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Community Organizing in den USA

Aspekte der Geschichte des CO ...............................................................................

Abgrenzung und Strukturierung des Community Organizing..................................................................

Organisationsformen und Orientierungen im CO..................................................................................

Organizing als Beruf..........................................................................................................................

Tendenzen........................................................................................................................................

„Es war Zeit, den Focus auf den Bürgermeister zu richten. In der zweiten Augustwoche, bevor alle Praktikanten weggingen, organisierten wir eine Versammlung in der City Hall, dem Rathaus von Chicago. Ich stieg die Treppe zum 5. Stock der City Hall (wo der Bürgermeister Daley in Chicago residiert MR)hinnauf,  denn seine Angestellten hatten alle Fahrstühle blockiert um uns von seinem Büro fern zu halten. Ich hörte den Lärm der Masse immer weiter wachsen; es war fast, als wenn ich schlafwandeln würde. Ich dachte nach, was ich zur Versammlung sagen müsste: da waren die Latinos, die Afroamerikaner, reiche wie arme Leute, Obdachlose. Wenn du Chicago sehen willst, hier sind wir, in der ganzen Breite und Tiefe unserer Koalition. Ich ging um die Ecke: da war dieses Meer von Menschen, die dort standen und alle sangen. Das war einer von den besten Tagen. Alle, mit denen wir so lange in den Nachbarschaften gearbeitet hatten, alle waren sie da.“ [1]

So beschreibt der Direktor einer Organisation den Höhepunkt einer Kampagne des Community Organizing.

Die große Aktion, um jemanden zu beeindrucken und zum Handeln zu zwingen, der einem das geben kann, was man verlangt, ist ein immer wieder kehrendes Moment in den Kampagnenzyklen des CO[2].Und sie ist das, was auf den ersten Blick CO von klassischer Sozialarbeit ebenso wie von typischer Stadtentwicklung unterscheidet: Die BürgerInnen selbst sind aktiv, sie konfrontieren die Mächtigen mit ihren Anliegen, nutzen dafür unkonventionelle Wege und bewegen sich oft an der Grenze der „guten Sitten“ oder der formellen Legalität. Es geht beim Community Organizing gleichzeitig um zweierlei: zum einen um konkrete Verbesserungen für die Lebenssituation der Nachbarschaften, Stadtteile und der sich als benachteiligt verstehenden Bevölkerungsgruppen, zum anderen darum, dauerhafte Macht der Bürgerinnen und Bürger zu organisieren, um ihnen auf „gleicher Augenhöhe“ einen Platz am Verhandlungstisch mit den Mächtigen aus Politik und Wirtschaft zu sichern.

Zum Community Organizing gehört aber auch der Bericht auf einer Webseite ausgerechnet des oben als Zielperson dienenden Bürgermeisters Daley über ein Projekt con CAPS, der Chicago Alternative Policing Strategy[3]:

Community Organizing ist eines der Werkzeuge von CAPS, das die Bewohner von Austin (Stadtteil von Chicago) und die vorhandenen Ressourcen in Verbindung miteinander bringtt, um Probleme zu lösen

Und auch eine Anfrage wie diese in der Online-Konferenz COMM-ORG (e-mail 13.4.2002):

„Ich arbeite bei einem Appartementkomplex. Die Bewohner wollen eine Art von Bürgerstreife beginnen. Ich habe mit dem örtlichen Polizeioffizier gesprochen und sammle Informationen zum „Crime Watch“. Die Bürger stellen sich vor, zu zweit  durch den Komplex zu gehen, vor allem an Wochenendabenden, wenn die kriminellen Aktivitäten am höchsten sind. Wir wollen gerne Modelle von anderen Nachbarschaften bekommen, vielleicht ein Modell, wo Bewohner vor einem solchen Rundgang unterschreiben, dass sie nicht intervenieren, sondern nur beobachten und berichten... Unser Wohnkomplex hat regelmäßig Probleme mit Autoaufbrüchen ebenso wie mit größeren Zwischenfällen. Jetzt ist vielleicht eine Zeit, in der das Interesse der Bürger gestiegen ist; ein gutes Programm  könnte etwas verändern und den Bewohnern Macht geben (empower).“

Beim CO geht es um Veränderung ─ aber es geht nicht immer um ein Gegenüber von „wir hier unten“ gegen „die da oben“, sondern CO kann sich auch auf Abgrenzung gegenüber „Störenfrieden“ richten wie z.B. Prostituierten, Drogenhändlern oder potenziellen Straftäter. Wieweit dies in Übereinstimmung mit den Werten des Organizing in Einklang steht, darüber findet man in den Mails bei comm-org.utoledo.edu und bei ABCD durchaus kontroverse Diskussionen[4].

Community Organizing (CO) hat anders als z.B. in Deutschland in den USA eine lange Tradition, ist differenziert entwickelt und wird erforscht- und dennoch gibt es auch dort keinen allgemein anerkannten Sprachgebrauch[5], keine den Organisationen gemeinsame Richtung und keine eindeutigen Abgrenzungen. Man kann zu Recht von Tausenden von Gruppen des CO sprechen, aber ebenso zu Recht auch von einigen Dutzend, die eine ausgefeilte Strategie zur Veränderung der Gesellschaft haben und professionell arbeiten.

Bei weitem nicht zu jeder „Community Organization“ gehört „Community Organizing“ als gestalteter, oft professionell durchdachter Prozess, wie sich ja auch in Deutschland nicht jeder Verein in einem Quartier explizit auf die Entwicklung des Quartiers und seiner Bewohner richtet. Dies wird besonders deutlich, wenn man auf das Amt sieht, das die amerikanische Regierung im Jahr 2001, gleich nach Bushs Amtsantritt, eingerichtet hat, das „White House Office of Faith- Based and Community Initiatives“ (siehe unten), mit dem vor allem karitative Ansätze gefördert werden sollen. Unter den vielen Organisationen und Initiativen in den Communities und den religiösen Gemeinden bildet das eigentliche Organizing eine Minderheit.

In diesem Kapitel möchte ich nicht versuchen, CO umfassend und systematisch darzustellen[6]. Sondern ich möchte vorwiegend über das Internet verfügbare amerikanische Quellen zusammen tragen, deren unterschiedliche Perspektiven ich nicht zugunsten eines einheitlicheren Gesamtbildes auflöse. Zum Teil werde ich versuchen, Verbindungslinien zwischen den Perspektiven zu verdeutlichen.

Nach der Vorstellungen einiger Definitionen des CO und einem knappen Ausflug in die Geschichte des CO berichte ich über Versuche der Abgrenzung und Strukturierung des CO. Thematisiert wird dann der „Beruf“ des Organizers/ der Organizerin, in Bezug auf Erwartungen der Arbeitgeber, beruflicher Organisation sowie Ausbildung.

(nach oben)


Was ist  CO? – Ansätze zur Definition

Linthicum und Miller

Emphatisch drücken Linthicum und Miller, die ein Handbuch für Sponsoren (Community Organizing Toolbox)[7] zitiert, die Philosophie des Organizing aus: 

CO ist der Prozess, in dem die Menschen sich selbst organisieren, um ihre Situation in die eigene Hand zu nehmen, und so einen Sinn für sich als „Community“ entwickeln.  CO ist vor allem für die Armen und Machtlosen ein wirksames Werkzeug, weil sie selbst die Aktionen bestimmen, wie sie mit denen umgehen, die ihre Community zerstören und ihre Machtlosigkeit verursachen (Robert Linthicum).

Organizing baut eine permanente Basis für die Macht der Leute auf, so dass die dominierende finanzielle und institutionelle Macht herausgefordert und verantwortlich gehalten werden kann für die Werte der sozialen, umweltbezogenen und ökonomischen Gerechtigkeit. Und Organizing verwandelt Individuen und Communities, indem sie wechselseitig aufeinander einwirken und sich von passiven Objekten von Entscheidungen anderer mehr und mehr zu Mitgestaltern des öffentlichen Lebens machen. (Mike Miller).

