie sandten Arbeitsplatzentwickler zu uns.
So fingen sie an, uns als eine organisierte Gruppe
anzusehen. Die Bewohner fingen an zu merken, dass ihre Meinungen wert
geschätzt wurden.“
Einen besseren Vorschlag erhandeln
Nachdem Vorschläge wie Kinos oder Lagerstätten verworfen
werden, weil sie nicht den Kriterien entsprechen, wird die Ansiedlung einer
Gesellschaft, Costo Companies, für verhandlungsfähig erklärt, weil hier mehr
als 200 Leute mit einem Lohn von mindestens $8.00 eingestellt werden sollen.
Nach einer Parade der Community mit einer festlichen
Atmosphäre, wird eine Vereinbarung geschlossen, dass die Bürgerorganisation
genutzt wird als Ressource, um Leute aus der Nachbarschaft einzustellen.
Die nächste Phase ist es, die Details festzulegen.
„Wir mussten uns wie eine Düne bewegen, zwei Schritte
voraus, einen zurück“. Aber schließlich gibt es eine Einigung, die
versprochene Ausbildung beginnt, die ersten Leute wurden eingestellt
Die Organisation entwickeln
Die Einrichtung von Costco Companies wird Mai 2001
eröffnet. Die Organisation wird eingeladen, zehn Führungspersonen, die
einzigen Bewohner auf dieser Veranstaltung, erscheinen mit T-Shirts der
Organisation.
„Bürgermeister Daley konnte die Augen nichtig von uns
lassen; er erinnerte sich an den Sieg der Community: Wir machten dies möglich“
Eine Leaderin:
„Du musst beharrlich weiter machen. Du erlebst viele
Enttäuschungen. Leute sagen, dass sie zu einem Treffen kommen und tun es
nicht. Du schuftest Dich dabei ab, so dass die Leute merken, da ist
jemand, der an ihrer Seite kämpfen wird. Dann kannst Du etwas Erfolg sehen.
Ich fühle, dass die Menschen in der Community die
Verantwortung für ihre eigene Community übernommen haben. Die Leute aus den
Ämtern usw. können nicht einfach in unsere Community kommen und machen, was
sie wollen, ohne sich mit uns zu beraten“.
Die Organizerin:
„Die Kampagne hat uns in eine bessere Position für die
Zukunft gebracht., denn die Grundlage ist, dass die Leute an der Basis uns
trauen. Von den vielen, vielen Organisationen mit denen sie in ihrem Leben zu
tun hatten, vertrauen sie der LSNA.“
(nach oben)
„Dies ist eine Geschichte von einem niederschmetternden
langen Kampf, um das Herz von Hammond zu retten.“
Hammond, südlich von Chicago, war nach dem 2. Weltkrieg
eine lebendige Stadt mit einer soliden Basis von Arbeitsplätzen und einer
City, in die die Menschen aus den Vorstädten zum Einkaufen, zu den Kinos und
dem Opernhaus kamen. In den 60er Jahren verliert die Stadt die industrielle
und kommerzielle Basis. 1990 ist nicht mehr viel geblieben in dem Zentrum von
Hammond. Wachstum gibt es nur in den Vorstädten, in dem Zentrum gibt es jetzt
kaum Einzelhandel, die Nachbarschaften werden zunehmend atomisiert.
„Als die Bundesrichter planten einen neues Gerichtsgebäude
in Vorstadtbereich im Süden von Hammond zu bauen und mit dem bisherigen Court
House eines der letzten Wahrzeichen aus dem Zentrum verschwinden würde,
entschieden die Bewohner, dass sie es satt hatten. Obwohl sie gewarnt wurden,
es wäre zu spät den Plan zu stoppen, beschlossen die Mitglieder der Interfaith
Citizens Organization zu kämpfen.“
„Die ganze Community von Hammond von den Banken bis zu den
Kirchen, der Handelskammer bis zu Vereinigungen von Alten, von Nord bis Süd
und quer zu den Rassen und Ethnien, kamen zusammen um für die Zukunft ihrer
City zu kämpfen.“
Die Basis wieder aufbauen
Die interreligiöse Organisation Interfaith Citizens
Organization (ICO) stellt 1989 Scully ein, einen Organizier von der Gamaliel
Foundation- einem der großen amerikanischen Netzwerke des CO- ein, um die
etwas kränkelnde ICO zu revitalisieren.
Als auf seine Anregung hin die Führungspersonen der
Organisation Anfang der 90er Jahre mit den Kirchenmitgliedern sprechen, finden
sie heraus, dass viele Bewohner Hammond als eine Durchgangsstation zu etwas
besserem ansehen. Ein Pastor ist erstaunt als er hört, dass die meisten
am liebsten aus Hammond weg gehen möchten.
Von Scully geworben, treten mit Ermutigung des Bischofs
und zunächst versuchsweise katholische Gemeinden der ICO bei, gründen ein
Kernteam und senden einige Leute zu einem Leadership-Training.
„Etwas, was die Gamaliel Foundation vorschlägt, sind
One-to-one- Interviews, wo die Mitglieder unserer Gemeinde losgehen, um andere
Mitglieder wirklich kennen zu lernen, was sie interessiert, was für sie
wichtig ist, was ihre Anliegen sind. Alle Mitgliedsgemeinden machten das.“
Dies ist ein traditioneller Teil des
Organisations-Bildens in glaubensbasierten CO s: Führungspersonen aus den
Gemeinden lernen hin zu hören und Beziehungen zu bilden mit Mitgliedern aus
ihrer Kirche, Synagoge oder Moschee und der Community.
