noch Stand 2005
Szenen
des CO in Deutschland
Bedingungen für CO in Deutschland
Community Organizing- eine „Leistungsbeschreibung“
Und
jetzt? Die nächsten Schritte
Literatur
Offenbar verschärfen sich soziale Probleme in
Deutschland: Arbeitslosigkeit von fast fünf Millionen Menschen, wachsende
Kluft zwischen dem Reichtum weniger und wachsender Armut vieler, Segregation
in den Städten, – das sind einige Stichworte. Gleichzeitig werden uns
vertraute Formen der Bewältigung dieser Probleme, wie sie in Deutschland mit
der dem „Parteienstaat“ und dem „Sozialstaat“ verbunden sind, immer brüchiger:
an die Lösungskompetenzen der Politik glauben immer weniger Menschen, die
Absicherung von sozialen Risiken wird Schritt für Schritt zurück genommen, die
Versorgung der Bürger im Bereich von Energie, Transport, Gesundheit und
Bildung zunehmend privatisiert. Die großen Institutionen, Gewerkschaften,
Parteien und Kirchen, die in ihrem Zusammenspiel für einen gewissen sozialen
Ausgleich gesorgt haben, verlieren an Mitgliedern und an Verbindung zur
Lebenswelt der Menschen.
Zugleich entstehen neue Formen der Selbstaktivität von
Frauen und Männern; und wie wir von einer „Globalisierung sozialer Probleme“
sprechen, so können wir auch nach „globalisierten Handlungsansätzen“ fragen:
In „Greenpeace“ sind schon lange Menschen vieler Nationen aktiv, „Attac“
erscheint als möglicher neuer Handlungsrahmen für Themen der Globalisierung,
zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen gibt es Netzwerke quer durch
die Staaten und Kontinente, und die Friedensaktionen gegen den Irak- Krieg
rund um den Globus haben gezeigt, dass Menschen in kaum erwartbarer Zahl und
Intensität lokal und global zugleich aktiv sein wollen.
Community Organizing (CO) erscheint als ein Ansatz, der
die Menschen als Gestalter ihrer eigenen Lebensverhältnisse in Wert setzt und
ihnen die Erfahrung ihrer eigenen Macht ermöglicht; CO könnte ein Instrument
für reale Demokratie und soziale Gerechtigkeit sein und sich über die
bisherigen Begrenzungen hinaus ausbreiten.
Ich will in dieser Skizze die Szenen des Community
Organizing in Deutschland darstellen, nach den besonderen Bedingungen für die
Entwicklung des CO in Deutschland fragen und verdeutlichen, was Ansätze des CO
leisten können.
(nach oben)
Durchsuche ich in ähnlicher Weise, wie ich es bei dem
Bericht zum CO in den USA
getan habe, die deutschen Internet- Quellen sowie die Literatur nach CO in
Deutschland, so ist die Ausbeute ziemlich schmal:
- In drei Gruppen und Organisationen finde ich die
Entwicklung von Ansätzen des CO in Deutschland;
- zwei Stiftungen fördern CO;
- in der Sozialarbeiterausbildung gibt es Lehre und
Diskussion zum CO;
- in vereinzelten Websites wird in unterschiedlicher
Weise auf CO Bezug genommen.
(nach oben)
„Umbruch- Bildungswerk für gewaltfreie Veränderung“
hat auf der Grundlage eigener Erfahrungen in sozialen Bewegungen und der
Friedensarbeit den spannenden Versuch gemacht, mit einer „Organizer- Spirale“
sowie einem Heft „Instrumentarien politischen Organisierens“ so etwas wie eine
deutsche Version des (Community) Organizing zu entwickeln. Das Heft und die
dazu gehörenden Fortbildungsveranstaltungen verstehen sich als „Anleitung zum
Mächtig-Werden für Kampagnen, Initiativen, Projekte“. In der Organizer-Spirale
werden Ansätze des CO, wie sie beispielsweise von der Midwest Academy
vermittelt werden, angewendet auf die Entwicklung einer Bürgerinitiative.
Grundsätze und konkrete Handlungsanregungen werden eng miteinander
verflochten. Das Heft wird derzeit neu überarbeitet und aufgelegt.
