forum-community-organizing.de    

    foco   foco

Stand: 16.02.2008

Home ] Nach oben ] Über foco ] Nachrichten ] Rundbriefe ] Training ] foco-Buch 1996 ] CO-Europe ] foco-Bibliothek ]

Home
Nach oben
Über foco
Nachrichten
Rundbriefe
Training
foco-Buch 1996
CO-Europe
foco-Bibliothek

Kap. 3- Klassischer Ansatz des CO nach Shel Trapp[1]

Von der Machtanalyse zur Strategie– nach Dynamics of Organizing.

Schritte des Organizing- nach Basics of Organizing..

 

Shel Trapp arbeitet seit Anfang der 60er Jahre als Organizer. Er arbeitet, lange Zeit zusammen mit Gale Cincotta, bei NTIC weiter bis 2001[2] und wird dann Vorstandsmitglied des NTIC. Shel Trapp bringt in seinen schmalen Heften, die in den 70er und 80er Jahren erschienen und überwiegend vom NTIC herausgegeben sind, eine knappe, praxisnahe und zugespitzte Darstellung des Community Organizing, wie es wohl für die 1970er Jahre als typischer Ansatz in Großstädten wie New York und Chicago angesehen werden kann.

2003 veröffentlicht er  noch einmal ein Buch zum Organizing, wieder heißt es "Dynamics of Organizing", aber dieses Mal versehen mit einem Untertitel "Building Power by Developing the Human Spirit": Wenn ich anfing zu organisieren, war eine meiner zentralen Motivationen Ärger. Aber, als mein Leben voranschritt, lernte ich, dass es etwas gibt, das noch machtvoller im Kampf für soziale Veränderung ist, und das ist Liebe".

Von der Machtanalyse zur Strategie

(nach Dynamics of Organizing)

Zentral ist für Trapp der Umgang mit dem Thema Macht. Dabei geht er von einem Machtbegriff aus, bei dem es eine bestimmte Menge an Macht gibt, die ungleich verteilt ist. Ziel des CO ist es, diese Gewichte neu zu verteilen. Deshalb ist der erste Schritt die Machtanalyse

"Der Organizer beginnt mit einer Analyse der Machstruktur in dieser Community oder Gruppe. Alle Communities, Kirchengemeinden, Clubs, Organisationen haben eine Machtstruktur, real oder angenommen, von der aus die Gruppen arbeiten

  • Wer erscheint als der, der die Macht hat?

Wer ist im Stadtrat…?, Wer ist in den Vorständen…?,Welcher Name erscheint in den Zeitungen, wenn zu einem Thema nach einer Meinung gefragt wird. Diese haben vielleicht, vielleicht auch nicht, die Macht in der Community. Aber an der Oberfläche erscheint es so. Wichtig ist es für den Organizer, nicht auf diese einfache Annahme herein zu fallen.

Die Aufgabe der Machanalyse ist an dieser Stelle noch nicht vollständig, denn die nächste Frage ist:

  • Wer hat die Macht?

In einer großen Stadt ist das nicht leicht zu bestimmen. Ähnlich wie ein Organizer ziehen diese Personen es vor, hinter den Akteuren auf der Bühne zu agieren, z.B. …in der Welt der Finanzen oder der organisierten Kriminalität[3] Der Organizer redet mit denen, die die Macht zu haben scheinen: „Wessen Meinung respektieren Sie  wirklich?“

  • Wer hat Macht in spezifischen Bereichen?

Wenn drei oder vier Leute “Mrs. Jones“ erwähnen, wird der kluge Organizer mit ihr Kontakt aufnehmen, bevor er einen Schritt tut.

1) Wenn Machtstruktur nicht mehr- wenn sie es jemals tat - die Struktur der Community repräsentiert.

2) Wenn die Machtstruktur unfähig oder unwillig ist, sich mit den realen Themen auseinander zu setzen.

Nie von sich aus, sondern nur mit einer entwickelten eigenen Machtbasis.

In dem er die existierende Machtbasis in die Position der “Reaktion” bringt, …z.B. indem die existierende Machtbasis und ihre Themen umgangen werden und man sich so schnell bewegt, dass die existierende Machtbasis das  Tempo nicht halten kann.

Die Machtanalyse muss dabei immer wieder neu evaluiert und aktualisiert werden.