Stoecker

Stoecker, beschreibt CO vorsichtiger so[8]

·         Menschen ohne Macht  bekommen Macht, als Individuen wie als Community.

·         Beziehungen werden gebildet, und manchmal ist dies das primäre Ziel.

·         Begonnen wird im lokalen Gebiet, oft so klein wie eine Nachbarschaft.

·         Aufgebaut wird auf gemeinsamer Erfahrung, die in einem Ort oder einer kulturellen Identität wurzelt.

·         Community Organizing führt oft zu Aktivitäten des Community Development oder zu größeren sozialen Bewegungen

Valocchi

Eher beiläufig bringt Valocchi (s.u.) eine knappe Definition von CO ein, die jedenfalls eine wesentliche Funktion verdeutlicht:

„persönliche Probleme in öffentliche Streitthemen (Issues) verwandeln“.

Judy Hertz (siehe Kap.4) stellt anschaulich dar, wie es CO durch Aktionen gelungen ist, mit dem Begriff „predatory lending“ scheinbar private Probleme als soziale und politische Problem zu definieren.

The Community Organizing Toolbox

Als grundlegende Prinzipien des CO führt „The Community Organizing Toolbox“ in Anlehnung an Borgos und Douglas auf[9]:

·         eine partizipative Kultur:
Partizipation wird als Ziel an sich gesehen. Unter der Rubrik „Leadership Development“ widmen sie beachtliche Zeit und Ressourcen der Verbreiterung von Fähigkeit, Wissen und Verantwortung für ihre Mitglieder. „Tu nie etwas für andere, was diese für sich selbst tun können“ ist bekannt als die eiserne Regel des Organizing.

·         Inklusivität.…
CO entwickeln Mitgliedschaft und Führerschaft aus einem breiten Spektrum der Community, mit deutlicher Förderung der Teilnahme von marginalisierten Gruppen, Farbigen, armen Gruppen, Immigranten, sexuellen Minderheiten und derJugend.

·         Breite der Mission und Vision.
Starke Organisationen (aber nicht alle)  nehmen sich  verschiedenartiger Themen an und verbinden zu einer breiteren Vision des Gemeinwohls. Diese ganzheitliche Funktion ist von politischen Parteien, Kirchen, Schulen und anderen zivilen Institutionen weitgehend aufgegeben worden.

·         Kritische Perspektive:
CO Organisationen versuchen die Politiken und Institutionen zu verändern, die nicht funktionieren. …Weil Community Organisationen kritische Positionen einnehmen, können sie als parteilich angesehen werden oder gar in einigen Zusammenhängen als polarisierend, und als ein Hindernis für soziale Zusammenarbeit. Aber die Forschung weist darauf hin, dass ein effektives Regieren von bürgerschaftlichem Engagement (civicness) abhängt, nicht von Konsens.

Brüchigkeit der Definition des CO: Ist Unabhängigkeit „sine qua non“ des CO?

Aber auch diese Definitionen erscheinen nicht als allgemein gültig. Aus dem e-mail- Forum COMM-ORG greife ich eine jüngst geführte Diskussion heraus[10]: Aufgrund einer Anfrage vom 13.4.2002, welche Städte ähnlich wie San Jose in Kalifornien selbst Community Organizer beschäftigen würden, entwickelt sich nach einem entsprechenden Impuls des Herausgebers Stoecker eine Grundsatzdiskussion, was denn eigentlich „Organizer“ wären. Denn das Selbstverständnis des CO als eigentständige Organisation der BürgerInnen schien es auszuschließen, dass diese von den in Staat oder Stadt Regierenden selbst inszeniert würde.

Stoecker: „Der Terminus „Organizer“ hat sich beträchtlich erweitert; heute werden auch Leute einbezogen, die keine Aktionen machen, die keine Organisationen aufbauen und nicht die Machtstruktur zu verändern suchen."

Eine Reihe von Diskutanten, vor allem aus den traditionell bedeutenden CO-Organisationen und Trainingscentern, wie ACORN und der Midwest-Academy, halten an der klaren Distanz zu den Regierungen fest, weil nur so die Entwicklung von Gegenmacht möglich sei; von ihnen werden Beispiele dafür aufgeführt, wie durch die Stadt bezahltes Organizing zur Einschüchterung oder Entlassung von Organizern führen kann.

Es werden aber auch differenzierende Gegenpositionen aufgebaut, die durchaus einen Spielraum für städtisch bezahlte Organizer sehen und die Möglichkeit, damit neue Formen der städtischen Demokratie zu entwickeln. Als Organizer werden dabei z.T. auch Leute bezeichnet, die - ähnlich wie viele Quartiersmanager in Deutschland - Beteiligungsprojekte in vordefinierten Projekten realisieren.

Die Diskussion geht bald über die Frage nach städtisch angestellten Organizern hinaus: Welche Abhängigkeiten schafft die Finanzierung durch große Stiftungen[11] und Sponsoren, oder auch durch große Beiträge von einzelnen Mitgliederorganisationen, wie Kirchengemeinden oder Diözesen? Wieweit schließlich ist die Arbeit als Organizer zu verbinden mit politischen Wahlämtern? Wäre dann die Finanzierung durch persönliche Mitgliedsbeiträge die einzige Form, in der Unabhängigkeit und Gegenmacht realisiert werden kann?

(nach oben)


Aspekte der Geschichte des CO

Auch wenn man mit Alinsky die Wurzeln des CO bereits bei Moses finden kann (siehe Szynka[12]), so ist es fast Allgemeingut, dass CO sehr viel mit der Geschichte der USA zu tun hat, wobei je nach Stoßrichtung die amerikanischen Werte der Nachbarschaften seit der Siedlungszeit hervorgehoben werden , die Bedeutung der religiösen Gemeinden für die Nachbarschaften, die Kämpfe um die Unabhängigkeit von England oder die Bewältigung der Migration nach und innerhalb Amerikas in die Industriestädte. Gemeinsam ist den Beschreibungen die Hervorhebung des „Amerikanischen“, sei es in ungebrochenem Patriotenstolz oder in Hassliebe zu diesem Land und seiner gesellschaftlichen Ordnung.

Dies wird sehr deutlich bei Si Kahns Beschreibung[13] , die ich hier paraphrasiere; sie ist in der Enzyklopädie für Sozialarbeit erschienen und versucht ein deutlich politisches Verständnis von CO mit der Sozialarbeit zu verbinden:

Die Geschichte des CO in den USA ist eng verbunden mit der Entwicklung der Sozialarbeit, sowohl in der Theorie wie in der Praxis. Beide waren und sind Antworten auf die vielfältigen Kräfte, die zusammen Amerikas Gesellschaft schaffen mit allen ihren Stärken und Schwächen:

-          Demokratische Theorie und autoritäre Institutionen,

-          großer Wohlstand und schreckliche Armut,

-          persönliche Freiheit und  Sklaverei,

-          offene Wahlen und Ausschluss vom Wahlrecht für alle außer den weißen Männern,

-          Isolationismus und Imperialismus,

-          Pazifismus und Militarismus,

-          Kommunitarismus und Kapitalismus,

-          Stadtversammlungen (mit den BürgerInnen, erg. MR) und politische Maschinerien (in der Hand der Mächtigen erg. MR).

Dies sind nur einige der Komplexitäten und Widersprüche die Amerika als zivile Gesellschaft formen.