Durch diesen Prozess verbinden sich die Leader wieder mit
den Mitgliedern ihrer Institution, gewinnen mehr Wissen über die Community,
das wichtig ist für die Führerschaft und beginnen das Netzwerk von Beziehungen
und wechselseitigem Respekt zu bilden, das der Community ermöglicht, Macht
auszuüben.
So werden in neun Monaten mit 200 Mitgliedern Gespräche
geführt.
Ein Geschäftsmann:
„Wir konnten immer die Truppen sammeln, aber dieses
One-to-one gab uns Tiefe. Die Leute verstanden einander wirklich und es
schaffte eine Dynamik. Es gab uns Legitimität und eine Basis.“
Das größte Treffen, das jemand gesehen hat
Anschließend sortiert der geschäftsführende Vorstand der
ICO die Issues
und entwickelt einen Plan für ein Treffen, auf dem die Community die Themen/
Issues auswählen soll, an denen gearbeitet wird.
Beim ersten Treffen 1992 kommen 2.200 Leute.
„Themen waren Jobs, Kriminalität, Schule. Aber eins stand
über allem: das Bundes-Gerichtsgebäude. Dies war zugleich ein Thema von Jobs,
weil der Verlust des zentralen Gebäudes Kunden für die Geschäfte abziehen
würde und ein Neubau des Gerichts, ein 60 Mio.$- Projekt, im gleichen
Gebiet Hunderte von Arbeitsplätzen auf dem Bau schaffen würde.“
„Die Leute waren so konditioniert, dass sie – aufgrund
langer negativer Erfahrungen – glaubten, sie seien machtlos. Aber an diesem
Tag fingen sie an sich selbst zu glauben.“
Der Genius dieser Kampagne ist die Wahl des richtigen
Issues. Es ist symbolisch dafür, dass die Entscheidungen immer wieder von
Leuten außerhalb der Stadt gemacht werden. Das Issue ist groß genug, und
zugleich grundlegend genug, um einen klassischen Kampf durchzuführen. Es würde
die Organisation aufbauen.
„Ein gutes Issue ist nicht etwas, von dem du weißt ,dass
du es gewinnen kannst, sondern etwas, wo du denkst, dass du es gut probieren
kannst. Etwas, dass fordert, dass die Leute hart arbeiten und zusammen
arbeiten.“
Nach dem Treffen lautet die Überschrift in der Zeitung: „Hammond
kämpft für seine Auferstehung“.
Phasen des Kampfes:
·
Der erste Test
Senatoren warnen das Thema anzupacken, weil es sowieso
schon gelaufen sei. Die Kirche hätte auch kein Recht sich einzumischen. Aber
das erste Meeting hatte gezeigt, dass es hier Einigkeit der lokalen Kräfte
gibt, quer zu den beiden Parteien Republikaner und Demokraten und quer zu den
Interessengruppen – gegen die „draußen“: die Bundesrichter, Senatoren und
Kongressmitglieder.
·
Mit den Fakten beginnen
Die Folgen des Abzugs des Gerichts werden untersucht und
die Möglichkeiten, wie die Community den Prozess beeinflussen kann, offizielle
und inoffizielle Entscheidungsträger werden herausgefunden.
Die Bundesrichter haben dabei eine zentrale Position,
weil sie auf Lebenszeit ernannt sind, unabhängig von der Stadtpolitik und viel
Einfluss haben, ihre Vorstellungen durchzusetzen. Sie wollen außerhalb der
Stadt ihr Gerichtshaus haben, weil sie meinen, dort ein Gebäude mit mehr
Komfort und besseren persönlichen Arbeitsbedingungen zu erhalten
Die offiziell zuständige Behörde hält sich mit einer
eigenen Position eher zurück.
·
Alliierte finden
Es ist kein Streitthema zwischen Republikanern und
Demokraten und die Richter haben auch kaum Verbündete in der Stadt. Vor Ort
gibt es viele Interessenten an dem Verbleiben eines Gerichtshauses im Zentrum,
u.a. Geschäfte, die jetzt fußläufig erreicht werden konnten, Anwaltsbüros u.a.
.
Eine Koalition entwickelt die ICO u.a. mit der
Handelskammer, einem Krankenhaus, Geschäften, und schließlich auch Banken.
·
Runde Eins: einen fairen und objektive Entscheidungsprozess
fordern
ICO-Mitglieder sind präsent auf einem Hearing der für die
Standortwahl zuständigen Behörde, sie gehen mit 100 Leuten zu dem Büro der
Richter, die sich jeglichem Treffen verweigern und laden sie eine Woche später
– wieder mit 100 Leuten – ein zu einem Treffen der ICO.
Als die Behörde eine scheinbar neutrale Studie
herausgibt, nach der das Gerichtsgebäude nicht in der Innenstadt angesiedelt
werden soll, organisieren die ICO- Mitglieder eine große Kundgebung, bei der
es in inszenierter und theatralischer Form zu einer Verbrennung der Studie
kommt.
Schließlich gibt die Behörde eine Woche später bekannt,
dass das Gebäude in der Innenstadt gebaut werden soll.
·
Runde Zwei und Drei
Der
Sieg wird gefeiert, aber kurz danach erklären die Richter, dass sie die
Entscheidung keinesfalls akzeptieren.