Macht ist nicht statisch; der Organizer muss darauf achten, ihre Veränderungen zu  beobachten, zu antizipieren und,  hoffentlich,  die Veränderung  zugunsten der Leute zu  erzwingen. Wer das nicht kann findet sich selbst schnell dabei, die Stellenanzeigen zu lesen.

Von der Machtanalyse geht der Organizer weiter zur Entwicklung von Strategien und Taktiken

Strategie und Taktiken sind ein wichtiger Aspekt des Organizing. Das Thema kann brennend  sein, die Leute ärgerlich und bereit zum Kampf, aber wenn die Taktiken falsch sind oder die Strategie unklar, kann der ganze Kampf verloren gehen. Bei der Entwicklung einer Strategie sollte der Organizer diese Fragen stellen

1. Werden die Leute die Strategie akzeptieren?

2. Wird sie dramatisieren und das Thema aufbauen?

3. Wird sie den Gegner (enemy[4])aus der Balance bringen?

4. Wird sie den Gegner personalisieren?

5. Wird sie den Leuten Spaß machen?

6. Welche Alternativen müssen geplant werden?

7. Wird sie uns an den Verhandlungstisch bringen?

 

Schlussfolgerung

Die Summe der Macht, die die Organisation hat und die Summe der Macht, gegen die es geht, zu erkennen ist wichtig damit kluge Strategien entwickelt werden, die eine Antwort auf die oben genannten Fragen geben. …“Mach ihn verrückt, damit er seine Kräfte in Konfusion zerstreut“. So versucht der Organizer die Strategie in solcher Weise zu benutzen, dass die Macht der Organisation maximiert wird und die des Gegners minimiert.

Schritte des Organizing

(nach Basics of Organizing)

Door-Knocking

Indem wir an die Tür klopfen, finden wir heraus, was die Community denkt und fühlt.:
Was fühlen oder denken sie über die Community? Was wollen sie geändert sehen? Verbessert?

Du bist beim Door-Knocking dabei zu fischen, zu verkaufen, einen Anstoß zu geben oder eine Kombination davon. Beim Door-Knocking hast du 30 Sekunden, dich selbst vorzustellen, dein Ziel zu nennen und die Person hinter der Tür zu überzeugen, dass du kein Geldsammler, Bibelverkäufer bist oder jemand, der dein Haus inspiziert um einzubrechen.

„Guten Tag, ich bin… und ich arbeite mit der (Block Club, Bürgervereinigung, Kirche) um die Ecke. Wir reden mit den Leuten in der Nachbarschaft über ihre Ideen zur Verbesserung der Community.“

Fishing

Das geschieht, wenn du versuchst ein Thema zu finden. Z.B.: „Wenn Sie eine Sache in der Community ändern könnten, was wäre das?“

Wenn dies keine spezifische Antwort bekommst, solltest du etwas vorschlagen, was Du  in dem (Wohn)Block gesehen hast, z.B. …herunter gekommene Häuser.

Dein Job ist es, diese generellen Aussagen in etwas Spezifisches zu bringen: „Was meinen Sie mit ‚dreckig’? Gibt es da einen bestimmten Platz?“

Wenn du ein spezifisches Issue hat, dann frage: “Würden sie bereit sein, zu einem Treffen zu kommen zum Thema der Haufen von Dreck und Müll an der Ecke?“…

Wenn du einen Erfolg gehabt hast und die Person zustimmt zu dem Treffen, dann wirst du vielleicht aufhören, nach einem Issue zu “fischen” und beginnen mit dem “verkaufen“, wenn du zur nächsten Tür weiter gehst.

Selling

Es gibt zwei Arten des Verkaufens: ein Thema oder eine Mitgliedschaft in einer Organisation. Im folgenden Leitlinien für das Verkaufen eines Themas:

„Viele Nachbarn haben gesagt, wie dreckig die Nachbarschaft aussieht, insbesondere an der Ecke, wo der Straßenkehrer der City ihre Ladung ablädt. Ich hab gehört, dass …der Müll manchmal eine Woche und länger liegt. Wären Sie interessiert, zu einem Treffen zu kommen um zu diskutieren, was Sie dazu tun können?“

Wenn die Person interessiert ist, fang an über die Zeit, den Ort für das Treffen zu reden … .Wenn kein Interesse, dann geh zurück zum Fishing: „Was für Besorgnisse haben Sie denn selbst in Bezug auf die Community“

