Aspekte der Geschichte des CO
...............................................................................
Abgrenzung und Strukturierung des Community Organizing..................................................................
Organisationsformen und Orientierungen im CO..................................................................................
Organizing als Beruf..........................................................................................................................
Tendenzen........................................................................................................................................
„Es war Zeit, den Focus auf den Bürgermeister zu
richten. In der zweiten Augustwoche, bevor alle Praktikanten weggingen,
organisierten wir eine Versammlung in der City Hall, dem Rathaus von Chicago.
Ich stieg die Treppe zum 5. Stock der City Hall (wo
der Bürgermeister Daley in Chicago residiert MR)hinnauf, denn
seine Angestellten hatten alle Fahrstühle blockiert um uns von seinem Büro
fern zu halten. Ich hörte den Lärm der Masse immer weiter wachsen; es war
fast, als wenn ich schlafwandeln würde. Ich dachte nach, was ich zur
Versammlung sagen müsste: da waren die Latinos, die Afroamerikaner, reiche wie
arme Leute, Obdachlose. Wenn du Chicago sehen willst, hier sind wir, in der
ganzen Breite und Tiefe unserer Koalition. Ich ging um die Ecke: da war dieses
Meer von Menschen, die dort standen und alle sangen. Das war einer von den
besten Tagen. Alle, mit denen wir so lange in den Nachbarschaften gearbeitet
hatten, alle waren sie da.“
So beschreibt der Direktor einer Organisation den
Höhepunkt einer Kampagne des Community Organizing.
Die große Aktion, um jemanden zu beeindrucken und zum
Handeln zu zwingen, der einem das geben kann, was man verlangt, ist ein immer
wieder kehrendes Moment in den Kampagnenzyklen des CO.Und
sie ist das, was auf den ersten Blick CO von klassischer Sozialarbeit ebenso
wie von typischer Stadtentwicklung unterscheidet: Die BürgerInnen selbst sind
aktiv, sie konfrontieren die Mächtigen mit ihren Anliegen, nutzen dafür
unkonventionelle Wege und bewegen sich oft an der Grenze der „guten Sitten“
oder der formellen Legalität. Es geht beim Community Organizing gleichzeitig
um zweierlei: zum einen um konkrete Verbesserungen für die Lebenssituation der
Nachbarschaften, Stadtteile und der sich als benachteiligt verstehenden
Bevölkerungsgruppen, zum anderen darum, dauerhafte Macht der Bürgerinnen und
Bürger zu organisieren, um ihnen auf „gleicher Augenhöhe“ einen Platz am
Verhandlungstisch mit den Mächtigen aus Politik und Wirtschaft zu sichern.
Zum Community Organizing gehört aber auch der Bericht auf
einer Webseite ausgerechnet des oben als Zielperson dienenden Bürgermeisters
Daley über ein Projekt con CAPS, der Chicago Alternative Policing Strategy:
Community Organizing ist eines der Werkzeuge von CAPS,
das die Bewohner von Austin (Stadtteil von Chicago) und die vorhandenen
Ressourcen in Verbindung miteinander bringtt, um Probleme zu lösen
Und auch eine Anfrage wie diese in der Online-Konferenz
COMM-ORG (e-mail 13.4.2002):
„Ich arbeite bei einem Appartementkomplex. Die Bewohner
wollen eine Art von Bürgerstreife beginnen. Ich habe mit dem örtlichen
Polizeioffizier gesprochen und sammle Informationen zum „Crime Watch“. Die
Bürger stellen sich vor, zu zweit durch den Komplex zu gehen, vor allem
an Wochenendabenden, wenn die kriminellen Aktivitäten am höchsten sind. Wir
wollen gerne Modelle von anderen Nachbarschaften bekommen, vielleicht ein
Modell, wo Bewohner vor einem solchen Rundgang unterschreiben, dass sie nicht
intervenieren, sondern nur beobachten und berichten... Unser Wohnkomplex hat
regelmäßig Probleme mit Autoaufbrüchen ebenso wie mit größeren Zwischenfällen.
Jetzt ist vielleicht eine Zeit, in der das Interesse der Bürger gestiegen ist;
ein gutes Programm könnte etwas verändern und den Bewohnern Macht geben
(empower).“
Beim CO geht es um Veränderung ─ aber es geht nicht immer
um ein Gegenüber von „wir hier unten“ gegen „die da oben“, sondern CO kann
sich auch auf Abgrenzung gegenüber „Störenfrieden“ richten wie z.B.
Prostituierten, Drogenhändlern oder potenziellen Straftäter. Wieweit dies in
Übereinstimmung mit den Werten des Organizing in Einklang steht, darüber
findet man in den Mails bei comm-org.utoledo.edu und bei ABCD durchaus
kontroverse Diskussionen.
Community Organizing (CO) hat anders als z.B. in
Deutschland in den USA eine lange Tradition, ist differenziert entwickelt und
wird erforscht- und dennoch gibt es auch dort keinen allgemein anerkannten
Sprachgebrauch,
keine den Organisationen gemeinsame Richtung und keine eindeutigen
Abgrenzungen. Man kann zu Recht von Tausenden von Gruppen des CO sprechen,
aber ebenso zu Recht auch von einigen Dutzend, die eine ausgefeilte Strategie
zur Veränderung der Gesellschaft haben und professionell arbeiten.
Bei weitem nicht zu jeder „Community Organization“ gehört
„Community Organizing“ als gestalteter, oft professionell durchdachter
Prozess, wie sich ja auch in Deutschland nicht jeder Verein in einem Quartier
explizit auf die Entwicklung des Quartiers und seiner Bewohner richtet. Dies
wird besonders deutlich, wenn man auf das Amt sieht, das die amerikanische
Regierung im Jahr 2001, gleich nach Bushs Amtsantritt, eingerichtet hat, das
„White House Office of Faith- Based and Community Initiatives“ (siehe unten),
mit dem vor allem karitative Ansätze gefördert werden sollen. Unter den vielen
Organisationen und Initiativen in den Communities und den religiösen Gemeinden
bildet das eigentliche Organizing eine Minderheit.
In diesem Kapitel möchte ich nicht versuchen, CO
umfassend und systematisch darzustellen.
Sondern ich möchte vorwiegend über das Internet verfügbare amerikanische
Quellen zusammen tragen, deren unterschiedliche Perspektiven ich nicht
zugunsten eines einheitlicheren Gesamtbildes auflöse. Zum Teil werde ich
versuchen, Verbindungslinien zwischen den Perspektiven zu verdeutlichen.
Nach der Vorstellungen einiger Definitionen des CO und
einem knappen Ausflug in die Geschichte des CO berichte ich über Versuche der
Abgrenzung und Strukturierung des CO. Thematisiert wird dann der „Beruf“ des
Organizers/ der Organizerin, in Bezug auf Erwartungen der Arbeitgeber,
beruflicher Organisation sowie Ausbildung.
(nach oben)
Linthicum und Miller
Emphatisch drücken Linthicum und Miller, die ein Handbuch
für Sponsoren (Community Organizing Toolbox)
zitiert, die Philosophie des Organizing aus:
CO ist der Prozess, in dem die Menschen sich selbst
organisieren, um ihre Situation in die eigene Hand zu nehmen, und so einen
Sinn für sich als „Community“ entwickeln. CO ist vor allem für die Armen
und Machtlosen ein wirksames Werkzeug, weil sie selbst die Aktionen bestimmen,
wie sie mit denen umgehen, die ihre Community zerstören und ihre
Machtlosigkeit verursachen (Robert Linthicum).
Organizing baut eine permanente Basis für die Macht der
Leute auf, so dass die dominierende finanzielle und institutionelle Macht
herausgefordert und verantwortlich gehalten werden kann für die Werte der
sozialen, umweltbezogenen und ökonomischen Gerechtigkeit. Und Organizing
verwandelt Individuen und Communities, indem sie wechselseitig aufeinander
einwirken und sich von passiven Objekten von Entscheidungen anderer mehr und
mehr zu Mitgestaltern des öffentlichen Lebens machen. (Mike Miller).