Die Jahre die zur amerikanischen Revolution führen, können behandelt werden als eine klassische Studie in der Methodologie des CO, einschließlich der Werbung (von Mitgliedern), der Kommunikation, der direkten Aktion, der Bildung von Koalitionen, des Fundraisung, des kulturellen Empowerment und der öffentlichen Beziehungen. …

Die CO- Bewegungen des 19. Jhd. (Kahn nennt u.a. Abolutionismus, Wahlrechtsbewegung, Populismus, Anarchismus, Gewerkschaftsbewegung und Pazifismus erg. MR) haben alle ihre Äquivalente und Parallelen im 20. Jhd., bei den Praktikern und Theoretikern, obwohl diese Verbindungen oft wenig bekannt oder missverstanden sind. Z.B. wird Alinsky beansprucht als der Gründer des CO, insbesondere und verständlicherweise bei den Mitgliedern der IAF, die er gegründet hat um sein Werk fortzusetzen.  Alinskys eigener Hintergrund jedoch leitet sich viel mehr von Sozialarbeit, insbesondere der Arbeit von Jane Addams und dem Hull House ab und von früheren CO- Ansätzen als diese Beanspruchung erwarten lässt: als ein Kriminologiestudent an der Universität von Chicago, als Jugendarbeiter mit Mitgliedern einer Gang, als Biograph des Industriegewerkschaftsführers John Lewis. Alinsky ist wichtig als jemand, der CO dargestellt hat und er hat kreative Beiträge zur Geschichte des CO geleistet, aber er ist kaum ihr Erfinder. Ähnlich bei anderen sozialen Bewegungen unserer Zeit, die wir oft  als einzigartig  ansehen, die aber tatsächlich ihre Wurzeln haben und geformt sind durch ihre eigenen historischen Vorfahren. …

Und wie mit Addams und Alinsky, so werden die Beziehungen und Parallelen zwischen der Entwicklung von CO- Bewegungen und der Sozialarbeit oft übersehen. … Die Settlement-Häuser waren viel radikaler und weit mehr dem CO verpflichtet als einige ihre heutige Ähnlichkeiten zu den von der Regierung finanzierten Community Service Centern vermuten ließe. Jane Addams selbst, eine der Gründerin von Sozialarbeit als Profession, war eine Radikale, eine Gewerkschafterin, eine Pazifistin, eine Sozialistin, eine Agitatorin und eine Organizerin. Es ist interessant zu spekulieren, wie viele Sozialarbeits-Einrichtungen sie heute für eine Arbeitsstelle einstellen würde.

In einem Beitrag für comm-org.utoledo.edu, der eine heftige Diskussion auslöst, beschreibt Robert Fisher vor allem folgende Phasen der Entwicklung des Nachbarschafts- Organizing[14]:

In der Phase bis 1917 habe der Social Work Approach vorgeherrscht, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise um 1930 sei dann mit Aktivitäten von der Kommunistischen Partei einerseits und Saul Anlinsky andererseits der politische Aspekt des Community Organizing in den Vordergrund gerückt. In der Nachkriegszeit war Nachbarschafts- Pflege oft mit reaktionärer Politik verknüpft.

In den Jahren um 1960-70 hätte der Typ „politische Aktivität“ mit dem Widerstand der südlichen Bürgerrechtsbewegung, der studentischen Neuen Linke und der Rebellion in den schwarzen städtischen Slums dominiert und die politische Ökonomie sei nach links gedrängt (Johnsons Krieg gegen die Armut). In den 80ern (Reaganismus) rückte die Politik nach rechts, die ökonomische Entwicklung in den Communities sei zum zentralen Thema auch für progressive Organisationen geworden, die vorher diese Strategie missachtet hätten. Ein Vorwurf der Vertreter des CO gegenüber den Organisationen wäre gewesen, die „grassroots“ kämpften nicht mehr um die Macht, sie kämpfen für die Teilhabe an der Macht.

Neokonservative forderten jetzt nachbarschafts-basierte Lösungen und “Empowerment” für die BürgerInnen, weil sie wissen…dass diese weniger teuer sind

Ohne soziale Bewegungen, die in der Lage sind, den politischen Diskurs nach links zu drängen, … können wir bestenfalls schrittweise Veränderungen von der Spitze aus und wichtige aber bescheidene Siege bei den Grassroots erwarten.

Nachbarschafts- Organizing bleibt wichtig,, als Schule der Demokratie und progressiver Bürgerschaft, als Saat für größere Anstrengungen des Widerstands, als Demonstration des Weiterbestehens des öffentlichen Lebens in einer zunehmend privaten Welt, als Mittel des Kampfes in dem wir Siege erringen, Fähigkeiten entwickeln und als mögliche Grassroot- Bestandteile der nächsten größeren Bewegung für soziale Gerechtigkeit. Dafür muss Nachbarschafts- Organizing aber über den gegenwärtigen Kontext hinaus gehen.

(nach oben)


Abgrenzung und Strukturierung des Community Organizing

Fischer und Valocchi: Drei Approaches

Im Community Organzing kann man z.. B. nach Fisher 1995 und Valocchi, drei Ansätze (approach)  erkennen[15]:

-          CO als Sozialarbeit (Social Work)

-          CO als politische Aktivität (Political Activist)

-         CO als Erhaltung der Nachbarschaft (Neighborhood Maintenance)

 

Diese Ansätze beschreibt Valocchi (in Anlehnung an Fisher) so:

Ein kurzer Blick in die Sontagsausgabe der New York Times zeigt drei Beispiele von Leuten, die „persönliche Probleme in öffentliche Streitthemen (Issues) verwandeln“, was vielleicht eine sehr kurze Basisdefinition von CO ist..

Der Leitartikel berichtet über das Blühen von Nachbarschaftsgruppen in NY City und quer durchs Land die etwas machen, vom Beseitigen von Graffitis über die Erneuerung von Parks bis zum Angebot von Computertraining für junge Leute und einer “Fähigkeiten-Bank”, wo Bewohner z.B. Babysitting gegen Klempnerdienste handeln können.

Ein anderer Artikel spricht über Bemühungen in Long Island, immigrierten Heimarbeitern zu helfen, bessere Bezahlung zu bekommen und eine gemeinsame Stimme am Arbeitsplatz zu entwickeln.

Noch ein anderer beschreibt eine …Demonstration von New Orleans nach Baton Rouge um gegen die Verordnung des Governours zu protestieren.

Zur CO als Sozialarbeit heißt es weiter:

Der Sozialarbeitsansatz wird dadurch gekennzeichnet, dass die Community als sozialer Organismus verstanden wird, in der Bedürfnisse kooordiniert werden müssen; die Aufgabe der Organizer liegt darin, ein Gefühl für die Community zu  schaffen, die Sozialen Dienste zusammen zu führen und als Lobby für benötigte soziale Ressourcen tätig zu sein. Als Problem in der Nachbarschaft wird die soziale Desorganisation in der Community angesehen. Der Organizer hat die Rolle des Befähigers oder Advokats.

Zur CO als politischer Aktivität wird ausgeführt:

Bei CO als politischem Aktivismus wird die Community als politische Einheit verstanden, Nachbarschaft ist dann potenzielle Basis, um Macht zu bekommen, Macht zu behalten oder alternative Institutionen zu den Institutionen derer, die an der Macht sind, zu entwickeln.

Das Problem ist dann das Fehlen von Macht bei den Mitgliedern der Community.

Die Rolle des Organizers ist in Begriffen von “Macht” zu verstehen und besteht darin, zu diesem Thema, dem Issue, zu mobilisieren.Dieser Ansatz ist weniger konsensual als der Sozialarbeitsansatz. Er führt zu einer deutlichen Unterscheidung der Rolle von Organizer und Leader: Der Organizer kommt von außen und hat die Aufgabe, einheimische Führer zu finden.

CO als Erhaltung der Nachbarschaft / Community Development wird schließlich so beschrieben:

Nachbarschaft ist hier als Ort verstanden, der innere oder wirtschaftliche Werte hat. Es ist weder ein Ort für Dienstleistungen noch für die Akkumulation von Macht. Aufgabe von Organizing ist die Pflege und Verbesserung des physischen und wirtschaftlichen Werts des Eigentums, und dafür zu sorgen, dass dieses Eigentum den Bedürfnissen der Bewohner besser entspricht. Community Development kommt oft von der Nachbarschaft selbst in Form einer Bürgerorganisation. Der Ansatz geschieht oft in Kooperation mit lokalen Amtsträgern, kann aber auch bei entsprechenden Umständen weiter gehen in politische Aktivität.