Forum Community Organizing e.V.
foco :
Immer noch von zentraler Bedeutung ist die 1993 zu einem
Buch gewordene Diplomarbeit von Marion Mohrlok, Rainer und Michaela Neubauer
und Walter Schönfelder, die nicht zufällig einen Imperativ als Titel hat: „Let`s
Organize!- Community Organization und Gemeinwesenarbeit im Vergleich“. Es gibt
keine andere so fundierte vergleichende Darstellung von CO und GWA. Diese
Arbeit und die während ihrer Erstellung gewonnenen Einblicke in die Praxis des
CO in den USA waren Ausgangspunkt zunächst für Trainings durch Organizer aus
den USA, dann eine Studienreise nach Chicago und schließlich die Gründung des
Forums Community Organizing foco e.V. Zunächst in den Rundbriefen von
foco und nunmehr auch in der Internet-Seite
www.forum-community-organizing.de sind Aufsätze von foco-Mitgliedern zum
Community Organizing, zu analytischen und praktischen Fragen sowie zu
diesbezüglichen Praxisansätzen zu finden. Mitglieder von foco haben zum
Teil eigene Webseiten (insb. Wolfgang Goede
www.casa-luz.de und Michael Rothschuh
rothschuh.bei.t-online.de)oder veröffentlichen auch in anderen
Webseiten (z.B.
www.stadtteilarbeit.de,
www.dbsh.de, jetzt auch der US-Site
comm-org.utoledo.edu). Die Praxis der Mitglieder liegt in beruflicher
Sozialarbeit, der Lehre an Hochschulen, Mieterberatung, Organisationsberatung,
Publizistik, Erwachsenenbildung sowie in freiwilliger Arbeit in
Bürgerorganisationen, der Politik und kulturellen Organisationen.
foco hat eine Neuauflage von Alinskys
Buch bewirkt, Filme zum Training des CO herausgegeben sowie ein Buch zur
Chicago- Exkursion geschrieben, führt halbjährlich Tagungen durch, bei denen
häufig auch Organisationen vor Ort besucht werden, gibt vierteljährlich
Rundbriefe heraus und nimmt an der Arbeit von Netzwerken wie der „BAG
Gemeinwesenarbeit und Soziale Stadtentwicklung“ sowie der AG GWA in der
„Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit“ teil. Mitglieder von foco
bieten Trainings zum Aufbau von Bürgeraktivitäten im Stadtteil an, bereiten
längerfristig Grundlagentrainings sowie Exkursionen zu CO vor und stellen CO
bei Tagungen und in Seminaren vor.
foco hatte zu Beginn vor, mit mehreren
„Fachgruppen“ verschiedenen Ansätzen des CO gleichzeitig nachzugehen:
Trainings anzubieten, CO als „Vitaminspritze“ für die Weiterentwicklung der
GWA und Ansätzen für Bürgerdemokratie zu nutzen sowie eigene „Modellprojekte“
des CO aufzubauen. Da zeitgleich mit dem Aufbau von foco der IAF
erkunden wollte, ob „Broad Based Community Organizing“ in Deutschland
aufgebaut werden könnte, gab es für einige Jahre eine Kooperation zwischen
foco und IAF: foco- Mitglieder versuchten in verschiedenen Städten,
in Zusammenarbeit mit dem IAF und in enger Anlehnung an dessen Methoden
Gründungskomitees zu bilden und ein Startkapital für neue Organisationen des
Broad Based Community Organizing zu sammeln. Dieser Versuch wurde nach einiger
Zeit aufgegeben, weil er außerhalb der Arbeitszeit kaum zu leisten schien und
es fraglich erschien, ob die Bedingungen für die direkte Übertragung des
Modells in Deutschland gegeben sind. Seither geht foco verstärkt
Elementen und Ansatzpunkten des CO nach in der Sozialarbeit, z.B. in Düren und
Saarbrücken, in unabhängigen Bürgerorganisationen der Stadtteilentwicklung,
z.B. in Wilhelmsburg, sowie in Ansätzen zur politischen Basisdemokratie,
z.B. in München (vgl. foco- Rundbriefe Juli und Dezember 2002).