Pushing

Dies ist ähnlich wie beim Verkaufen, aber zu hast Datum, Zeit und Ort des Meetings: „Viele Nachbarn beklagen sich, dass die Kehrmaschine ihren Dreck and der Ecke ablagert. Wir treffen uns Dienstag…. Wir haben den Chef der Straßenreinigung eingeladen und er hat zugesagt zu kommen. Dies ist eine gute Zeit, etwas zu tun wegen dem Müll, ein für alle mal. Können Sie zu dem Treffen kommen?“

Wenn sie Interesse haben, wiederhole Datum, Zeit und Ort, gib ein Flugblatt und frag sie, ob es noch jemanden gibt mit dem sie über das Treffen sprechen können. Wenn anscheinend wenig Interesse ist: „Gut, vielleicht ist noch Zeit über andere Themen zu sprechen. Was würden sie gerne durch uns behandelt wissen.“

Issues identifizieren

Nur weil du denkst etwas ist ein Issue, ist es noch lange keines.  Und umgekehrt. Die Fragen sind:

-          Können die Leute dazu mobilisiert werden?

-          Ist es spezifisch?

-          Kann man etwas tun, um diese Situation zu ändern?

Wenn die Leute sagen, „die Community geht den Bach runter“, ist das eine allgemeine Besorgnis, ein Problem. Aber du kannst es zu einem Issue machen, wenn du sie dazu bewegst zu definieren, was sie mit „den Bach runter gehen“ meinen: z.B. Schlaglöcher in den Straßen …

Kann etwas getan werden oder verändert? Deine lokale Organisation kann nicht das staatliche Wohlfahrtssystem verändern. Aber sie kann sicherstellen, dass alle Bewohner alle Leistungen erhalten, die ihnen zustehen und dass sie mit Respekt behandelt werden. Die Issues deiner Organisation dürfen nicht außerhalb des Blickfeldes und der Macht der Organisation sein.

Wenn das Erreichen des Ziels lange Zeit braucht, dann erreiche Zwischenziele und feiere sie: „Wir haben ein Treffen mit dem BM“ oder „Zum ersten Mal hat das Planungsamt zugestimmt, sich mit einer CO zu treffen. Wir kommen voran!“

Personalisieren

Personalisiere den Gegner. Issues sind nicht von Systemen verursacht, sondern von Leuten in dem System, die ihre Arbeit nicht machen. Du attackierst nicht ein System, sondern Terry Smith, den Chef der Straßenreinigung.

Leader identifizieren

Niemals kommt jemand zu mir und sagt, „Hallo, ich bin ein Führer und möchte deine Organisation führen“. Und ich sah auch noch nie in einem Raum jemand mit einem großen „L“ auf der Stirn. Führer zu finden und zu entwickeln ist ein langsamer Prozess mit gelegentlichen Erfolgen und häufigen Fehlschlägen.

Sind die potenziellen Führungspersonen verärgert?

Wenn sie über die Issues sprechen, ist es von emotionaler Erfahrung aus oder eine intellektuelle Übung. Wenn du die Person findest, sorge dafür, dass sie die Möglichkeit hat, den Ärger in öffentlicher Form auszudrücken.…

Gib den potenziellen Führern eine kleine Rolle, die sie in einem öffentlichen Treffen spielen sollen und sieh, ob der Ärger über das öffentliche Treffen hinaus geht:

-          Werden ihnen andere Leute folgen?

-          Übernehmen sie Vorschläge und Anweisungen von anderen?
Gute Leader sind nicht rigide. Sie sind offen für Vorschläge und Anpassungen der Strategie. Sie checken es mit der Gruppe ab, bevor sie etwas zustimmen. Gute Leader haben ein Grundverständnis, dass ihre Macht von den Leuten kommt und dass sie in Kontakt mit den Leuten sein wollen, wenn sie ihre Macht bewahren wollen.

-          Sind sie bereit Verantwortung zu übernehmen?

Entwicklung der Leadership

Es stimmt, dass Führerschaft durch Aktionen entwickelt wird und Situationen, wo  die Leute ihre Führungsqualifikationen benutzen. Aber eine Organisation mit einem systematischen Plan zur Entwicklung von Führungsqualitäten kann ihrer Führerschaft zusätzliche Werkzeuge geben, ihre Entwicklung zu verbessern.