Nachbarschafts- Organizing[16], so Fisher, gäbe es quer zu dem politischen Spektrum.

Sie ist nicht in sich reaktionär, konservativ, liberal oder radikal, weder inhärent inklusiv und demokratisch noch engstirnig und autoritär.

Die heute vorherrschenden Ansätze changieren zwischen diesen Aspekten mit jeweils unterschiedlicher Schwerpunktsetzung, je nach Organisation, nach aktueller Situation und politisch- historischem Kontext.

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Ansätze der lokalen Arbeit für mehr soziale Gerechtigkeit

Community ist nicht die einzige Art, wie, beginnend im lokalen Bereich, Veränderungen zugunsten von Menschen in benachteiligten und benachteiligenden Lebenslagen erreicht werden können.

Die Vielfalt der Ansätze ist kaum überschaubar, fast jeder Autor verwendet andere Abgrenzung und Kriterien, und die Übergänge sind fließend. Deshalb ist auch diese Auflistung weder vollständig noch eindeutig:

 

Advocacy

Soziale Anwaltschaft

 

Community Building (CB)

Z.T. als umfassender Ansatz verstanden zum inneren und äußeren Aufbau einer Community

[17]

Community Comprehensive Initiatives (CCI)

Umfassende Initiativen der Community

Ende der 1980er Jahre entstanden

[18]

Community Developmend Corporations (CDC)

Nonprofit- Stadtteilentwicklungsgesellschaften für verarmte Nachbarschaften, sie sollen verbunden sein mit den Bewohnern und sollen umfassend ausgerichtet sein auf Arbeit, Wohnen, Sicherheit u.a.

Kritisch: oft zu geringer Kontakt zur Bevölkerung

[19]

Community Development (CD)

Kann physikalisch gemeint sein (Stadtteilplanung), aber auch sozial und ökonomisch

[20]

Community Organizing

 

 

Community Self Management

Trainingsmaterial für Community Worker, die armen Communities helfen wollen, Macht zu gewinnen

[21]

Popular Education

Volksbildung, Beispiel: Highlander 

[22]

Service Delivery

Soziale Dienstleistung

 

Settlement Houses

In den 1890er Jahren mit dem Hull House (Jane Addams) entstanden, jetzt sozio-kulturelle Zentren in den Stadtteilen.

[23]

Social Movements

Soziale Bewegungen; sie können, wie Stoecker anhand der Bürgerrechtsbewegung deutlich macht, aus lokalem Organizing hervorgehen.

[24]

 

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Stoecker: CO, Advocacy, Community Development und Service Delivery

Randy Stoecker grenzt CO gegenüber Advocacy, Community Development und Service Delivery ab und schärft damit die Bestimmung von CO:

 

Wer entscheidet?

Welche Ziele?

Mit oder für?

Konflikt oder Kooperation?

Advocacy

 

Professionelle

Regeln verändern

Für

Konflikt

Service Delivery

Soziale Dienstleistung

Professionelle

Leiden verringern

Für

Kooperation

Community Development

Stadtteil- Entwicklung

Professionelle und die Leute

Raum verändern

Weder noch

oder beides

Kooperation

Community Organizing

Die Leute

Macht bilden

Mit

Konflikt

CO und Advocacy: 
Advocacy ist professionelle Praxis „im Namen von“ einer Gruppe, während CO die Mitglieder der Community selbst einbezieht, dass sie für sich selbst eintreten. Beiden gemeinsam ist, dass sie die „Regeln“ der Gesellschaft als unfair ansehen und daher im Konflikt mit den Mächtigen stehen.

CO und Community Development:
CO konzentriert sich darauf, Power = Macht aufzubauen, während es CD zentral um den Aufbau von Gebäuden geht. CD ist stärker als CO auf Kooperation mit den Mächtigen begrenzt. Beiden gemeinsam ist, dass sie durch die Community selbst kontrolliert sein können.

CO und Service Delivery:
Wie Advocacy wird die soziale Dienstleistung für die Community angeboten. Service Delivery betont auch nicht die soziale Veränderung. Ähnlich wie CD braucht Service Delivery Fachwissen und Kooperation mit den Mächtigen, was eine Entscheidungsfindung durch die Basis der Community schwierig macht.

Dabei betont und diskutiert Stoecker zugleich die Übergänge zwischen den verschiedenen Formen und ihre möglichen Verbindungslinien.

CO ist dann der

Prozess der Bildung von Macht, der die Leute mit einem Problem bei der Definierung ihrer Communitiy einschließt sowie in

-          der Definierung der Probleme, die sie angehen wollen,

-          der Lösungen, die sie anstreben und

-          der Methoden, mit denen sie die Lösungen erreichen wollen.

Die Organisation identifiziert die Leute und Strukturen, die notwendigerweise ein Teil der Lösungen sind, und verhandelt, mit Mitteln der Überzeugung oder Konfrontation, mit ihnen, um die Ziele in der Community zu erreichen. In dem Prozess werden  demokratisch kontrollierte Institutionen aufgebaut, „die Organisation“, die künftige Probleme in Angriff nehmen kann und langfristig den Willen und die Macht dieser Community in sich vereinigt.

(nach oben)


Umfang und Verbreitung des CO

Zum Community Organizing gehören[25]

·         Gruppen vor Ort, die sich in ihrer Nachbarschaft organisieren und lokale Themen anpacken

·         Lokale Organisationen von Gemeinden, Arbeitnehmergruppen usw.

·         Lokale Netzwerke und Koalitionen

·         Regionale und US-weite oder auch übernationale Organisationen und Netzwerke.

Da unter CO sowohl sehr kleine Gruppen, die sich selbst organisieren, wie auch Großorganisationen wie ACORN mit über 120.000 Mitgliedern zusammengefasst werden, ist eine Zahl der CO‘s in Amerika nicht zu fixieren.

Die Community Organizers Toolbox  schreibt dazu:

Es gibt wohl 6000 CO´s in den USA mit irgendeiner Form des CO. Die meisten sind in den letzten 25 Jahren gebildet. Eine viel kleinere, aber schnell wachsende Zahl von Gruppen, nicht mehr als einige Hundert, kann wirklich in die Kategorie der CO Gruppen mit allen Bestandteilen eingeordnet werden.. Außerdem gibt es etwa zwei Dutzend oder mehr intermediäre  Gruppen auf regionalem und nationalem Level.[26]

Wenn man sich auf die Organisationen beschränkt, die mit einem professionellen Organizer arbeiten, engt sich diese Zahl erheblich sein. So gibt es eine recht präzise Untersuchung zum Faith Based Community Organizing (FBCO)[27]. Dort werden landesweit 130 Organisationen gezählt, die zum Zeitpunkt der Untersuchung aktiv sind, den Grundsätzen des CO entsprechen und hauptberufliche Organizer beschäftigen.

FBCO erreicht einige Millionen Menschen und hat als aktive Basis ungefähr 100.000 Menschen, die zumindest an einer öffentlichen Aktion innerhalb von 18 Monaten teilgenommen haben[28],  fast ebenso viele, wie ACORN als zahlende Mitglieder angibt.

Sicherlich ist es vermessen, wenn ich von diesen Zahlen hochrechne, aber vielleicht ist es ja doch eine Annäherung, wenn ich von 100.000 Menschen ausgehe, die über FBCO in professionell organisierten CO‘s aktiv sind, einer ähnlichen Anzahl bei ACORN und vielleicht noch einmal einer gleich großen Menge außerhalb dieser beiden Blöcke. Das wären dann 300.000 Menschen in den USA.

Sehr unterschiedlich ist CO in den regionalen Kulturen der USA verankert, es unterscheidet sich von Ort zu Ort, von Bundesstaat zu Bundesstaat, von Land zu Land.