Aufbruch- Broad Based CO in Deutschland:
Leo Penta war eine Schlüsselperson bei der Kooperation
mit IAF, weil er Mitarbeiter des IAF mit vielfältigen Erfahrungen insbesondere
in New York war und Mitte der 90er von den USA nach Deutschland kam und
seither als Professor an der Katholischen Hochschule für Soziale Arbeit in
Berlin arbeitet. Im Anschluss an die Versuche der gemeinsamen Entwicklung von
Broad Based Community Organizing mit foco hat er
eigenständige Projekte angeregt, aufgebaut und begleitet. Diese werden von der
Körber-Stiftung und USAble (s.u.) unterstützt, außerdem gibt es eine
Zusammenarbeit mit der Stiftung Mitarbeit bei der Durchführung eines
Trainingsseminars.
Über zwei Projekte wird von der Körber- Stiftung und in
der Presse berichtet:
-
In Berlin- Oberschoeneweide ging es zunächst um die
Verlagerung eines Teils der Fachhochschule in diesen durch die Entwicklung
seit 1990 sozial bedrohten Stadtteil, um für ihn neue Entfaltungsmöglichkeiten
zu schaffen.
http://www.stiftung.koerber.de/wettbewerbe/usable/aktuelles/nl2002/nl_02_2002.html)
-
In Hamburg St. Georg (u.a.: http://www.helpev.de/dokumente/USable.htm
)steht im „Kraftwerk Mitte“ nicht ein Thema im Vordergrund, sondern zunächst
der Aufbau einer Organisation insbesondere durch one-to-one-Gespräche mit
möglichen Schlüsselpersonen aus den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen
und Organisationen dieses und angrenzender Stadtteile. Weil- nach dem Konzept
des IAF- der Aufbau von öffentlichen Beziehungen zunächst im Vordergrund
steht, publiziert die Initiative zunächst relativ zurückhaltend. Über das
Hamburger Projekt berichtet die TAZ vom 6.7.02:
“Community Organizing heißt auf amerikanisch das, was das
Kraftwerk-Team in Hamburg etablieren will: selbständig statt stellvertretend
handeln. Den Anstoß erhielt der CVJM-Geschäftsführer Düchting 1999 während
einer Bildungsreise im New Yorker Stadtteil Brooklyn.... Wenn Menschen sich
zusammenschließen, haben sie eine enorme Macht, sagte Hannah Arendt und
liefert damit die philosophische Grundlage für das Konzept eines Netzwerkes,
das ein möglichst großes Spektrum der Gesellschaft widerspiegelt: Eltern und
Jugendliche sollten dabei sein, Sozialhilfeempfänger, Unternehmer, Katholiken,
Muslime, Mieter, Hauseigentümer, Künstler und Konservative, eben alle.“
Beim Aufbau der Organisationen wird wesentlich auf den
das Training der Schlüsselpersonen geachtet, das teilweise durch Reisen zu
Trainings von IAF in den USA stattfindet, teilweise auch hier u.a. von Leo
Penta angeboten wird. Organisatorisch ist hierfür jetzt auch der Verein
„Aufbruch - Broad Based Community Organizing in Deutschland“ gegründet worden.
(nach oben)
Die Stiftung Mitarbeit sieht ihre Aufgabe darin,
die „Demokratie-Entwicklung von unten zu fördern. Sie möchte Menschen
ermutigen, Eigeninitiative zu entwickeln und sich an der Lösung von
Gemeinschaftsaufgaben zu beteiligen“ (Die Organizer-Spirale, Anhang).
Als einen der möglichen Ansätze sieht die Stiftung CO an
und hat diesen Ansatz vielfältig unterstützt, bei der Herausgabe von
Schriften, bei der Vermittlung von Informationen und Durchführung von
Fortbildungen und Tagungen.