Stoecker
Stoecker, beschreibt CO vorsichtiger so
·
Menschen ohne Macht bekommen Macht, als Individuen wie als
Community.
·
Beziehungen werden gebildet, und manchmal ist dies das primäre
Ziel.
·
Begonnen wird im lokalen Gebiet, oft so klein wie eine
Nachbarschaft.
·
Aufgebaut wird auf gemeinsamer Erfahrung, die in einem Ort oder
einer kulturellen Identität wurzelt.
·
Community Organizing führt oft zu Aktivitäten des Community
Development oder zu größeren sozialen Bewegungen
Valocchi
Eher beiläufig bringt Valocchi (s.u.) eine knappe
Definition von CO ein, die jedenfalls eine wesentliche Funktion verdeutlicht:
„persönliche Probleme in öffentliche Streitthemen (Issues)
verwandeln“.
Judy Hertz (siehe Kap.4) stellt anschaulich dar, wie es
CO durch Aktionen gelungen ist, mit dem Begriff „predatory lending“ scheinbar
private Probleme als soziale und politische Problem zu definieren.
The Community Organizing Toolbox
Als grundlegende Prinzipien des CO führt „The Community
Organizing Toolbox“ in Anlehnung an Borgos und Douglas auf:
·
eine partizipative Kultur:
Partizipation wird als Ziel an sich gesehen. Unter der Rubrik „Leadership
Development“ widmen sie beachtliche Zeit und Ressourcen der Verbreiterung von
Fähigkeit, Wissen und Verantwortung für ihre Mitglieder. „Tu nie etwas für
andere, was diese für sich selbst tun können“ ist bekannt als die eiserne
Regel des Organizing.
·
Inklusivität.…
CO entwickeln Mitgliedschaft und Führerschaft aus einem breiten Spektrum der
Community, mit deutlicher Förderung der Teilnahme von marginalisierten
Gruppen, Farbigen, armen Gruppen, Immigranten, sexuellen Minderheiten und
derJugend.
·
Breite der Mission und Vision.
Starke Organisationen (aber nicht alle) nehmen sich
verschiedenartiger Themen an und verbinden zu einer breiteren Vision des
Gemeinwohls. Diese ganzheitliche Funktion ist von politischen Parteien,
Kirchen, Schulen und anderen zivilen Institutionen weitgehend aufgegeben
worden.
·
Kritische Perspektive:
CO Organisationen versuchen die Politiken und Institutionen zu verändern, die
nicht funktionieren. …Weil Community Organisationen kritische Positionen
einnehmen, können sie als parteilich angesehen werden oder gar in einigen
Zusammenhängen als polarisierend, und als ein Hindernis für soziale
Zusammenarbeit. Aber die Forschung weist darauf hin, dass ein effektives
Regieren von bürgerschaftlichem Engagement (civicness) abhängt, nicht von
Konsens.
Brüchigkeit der Definition des CO: Ist Unabhängigkeit „sine qua non“ des
CO?
Aber auch diese Definitionen erscheinen nicht als
allgemein gültig. Aus dem e-mail- Forum COMM-ORG greife ich eine jüngst
geführte Diskussion heraus:
Aufgrund einer Anfrage vom 13.4.2002, welche Städte ähnlich wie San Jose in
Kalifornien selbst Community Organizer beschäftigen würden, entwickelt sich
nach einem entsprechenden Impuls des Herausgebers Stoecker eine
Grundsatzdiskussion, was denn eigentlich „Organizer“ wären. Denn das
Selbstverständnis des CO als eigentständige Organisation der BürgerInnen
schien es auszuschließen, dass diese von den in Staat oder Stadt Regierenden
selbst inszeniert würde.
Stoecker: „Der Terminus „Organizer“ hat sich
beträchtlich erweitert; heute werden auch Leute einbezogen, die keine Aktionen
machen, die keine Organisationen aufbauen und nicht die Machtstruktur zu
verändern suchen."
Eine Reihe von Diskutanten, vor allem aus den
traditionell bedeutenden CO-Organisationen und Trainingscentern, wie ACORN und
der Midwest-Academy, halten an der klaren Distanz zu den Regierungen fest,
weil nur so die Entwicklung von Gegenmacht möglich sei; von ihnen werden
Beispiele dafür aufgeführt, wie durch die Stadt bezahltes Organizing zur
Einschüchterung oder Entlassung von Organizern führen kann.
Es werden aber auch differenzierende Gegenpositionen
aufgebaut, die durchaus einen Spielraum für städtisch bezahlte Organizer sehen
und die Möglichkeit, damit neue Formen der städtischen Demokratie zu
entwickeln. Als Organizer werden dabei z.T. auch Leute bezeichnet, die -
ähnlich wie viele Quartiersmanager in Deutschland - Beteiligungsprojekte in
vordefinierten Projekten realisieren.
Die Diskussion geht bald über die Frage nach städtisch
angestellten Organizern hinaus: Welche Abhängigkeiten schafft die Finanzierung
durch große Stiftungen
und Sponsoren, oder auch durch große Beiträge von einzelnen
Mitgliederorganisationen, wie Kirchengemeinden oder Diözesen? Wieweit
schließlich ist die Arbeit als Organizer zu verbinden mit politischen
Wahlämtern? Wäre dann die Finanzierung durch persönliche Mitgliedsbeiträge die
einzige Form, in der Unabhängigkeit und Gegenmacht realisiert werden kann?
(nach oben)
Auch wenn man mit Alinsky die Wurzeln des CO bereits bei
Moses finden kann (siehe Szynka),
so ist es fast Allgemeingut, dass CO sehr viel mit der Geschichte der USA zu
tun hat, wobei je nach Stoßrichtung die amerikanischen Werte der
Nachbarschaften seit der Siedlungszeit hervorgehoben werden , die Bedeutung
der religiösen Gemeinden für die Nachbarschaften, die Kämpfe um die
Unabhängigkeit von England oder die Bewältigung der Migration nach und
innerhalb Amerikas in die Industriestädte. Gemeinsam ist den Beschreibungen
die Hervorhebung des „Amerikanischen“, sei es in ungebrochenem Patriotenstolz
oder in Hassliebe zu diesem Land und seiner gesellschaftlichen Ordnung.
Dies wird sehr deutlich bei Si Kahns Beschreibung
, die ich hier paraphrasiere; sie ist in der Enzyklopädie für Sozialarbeit
erschienen und versucht ein deutlich politisches Verständnis von CO mit der
Sozialarbeit zu verbinden:
Die Geschichte des CO in den USA ist eng verbunden mit
der Entwicklung der Sozialarbeit, sowohl in der Theorie wie in der Praxis.
Beide waren und sind Antworten auf die vielfältigen Kräfte, die zusammen
Amerikas Gesellschaft schaffen mit allen ihren Stärken und Schwächen:
-
Demokratische Theorie und autoritäre Institutionen,
-
großer Wohlstand und schreckliche Armut,
-
persönliche Freiheit und Sklaverei,
-
offene Wahlen und Ausschluss vom Wahlrecht für alle außer den
weißen Männern,
-
Isolationismus und Imperialismus,
-
Pazifismus und Militarismus,
-
Kommunitarismus und Kapitalismus,
-
Stadtversammlungen (mit den BürgerInnen, erg. MR) und politische
Maschinerien (in der Hand der Mächtigen erg. MR).
Dies sind nur einige der
Komplexitäten und Widersprüche die Amerika als zivile Gesellschaft formen.
Die Jahre die zur amerikanischen Revolution führen,
können behandelt werden als eine klassische Studie in der Methodologie des CO,
einschließlich der Werbung (von Mitgliedern), der Kommunikation, der direkten
Aktion, der Bildung von Koalitionen, des Fundraisung, des kulturellen
Empowerment und der öffentlichen Beziehungen. …
Die CO- Bewegungen des 19. Jhd.