In North Carolina …gibt es wenige Ressourcen für Organizing und nur ein paar Dutzend Vollzeit-Organizer… Unseren Communities fehlt eine positive historische Erinnerung oder Kultur des  Organizing. Angie Newsome ist  eine achtundzwanzigjährige arbeitslose Organizerin: „ Ich war vor kurzem in Chicago und da gab es ein Wandgemälde zum Organizing in der Öffentlichen Bücherei. Ich war wie vom Schlag  getroffen: Organizing ist dort öffentlich, nicht etwas, was im Hinterzimmer oder im Untergrund passiert. Es war großartig zu wissen, dass es nicht überall so ist wie in North Carolina.“[29]

Die Untersuchung zum FBCO kommt zu dem Ergebnis, dass in sechs der 50 Staaten der USA die Hälfte aller FBCO´s zu finden ist.

Deutlich sind auch die Unterschiede zwischen den beiden Staaten, Kanada und den USA, die zwar ihre Vergangenheit als britische Kolonien teilen, in denen aber als Folge der amerikanischen Revolution ein jeweils ganz unterschiedliches Verhältnis zwischen BürgerInnen und Staat besteht[30].

(nach oben)


 

Organisationsformen und Orientierungen im CO

In der Regel werden die Ansätze des CO nach Organisationsformen unterschieden. Dem wird hier gefolgt; wichtig erscheint mir aber, dass die Organisationsformen zumeist mit unterschiedlichen Philosophien verbunden sind, dass mit unterschiedlichen „ Kunden“ (constituencies) gearbeitet wird und sich deshalb Ziele, Strategien und Taktiken unterscheiden.

Einen Einblick in die verschiedenen Ansätze zeigt auch Judy Hertz (siehe Kapitel 4), einen Vergleich Heidi Swarts (Kap.8).

Organisationsformen des CO

Unter den Organisationen unterscheidet die The Community Organizing Toolbox[31] die Organisationen in:

1.      Direkte oder auf individueller Mitgliedschaft basierende Gruppen;
sie sind zumeist klein, basieren auf einer geographischen Einheit und organisieren einzelne Leute mit niedrigem und mäßigem Einkommen; Beispiele sind Umweltgruppen und ACORN (vgl. Kap.7).

2.      Auf Themen bezogene Koalitionen;
diese mobilisieren öffentliche Interessengruppen, Gewerkschaften oder andere, die Politik zu beeinflussen oder gemeinsame Themen anzugehen. Beispiele sind: Kampagne für ein nachhaltiges Milwaukee, interreligiöse Koalition für die Rechte von Arbeitern.

3.      Organizing auf der Basis von Institutionen, Gemeinden oder Religionen,
die in den lokalen religiösen Institutionen wurzeln und oft mit anderen Institutionen zusammen in der Community arbeiten. Die IAF ist ein Pionier für diesen Ansatz (vgl. Kap.6).

Keiner dieser Ansätze existiert in „reiner“ Form, und es gibt auch jeweils keine festen Regeln für alle Organisationen. Anpassungen an sich verändernde soziale Bedingungen sind eher die Regel als die Ausnahme.

Organisationsformen und inhaltliche Orientierungen

Stoecker setzt Unterscheidungen von Organisationsbasis in Beziehung zu den inhaltlichen Orientierungen und den daraus resultierenden Anforderungen an die Qualifikation der Organizer[32]:

 

 

Institutionelle Mitgliedschaft
(Institution-based)
(z.B. IAF)

Individuelle Mitgliedschaft
Individual-based
(z.B. ACORN)

Aktivposten (Asset) Modell

(ABCD)

(vgl. Kap.11)

Organizing durch Konsens[33]

Grundzug

Organisation von Organisationen

Organisation von Individuen

Koalition/Organisation, z.T. informell

Ausschließlich innerhalb der Community

(„wir“ gegen „die“ergänzt MR)

kann Grenzen der Community durchkreuzen („von innen nach außen“)

Fokus auf externen Zielen

Fokus auf interner Entwicklung

Taktik: Konflikt
(Demonstrationen, Konfrontationen mit Offiziellen) und Verhandlungen

Identifiziert Fähigkeiten und Ressourcen in der Community

Ziel: Politische Veränderung und Macht für die Community

Ziel: Interne Planung und Entwicklung der Community

Fähigkeiten der Organizer

Werben eines „Blocks“

Werben von Individuen

Werben von Individuen und Erhalten von Koalitionen

Erhalten von Koalitionen

Bildung einer Organisation

 

Entwicklung  von Leadern

Identifikation und Mobilisierung von Aktivposten

Entwicklung von Beziehungen

[34]

Strategische Konfrontation und Verhandlung

Strategien der Selbsthilfe

 

Politischer Standort des CO

CO grenzt sich in der Regel gegenüber der Politik der beiden großen Parteien, der Demokraten und der Republikaner, deutlich ab, teils indem die Neutralität gegenüber der Parteipolitik betont wird (so überwiegend bei dem religiös fundierten CO), teils indem ein politischer Standort deutlich links von den Parteien eingenommen wird (so z.B. bei ACORN, die mit der New Party kooperiert.)

Aber auch da, wo die Organisationen ihre Unabhängigkeit betonen, kommt wie beim Beispiel einer IAF-Organisation ein Autor zu der Schlussfolgerung, dass die Organisation charakterisiert sei durch left-wing mainline religious adherents on the basis of the principle of social justice[35].

Erhellend kann es sein, die Position der letzten Regierungen zu dem Feld und Umfeld des CO personell zu skizzieren:

-          Clinton gratuliert 1995 ACORN zum 25jährigen Jubiläum und betont, dass er als junger Mann als Freiwilliger bei ACORN seine ersten politischen Erfahrungen gemacht habe

-          Al Gore hat 2001 Vorlesungen zum Community Development abgehalten[36].

-          Bush gründet als eine seiner ersten Amtshandlungen am 29.1.2001 das Amt für glaubensbasierte und Community Organisationen, dem Geldmittel zugewiesen werden, damit karitative Einrichtungen gefördert werden können[37] :

Glaubensbasierte und Community Organisationen und einzelne BürgerInnen spielen eine wichtige Rolle bei der Stärkung unserer Nachbarschaften und dabei, denen, die  in Not sind,  Fürsorge und Trost zu bringen. …Ihre wichtigen Bemühungen helfen eine gerechtere und  freigebigere Nation aufzubauen. In dem wir zusammenarbeiten um die Schwachen zu schützen, die Unvollkommenen und die Unerwünschten, bekräftigen wir die Kultur der Hoffnung und helfen eine hellere Zukunft für alle zu sichern (Georg W. Bush).[38]

-          Justizminister Ashcroft stockt nach dem 11. September 2001 das Programm „Block Watch“ finanziell auf und fordert die Neighbourhood Watcher auf, im umfassenden Ansatz des Heimatschutzes ungewöhnliche Ereignisse zu melden um Terroristen zu erkennen.

Die Selbstorganisation der BürgerInnen in Abgrenzung zu „dem Staat“ wird einerseits als alte und wertvolle amerikanische Tradition angesehen, ist also in sich Ausdruck gerade einer nationalen Gesinnung, andererseits ist sie Notwehr gegenüber einem von den Mächtigen in Besitz genommenen Staat, der einen Teil seiner Bürger außen vor lässt. Dann geht es dem Organizing gerade darum, den Staat in die Pflicht zu nehmen, allen Bürgerinnen die notwendigen Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Sehr explizit wird beispielsweise dann eine Rolle der öffentlichen Hand gefordert, wenn gegen die Privatisierung von Schulen und Versorgungseinrichtungen mobilisiert wird und auch gegen eine Politik der Steuerreduzierungen.

Gender Modelle des Organizing[39]

Wer einen Blick auf die Literatur, beispielsweise die bei COMM-ORG gesammelten Papiere, wirft, stellt fest, dass hier jedenfalls die Auseinandersetzung mit CO männerdominiert ist. Ähnliches gilt aber auch für die meisten Organisationen (vgl. Untersuchung zum Faith - Based CO, vgl. Kap. 5). Stall und Stoecker[40] haben dies zum Anlass genommen, um das Alinksy- Modell, das für sie Prototyp des „männlich-zentrierten CO“ ist, zu vergleichen mit dem, was sie frauenzentriertes CO“ nennen.