Die Stiftung gibt zudem den Internet- Wegweiser
Bürgergesellschaft heraus. CO wird dort so beschrieben:
„Community Organizing ist ein Sammelbegriff für
verschiedene amerikanische Ansätze der Bewohner(innen)organisation in
Stadtteilen. Es zielt auf langfristige und kontinuierliche Veränderung und
baut als Basis dafür eine starke und tragfähige Organisation auf. Dazu wird
zunächst ein Gründerkreis (Sponsoring Comitee) mit Schlüsselpersonen aus bis
zu 50 wichtigen intermediären Organisationen gebildet. Erst wenn die
personellen und materiellen Ressourcen sichergestellt sind - zur Wahrung der
Unabhängigkeit wird die Annahme staatlicher Mittel abgelehnt -, beginnt der
Prozeß der Themenfindung. Grundlage bilden Tausende von Einzelgesprächen. Die
Bewohner(innen) werden dazu zu Hause oder an ihren Treffpunkten aufgesucht;
ihre Bedürfnisse und Interessen bilden den Ausgangspunkt aller weiteren
Initiativen. Im Mittelpunkt stehen Alltagsnähe und Konkretheit. Vorhandene
Ressourcen werden genutzt. Das Vertrauen der Menschen in ihre eigene
Handlungskompetenz soll geweckt werden. Community Organizing zielt aber
weniger auf individuelle Hilfen. Es will vielmehr gemeinschaftliche Handeln
und Solidarität entwickeln helfen und zur Interessenartikulation befähigen.
Angestoßen werden sollen exemplarische Lernprozesse, aus denen neue Formen der
gesellschaftlichen Selbstorganisation entstehen.“
http://www.wegweiser-buergergesellschaft.de/politische_teilhabe/modelle_methoden/beispiele/community_organizing.php
Die Körber-Stiftung ist eine der ältesten
philanthropischen Unternehmens- Stiftungen in Deutschland. So trifft sich seit
1961 der „Bergedorfer Gesprächskreis als offenes Forum für den internationalen
Meinungsaustausch“. In ihm „diskutieren Politiker, Wissenschaftler,
Wirtschaftsvertreter und Publizisten“. (http://www.stiftung.koerber.de/internationale_verstaendigung/bergedorfer_gespraechskreis/index.html.)
Seit einigen Jahren schreibt die Stiftung einen
„Transatlantischen Ideenwettbewerb USable“ für Ideen aus, die „das
gesellschaftliche Miteinander verbessern können“. Bei diesem Wettbewerb wurden
auch Community- Organizing- Ansätze prämiert, wie z.B. Beiträge von Marion
Mohrlok; das Hamburger Projekt in St.Georg (s.o.) wurde mit einem Förderpreis
bedacht, was dem Projekt z.B. die Teilnahme an Trainings ermöglicht. (http://www.stiftung.koerber.de/wettbewerbe/usable/portraet/index.html
)
(nach oben)
Im Rahmen der Sozialen Arbeit und im Zusammenhang mit der
Gemeinwesenarbeit gibt es eine lange Rezeptionsgeschichte des CO, die in
mehreren Wellen verlaufen ist: die mehr theoretische Wahrnehmung bei der
Methodisierung der Sozialarbeit in den 60er Jahren, die Umsetzung von
einzelnen Taktiken in einigen Projekten in den 70er Jahren und Zuwendung zur
praktischen CO nach der Diplomarbeit von Mohrlok u.a.. (vgl. Sznyka, 2002).
(vgl. Seminarausschreibung der TU Berlin:
www.tu-berlin.de/fb2/sozpaed/tps/1970gwa.html )
Derzeit wird CO von einer Reihe von hauptamtlich
Lehrenden und Lehrbeauftragten, z.T. Mitgliedern der o.g. Organisationen, an
Hochschulen in das Lehrprogramm und teilweise auch Projekte integriert. Aus
Zusammenhängen der Lehre ist bei Maja Heiner (Universität Tübingen) auch ein
nach wie vor sehr hilfreicher Film über den CO Ansatz anhand eines Praktikums
in San Francisco im Netzwerk PICO von Michaela Doll erstellt worden.
Wie CO durch die derzeit führenden Vertreter der
Gemeinwesenarbeit bewertet wird, ist vielleicht von Oelschlägel (in
Hinte, Lüttringhaus, Oelschlägel, 2002) ganz gut getroffen:
„Ich sehe die
Diskussion um CO – neben dem praktischen Effekts der Trainings- als notwendige
und nachhaltige Erinnerung daran, was wir in der GWA seit 30 Jahren an Wissen
und Können angesammelt haben und als nachdrückliche Aufforderung, das
fantasievoll und engagiert anzuwenden, anstatt in Routinen zu erstarren.“
(nach oben)
Einige Menschen haben Community Organizing durch
Aufenthalte im Rahmen der Aktion Sühnezeichen kennen gelernt und berichten
darüber, wie z.B. Arndt Husar und Wolfang Goede.