(Kahn nennt u.a. Abolutionismus,
Wahlrechtsbewegung, Populismus, Anarchismus, Gewerkschaftsbewegung und
Pazifismus erg. MR) haben alle ihre Äquivalente und Parallelen im 20.
Jhd., bei den Praktikern und Theoretikern, obwohl diese Verbindungen oft wenig
bekannt oder missverstanden sind. Z.B. wird Alinsky beansprucht als der
Gründer des CO, insbesondere und verständlicherweise bei den Mitgliedern der
IAF, die er gegründet hat um sein Werk fortzusetzen. Alinskys eigener
Hintergrund jedoch leitet sich viel mehr von Sozialarbeit, insbesondere der
Arbeit von Jane Addams und dem Hull House ab und von früheren CO- Ansätzen als
diese Beanspruchung erwarten lässt: als ein Kriminologiestudent an der
Universität von Chicago, als Jugendarbeiter mit Mitgliedern einer Gang, als
Biograph des Industriegewerkschaftsführers John Lewis. Alinsky ist wichtig als
jemand, der CO dargestellt hat und er hat kreative Beiträge zur Geschichte des
CO geleistet, aber er ist kaum ihr Erfinder. Ähnlich bei anderen sozialen
Bewegungen unserer Zeit, die wir oft als einzigartig ansehen, die
aber tatsächlich ihre Wurzeln haben und geformt sind durch ihre eigenen
historischen Vorfahren. …
Und wie mit Addams und Alinsky, so werden die
Beziehungen und Parallelen zwischen der Entwicklung von CO- Bewegungen und der
Sozialarbeit oft übersehen. … Die Settlement-Häuser waren viel radikaler und
weit mehr dem CO verpflichtet als einige ihre heutige Ähnlichkeiten zu den von
der Regierung finanzierten Community Service Centern vermuten ließe. Jane
Addams selbst, eine der Gründerin von Sozialarbeit als Profession, war eine
Radikale, eine Gewerkschafterin, eine Pazifistin, eine Sozialistin, eine
Agitatorin und eine Organizerin. Es ist interessant zu spekulieren, wie viele
Sozialarbeits-Einrichtungen sie heute für eine Arbeitsstelle einstellen würde.
In einem Beitrag für comm-org.utoledo.edu, der eine
heftige Diskussion auslöst, beschreibt Robert Fisher vor allem folgende Phasen
der Entwicklung des Nachbarschafts- Organizing:
In der Phase bis 1917 habe der Social Work Approach
vorgeherrscht, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise um 1930 sei dann mit
Aktivitäten von der Kommunistischen Partei einerseits und Saul Anlinsky
andererseits der politische Aspekt des Community Organizing in den Vordergrund
gerückt. In der Nachkriegszeit war Nachbarschafts- Pflege oft mit reaktionärer
Politik verknüpft.
In den Jahren um 1960-70 hätte der Typ „politische
Aktivität“ mit dem Widerstand der südlichen Bürgerrechtsbewegung, der
studentischen Neuen Linke und der Rebellion in den schwarzen städtischen Slums
dominiert und die politische Ökonomie sei nach links gedrängt (Johnsons Krieg
gegen die Armut). In den 80ern (Reaganismus) rückte die Politik nach rechts,
die ökonomische Entwicklung in den Communities sei zum zentralen Thema auch
für progressive Organisationen geworden, die vorher diese Strategie missachtet
hätten. Ein Vorwurf der Vertreter des CO gegenüber den Organisationen wäre
gewesen, die „grassroots“ kämpften nicht mehr um die Macht, sie kämpfen für
die Teilhabe an der Macht.
Neokonservative forderten jetzt nachbarschafts-basierte
Lösungen und “Empowerment” für die BürgerInnen, weil sie wissen…dass diese
weniger teuer sind
Ohne soziale Bewegungen, die in der Lage sind, den
politischen Diskurs nach links zu drängen, … können wir bestenfalls
schrittweise Veränderungen von der Spitze aus und wichtige aber bescheidene
Siege bei den Grassroots erwarten.
Nachbarschafts- Organizing bleibt wichtig,, als Schule
der Demokratie und progressiver Bürgerschaft, als Saat für größere
Anstrengungen des Widerstands, als Demonstration des Weiterbestehens des
öffentlichen Lebens in einer zunehmend privaten Welt, als Mittel des Kampfes
in dem wir Siege erringen, Fähigkeiten entwickeln und als mögliche Grassroot-
Bestandteile der nächsten größeren Bewegung für soziale Gerechtigkeit. Dafür
muss Nachbarschafts- Organizing aber über den gegenwärtigen Kontext hinaus
gehen.
(nach oben)
Fischer und Valocchi: Drei Approaches
Im Community Organzing kann man z.. B. nach Fisher 1995
und Valocchi, drei Ansätze (approach) erkennen:
-
CO als Sozialarbeit (Social Work)
-
CO als politische Aktivität (Political Activist)
-
CO als Erhaltung der Nachbarschaft (Neighborhood
Maintenance)


Diese Ansätze beschreibt Valocchi (in Anlehnung an
Fisher) so:
Ein kurzer Blick in die Sontagsausgabe der New York
Times zeigt drei Beispiele von Leuten, die „persönliche Probleme in
öffentliche Streitthemen (Issues) verwandeln“, was vielleicht eine sehr kurze
Basisdefinition von CO ist..
Der Leitartikel berichtet über das Blühen von
Nachbarschaftsgruppen in NY City und quer durchs Land die etwas machen, vom
Beseitigen von Graffitis über die Erneuerung von Parks bis zum Angebot von
Computertraining für junge Leute und einer “Fähigkeiten-Bank”, wo Bewohner
z.B. Babysitting gegen Klempnerdienste handeln können.
Ein anderer Artikel spricht über Bemühungen in Long
Island, immigrierten Heimarbeitern zu helfen, bessere Bezahlung zu bekommen
und eine gemeinsame Stimme am Arbeitsplatz zu entwickeln.
Noch ein anderer beschreibt eine …Demonstration von New
Orleans nach Baton Rouge um gegen die Verordnung des Governours zu
protestieren.
Zur CO als Sozialarbeit heißt es weiter:
Der Sozialarbeitsansatz wird dadurch gekennzeichnet,
dass die Community als sozialer Organismus verstanden wird, in der Bedürfnisse
kooordiniert werden müssen; die Aufgabe der Organizer liegt darin, ein Gefühl
für die Community zu schaffen, die Sozialen Dienste zusammen zu führen
und als Lobby für benötigte soziale Ressourcen tätig zu sein. Als Problem in
der Nachbarschaft wird die soziale Desorganisation in der Community angesehen.
Der Organizer hat die Rolle des Befähigers oder Advokats.
Zur CO als politischer
Aktivität wird ausgeführt:
Bei CO als politischem Aktivismus wird die Community
als politische Einheit verstanden, Nachbarschaft ist dann potenzielle Basis,
um Macht zu bekommen, Macht zu behalten oder alternative Institutionen zu den
Institutionen derer, die an der Macht sind, zu entwickeln.
Das Problem ist dann das Fehlen von Macht bei den
Mitgliedern der Community.
Die Rolle des Organizers ist in Begriffen von “Macht”
zu verstehen und besteht darin, zu diesem Thema, dem Issue, zu
mobilisieren.Dieser Ansatz ist weniger konsensual als der Sozialarbeitsansatz.
Er führt zu einer deutlichen Unterscheidung der Rolle von Organizer und
Leader: Der Organizer kommt von außen und hat die Aufgabe, einheimische Führer
zu finden.