Der Kampf ist also noch lange nicht beendet, weil die
Richter und Instanzen des Bundes entscheidende Macht haben. Deshalb bedarf es
noch eines lange anhaltenden Kampfes und vielfältiger Aktionen, bis hin zu
Kundgebungen der ICO im Washingtoner Capitol, bis der Widerstand der Richter
gebrochen ist und im Jahr 2001 das Gerichtsgebäude in dem Zentrum von Hammond
fertig gestellt ist.
„Das stärkste, was wir haben ist, dass wir nicht weg
gehen. Wir sind da im nächsten Jahr, und wir werden da sein im Jahr
danach. Und wir werden siegen. Das ist es, was wir aus der Sache mit dem
Gerichtsgebäude gelernt haben“.
Die normalen Leute gewannen diesen Sieg
Im Laufe dieses ganzen Prozesses hat sich ICO
verschmolzen mit ähnlichen Organisationen zu der Interfaith Federation of
Northwest Indiana. Sie arbeiten mit neuen Themen: z.B. Drogen und der
Schaffung eines Verkehrsverbundes.
„Wir entwickeln den Mut, auf größere Kämpfe zuzugehen und
die rassischen und ökonomischen Spaltungen in dieser Region zu überwinden“.
„Die Community kam aus dem Kampf stärker als sie
hineinging. Aber es war nicht nur ein Kampf um ein Gebäude, die Teilnehmer
beabsichtigten, ein für allemal klar zu machen, dass die Bürger von Hammond
selbst ihr Schicksal bestimmen wollen.“
(nach oben)
„In den frühen 1990er Jahren boomte die Ökonomie Chicagos
und das Gesicht der Stadt veränderte sich, besonders signifikant im
Wohnungsmarkt. Im Zuge eines neuen Romantizismus wurden einige Nachbarschaften
in der City saniert, die ein Gebiet für Arbeiter und Leute mit geringem
Einkommen gewesen waren. Der Chicagoer Bürgermeister Daley sah die Chance, so
mehr Steuern einzunehmen und ordnete an, dass die Ämter Wohnungen und Häuser
für mittlere Einkommenslagen planen; die Mittel dafür aber sollten aus dem
Topf kommen, der für die Wohnungsentwicklung für niedrige Einkommen vorgesehen
war. Der Bürgermeister hatte eben eine andere Vision für diese Gelder als
seine Vorgänger.“
Die Entscheidung zum Organizing
Der Vorstand des Chicago Rehab Network, eines Netzwerkes
verschiedenster Organisationen, die Wohnungen und Häuser für einfache
Einkommen wollten, hatte eine schwierige Entscheidung: Das Netzwerk konnte
nicht weiter Wohnen für ärmere Menschen entwickeln ohne Finanzierungsquellen;
jetzt aber Wohnungen für mittlere Einkommen zu entwickeln, hätte seine Mission
verraten und zugleich die eigene Basis von Leuten mit geringem Einkommen im
Stich gelassen.
In direkten Gegensatz zur Stadt zu gehen, die Hauptquelle
für das Geld, hieß: Die Hand beißen die einen füttert.
„Sollte man die Krümel akzeptieren oder mehr fordern?“
David Hunt, seit 1989 geschäftsführender Direktor:
„Das Netzwerk ist 1977 aus einem heftigen Kampf für
den Community Reinvestment Act (Banken müssen in Nachbarschaften mit geringem
Einkommen investieren) entstanden. Wir haben für Gelder für das Wohnen von
ärmeren Leuten gekämpft, das Geld genommen und damit Tausende von
Wohneinheiten für ärmere Leute entwickelt. Aber zugleich sind wir von
Stadtteilgruppen zu Stadtteilentwicklungsgesellschaften geworden.“
Als die Mitgliedsorganisationen beginnen, gegen die neue
Politik der City zu protestieren, merken sie, dass sie alte Machtbasis
entwischt ist.
„Wenn du Vermieter bist, kannst du nur schwer die Mieter
organisieren, gegen jemanden zu kämpfen. Die Leute werden sagen: ‚Wo ist mein
Türknopf?‘ ‚ ‚Wenn du willst dass ich für mehr Hausbau eintrete, dann
repariere erst mal die Wohnung die ich habe‘.“
Das Netzwerk holt Kim Bobo von der Chicagoer Midwest
Academy , um eine Strategie zu entwickeln. Bobo und Hunt interviewen die
Repräsentanten der Mitgliedsorganisationen des Netzwerkes. Alle Organisationen
brauchen mehr Geld für Wohnungsentwicklung und wollen dies für ärmere Familien
einsetzen. Aber keine hat das Gefühl, dass man jetzt dafür Geld bekäme. Und es
macht allen Kopfschmerzen, jetzt Häuser für mittlere Einkommenslagen
entwickeln zu sollen.
Die Gruppen haben verschiedene Bedürfnisse, abhängig von
der Community, zu der sie gehören. Eine Fraktion will sich bewegen, die
anderen warnen eher selbstzufrieden: „Macht nicht alles kaputt.“
In einer tränenreichen und emotionalen Diskussion fällt
die Entscheidung, 10.000 Wohneinheiten zu fordern, die erschwinglich sind für
Leute mit niedrigem Einkommen- nicht alle Mitgliedsgruppen tragen diese
Entscheidung mit.