Themen für ein Trainingsprogramm:

  • Wie bekomme ich mehr Leute zu einem Treffen?

  • Wie kann ich meine Versammlung im Nachbarschaftsclub Club verbessern?

  • Wie kann ich die Leitung eines öffentlichen Treffens verbessern?

  • Wie entwickle ich eine bessere Tagesordnung?

  • Wie verbessere ich meine Führungsqualitäten in einer Konfrontation oder einer Demonstration?

  • Wie verbessere ich meine Verhandlungsfähigkeiten?

  • Entwicklung von Strategien zum Gewinnen;

  • Entwicklung von zu behandelnden Themen;

  • Fähigkeiten, Geldquellen zu erschließen.

Öffentliches Treffen

Es gibt zwei Arten,

a)      Treffen für Informationen, die zu einer Aktion oder Aktivität der Organisation führen.…Du machst nie ein öffentliches Treffen, nur um zu informieren. Du machst ein Informationstreffen, um zur Aktion zu führen

b)      Öffentliches Treffen, bei dem ein Gast oder ein „Gegner““ eingeladen ist um Forderungen aufzustellen.

Dafür gibt Trapp sehr konkrete Tipps, durch die die Macht der Organisation heraus gestellt werden soll und der „enemy“ eindeutig in der Rolle des Reagierenden gehalten werden soll, damit er den Forderungen, die an ihn gestellt werden, zustimmt. Mit der Veranstaltung aber ist in der Regel nur der Boden bereitet, von dem aus – auf jetzt gleicher Augenhöhe – verhandelt werden kann

Verhandlungen

  • Verhandle immer von einer Position der Macht aus.

  • Verhandle spezifisch und wisse genau, was du willst.

  • Bereite dich sorgfältig auf Verhandlungen vor…

  • Jede Vereinbarung muss etwas haben, was ihr folgt.

Retreats der Organisation

Der Zweck solcher Retraets ist es, konkrete Planungen aufzustellen :

-          Wo wollt ihr in 3, 6 oder 12 Monaten sein?

-          Strategien erstellen für die Themen und die Entwicklung der Organisation;

-          Spezifische Aufgaben und Ziele zuweisen: z.B. Finanzierung;

-          Entwicklung der Führerschaft: Was macht die größten Stärken der Führerschaft aus, wie sind diese entwickelt?, Wo liegen die größten Schwächen … der Führerschaft, wie soll damit umgegangen werden?

An den Schluss stellt Trapp einen chinesischen Spruch: „Mit Reden kann man keinen Reis kochen.“ und bezieht ihn auf das eigene Handbuch; dieses könne nur Leitlinien geben, nicht aber die Erfahrung in der Praxis und deren Auswertung ersetzen.

Anmerkungen



[1] Trapp, Shel, Basics of Organizing, www.tenant.net/Organize/orgbas.html, Gedruckt: 1986, Chicago

Trapp, Shel, Dynamics of Organizing, www.tenant.net/Organize/orgdyn.html , 1976, NTIC, Chicago

Außerdem Shel Trapp, 1979 Who, Me a Researcher? Yes You,  NTIC, Chicago

Shel Trapp, Blessed Be the Fighters, 1986, NTIC, Chicago

Shel Trapp, 2003: Dynamica of Organizing, Building Power by Developing the Human Spirit, Chicago, rezensiert in: Fellner, Kim, 2004, The Joy (and Angst) of Organizing, NH- Shelterforce online 135, http://www.nhi.org/online/issues/135/trappreview.html

[2] Shel Trapp: I’m Retiring- Here’s Why, geht 2001 in den “Ruhestand” von NTIC (www.ntic-us.org/publications/reports(Issue_80_winter_2001/trapp-retiring.htm und wird zugleich in den Vorstand von NTIC gewählt.

[3] vielleicht sollte man nicht vergessen, dass Trapp in Chicago arbeitet,  der Stadt Al Capones, und auch der Stadt der zwei Bürgermeistergenerationen Daley dem Älteren und Daley dem Jüngeren

[4] gelegentlich wird „enemy“ in Anführungsstriche gesetzt. Man will ihn ja nicht vernichten, sondern zu einem positiven Handeln bewegen; und