CO als Erhaltung der Nachbarschaft / Community
Development wird schließlich so beschrieben:
Nachbarschaft ist hier als Ort verstanden, der innere
oder wirtschaftliche Werte hat. Es ist weder ein Ort für Dienstleistungen noch
für die Akkumulation von Macht. Aufgabe von Organizing ist die Pflege und
Verbesserung des physischen und wirtschaftlichen Werts des Eigentums, und
dafür zu sorgen, dass dieses Eigentum den Bedürfnissen der Bewohner besser
entspricht. Community Development kommt oft von der Nachbarschaft selbst in
Form einer Bürgerorganisation. Der Ansatz geschieht oft in Kooperation mit
lokalen Amtsträgern, kann aber auch bei entsprechenden Umständen weiter gehen
in politische Aktivität.
Nachbarschafts- Organizing,
so Fisher, gäbe es quer zu dem politischen Spektrum.
Sie ist nicht in sich reaktionär, konservativ, liberal
oder radikal, weder inhärent inklusiv und demokratisch noch engstirnig und
autoritär.
Die heute vorherrschenden Ansätze changieren zwischen
diesen Aspekten mit jeweils unterschiedlicher Schwerpunktsetzung, je nach
Organisation, nach aktueller Situation und politisch- historischem Kontext.
(nach oben)
Community ist nicht die einzige Art, wie, beginnend im
lokalen Bereich, Veränderungen zugunsten von Menschen in benachteiligten und
benachteiligenden Lebenslagen erreicht werden können.
Die Vielfalt der Ansätze ist kaum überschaubar, fast
jeder Autor verwendet andere Abgrenzung und Kriterien, und die Übergänge sind
fließend. Deshalb ist auch diese Auflistung weder vollständig noch eindeutig:
|
Advocacy |
Soziale Anwaltschaft
|
|
|
Community Building (CB) |
Z.T. als umfassender Ansatz verstanden zum inneren
und äußeren Aufbau einer Community |
|
|
Community Comprehensive Initiatives (CCI) |
Umfassende Initiativen der Community
Ende der 1980er Jahre entstanden |
|
|
Community Developmend Corporations (CDC) |
Nonprofit- Stadtteilentwicklungsgesellschaften für
verarmte Nachbarschaften, sie sollen verbunden sein mit den Bewohnern und
sollen umfassend ausgerichtet sein auf Arbeit, Wohnen, Sicherheit u.a.
Kritisch: oft zu geringer Kontakt zur Bevölkerung |
|
|
Community Development (CD) |
Kann physikalisch gemeint sein (Stadtteilplanung),
aber auch sozial und ökonomisch |
|
|
Community Organizing |
|
|
|
Community Self Management |
Trainingsmaterial für Community Worker, die armen
Communities helfen wollen, Macht zu gewinnen |
|
|
Popular Education |
Volksbildung, Beispiel: Highlander |
|
|
Service Delivery |
Soziale Dienstleistung |
|
|
Settlement Houses |
In den 1890er Jahren mit dem Hull House (Jane Addams)
entstanden, jetzt sozio-kulturelle Zentren in den Stadtteilen. |
|
|
Social Movements |
Soziale Bewegungen; sie können, wie Stoecker anhand
der Bürgerrechtsbewegung deutlich macht, aus lokalem Organizing
hervorgehen. |
|
(nach oben)
Stoecker: CO, Advocacy, Community Development und
Service Delivery
Randy Stoecker grenzt CO gegenüber Advocacy, Community
Development und Service Delivery ab und schärft damit die Bestimmung von CO:
CO und Advocacy:
Advocacy ist professionelle Praxis „im Namen von“ einer Gruppe, während CO die
Mitglieder der Community selbst einbezieht, dass sie für sich selbst
eintreten. Beiden gemeinsam ist, dass sie die „Regeln“ der Gesellschaft als
unfair ansehen und daher im Konflikt mit den Mächtigen stehen.
CO und Community Development:
CO konzentriert sich darauf, Power = Macht aufzubauen, während es CD zentral
um den Aufbau von Gebäuden geht. CD ist stärker als CO auf Kooperation mit den
Mächtigen begrenzt. Beiden gemeinsam ist, dass sie durch die Community selbst
kontrolliert sein können.
CO und Service Delivery:
Wie Advocacy wird die soziale Dienstleistung für die Community
angeboten. Service Delivery betont auch nicht die soziale Veränderung. Ähnlich
wie CD braucht Service Delivery Fachwissen und Kooperation mit den Mächtigen,
was eine Entscheidungsfindung durch die Basis der Community schwierig macht.
Dabei betont und diskutiert Stoecker zugleich die
Übergänge zwischen den verschiedenen Formen und ihre möglichen
Verbindungslinien.
CO ist dann der
Prozess der Bildung von Macht, der die Leute mit einem
Problem bei der Definierung ihrer Communitiy einschließt sowie in
-
der Definierung der Probleme, die sie angehen wollen,
-
der Lösungen, die sie anstreben und
-
der Methoden, mit denen sie die Lösungen erreichen wollen.
Die Organisation
identifiziert die Leute und Strukturen, die notwendigerweise ein Teil der
Lösungen sind, und verhandelt, mit Mitteln der Überzeugung oder Konfrontation,
mit ihnen, um die Ziele in der Community zu erreichen. In dem Prozess werden
demokratisch kontrollierte Institutionen aufgebaut, „die Organisation“, die
künftige Probleme in Angriff nehmen kann und langfristig den Willen und die
Macht dieser Community in sich vereinigt.
(nach oben)
Umfang und Verbreitung des CO
Zum Community Organizing gehören
·
Gruppen vor Ort, die sich in ihrer Nachbarschaft organisieren
und lokale Themen anpacken
·
Lokale Organisationen von Gemeinden, Arbeitnehmergruppen usw.
·
Lokale Netzwerke und Koalitionen
·
Regionale und US-weite oder auch übernationale Organisationen
und Netzwerke.
Da unter CO sowohl sehr kleine Gruppen, die sich selbst
organisieren, wie auch Großorganisationen wie ACORN mit über 120.000
Mitgliedern zusammengefasst werden, ist eine Zahl der CO‘s in Amerika nicht zu
fixieren.
Die Community Organizers Toolbox schreibt dazu:
Es gibt wohl 6000 CO´s in den USA mit irgendeiner Form
des CO. Die meisten sind in den letzten 25 Jahren gebildet. Eine viel
kleinere, aber schnell wachsende Zahl von Gruppen, nicht mehr als einige
Hundert, kann wirklich in die Kategorie der CO Gruppen mit allen Bestandteilen
eingeordnet werden.. Außerdem gibt es etwa zwei Dutzend oder mehr intermediäre
Gruppen auf regionalem und nationalem Level.
Wenn man sich auf die Organisationen beschränkt, die mit
einem professionellen Organizer arbeiten, engt sich diese Zahl erheblich sein.
So gibt es eine recht präzise Untersuchung zum Faith Based Community
Organizing (FBCO).
Dort werden landesweit 130 Organisationen gezählt, die zum Zeitpunkt der
Untersuchung aktiv sind, den Grundsätzen des CO entsprechen und
hauptberufliche Organizer beschäftigen.
FBCO erreicht einige Millionen Menschen und hat als
aktive Basis ungefähr 100.000 Menschen, die zumindest an einer öffentlichen
Aktion innerhalb von 18 Monaten teilgenommen haben,
fast ebenso viele, wie ACORN als zahlende Mitglieder angibt.
Sicherlich ist es vermessen, wenn ich von diesen Zahlen
hochrechne, aber vielleicht ist es ja doch eine Annäherung, wenn ich von
100.000 Menschen ausgehe, die über FBCO in professionell organisierten CO‘s
aktiv sind, einer ähnlichen Anzahl bei ACORN und vielleicht noch einmal einer
gleich großen Menge außerhalb dieser beiden Blöcke. Das wären dann 300.000
Menschen in den USA.
Sehr unterschiedlich ist CO in den regionalen Kulturen
der USA verankert, es unterscheidet sich von Ort zu Ort, von Bundesstaat zu
Bundesstaat, von Land zu Land.