Der Vorstand beschließt nun, nicht mehr mit dem Geld des
Community Development Block Grants zu arbeiten, einem städtischen
Entwicklungsfonds, der vorher die hauptsächliche Finnzierungsquelle war. „Du
kannst nicht fortfahren die Hand zu beißen, die dich füttert. Also entschieden
wir, nicht gefüttert zu werden.“
Stattdessen kann das Netzwerk Gelder von Stiftungen
einwerben.
Die Strategie entwickeln
Es ist auch für die lang erfahrene Mid West Academy die
erste Kampagne, bei der es darum geht, ein städtisches Gesetz für 10.000
Wohneinheiten durch die Ratsversammlung zu bekommen, für die man $1 Mio.
fordert.
„Warum gerade 1 Mio. ?“ – „Das ist gut zu merken- die
Stadt hat 500.000 für Wohnzwecke vorgesehen, wir wollen das verdoppeln und das
Geld auf Leute mit geringem Einkommen richten.“
Die Strategie erfordert eine politische Analyse: Welche
Macht hat das Netzwerk, um den Bürgermeister und den Rat zur Aktion zu
veranlassen?
Da der wirkliche Entscheidungsmacher der Bürgermeister
ist, man aber keine Macht hat, ihn jetzt direkt anzugehen, kann man ihn
dadurch beeinflussen, dass man die potenzielle Mehrheit der Ratsmitglieder (Aldermen)
für das Gesetz gewinnt.
·
Eine Koalition zusammen bringen
Für den Gesetzentwurf wird eine breite Koalition gebildet
mit 250 Community Organisationen, Kirchen, Synagogen, Communty Centers und
insbesondere den United Latinos - Latinos waren bisher bei
Wohnungsprogrammen unterrepräsentiert.
Einige Organisationen davon mobilisieren viele Bewohner,
andere leihen nur ihren Namen und guten Willen für das Vorhaben.
·
Aktionen in den Nachbarschaften
„Wir wollten für etwa ein Jahr keine große Kampagne
machen, eher heimlich vorgehen, wir wollten den Bürgermeister nicht mit bösen
Namen belegen. Wir wollten den Drachen nicht rufen bevor wir bereit sind. Wir
wollten in den Nachbarschaften starten.
Dabei wollten wir die Energie dahin lenken, wo wir noch
keine Unterstützung hatten und brauchten mehrere Jahre.“
Praktikanten der Midwest- Akademie führen diese
Mobilisierung durch:
„Wir konnten als Lern- Laboratorium für College Studenten
dienen; und sie konnten als Fußsoldaten dienen in den Communities, wo keine
Mitglieder des Netzwerkes waren.“
Ihr Job ist es, Organisationen für die Unterstützung des
Gesetzes zu bilden. Drei Fragen stellen die Praktikanten an die
Organisationen, die noch nicht mit dem Thema Housing befasst waren :
-
Sind Sie bereit, ein Treffen mit dem Alderman zu arrangieren?
-
Wollen Sie für eine Postkartenaktion sorgen?
-
Wollen Sie mit dem Namen ihrer Organisation unterschreiben?
Zuletzt: Sich dem Bürgermeister annähern
Zu den Aktionen gehören immer mehr auch direkte sichtbare
Aktionen mit Bewohnern, zuletzt eine achtwöchige Großkampagne z.B. mit einer
Versammlung mit 600 Leuten, die im 5. Stock, dem Stock des Bürgermeisters, der
City Hall singen sowie die Verteilung von 15000 Flugblätter an den U-Bahn-
Haltestellen.
Es kam der Anruf von der City Hall: „O.k., wir
treffen uns“.
Verhandlungen und Ergebnisse
Erreicht wurde ein Programm von $ 750.000 mit einem
Ansatz des Monitoring, bei dem die Realisierung des Programms beobachtet
werden soll.
Acht Jahre nach diesem Sieg gibt es eine feste
Partnerschaft mit der Wohnungsabteilung der Stadt. 48000 bezahlbare Wohnungen
sind entstanden.
„Wir waren anerkannt als unabhängige Stimme, die zu hören
ist.“
Aber nicht alle in den Low- income- Communities sind
begeistert.
Die Spannung, mit der das Netzwerk kämpft, besteht bis
heute: eine Balance zu finden zwischen besseren kooperativen Beziehungen mit
der City und andererseits dem Ansatz, Forderungen an die City für mehr
Ressourcen durchzusetzen.
(nach oben)
„Wenn sie auf Englewood (einen Chicagoer Stadtteil) sehen,
denken die meisten Leute: da ist kein Geld. Verlassene Häuser, Kriminalität,
Arbeitslosigkeit, Drogen - das sehen die meisten Leute. Aber die Kredithaie
fanden Geld. Die Leute in solchen Nachbarschaften besitzen ihre Häuser seit
Generationen. Das war Geld für die Kredithaie. Wenn Du pleite bist, das Dach
ist undicht und jemand erzählt Dir, dass Du Geld bekommen kannst, nimmst Du
es.“
So der Präsident der Association of Community Organizations
for Reform Now (ACON) von Illinois.
Der angebotene Zinssatz war niedrig und niemand hat
besonders auf die hohen Raten geachtet, die bei Zahlungsverzug fällig waren,
wenn jemand z.B. arbeitslos wurde und nicht zahlen konnte.