Sie vergleichen die Konzeptionen zur menschlichen Natur, das Verständnis von Konflikt, Macht, Politik und Führung sowie den Organisationsprozess. Mit dem Begriffspaar „community organizing or organizing community“ versuchen sie den Kern zu beschreiben: Im männlichen Modell geht es mehr um die öffentliche Organisation, im frauenzentrierten stärker um die Entwicklung der Community durch soziale Beziehungen und Organisation des Alltags.

Das Alinsky- Modell beginnt mit den Kämpfen zwischen denen, die haben, und denen, die nichts haben, der Ort der Auseinandersetzung ist die öffentlichen Sphäre. Das  Modell bildet Communities durch Beziehungen und durch Empowerment der Individuen mit Hilfe dieser Beziehungen. Das frauenzentrierte Modell dagegen erweitert die Grenzen des Haushalts, um die Nachbarschaft einzubeziehen und löst die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Leben, zwischen Haushalt und Zivilgesellschaft, auf.

Das Alinksy- Modell sieht Macht als ein Nullsummenspiel, bei dem jemand nur Macht gewinnen kann, indem er andere entmächtigt. Nach dem frauenzentrierten Modell ist Macht unendlich erweiterbar, als „co-active“ Macht - in Anlehnung an Hannah Arendt - ist sie an Gruppen und Zusammenarbeit gebunden.

Bei der Entwicklung von Leadership betont das Alinsky- Modell eine strikte Rollenteilung zwischen den Organizern von auswärts und den einheimischen Führungspersonen, während im frauenzentrierten Modell die Organizer oft in den lokalen Netzwerken verwurzelt sind.

Beim Prozess des Organizing betont das Alinsky-Modell  formelle und offizielle Organisation mit großen sichtbaren öffentlichen Ereignissen, während das frauenzentrierte Modell sich auf die Entwicklung von informellen kleinen Gruppen ausrichtet, die weniger öffentlich sichtbare Themen angehen.

Dabei erwähnen Stalll und Stoecker durchaus, dass z.B. Chambers (IAF) zunehmend die Themen der privaten Sphäre und Familien betont sowie die Bedeutung der Bildung von Beziehungen in der Community. Dies kommt ja auch, worauf sie nicht hinweisen, in der zentralen Bedeutung der one-to-one- Gespräche beim IAF zum Ausdruck, worauf z.B. Peter Dreier in der Diskussion hinweist[41].

Allerdings sind die medialen Darstellungen in Internetseiten und z.B. im Film „The Democratic Promise“ – bei IAF ebenso wie bei ACORN - zentriert auf die große, öffentliche, machtvolle Veranstaltung und den „Kampf“ als Kennzeichen des CO.

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Organizing als Beruf

Eingrenzen kann man Community Organizing in den USA, wenn man zwischen unmittelbarer Selbstorganisation der BürgerInnen und der beruflichen Tätigkeit von Organizern unterscheidet, wobei natürlich beides Hand in Hand geht. Aber anders als etwa in Deutschland gibt es durchaus ein Profil eines „Organizers“ der auch per Stellenanzeigen gesucht wird.

Beispielsweise werden  in der Online-Konferenz von COMM-ORG immer wieder Stellenausschreibungen verbreitet, wie zum Beispiel folgende vom 25.10.2002:

Stellenanzeige

Wir suchen zwei Community Organizer für eine CO in Louisville, Kentucky , die auf Kirchengemeinden aufgebaut ist.

Gehalt:
25.000 –30000 $/ Jahr zuzüglich Krankenversicherung, Rentenversicherung, bezahlten Feiertagen und Urlaub

Organisation:
Citizens of Louisville Organized & United Together (CLOUT) ist eine Organisation von religiösen Gemeinden und Nachbarschaftsgruppen…. Wir sind eine Basisorganisation mit direkter Aktion und einer Vielfalt von Themen, die in dem Glauben zusammen gekommen ist, dass wir vereint als machtvolle Stimme für mehr Gerechtigkeit in unserer Community arbeiten können. CLOUT ist auf der nationalen Ebene angegliedert an Direct Action & Research, das DART- Center.

Verpflichtungen /Verantwortlichkeiten
Die Arbeit der Organizer kann in folgende .Bereiche eingeteilt werden:

·         Entwicklung von Führungspersonen und Mitarbeitern

·         Entwicklung von Themen (Issues)

·         Unterstützung der Struktur der Organisation

·         Fundraising.

Qualifikationen:
Zuerst und vor allem müssen Sie eine aufrichtige Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit und für Community Organizing haben. Diese Position ist ein Beruf, nicht nur ein Job.

Die Kandidaten müssen auch eine erprobte Fähigkeit haben, Vertrauensbeziehungen aufzubauen, einen Plan zu kreieren und durchzuführen, brauchen einen Sinn für Humor, kreatives Denken, professionelles Handeln. Sie sollen sich wohl fühlen bei der Arbeit mit Kirchen. Sie sollen sich verantwortlich zeigen und willens, andere in der Verantwortung zu halten, in einem Team arbeiten und gerne mit Leuten arbeiten. Farbige Menschen und solche, die fließend Spanisch und Englisch sprechen, werden bestärkt, sich zu bewerben.

Die Formulare für die Bewerbung kann man in der Webseite von DART laden[42]. Sie enthalten ein schriftliches Interview zu den Interessen, den eigenen Erfahrungen, der Einstellung zum Stadtteil, in dem man selbst lebt, und zu der eigenen Arbeitsbereitschaft:

„Gibt es persönliche oder familiäre Pflichten, die deine Fähigkeit lang und zu unregelmäßigen Zeiten zu arbeiten, begrenzen- einschließlich abends und an Wochenenden? Sind Sie willens und bereit, flexibel und verantwortungsbewusst zu sein in der Zahl der Arbeitsstunden (ungefähr 50-60 jede Woche) statt lieber nach der Stechuhr zu arbeiten?“

Sowie eine Testfrage:

„Sie haben eine Versammlung zusammen gebracht,  nachdem Sie mit fünf Gemeinden mit jeweils 100 aktiven Mitgliedern gearbeitet haben. Die Versammlung entscheidet sich für das Thema, dass die öffentlichen Schulen in dem Gebiet ihren Kindern nicht ausreichend das Lesen beibringen. Ihr diskutiert gerade über Lösungen zu diesem Problem. Während der Versammlung gibt es folgende Vorschläge von Leadern:

- mit einem Tutorenprogramm im Anschluss an die Schule anzufangen, das nach einem Modell gestaltet wird, von dem eine Leaderin in der Nachbarschaftsgemeinde beeindruckt war;

- sich mit dem Rektor der öffentlichen Schule zu treffen mit und ihn um Vorschläge zu bitten, wie man helfen könnte;

- weil  das Problem an der Schule läge, sollte die Gruppe ein Curriculum zum Lesen- und Schreibenlernen finden, das in anderen Gebieten funktioniert hat und von der Schule verlangen, die Art des Lesenlernens dementsprechend zu verändern

- weil das Problem nicht so viel mit dem Lesen zu tun habe, sondern mehr damit, dass die Kinder nicht in der Lage sind, die 10 Gebote zu lesen, sollte man in einer Koalition darum kämpfen, dass die Regierung das Aushängen der 10 Gebote in öffentlichen Schulen erlaubt.