In North Carolina …gibt es wenige Ressourcen für
Organizing und nur ein paar Dutzend Vollzeit-Organizer… Unseren Communities
fehlt eine positive historische Erinnerung oder Kultur des Organizing.
Angie Newsome ist eine achtundzwanzigjährige arbeitslose Organizerin: „
Ich war vor kurzem in Chicago und da gab es ein Wandgemälde zum Organizing in
der Öffentlichen Bücherei. Ich war wie vom Schlag getroffen: Organizing
ist dort öffentlich, nicht etwas, was im Hinterzimmer oder im Untergrund
passiert. Es war großartig zu wissen, dass es nicht überall so ist wie in
North Carolina.“
Die Untersuchung zum FBCO kommt zu dem Ergebnis, dass in
sechs der 50 Staaten der USA die Hälfte aller FBCO´s zu finden ist.
Deutlich sind auch die Unterschiede zwischen den beiden
Staaten, Kanada und den USA, die zwar ihre Vergangenheit als britische
Kolonien teilen, in denen aber als Folge der amerikanischen Revolution ein
jeweils ganz unterschiedliches Verhältnis zwischen BürgerInnen und Staat
besteht.
(nach oben)
In der
Regel werden die Ansätze des CO nach Organisationsformen unterschieden. Dem
wird hier gefolgt; wichtig erscheint mir aber, dass die Organisationsformen
zumeist mit unterschiedlichen Philosophien verbunden sind, dass mit
unterschiedlichen „ Kunden“ (constituencies) gearbeitet wird und sich deshalb
Ziele, Strategien und Taktiken unterscheiden.
Einen Einblick in die verschiedenen Ansätze zeigt auch
Judy Hertz (siehe Kapitel 4), einen Vergleich Heidi Swarts (Kap.8).
Organisationsformen des CO
Unter den Organisationen unterscheidet die The Community
Organizing Toolbox
die Organisationen in:
1.
Direkte oder auf individueller Mitgliedschaft basierende Gruppen;
sie sind zumeist klein, basieren auf einer geographischen Einheit und
organisieren einzelne Leute mit niedrigem und mäßigem Einkommen; Beispiele
sind Umweltgruppen und ACORN (vgl. Kap.7).
2.
Auf Themen bezogene Koalitionen;
diese mobilisieren öffentliche Interessengruppen, Gewerkschaften oder andere,
die Politik zu beeinflussen oder gemeinsame Themen anzugehen. Beispiele sind:
Kampagne für ein nachhaltiges Milwaukee, interreligiöse Koalition für die
Rechte von Arbeitern.
3.
Organizing auf der Basis von Institutionen, Gemeinden oder Religionen,
die in den lokalen religiösen Institutionen wurzeln und oft mit anderen
Institutionen zusammen in der Community arbeiten. Die IAF ist ein Pionier für
diesen Ansatz (vgl. Kap.6).
Keiner dieser Ansätze existiert in „reiner“ Form, und es
gibt auch jeweils keine festen Regeln für alle Organisationen. Anpassungen an
sich verändernde soziale Bedingungen sind eher die Regel als die Ausnahme.
Stoecker setzt Unterscheidungen von Organisationsbasis in
Beziehung zu den inhaltlichen Orientierungen und den daraus resultierenden
Anforderungen an die Qualifikation der Organizer:
|
|
Institutionelle
Mitgliedschaft
(Institution-based)
(z.B. IAF) |
Individuelle
Mitgliedschaft
Individual-based
(z.B. ACORN) |
Aktivposten (Asset)
Modell
(ABCD)
(vgl. Kap.11) |
Organizing durch Konsens |
|
Grundzug |
Organisation von
Organisationen |
Organisation von
Individuen |
Koalition/Organisation,
z.T. informell |
|
Ausschließlich innerhalb
der Community
(„wir“ gegen „die“ergänzt
MR) |
kann Grenzen der
Community durchkreuzen („von innen nach außen“) |
|
Fokus auf externen Zielen |
Fokus auf interner
Entwicklung |
|
Taktik: Konflikt
(Demonstrationen, Konfrontationen mit Offiziellen) und Verhandlungen
|
Identifiziert Fähigkeiten
und Ressourcen in der Community |
|
Ziel: Politische
Veränderung und Macht für die Community |
Ziel: Interne Planung und
Entwicklung der Community |
|
Fähigkeiten der Organizer
|
Werben eines „Blocks“ |
Werben von Individuen |
Werben von Individuen und
Erhalten von Koalitionen |
|
Erhalten von Koalitionen |
Bildung einer
Organisation |
|
|
Entwicklung von
Leadern |
Identifikation und
Mobilisierung von Aktivposten |
|
Entwicklung von
Beziehungen |
|
|
Strategische
Konfrontation und Verhandlung |
Strategien der
Selbsthilfe |
CO grenzt sich in der Regel gegenüber der Politik der
beiden großen Parteien, der Demokraten und der Republikaner, deutlich ab,
teils indem die Neutralität gegenüber der Parteipolitik betont wird (so
überwiegend bei dem religiös fundierten CO), teils indem ein politischer
Standort deutlich links von den Parteien eingenommen wird (so z.B. bei ACORN,
die mit der New Party kooperiert.)
Aber auch da, wo die Organisationen ihre Unabhängigkeit
betonen, kommt wie beim Beispiel einer IAF-Organisation ein Autor zu der
Schlussfolgerung, dass die Organisation charakterisiert sei
durch left-wing mainline religious adherents on the
basis of the principle of social justice.
Erhellend kann es sein, die Position der letzten
Regierungen zu dem Feld und Umfeld des CO personell zu skizzieren:
-
Clinton gratuliert 1995 ACORN zum 25jährigen Jubiläum und betont, dass
er als junger Mann als Freiwilliger bei ACORN seine ersten politischen
Erfahrungen gemacht habe
-
Al Gore hat 2001 Vorlesungen zum Community Development abgehalten.
-
Bush gründet als eine seiner ersten Amtshandlungen am 29.1.2001 das Amt
für glaubensbasierte und Community Organisationen, dem Geldmittel zugewiesen
werden, damit karitative Einrichtungen gefördert werden können
:
Glaubensbasierte und
Community Organisationen und einzelne BürgerInnen spielen eine wichtige Rolle
bei der Stärkung unserer Nachbarschaften und dabei, denen, die in Not
sind, Fürsorge und Trost zu bringen. …Ihre wichtigen Bemühungen helfen
eine gerechtere und freigebigere Nation aufzubauen. In dem wir
zusammenarbeiten um die Schwachen zu schützen, die Unvollkommenen und die
Unerwünschten, bekräftigen wir die Kultur der Hoffnung und helfen eine hellere
Zukunft für alle zu sichern (Georg W. Bush).
-
Justizminister Ashcroft stockt nach dem 11. September 2001 das Programm
„Block Watch“ finanziell auf und fordert die Neighbourhood Watcher auf, im
umfassenden Ansatz des Heimatschutzes ungewöhnliche Ereignisse zu melden um
Terroristen zu erkennen.
Gender Modelle des Organizing
Wer einen Blick auf die Literatur, beispielsweise die bei
COMM-ORG gesammelten Papiere, wirft, stellt fest, dass hier jedenfalls die
Auseinandersetzung mit CO männerdominiert ist. Ähnliches gilt aber auch für
die meisten Organisationen (vgl. Untersuchung zum Faith - Based CO, vgl. Kap.
5). Stall und Stoecker
haben dies zum Anlass genommen, um das Alinksy- Modell, das für sie Prototyp
des „männlich-zentrierten CO“ ist, zu vergleichen mit dem, was sie
frauenzentriertes CO“ nennen.