Wie die Community auf „Predatory Lending“ aufmerksam wird
Das National Training and Information Center (NTIC), das
in den 70er Jahren eine zentrale Rolle bei der Durchsetzung des Community
Reinvestment Act gespielt hatte, beobachtete das Bundesprogramm für Leute, die
zum ersten Mal ein Haus besitzen. Dabei merkten sie, dass in den letzten
Jahren eine Masse an Verzugsfällen (foreclosure: eine Hypothek wird für
verfallen erklärt, weil die laufenden Zinsen nicht bezahlt werden) entstanden
sind mit enorm hohen Zinsen. Wenn diese nicht bezahlt werden, verlieren die
Eigentümer ihre Häuser. Und mittlerweile bemerken die Bewohner die leeren
Häuser in der Nachbarschaft..
„Ich sah in einem Gebiet 37 mit Brettern zugenagelte
Häuser. Ich merkte, dass das schlimmer ist, als diese Zahl ausdrückt; denn
zugenagelte Häuser bedeutet Probleme mit der Sicherheit, Leute ziehen aus,
Instabilität in der Nachbarschaft. Es war ein Thema für die Community. Etwas
musste getan werden.“
Die betroffenen Leute hatten die Haltung: „Ich hab’s
verdient, ich war blöde.“ Kommt man auf eine tiefere Schicht, merkt man: sie
waren nicht blöde, sie waren verzweifelt: Der Ofen funktionierte nicht, der
Winter kam und sie brauchten ein Darlehen um ihn zu reparieren.
NTIC und die „Tasc Force : Kredithaie“
Das National Training and Information Center (NTIC), das
keine individuelle Mitglieder hat, veranstaltet mit dem NHS (Neigborhood
Housing Service) Meetings von Hausbesitzern, die kurz davor standen, ihre
Häuser zu verlieren wegen „Predatory Lending“.
Dabei wird die Regel des Organizing befolgt: Nachdem die
Leute die Chance hatten sich abzureagieren, muss ein Weg sein für da sie, in
Aktion zu gehen um eine Änderung durchführen: „Wollt ihr was dagegen tun, dass
andere davon betroffen werden?“
So bilden sie eine Task Force, laden Repräsentanten der
Staatlichen Aufsicht ein und wollen mit den Gesetzgebern des Staates reden.
Der Gouverneur will zunächst eine Kommission einsetzen. Aber dagegen verwahrt
sich NTIC.

Gale Cincotta (links), die große alte Kämpferin des NTIC:
„Verschwendet nicht meine Zeit. Aus der Geschichte wissen wir, dass die
meisten Studien dazu da sind um abzuwürgen. Wir werden nicht warten.“
Das SWOP hält eine POSADA ab
Mitglieder des South West Organizing Project (SWOP)
besuchen die Meetings von NTIC, sie gehen auch zu einigen „Hai-Attacken“, bei
denen NTIC wütende Hauseigentümer organisiert hat, um den Büros des Predatory
Lending zu zeigen, dass sie nicht ihre Nachbarschaften zerstören dürfen.
SWOP ist eine Organisation von Gemeinden, Kirchen,
Synagogen und Moscheen, Krankenhäusern, Schulen und anderen lokalen
Institutionen. Und da SWOP eine religions-basierte CO ist, haben die SWOP
Mitglieder das Gefühl, dass wütende Meetings nicht wirklich ihr Stil sind.
SWOP rückt bei den Aktionsformen spezielle Events in den
Vordergrund, die die verschiedenen Kulturen in den Stadtteilen repräsentieren.
Deshalb organisiert SWOP neben vielen anderen Aktionen eine „Posada“. Eine
Posada ist ursprünglich ein Schauspiel, wie die Heilige Familie nach einer
Unterkunft sucht, von Tür zu Tür weggeschickt wird und schließlich im Stall
ankommt. Ein gemeinsames Gebet vor den Toren einer Gesellschaft, die des
Predatory Lending beschuldigt wird, wird Teil des Umzugs.
So gelingt es, auch die Schwestern eines dortigen Ordens
(St. Casimier), die nie in Politik involviert waren, einzubeziehen. Das
wiederum ermutigt andere mitzumachen.
ACORN geht die Finanzorganisationen an
ACORN arbeitet anders.
ACORN wirbt in sehr einkommensschwachen Nachbarschaften
Mitglieder durch Tür-zu-Tür Arbeit. Predatory Lending gehört zu den Themen,
mit denen ACORN sich in vielen Staaten der USA befasst.
Predatory Lending wird von ACORN als eine zusätzliche
Möglichkeit gesehen, wie auswärtige Interessenten Dollars aus den armen
Communities heraus saugen.
„Unsere Leute sind eine leichte Beute; sie haben
immer die Angst, von den Banken abgewiesen zu werden. Die Verleiher kommen zu
den Leuten, nehmen persönlichen Kontakt auf und beuten so die Leute aus.“
„Wir wollten Predatory Lending zu einem festen Begriff
machen; wir wollten ein neues Verständnis schaffen: Es ist nicht ein
persönliches Problem, das keinen Namen hat, nach dem Muster : ‚ich habe
vielleicht einen Fehler gemacht‘.“
Kern des Organizing ist es , persönliche Probleme zu
öffentlichen Themen zu machen, so dass die Leute sehen können: das ist
ein gemeinsames Problem.
„Die Schnittstelle zwischen Biografie und Geschichte, ist
das, was Organizing macht. Dies verändert die Einstellung von vielen ACORN
Mitgliedern: Leute erzählten ihre Geschichten. Die Leute fühlten sich nach
dieser Aktion empowert“, sagt Madaleine Talbott, die leitende ACORN-
Organizerin von Illinois.