Welche der Vorschläge würden Sie als Organizer der Gruppe zur näheren Betrachtung vorschlagen? Warum?“

Die Arbeitsbedingungen sind sehr unterschiedlich; bei ACORN z.B gibt es oft geringen Lohn bei sehr viel Arbeit, IAF propagiert die Einstellung von wenigen, aber gut bezahlten, gut trainierten und mit guten Arbeitsbedingungen versehenen Organizern. Dies hat natürlich einen erheblichen Einfluss auf die Fluktuation der Organizer und ihr mögliches inneres Ausbrennen.(vgl. Kap. 8)

Ausbildung zum Community Organizing an Hochschulen

Generell ist professionelles Community Organizing nicht an die Absolvierung eines bestimmten Studiengangs gebunden; teilweise wird eine Graduierung der BewerberInnen um eine Stelle erwartet, selten ist diese an einen bestimmten Studiengang gebunden.

An den Hochschulen hat Community Organizing im Studiengang Sozialarbeit einen ziemlich festen, wenn auch keinen zentralen Platz, es gibt aber auch etwa in den Bereichen Politikwissenschaft, Stadtplanung und Stadtforschung und Theologie Lehrveranstaltungen oder auch Studienrichtungen zum Community Organizing. Hier folgen nur wenige vorläufige Hinweise dazu:

a) Schulen für Sozialarbeit

Community Organizing gehört zum anerkannten Programm der Schulen für Sozialarbeit. Teilweise wird CO als eigenes Fachgebiet gelehrt, teilweise als Teil einer „Generic Social Work“, die einmal aus der Zusammenfügung der drei klassischen Methoden Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit  entstanden ist oder einer „Macro Social Work“, die an der Interventionsebene (Micro, Meso und Macro) anknüpft[43].

Community Organizing ist aber kein zentrales Gebiet der Sozialarbeit mehr, was sich in den Seminaren, in den Veröffentlichungen und den Studierendenzahlen nieder schlägt. Zu den inhaltlichen Orientierungen des CO an den Schulen für Social Work kann ich nichts generelles sagen. Der grundlegende Artikel von Kahn in der Enzyklopädie[44] orientiert sich an der klassischen eher kämpferischen Tradition des CO, andere betonen einen stärker konsens-orientierten Ansatz, wo der Organizer eher so etwas wie ein Moderator ist als Anstifter zum Gewinnen von Macht.

Die Schule für Sozialarbeit an der Columbia Universität z.B. formuliert die Aufgabe von CO so[45]:

CO ist der Prozess der Bildung von Konsens über Streitfragen der Community. Es kann das öffentliche Bewusstsein für die Probleme steigern, die Menschen zusammen bringen um für ein spezielles Ziel zu arbeiten oder spezielle Dienste zu bekommen. COs  sammeln Informationen, informieren die Öffentlichkeit, führen Nachbarn ein, trainieren neue Führungspersonen und bringen Leute zusammen.

Hilfe zur Selbsthilfe ist eine grundlegende Lehre der Sozialen Arbeit. CO geht einen Schritt weiter- Hilfe zur kollektiven Selbsthilfe. Es ist ein kollektives Problemlösen durch eine Gruppe die im eigenen Namen und dem der Community arbeitet.

b) Andere Studiengänge

Für Angebote in der Theologie kann der Aufsatz von Noris Caban, The Thology of Community Organizing (1999) beispielhaft herangezogen werden[46], für ein Angebot in der Kriminologie eine Lehrveranstaltung an dem Carson-Newman College in Jefferson/ Tennessee[47], für Politikwissenschaft und für ein umfangreicheres Studienangebot in Urban Studies die Studienrichtung Community Organizing an der Stanford Universität[48]:

Als akademisches Vorhaben sind CO und Community Service immer noch entstehende und sich entwickelnde Felder. Studierende von Urban Studies, die mit einem Grad in der Option CO abschließen wollen, haben einen reichen und sehr unterschiedlichen Hintergrund sowohl akademischer wie in der Community basierender Erfahrungen. Obwohl diese Graduierungsprogramme ziemlich selten sind, geben Schulen der Erziehung, des Rechts, der Wirtschaftsadministration und der Sozialarbeit Gelegenheiten, sich vorzubereiten für künftige Arbeit in der Community.

Viele werden argumentieren, dass die einzige richtige Ausbildung für CO in der Erfahrung liegt,  in der direkten Arbeit mit einer Nachbarschaftsorganisation oder einer Reformbewegung oder einem Basiskampf der Community für soziale Gerechtigkeit und politische Bemächtigung. Einige von den Gewerkschaften gesponserte Institute für das Training von Organizern sowie radikale Organisationen - vor allem Saul Alinskys Gruppe in Chicago- haben nicht-akkreditierte Kurse für Aktivisten angeboten. Aber erst kürzlich haben einige wenige akademische Institute begonnen, ein Programm in CO und Community Delivery anzubieten, das einen Abschlussgrad bietet.

Training von OrganizerInnen in Trainingsinstituten[49]

Für die Einstellung in den Organisationen spielt das Training in Instituten, oft den Netzwerken, zu denen die einzelnen Organisationen gehören, eine größere Rolle als die jeweilige Hochschulausbildung. Bei DART haben wir bereits eine solche Ausbildung erwähnt gefunden, den Ansatz der Midwest Academy stelle ich in Kapitel 9 vor. Von großer Bedeutung sind zudem beispielsweise die Trainings von NTIC und IAF.

Berufsorganisation der Organizer: National Organizers Alliance

Eine Orientierung über „Organizing als Beruf“ kann man auch durch einen Blick auf die National Organizers Alliance (NOA)[50]: gewinnen. Organizer haben mit der NOA eine Berufsorganisation, die 1000 zahlende Mitglieder hat; ihr angegliedert sind 5000 Personen aus dem Feld des CO, die über 2000 Organisationen repräsentieren.

„Unter den Hunderten, die NOA als ihr Zuhause ansehen, sind Organizer aus jeder Rasse, Religion und ethnischen Gruppe, ein Gastgeber für alle Generationen und sexuellen Orientierungen, ein Kontinent von Individuen, eine Armee von Schulen, Praktiken und Prioritäten des Organizing“ [51].

Zur NOA gehören Labor Organizer, Neighborhood Organizer, Rural Organizer, Organizer von ethnischen Gruppen, Umweltgruppen, Kämpfer für Immigranten, Soziale Rechte.

Die NOA hat selbst eine soziale Funktion für die Organizer, indem sie einen Pensionsplan, also eine eigene Versicherung anbietet. Außerdem bietet sie eine eigene Datei freier Stellen an (am 6.12.2002 sind darauf 35 Stellen aus den letzen Monaten aufgeführt, davon 15 ausdrücklich für Organizer).

Es geht auch um das Selbstverständnis und die Bildung einer Identität innerhalb einer Berufsgruppe, die wenige der üblichen Merkmale einer Profession aufweist, insbesondere keine einheitliche längere Ausbildung. So führt die NOA alle zwei Jahre große Tagungen durch, bei denen es wesentlich um das Selbstverständnis der Organizer geht; so z.B. 2001 bei einem Fishbowl mit „Firestarters“, also Veteranen, die die „Leidenschaft für Gerechtigkeit angezündet haben“[52].

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Tendenzen

Themen des CO

Beim „klassischen“ Community Organizing ergaben sich die Themen aus der jeweiligen lokalen Situation. Das Herausfinden von für die Mobilisierung geeigneten „Issues“ ist, wie z.B. Shel Trapp (Kap. 3) oder die Midwest Academy (Kap. 9) zeigen, eine der wichtigen Künste der Organizer. Aber es gibt mittlerweile bestimmte Grundthemen, die auch von den CO-Organisationen bereits erfolgreich als „soziale Probleme“ definiert sind und damit dem Organisationsprozess vor Ort schon voran gehen, z.B.

-          Kampf gegen das „predatory lending“

-          Sicherung eines „living wage

-          Reinvestment Regelungen und ihre Durchsetzung

-          Verhinderung der Privatisierung von Versorgungseinrichtungen

-          Umsetzung von Wohnungsbaukreditprogrammen

-          Vorhaben gegen die Auswucherung (sprawl) der Städte und für ein kluges (smart) Wachstum, das die Interessen der Bewohner ebenso berücksichtigt wie die der Umwelt.