Sie vergleichen die Konzeptionen zur menschlichen Natur,
das Verständnis von Konflikt, Macht, Politik und Führung sowie den
Organisationsprozess. Mit dem Begriffspaar „community organizing or
organizing community“ versuchen sie den Kern zu beschreiben: Im männlichen
Modell geht es mehr um die öffentliche Organisation, im frauenzentrierten
stärker um die Entwicklung der Community durch soziale Beziehungen und
Organisation des Alltags.
Das Alinsky- Modell beginnt mit den Kämpfen zwischen
denen, die haben, und denen, die nichts haben, der Ort der Auseinandersetzung
ist die öffentlichen Sphäre. Das Modell bildet Communities durch
Beziehungen und durch Empowerment der Individuen mit Hilfe dieser Beziehungen.
Das frauenzentrierte Modell dagegen erweitert die Grenzen des Haushalts, um
die Nachbarschaft einzubeziehen und löst die Grenzen zwischen privatem und
öffentlichem Leben, zwischen Haushalt und Zivilgesellschaft, auf.
Das Alinksy- Modell sieht Macht als ein Nullsummenspiel,
bei dem jemand nur Macht gewinnen kann, indem er andere entmächtigt. Nach dem
frauenzentrierten Modell ist Macht unendlich erweiterbar, als „co-active“
Macht - in Anlehnung an Hannah Arendt - ist sie an Gruppen und Zusammenarbeit
gebunden.
Bei der Entwicklung von Leadership betont das Alinsky-
Modell eine strikte Rollenteilung zwischen den Organizern von auswärts und den
einheimischen Führungspersonen, während im frauenzentrierten Modell die
Organizer oft in den lokalen Netzwerken verwurzelt sind.
Beim Prozess des Organizing betont das Alinsky-Modell
formelle und offizielle Organisation mit großen sichtbaren öffentlichen
Ereignissen, während das frauenzentrierte Modell sich auf die Entwicklung von
informellen kleinen Gruppen ausrichtet, die weniger öffentlich sichtbare
Themen angehen.
Dabei erwähnen Stalll und Stoecker durchaus, dass z.B.
Chambers (IAF) zunehmend die Themen der privaten Sphäre und Familien betont
sowie die Bedeutung der Bildung von Beziehungen in der Community. Dies kommt
ja auch, worauf sie nicht hinweisen, in der zentralen Bedeutung der
one-to-one- Gespräche beim IAF zum Ausdruck, worauf z.B. Peter Dreier in der
Diskussion hinweist.
Allerdings sind die medialen Darstellungen in
Internetseiten und z.B. im Film „The Democratic Promise“ – bei IAF ebenso wie
bei ACORN - zentriert auf die große, öffentliche, machtvolle Veranstaltung und
den „Kampf“ als Kennzeichen des CO.
(nach oben)
Eingrenzen kann man Community Organizing in den USA, wenn
man zwischen unmittelbarer Selbstorganisation der BürgerInnen und der
beruflichen Tätigkeit von Organizern unterscheidet, wobei natürlich beides
Hand in Hand geht. Aber anders als etwa in Deutschland gibt es durchaus ein
Profil eines „Organizers“ der auch per Stellenanzeigen gesucht wird.
Beispielsweise werden in der Online-Konferenz von
COMM-ORG immer wieder Stellenausschreibungen verbreitet, wie zum Beispiel
folgende vom 25.10.2002:
Stellenanzeige
Wir suchen zwei Community Organizer für eine CO in
Louisville, Kentucky , die auf Kirchengemeinden aufgebaut ist.
Gehalt:
25.000 –30000 $/ Jahr zuzüglich Krankenversicherung, Rentenversicherung,
bezahlten Feiertagen und Urlaub
Organisation:
Citizens of Louisville Organized & United Together (CLOUT) ist eine
Organisation von religiösen Gemeinden und Nachbarschaftsgruppen…. Wir sind
eine Basisorganisation mit direkter Aktion und einer Vielfalt von Themen, die
in dem Glauben zusammen gekommen ist, dass wir vereint als machtvolle Stimme
für mehr Gerechtigkeit in unserer Community arbeiten können. CLOUT ist auf der
nationalen Ebene angegliedert an Direct Action & Research, das DART- Center.
Verpflichtungen /Verantwortlichkeiten
Die Arbeit der Organizer kann in folgende .Bereiche eingeteilt werden:
·
Entwicklung von Führungspersonen und Mitarbeitern
·
Entwicklung von Themen (Issues)
·
Unterstützung der Struktur der Organisation
·
Fundraising.
Qualifikationen:
Zuerst und vor allem müssen Sie eine aufrichtige Leidenschaft für soziale
Gerechtigkeit und für Community Organizing haben. Diese Position ist ein
Beruf, nicht nur ein Job.
Die Kandidaten müssen auch eine erprobte Fähigkeit
haben, Vertrauensbeziehungen aufzubauen, einen Plan zu kreieren und
durchzuführen, brauchen einen Sinn für Humor, kreatives Denken,
professionelles Handeln. Sie sollen sich wohl fühlen bei der Arbeit mit
Kirchen. Sie sollen sich verantwortlich zeigen und willens, andere in der
Verantwortung zu halten, in einem Team arbeiten und gerne mit Leuten arbeiten.
Farbige Menschen und solche, die fließend Spanisch und Englisch sprechen,
werden bestärkt, sich zu bewerben.
Die Formulare für die Bewerbung kann man in der Webseite
von DART laden.
Sie enthalten ein schriftliches Interview zu den Interessen, den eigenen
Erfahrungen, der Einstellung zum Stadtteil, in dem man selbst lebt, und zu der
eigenen Arbeitsbereitschaft:
„Gibt es persönliche oder familiäre Pflichten, die
deine Fähigkeit lang und zu unregelmäßigen Zeiten zu arbeiten, begrenzen-
einschließlich abends und an Wochenenden? Sind Sie willens und bereit,
flexibel und verantwortungsbewusst zu sein in der Zahl der Arbeitsstunden
(ungefähr 50-60 jede Woche) statt lieber nach der Stechuhr zu arbeiten?“
Sowie eine Testfrage:
„Sie haben eine Versammlung zusammen gebracht,
nachdem Sie mit fünf Gemeinden mit jeweils 100 aktiven Mitgliedern gearbeitet
haben. Die Versammlung entscheidet sich für das Thema, dass die öffentlichen
Schulen in dem Gebiet ihren Kindern nicht ausreichend das Lesen beibringen.
Ihr diskutiert gerade über Lösungen zu diesem Problem. Während der Versammlung
gibt es folgende Vorschläge von Leadern:
- mit einem Tutorenprogramm im Anschluss an die Schule
anzufangen, das nach einem Modell gestaltet wird, von dem eine Leaderin in der
Nachbarschaftsgemeinde beeindruckt war;
- sich mit dem Rektor der öffentlichen Schule zu
treffen mit und ihn um Vorschläge zu bitten, wie man helfen könnte;
- weil das Problem an der Schule läge, sollte die
Gruppe ein Curriculum zum Lesen- und Schreibenlernen finden, das in anderen
Gebieten funktioniert hat und von der Schule verlangen, die Art des
Lesenlernens dementsprechend zu verändern
- weil das Problem nicht so viel mit dem Lesen zu tun
habe, sondern mehr damit, dass die Kinder nicht in der Lage sind, die 10
Gebote zu lesen, sollte man in einer Koalition darum kämpfen, dass die
Regierung das Aushängen der 10 Gebote in öffentlichen Schulen erlaubt.
Welche der Vorschläge würden Sie als Organizer der
Gruppe zur näheren Betrachtung vorschlagen? Warum?“
Die Arbeitsbedingungen sind sehr unterschiedlich; bei
ACORN z.B gibt es oft geringen Lohn bei sehr viel Arbeit, IAF propagiert die
Einstellung von wenigen, aber gut bezahlten, gut trainierten und mit guten
Arbeitsbedingungen versehenen Organizern. Dies hat natürlich einen erheblichen
Einfluss auf die Fluktuation der Organizer und ihr mögliches inneres
Ausbrennen.(vgl. Kap. 8)
Ausbildung zum Community Organizing an Hochschulen
Generell ist professionelles Community Organizing nicht
an die Absolvierung eines bestimmten Studiengangs gebunden; teilweise wird
eine Graduierung der BewerberInnen um eine Stelle erwartet, selten ist diese
an einen bestimmten Studiengang gebunden.