ACORN unternimmt direkte Aktionen- und dazu gehören auch
spektakuläre, bei denen die Polizei geholt wird - gegen
Finanzinstitutionen, statt der Gesetzgebungslinie zu folgen, und macht dann
Agreements mit Finanzinstitutionen, die ordentliche Angebote für ACORN-
Mitglieder herausgeben.
Talbott:
„Es muss Ergebnisse direkt für die Mitgliedschaft geben.
Wir müssen manche Produkte schaffen, die gangbare Alternativen sind zu dem,
was die Leute angeboten bekommen von den Räubern“.
Den Opfern helfen: die Northwest Neigborhood Federation
Die NNF, die ein multiethnisches Gebiet von Menschen aus
der Arbeiterklasse repräsentiert, hat einen ganz anderen Ansatz zu dem Thema.
„Zuerst sahen wir darauf, ob das Gesetz des Staates
Predatory Lending verhindert. Da das nichts nütze, änderten wir unseren Focus:
Wir sahen auf die, deren Kredit verfiel und die aus den Häusern vertrieben
werden sollten. Wir arbeiteten mit den Leuten, die mitten drin sind in den
Problemen, statt bei der Prävention.“
Es wird mit einigen Banken ein alternatives Produkt
erarbeitet für die, die mitten im Problem stecken.
Unterstützt werden sollen die, die ihr Haus behalten
wollten, u.a. auch mit einer Absicherung durch kirchliche Fonds.
„Wir blicken auf unseren Meetings herum: Wie kann man
sagen, dass es um Prävention geht und nicht um die Sorge für die, die jetzt da
sind. Dies sind unsere Nachbarn, Leute, die hart arbeiten, die ihre Steuern
zahlen. Das sind keine Leute, die es umsonst haben wollen. Deshalb haben wir
diesen Weg gewählt.“
Schritte auf dem Weg zu einem Gesetz
Die Schritte seien hier nur in Stichworten beschrieben
·
Eine Koalition von verschiedenen Organizing- Gruppen bringt über
einen Abgeordneten ein Gesetz im Staat Illinois ein.
·
Die City geht in Aktion: Die Stadt soll festlegen, dass sie
keine Geschäfte mit Finanzinstitutionen macht, die Predatory Lending
betreiben. Die Stadt ist involviert, weil verlassene Häuser auch eine Gefahr
für die Nachbarschaften bedeuten.
·
Die Banken wehren sich gegen die Vorstöße; mit Aktionen von
Bürgern werden sie, aber auch Mitglieder des Stadtrats, attackiert.
·
SWOP verfolgt eine andere Strategie; sie bringt Fotografien von
allen verlassenen Häusern in der Gegend auf eine CD und präsentiert sie dem
Wohnungsamt.
·
Nach
einer Pressekonferenz von Bürgermeister Daley über Predatory Lending wird eine
städtische Verordnung erreicht.
Im Staat Illinois erlässt der Gouverneur Ryan eine
Regulierungsverordnung, die die schlimmsten Praktiken ausschließen soll – er
braucht eine gute Presse, weil er in Skandale verwickelt ist.
·
Einige Organisationen haben das Gefühl, dass der Weg der
Regulation keinen nutzbaren Schutz bietet, andere wie SWOP schuften sich
weiterhin damit ab. ACORN geht z.B. seinen eigenen Weg weiter.
·
Schließlich wird mit Mehrheit des Parlaments von Illinois die
Verordnung des Gouverneurs gebilligt.
Die Arbeit ist noch nicht erledigt
„Das war der Höhepunkt von mehreren Jahren harter Arbeit,
und die CO s hatten das Gefühl, der Sieg war süß. Sie nahmen sich Zeit für
eine Runde von Feiern, aber sie wussten, dass ihre Arbeit fortgesetzt werden
musste.“
„Regulierungen sind nur so gut, wie ihre Durchsetzung und
so muss noch viel getan werden, bevor Hausbesitzer sicher sind vor Praktiken
des Predatory Lending.
(Zwei Monate nach dem Text von Judy Hertz gibt es eine
äußerst kritische Einschätzung der Entwicklung durch die SWOP (http://www.woodstockinst.org/obredfimemo.pdf
)
Die CO s und ihre Führungspersonen haben an Stärke
gewonnen durch die Kampagne. Viele der Opfer des Predatory Lending leiden
nicht mehr in der Stille und die Leute verteidigen ihre Community.
(nach oben)
Der Text ist viel anschaulicher und facettenreicher, als
ich ihn hier (mit oft nicht zureichenden Übersetzungskünsten) paraphrasieren
und zusammenfassen konnte. Es lohnt sich, die Schilderung der einzelnen Fälle,
mit ihren Verwicklungen und Verwinkelungen, genau und im amerikanischen
Original zu lesen, um die Professionalität mit ihren gut überlegten Strategien
und ausgeklügelten Taktiken würdigen zu können, mit der Organizing dort
betrieben wird.
Eine solche Vielfalt und Präsenz des Community Organizing
gibt es wohl nur im Raum Chicago. Das bedeutet einerseits, dass für Kampagnen
immer viele Organisationen bereit stehen, teilweise miteinander vernetzt oder
koalierend, teilweise auch miteinander konkurrierend. Zum anderen heißt das
auch, dass die Chicagoer Politik gewohnt ist, mit den Aktionen umzugehen; die
„Spielregeln“ sind beiden bekannt; es ist sicher nicht ganz leicht, einen
Bürgermeister wie Daley noch mit irgendwelchen Aktionsformen zu überraschen.