Hier gibt es auch nur sehr begrenzt Zielpersonen auf der örtlich erreichbaren Ebene. In diesem Bereich ist die Suche nach den spezifischen Problem im Stadtteil nicht mehr vorrangig, sondern Ziel ist es dann, für ein bereits vorgegebenes Thema zu werden („Sind Sie nicht auch der Meinung, dass…“ hieß es 1995 bei unserem Shadowing in Chicago auf einem Muster für Telefonate bei ACORN).

In anderen Bereichen (Stadtentwicklung, Sicherheit) gibt es einen Rahmen, der jeweils vor Ort modifiziert wird. Aber auch hier kann man z.B. anhand der monatlichen Berichte von ACORN erkennen, dass es nur eine begrenzte Variationsbreite gibt.

Bei den anderen Organisationen ist es nicht anhand von klaren Monatsreports nachvollziehbar, aber die vorhandenen Berichte lassen auf eine vergleichbare Bandbreite schließen..

Machtverständnis

Trapp geht noch davon aus, dass es eine bestimmte Menge an Macht gibt und diese unterschiedlich verteilt sein kann: die einen haben wenig, die anderen viel und das Ziel des Organizing ist der Ausgleich oder die Umkehr der Machtverhältnisse. Die Be-Mächtigung der einen Seite ist dann die Ent-Machtung der anderen. Deshalb gibt es auch einen klaren Gegner, den man besiegen muss und ihn dazu bringen, dass er das tut, was die Community Organisation will.

Dies verändert sich durch zwei Tendenzen: zum einen durch das Hinzutreten eines anderen „relationalen“ Machtverständnisses, das nicht von einer Nullsumme ausgeht, sondern Macht vor allem als die Fähigkeit ansieht, gemeinsam zu handeln. Und der Erwerb dieser Fähigkeit muss noch nicht die Macht der Machthabenden mindern oder beseitigen. Dieser relationale Machtbegriff wird vor allem in den religiös  basierten Community Organisationen umgesetzt in die Pflege einer öffentlichen Beziehungskultur mit direkten persönlichen Kontakten.

Das Verhältnis zur Macht verändert sich aber auch dadurch, dass Organisationen Ziele erreicht haben wie z.B. ein Gesetz zum Reinvestment und nun selbst dieses Gesetz umsetzen. Das bedeutet, dass sie Träger von Leistungen sind und damit auch den BürgerInnen als „Kunden“ gegenüber stehen. In dem Bericht von Hertz (Kap. 4) wird deutlich, in welche Konfliktlagen die Organisationen kommen, wenn sie die Warte der „Vermieter“ einnehmen und gleichzeitig feststellen, dass sich ihre Arbeit von ihrer ursprünglichen Basis entfernt. Als Ausführer eines Gesetzes sind sie jetzt eben auch Teilhaber der Macht von oben.

Mit dem veränderten Machtverständnis verändern sich auch Strategien und Taktiken. Konfrontative Formen treten in den Hintergrund, Verhandlungen auf der Basis bereits anerkannter Organisationen in den Vordergrund. Damit aber ist die Aktivität der Menschen vor Ort, um die es geht, nicht das alles entscheidende Zentrum, sondern eher etwas, was die Verhandlungsführer stärkt, aber nicht unbedingt erst bemächtigt. Die Aktion beim Bürgermeister hat dann nach meinem Eindruck einen ähnlichen Stellenwert wie ein jubelnder Parteitag: Stärke zeigen, aber mehr die der Führenden als der Mitglieder selbst.

Kommt eine Verstaatlichung des Community Organizing?

Community Organizing wird häufig mit dem „Drei-Sektoren-Modell“ in Verbindung gebracht, bei dem der STAAT, die ÖKONOMIE und die BÜRGERGESELLSCHAFT drei Pole bilden. Wenn der „3.Sektor“ auch sehr unterschiedlich definiert wird, so scheint er gerade in den USA deutlich sichtbar zu sein, in Vereinigungen, Kirchen, privaten Stiftungen usw. , während  dies  z.B. auf Deutschland, wo es tief verwurzelte Verquickungen und Verflechtungen zwischen Staat und etwa Freien Trägern gibt, nicht zutrifft.

Aber genau hier scheinen alte Gewissheiten (oder Vorurteile?) brüchig zu werden. Ich will das an zwei aktuellen Beispielen deutlich machen:

(1) Neighborhood watch: Von der Selbstorganisation der Armen zum „Inoffiziellen Mitarbeiter des Heimatschutzes“?

Weit verbreitet ist das „Block Watching“ oder „Neighborhood Watching“. In den Armutsstadtteilen greift die Polizei ungern zum Schutz der BewohnerInnen ein, weil es ihr selbst zu gefährlich ist; und zugleich haben die Bewohner nicht die in den Reichen-Ghettos (Gated Communities) übliche Möglichkeit, sich quasi eine Privatwache zu leisten. Block Watching ist so eine Selbstorganisation der BürgerInnen vor Ort; zugleich ist es aber auch seit 30 Jahren ein staatlich gefördertes Programm. Unter bestimmten Bedingungen wird es durch Regierungsmittel gefördert, die „Watcher“ tragen dann eine deutlich sichtbare orangene Mütze.

Neu aber ist ein Plan des Justizministers Ashcroft, Neigborhood Watch direkt in den „Krieg gegen den Terror“ einzuplanen, wofür 2 Mio. $ zur Verfügung gestellt werden. [53]

„Durch das Neighborhood Watch Programm wollen wir ein nahtloses Netz der Terrorismusprävention weben, das Bürger und Sicherheitsdienste zusammenbringt.“ (Washingston Post 7. März 2002).

„Wenn ein Verhalten oder Ereignis als außerhalb der Norm erscheint oder erschreckend ist- dann lass es die Sicherheitsdienste wissen“. (Washington Post)

Sowohl in der Washington Post als auch in Comm-Org gibt es einigen Spott zu den Aktionen Ashcrofts - Bin Laden würde sich kaum von den orangenen Hüten abschrecken lassen - , aber auch Sorge um die Diskriminierung von Arabern, das Schüren von Rassismus und das Säen von Misstrauen, das so erzeugt wird.

Bürgerselbstorganisation wird hier nicht mehr als Aufbau von Gegenmacht angesehen, sondern im Gegenteil werden Staatsmacht und Bürgermacht zusammen geführt gegen das neue „Reich des Bösen“.

(2) Auf dem Weg zum Subsidiaritätsprinzip? Ein Amt im Weißen Haus für glaubensbasierte und andere Initiativen in der Community

Eine der ersten Amtshandlungen Bushs war es 2001, ein auf hoher Ebene angesiedeltes „White House Office of Faith- Based and Community Initiatives“ einzurichten[54].mit dem Ziel, rechtliche und administrative Barrieren für effektive religionsbasierte und Community- Dienste zu eliminieren, mit Steuererleichterungen und anderen Mitteln soziale Programme zu fördern und ein neues Modell der Kooperation zwischen Bundesregierung und den glaubensbasierten und Community Gruppen zu schaffen.

Beide Kandidaten im Wahlkampf 2000, Gore wie Bush, hatten ähnliche Versprechungen zur Unterstützung kirchlicher und anderer Wohlfahrtsarbeit abgegeben; bei der Installation des Amtes und der gesetzlichen Vorhaben gab es dennoch große Probleme, weil die traditionelle Trennung von Staat und Kirche dem Vorhaben scheinbar entgegen stand.

Verfolgt man die Vorhaben und die Schilderung der Auseinandersetzungen[55], so lassen sich m.E. viele Parallelen zur Subsidiaritätsdebatte finden. So gibt es Sorgen bei den Liberalen um die Trennung von Staat und Kirche, bei den traditionellen kirchlichen Gruppen, wie den Evangelikalen, um ihr Glaubensverständnis, bei den Gewerkschaften um die Rechte der kirchlichen Arbeitnehmer. Und zugleich g