An den Hochschulen hat Community Organizing im
Studiengang Sozialarbeit einen ziemlich festen, wenn auch keinen zentralen
Platz, es gibt aber auch etwa in den Bereichen Politikwissenschaft,
Stadtplanung und Stadtforschung und Theologie Lehrveranstaltungen oder auch
Studienrichtungen zum Community Organizing. Hier folgen nur wenige vorläufige
Hinweise dazu:
a) Schulen für Sozialarbeit
Community Organizing gehört zum anerkannten Programm der
Schulen für Sozialarbeit. Teilweise wird CO als eigenes Fachgebiet gelehrt,
teilweise als Teil einer „Generic Social Work“, die einmal aus der
Zusammenfügung der drei klassischen Methoden Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit
und Gemeinwesenarbeit entstanden ist oder einer „Macro Social Work“, die
an der Interventionsebene (Micro, Meso und Macro) anknüpft.
Community Organizing ist aber kein zentrales Gebiet der
Sozialarbeit mehr, was sich in den Seminaren, in den Veröffentlichungen und
den Studierendenzahlen nieder schlägt. Zu den inhaltlichen Orientierungen des
CO an den Schulen für Social Work kann ich nichts generelles sagen. Der
grundlegende Artikel von Kahn in der Enzyklopädie
orientiert sich an der klassischen eher kämpferischen Tradition des CO, andere
betonen einen stärker konsens-orientierten Ansatz, wo der Organizer eher so
etwas wie ein Moderator ist als Anstifter zum Gewinnen von Macht.
Die Schule für Sozialarbeit an der Columbia Universität
z.B. formuliert die Aufgabe von CO so:
CO ist der Prozess der Bildung von Konsens über
Streitfragen der Community. Es kann das öffentliche Bewusstsein für die
Probleme steigern, die Menschen zusammen bringen um für ein spezielles Ziel zu
arbeiten oder spezielle Dienste zu bekommen. COs sammeln Informationen,
informieren die Öffentlichkeit, führen Nachbarn ein, trainieren neue
Führungspersonen und bringen Leute zusammen.
Hilfe zur Selbsthilfe ist eine grundlegende Lehre der
Sozialen Arbeit. CO geht einen Schritt weiter- Hilfe zur kollektiven
Selbsthilfe. Es ist ein kollektives Problemlösen durch eine Gruppe die im
eigenen Namen und dem der Community arbeitet.
b) Andere Studiengänge
Für Angebote in der Theologie kann der Aufsatz von Noris
Caban, The Thology of Community Organizing (1999) beispielhaft herangezogen
werden,
für ein Angebot in der Kriminologie eine Lehrveranstaltung an dem
Carson-Newman College in Jefferson/ Tennessee,
für Politikwissenschaft und für ein umfangreicheres Studienangebot in Urban
Studies die Studienrichtung Community Organizing an der Stanford Universität:
Als akademisches Vorhaben sind CO und Community Service
immer noch entstehende und sich entwickelnde Felder. Studierende von Urban
Studies, die mit einem Grad in der Option CO abschließen wollen, haben einen
reichen und sehr unterschiedlichen Hintergrund sowohl akademischer wie in der
Community basierender Erfahrungen. Obwohl diese Graduierungsprogramme ziemlich
selten sind, geben Schulen der Erziehung, des Rechts, der
Wirtschaftsadministration und der Sozialarbeit Gelegenheiten, sich
vorzubereiten für künftige Arbeit in der Community.
Viele werden argumentieren, dass die einzige richtige
Ausbildung für CO in der Erfahrung liegt, in der direkten Arbeit mit
einer Nachbarschaftsorganisation oder einer Reformbewegung oder einem
Basiskampf der Community für soziale Gerechtigkeit und politische
Bemächtigung. Einige von den Gewerkschaften gesponserte Institute für das
Training von Organizern sowie radikale Organisationen - vor allem Saul
Alinskys Gruppe in Chicago- haben nicht-akkreditierte Kurse für Aktivisten
angeboten. Aber erst kürzlich haben einige wenige akademische Institute
begonnen, ein Programm in CO und Community Delivery anzubieten, das einen
Abschlussgrad bietet.
Training von OrganizerInnen in Trainingsinstituten
Für die Einstellung in den Organisationen spielt das
Training in Instituten, oft den Netzwerken, zu denen die einzelnen
Organisationen gehören, eine größere Rolle als die jeweilige
Hochschulausbildung. Bei DART haben wir bereits eine solche Ausbildung erwähnt
gefunden, den Ansatz der Midwest Academy stelle ich in Kapitel 9 vor. Von
großer Bedeutung sind zudem beispielsweise die Trainings von NTIC und IAF.
Berufsorganisation der Organizer: National Organizers Alliance
Eine Orientierung über „Organizing als Beruf“ kann man
auch durch einen Blick auf die National Organizers Alliance (NOA):
gewinnen. Organizer haben mit der NOA eine Berufsorganisation, die 1000
zahlende Mitglieder hat; ihr angegliedert sind 5000 Personen aus dem Feld des
CO, die über 2000 Organisationen repräsentieren.
„Unter den Hunderten, die NOA als ihr Zuhause ansehen,
sind Organizer aus jeder Rasse, Religion und ethnischen Gruppe, ein Gastgeber
für alle Generationen und sexuellen Orientierungen, ein Kontinent von
Individuen, eine Armee von Schulen, Praktiken und Prioritäten des Organizing“
.
Zur NOA gehören Labor Organizer, Neighborhood Organizer,
Rural Organizer, Organizer von ethnischen Gruppen, Umweltgruppen, Kämpfer für
Immigranten, Soziale Rechte.
Die NOA hat selbst eine soziale Funktion für die
Organizer, indem sie einen Pensionsplan, also eine eigene Versicherung
anbietet. Außerdem bietet sie eine eigene Datei freier Stellen an (am
6.12.2002 sind darauf 35 Stellen aus den letzen Monaten aufgeführt, davon 15
ausdrücklich für Organizer).
Es geht auch um das Selbstverständnis und die Bildung
einer Identität innerhalb einer Berufsgruppe, die wenige der üblichen Merkmale
einer Profession aufweist, insbesondere keine einheitliche längere Ausbildung.
So führt die NOA alle zwei Jahre große Tagungen durch, bei denen es wesentlich
um das Selbstverständnis der Organizer geht; so z.B. 2001 bei einem Fishbowl
mit „Firestarters“, also Veteranen, die die „Leidenschaft für Gerechtigkeit
angezündet haben“.
(nach oben)
Themen des CO
Beim „klassischen“ Community Organizing ergaben sich die
Themen aus der jeweiligen lokalen Situation. Das Herausfinden von für die
Mobilisierung geeigneten „Issues“ ist, wie z.B. Shel Trapp (Kap. 3) oder die
Midwest Academy (Kap. 9) zeigen, eine der wichtigen Künste der Organizer. Aber
es gibt mittlerweile bestimmte Grundthemen, die auch von den CO-Organisationen
bereits erfolgreich als „soziale Probleme“ definiert sind und damit dem
Organisationsprozess vor Ort schon voran gehen, z.B.
-
Kampf gegen das „predatory lending“
-
Sicherung eines „living wage
-
Reinvestment Regelungen und ihre Durchsetzung
-
Verhinderung der Privatisierung von Versorgungseinrichtungen
-
Umsetzung von Wohnungsbaukreditprogrammen
-
Vorhaben gegen die Auswucherung (sprawl) der Städte und für ein kluges
(smart) Wachstum, das die Interessen der Bewohner ebenso berücksichtigt wie
die der Umwelt.