Gelungen ist es der Autorin, sehr unterschiedliche
Aspekte des CO darzustellen. Ich versuche sie, in der folgenden Tabelle zu
erfassen:
|
|
(1) Logan Square |
(2) Hammond |
(3) Wohnungspolitik |
(4) Predatory Lending |
Issue
|
Jobs erringen, Wohnumfeld erhalten |
Stadtidentität wahren, Jobs erhalten/ erringen |
Wohnen für ärmere Leute fördern |
Wohneigentum bei Geldproblemen erhalten |
|
Raum |
Stadtteil |
Stadt |
Stadt |
Stadt> Staat> Bund |
|
Agierende Organisationen |
Stadtteil-Organisation |
Stadt-Netzwerk |
Netzwerk zum Thema Wohnen |
Verschiedene Organisationen. mit unterschiedlichen
Ansätzen |
|
Gegner |
Entwickler von Gated Communities |
Bundesrichter |
z.T. BM Daley |
Kredithaie |
|
Erfolg? |
Teilerfolg: Verhinderung einer neuen Gated Communty,
aber weniger neue Jobs als angestrebt |
Erfolg: Gericht wird im Zentrum gebaut |
Teilerfolg: Wohnungsprogramm |
Erfolg: es bleibt strittig, ob die Regulierungen
durch Stadt und Bundesstaat ein Erfolg sind. |
Entwicklung der Bürgermacht
Beziehungen zwischen Inhalten, Strategien und der
Entwicklung der Organisation
Es gibt eine Dialektik zwischen Issues/ Themen und den
Organisationen: Der Abzug des Warenhauses in Logan Square oder des Gerichts
in Hammond sind Themen, die im Wortsinne „auf der Straße“ liegen und geradezu
nach einer Organisation rufen, die sich ihrer annimmt.
Dennoch eignen sich die Organisationen das Thema
unterschiedlich an:
Während sich LSNA unhinterfragt dem Thema widmet, ist die
Auswahl des Themas bei der kränkelnden ICO in Hammond ein sorgfältig
durchgeführter Prozess: die Wiederbelebung der Organisation kann nur bei einem
richtig ausgewählten Thema realisiert werden.
Das Thema der Wohnungspolitik wird zunächst von den
Professionellen des Rehab Netzwerkes als Herausforderung für die eigene
politische Moral erkannt und dann an die Mitgliedsorganisationen und weiter an
die Leute vor Ort transportiert; die Neuorientierung des Netzwerkes ist
durchaus ein Risiko für die Organisation, ein „weiter-so“ aber wäre eine
Gefährdung der eigenen Mission und zugleich des Rückhalts der Mitglieder.
Die Verleihpraktiken für Hausbesitzer, die von den
Betroffenen als Folge individuell falschen Handelns gesehen werden, werden
erst durch eine Organisation zum „sozialen Problem“, das einen eigenen Namen
bekommt: Predatory Lending. Ist dieses soziale Problem gesetzt und in den
Köpfen der Betroffenen verankert, so kann keine Organisation mehr an ihm
vorbei gehen. Allerdings zeigt der weitere Verlauf, dass das Thema auch
„enteignet“ werden kann, wenn z.B. Präsident Bush sich selbst zum Kämpfer
gegen das „Predatory Lending“ erklärt und die Gesetzgebung hierzu an sich zu
ziehen versucht.
ACORN kämpft seither gegen eine Regulierung durch Bundesregierung und
Kongress, die die lokalen Erfolge wieder zunichte machen würde.
Der Erfolg wird manchmal erst längerfristig in den
Lebensverhältnissen der Menschen sichtbar; aber es ist oft ein brüchiger
Erfolg, wenn es um Zusagen für die Zukunft geht: Was nützt das Versprechen von
Arbeitsplätzen oder Wohnungen, wenn diese ein paar Jahre später nicht
eingehalten werden (können)?
Deshalb gehen die Organisationen über die „Durchsetzung
einer Forderung“ hinaus, wenn sie Monitoring betreiben wollen oder aber auch
selbst Programme implementieren und realisieren.
Das Ringen im „Rehab Networt“ um die Entscheidung, zum
Thema Wohnen wieder mit Organizing zu beginnen, zeigt das Dilemma
erfolgreicher Arbeit: Unabhängigkeit ist in Gefahr, wenn man mit an dem Tisch
sitzt, an dem Gelder verteilt werden, die man zuvor in einem erfolgreichen
Kampf eingefordert hat.
Insofern stehen die Organisationen z.T. durchaus im
Spagat der Rollen „Bürgerorganisation“ und „Dienstleistungsunternehmen“.
Die Handlungsformen sind u.a.
·
Erforschung von Machtverhältnissen,
·
interne Mobilisierung in den Organisationen,
·
öffentlich sichtbare Aktionen wie – teils konfrontative, teils
festliche – Versammlungen, Demonstrationen und theatralische Akte sowie
·
Verhandlungen zwischen Repräsentanten.
Dabei habe ich den Eindruck bekommen, dass sehr viel auf
der Ebene von Organizern/ Leadern und Vertretern von Institutionen geschieht
und die „einfachen Leute“ jeweils punktuell mobilisiert werden; Graswurzel-
Demokratie heißt hier also nicht, dass die Willensbildung von ganz unten, den
einfachen Leuten, ausgeht.
Das Buch schildert vor allem die Sichtweise der
Aktivisten von den betreffenden Organisationen; wir erfahren so nur aus deren
Blickwinkel, wie die Aktionen und Ergebnisse von den BewohnerInnen selbst-
sowohl den aktiv an Aktionen beteiligten als auch nicht direkt involvierten
BewohnerInnen- wahrgenommen werden.
Eine solche kritische Auseinandersetzung ist nicht
Ziel des sehr spannenden und plastischen Buches gewesen, dies wäre ein
nächster Schritt, der folgen könnte.
(nach oben)
|
Judy Hertz |
JtwoDtwo@aol.com
http://www.midwestacademy.com/Intern/ilintern.html
http://www.northpark.edu/acad/macd/faculty.htm, |
Judy Hertz, organisiert auch Praktika der Midwest Academy, bei denen an
Kampagnen von Organisationen mit gearbeitet werden kann:, |
|
Midwest Academy
(MWA) |
http://www.midwestacademy.com/ |
Trainings und Beratung für Führungspersonen und
Mitarbeiter von Bürger- und Community – Gruppen
Zentral: Bobo, Kim/ Kendall,
Jackie/ Steve, Max, 2001: Organizing für Social Change, A Manual for
Activists, Chicago, 3th edition |
|
Neighborhood Funders Group
(NFG) |
http://www.nfg.org/
http://www.nfg.org/cotb/index.htm
|
Ein nationales Netzwerk von Sponsoren für stärkere
Unterstützung von Organisationen, die Menschen mit niedrigem Einkommen bei
der Entwicklung ihrer Community zur Seite stehen.
Wichtig: toolbox for funders, ein
hervorragender Überblick zum CO |
|
Logan Square Neighborhood
Association
(LSNA) |
http://www.logansquare.net/
http://www.logansquare.net/zoning_committee.html |
Prinzip der Entwicklungsstrategie ist die Erhaltung
- der ökonomischen Vielfalt der Bewohner
- der Vielfalt der Nutzung des Landes (Wohnen,
Geschäfte, Industrie)
- des historischen Charakters der Nachbarschaft |
|
Interfaith Citizens
Organization (ICO) /
Interfaith Federation of Northwest Indiana |
http://www.lakeco.lib.in.us/iris/my0zw0cj.htm
über Aktionen: http://www.post-trib.com/news/race0422a.html |
Eine Community Organisation von 30 religiösen
Gemeinden, die im Gebiet von Gary, Hammond und Ost-Chicago arbeitet; die
ICO bezog sich auf das Gebiet Hammond und ist zu einem Teil dieses
Zusammenschlusses geworden. |
|
Gamaliel Foundation |
http://www.gamaliel.org/Foundation/foundation.htm |
Die Gamaliel Foundation will ein machtvolles Netzwerk
von Basisorganisationen, interreligiösen, quer zu den Rassen und
Multi-Issue-Organisationen sein, die zusammen arbeiten, um eine gerechtere
und demokratischer Gesellschaft zu schaffen. Die Organisationen des
Netzwerkes sind ein Vehikel für einfache Leute, effektiv an politischen,
sozialen und ökonomischen Entscheidungen teilzuhaben, die ihr Leben
bestimmen. |
|
Chicago Rehab Network (CRN) |
http://www.chicagorehab.org/who/who.htm
|
Eine stadtweite Koalition von
nachbarschafts-basierten, non-profit Organisation zum Thema Wohnen, die
dafür arbeitet, dass erschwingliches Wohnen in Chicago und der Region
geschaffen und erhalten wird.
Zur Koalition gehören etwa 45 sehr unterschiedliche
größere und kleinere, regionale und landesweit arbeitende Organisationen
aus dem Raum Chicago , z.T. aus dem Bereich des CO, zum Teil stärker aus
der Stadtentwicklung. Besonders aktiv sind z.B. ACORN und die
Coalition for the Homeless. |
|
National Training and
Information Center
(NTIC) |
http://www.ntic-us.org/about/about.htm |
NTIC ist 1972 in Chicago von Gale Cincotta, Shel
Trapp, und Anne-Marie Douglas gegründet. Seine Mission ist,
Basis-Führerschaft aufzubauen und Nachbarschaften zu stärken durch
issue-basiertes Organizing |
|
Southwest Organizing Project SWOP |
http://www.woodstockinst.org/obredfimemo.pdf |
SWOP gehört zu den vielen lokalen Organisationen in
Chicago. In der hier aufgeführten Quelle vom 20.Mai 2002 setzt sich SWOP
kritisch mit der Praktizierung der von der Organisation mit
herbeigeführten Regulative zum Predatory Lending auseinander. |
|
Nothwest Neigborhood Federation |
http://www.ntic-us.org/employment/emp-northwest-neighborhood-federation-org.htm
|
In dieser Quelle ist eine Stellenanzeige von NNF zu
finden.
NNF ist eine multi-issue, non-profit- und
nachbarschaftsbasierte Organisation, 1979 gegründet, zu ihr gehören sieben
Nachbarschaftsorganisationen, neun Schulen und ein Altenzentrum. 32.000
Familien aus dem Nordwesten von Chicago werden von NNH repräsentiert. |
|
ACORN |
www.acorn.org |
Die größte Organisation mit persönlicher
Einzelmitgliedschaft des CO in den USA; vgl. dazu meinen Überblick zum CO
in den USA (siehe oben). |