Hier gibt es auch nur sehr begrenzt Zielpersonen auf der
örtlich erreichbaren Ebene. In diesem Bereich ist die Suche nach den
spezifischen Problem im Stadtteil nicht mehr vorrangig, sondern Ziel ist es
dann, für ein bereits vorgegebenes Thema zu werden („Sind Sie nicht auch
der Meinung, dass…“ hieß es 1995 bei unserem Shadowing in Chicago auf
einem Muster für Telefonate bei ACORN).
In anderen Bereichen (Stadtentwicklung, Sicherheit) gibt
es einen Rahmen, der jeweils vor Ort modifiziert wird. Aber auch hier kann man
z.B. anhand der monatlichen Berichte von ACORN erkennen, dass es nur eine
begrenzte Variationsbreite gibt.
Bei den anderen Organisationen ist es nicht anhand von
klaren Monatsreports nachvollziehbar, aber die vorhandenen Berichte lassen auf
eine vergleichbare Bandbreite schließen..
Machtverständnis
Trapp geht noch davon aus, dass es eine bestimmte Menge
an Macht gibt und diese unterschiedlich verteilt sein kann: die einen haben
wenig, die anderen viel und das Ziel des Organizing ist der Ausgleich oder die
Umkehr der Machtverhältnisse. Die Be-Mächtigung der einen Seite ist dann die
Ent-Machtung der anderen. Deshalb gibt es auch einen klaren Gegner, den man
besiegen muss und ihn dazu bringen, dass er das tut, was die Community
Organisation will.
Dies verändert sich durch zwei Tendenzen: zum einen durch
das Hinzutreten eines anderen „relationalen“ Machtverständnisses, das nicht
von einer Nullsumme ausgeht, sondern Macht vor allem als die Fähigkeit
ansieht, gemeinsam zu handeln. Und der Erwerb dieser Fähigkeit muss noch nicht
die Macht der Machthabenden mindern oder beseitigen. Dieser relationale
Machtbegriff wird vor allem in den religiös basierten Community
Organisationen umgesetzt in die Pflege einer öffentlichen Beziehungskultur mit
direkten persönlichen Kontakten.
Das Verhältnis zur Macht verändert sich aber auch
dadurch, dass Organisationen Ziele erreicht haben wie z.B. ein Gesetz zum
Reinvestment und nun selbst dieses Gesetz umsetzen. Das bedeutet, dass sie
Träger von Leistungen sind und damit auch den BürgerInnen als „Kunden“
gegenüber stehen. In dem Bericht von Hertz (Kap. 4) wird deutlich, in welche
Konfliktlagen die Organisationen kommen, wenn sie die Warte der „Vermieter“
einnehmen und gleichzeitig feststellen, dass sich ihre Arbeit von ihrer
ursprünglichen Basis entfernt. Als Ausführer eines Gesetzes sind sie jetzt
eben auch Teilhaber der Macht von oben.
Mit dem veränderten Machtverständnis verändern sich auch
Strategien und Taktiken. Konfrontative Formen treten in den Hintergrund,
Verhandlungen auf der Basis bereits anerkannter Organisationen in den
Vordergrund. Damit aber ist die Aktivität der Menschen vor Ort, um die es
geht, nicht das alles entscheidende Zentrum, sondern eher etwas, was die
Verhandlungsführer stärkt, aber nicht unbedingt erst bemächtigt. Die Aktion
beim Bürgermeister hat dann nach meinem Eindruck einen ähnlichen Stellenwert
wie ein jubelnder Parteitag: Stärke zeigen, aber mehr die der Führenden als
der Mitglieder selbst.
Kommt eine Verstaatlichung des Community Organizing?
Community Organizing wird häufig mit dem
„Drei-Sektoren-Modell“ in Verbindung gebracht, bei dem der STAAT, die ÖKONOMIE
und die BÜRGERGESELLSCHAFT drei Pole bilden. Wenn der „3.Sektor“ auch sehr
unterschiedlich definiert wird, so scheint er gerade in den USA deutlich
sichtbar zu sein, in Vereinigungen, Kirchen, privaten Stiftungen usw. ,
während dies z.B. auf Deutschland, wo es tief verwurzelte
Verquickungen und Verflechtungen zwischen Staat und etwa Freien Trägern gibt,
nicht zutrifft.
Aber genau hier scheinen alte Gewissheiten (oder
Vorurteile?) brüchig zu werden. Ich will das an zwei aktuellen Beispielen
deutlich machen:
Weit verbreitet ist das „Block Watching“ oder
„Neighborhood Watching“. In den Armutsstadtteilen greift die Polizei ungern
zum Schutz der BewohnerInnen ein, weil es ihr selbst zu gefährlich ist; und
zugleich haben die Bewohner nicht die in den Reichen-Ghettos (Gated
Communities) übliche Möglichkeit, sich quasi eine Privatwache zu leisten.
Block Watching ist so eine Selbstorganisation der BürgerInnen vor Ort;
zugleich ist es aber auch seit 30 Jahren ein staatlich gefördertes Programm.
Unter bestimmten Bedingungen wird es durch Regierungsmittel gefördert, die
„Watcher“ tragen dann eine deutlich sichtbare orangene Mütze.
Neu aber ist ein Plan des Justizministers Ashcroft,
Neigborhood Watch direkt in den „Krieg gegen den Terror“ einzuplanen, wofür 2
Mio. $ zur Verfügung gestellt werden.
„Durch das Neighborhood Watch
Programm wollen wir ein nahtloses Netz der Terrorismusprävention weben, das
Bürger und Sicherheitsdienste zusammenbringt.“ (Washingston Post 7. März
2002).
„Wenn ein Verhalten oder Ereignis als außerhalb der
Norm erscheint oder erschreckend ist- dann lass es die Sicherheitsdienste
wissen“. (Washington Post)
Sowohl in der Washington Post als auch in Comm-Org gibt
es einigen Spott zu den Aktionen Ashcrofts - Bin Laden würde sich kaum von den
orangenen Hüten abschrecken lassen - , aber auch Sorge um die Diskriminierung
von Arabern, das Schüren von Rassismus und das Säen von Misstrauen, das so
erzeugt wird.
Bürgerselbstorganisation wird hier nicht mehr als Aufbau
von Gegenmacht angesehen, sondern im Gegenteil werden Staatsmacht und
Bürgermacht zusammen geführt gegen das neue „Reich des Bösen“.
Eine der ersten Amtshandlungen Bushs war es 2001, ein auf
hoher Ebene angesiedeltes „White House Office of Faith- Based and Community
Initiatives“ einzurichten.mit
dem Ziel, rechtliche und administrative Barrieren für effektive
religionsbasierte und Community- Dienste zu eliminieren, mit
Steuererleichterungen und anderen Mitteln soziale Programme zu fördern und ein
neues Modell der Kooperation zwischen Bundesregierung und den
glaubensbasierten und Community Gruppen zu schaffen.
Beide Kandidaten im Wahlkampf 2000, Gore wie Bush, hatten
ähnliche Versprechungen zur Unterstützung kirchlicher und anderer
Wohlfahrtsarbeit abgegeben; bei der Installation des Amtes und der
gesetzlichen Vorhaben gab es dennoch große Probleme, weil die traditionelle
Trennung von Staat und Kirche dem Vorhaben scheinbar entgegen stand.
Verfolgt man die Vorhaben und die Schilderung der
Auseinandersetzungen,
so lassen sich m.E. viele Parallelen zur Subsidiaritätsdebatte finden. So gibt
es Sorgen bei den Liberalen um die Trennung von Staat und Kirche, bei den
traditionellen kirchlichen Gruppen, wie den Evangelikalen, um ihr
Glaubensverständnis, bei den Gewerkschaften um die Rechte der kirchlichen
Arbeitnehmer. Und zugleich g