In einem Beitrag wird der enge Bezug zwischen CO und der
Kommunikation im Internet hergestellt, eine Diskussion, die es auch in den USA
z.B. angesichts des Organizing gegen den gegenwärtigen Irak- Krieg gibt.
Ein Autor schlägt die Nutzung von CO in der Queer
Community vor, ebenso wie die Zusammenfügung von CO und Theaterarbeit.
CO wird auch für den Bereich der internationalen
Erwachsenenbildung und die Stadtplanung diskutiert. (siehe Übersicht im
Anhang).
(nach oben)
Bei ACORN in Chicago arbeitete ein Chilene als Organizer.
Ihn fragte ich 1995, ob es denn auch in Chile Community Organizing gäbe.
„Nein, wieso?“, war die Antwort, „in Chile haben wir doch eine sozialistische
Partei“.
Und in Deutschland? Mit den Wahlen 1998 müsste eigentlich
ja ein Traum wahr geworden sein: Führungspersonen aus den „alten sozialen
Bewegungen“, der sozialdemokratischen Partei und den Gewerkschaften, als auch
den „neuen sozialen Bewegungen“, - von der Studentenbewegung über
Schwulenbewegung, Frauenbewegung, Friedensbewegung, Anti-Atombewegung,
Umweltbewegung, Initiativen für behutsame Stadterneuerung bis hin zur
ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung, - waren nun anscheinend „an der Macht“.
Aber die Erfahrung mit eben dieser Regierung ist, dass sie einerseits eine
Reihe von Forderungen der Bewegungen in gesetzliche Bahnen gelenkt hat,
andererseits fröhlich weiter die Privatisierung von Versorgungsbetrieben wie
Bahn, Post und Telekommunikation als „Reform“ betreibt, zerknirscht Krieg
führt, mit Sorgenfalten die bürgerlichen Rechte einschränkt und die
Rücknahme der sozialen Sicherungen als notwendige Modernisierung verkündet.
Die Organisation von BürgerInnen an der Basis wird
offenbar nicht überflüssig- und sie geschieht auch in Stadtteilinitiativen,
Agenda- Gruppen, attac- Gruppen und so weiter. Um zu klären, welche Bedeutung
Ansätze des CO haben können, müssen die besonderen Bedingungen in Deutschland
einerseits betrachtet werden, die möglichen „Leistungen“, die CO bietet,
andererseits.
(nach oben)
Wussten Sie schon, dass die „Bronx“ ein kleines Quartier
in Hildesheim ist- so ist es jedenfalls von Jugendlichen auf eine Wand eines
Jugendtreffs gemalt. Hier sei die „Brox“ oder „Klein-Chicago“, heißt es auch
in Wuppertal, München- Hasenbergl, und in Hamburg- Wilhelmsburg. Mit diesen in
Flugblättern, Zeitungen und Internetseiten beliebten Metaphern ist gemeint:
Hier ist es so wie in den gefährlichsten, schlimmsten Teilen Amerikas; über
solche Stadtteile wissen wir schon alles, auch wenn wir noch nie dort waren:
Armut, Müllhaufen auf der Straße, Arbeitslosigkeit, Mietschulden, Gewalt in
den Familien, Ausländerfeindlichkeit, Kriminalität, Rechtsradikalismus,
geringe Wahlbeteiligung. Amerika, scheint es, ist die unausweichliche Zukunft
unserer Gesellschaft.
Keine Frage, es gibt eine Globalisierung der Märkte, die
auch unser alltägliches Leben betrifft: Auf den Finanzmärkten der New Yorker
Wall Street kann über Arbeitsplätze vor Ort entschieden werden, bei Staples
finden wir weltweit dasselbe Angebot. Sehr schnell beziehen wir
„Globalisierung“ deshalb auch auf die Lebenslagen der Menschen. Im sozialen
Bereich werden dann Begriffe wie „weltweite Kinderarmut“, „Polarisierung von
arm und reich“ und „Segregation in den Städten“ gebraucht, um Tendenzen
aufzuzeigen, die alle Menschen verbinden. Es scheint so, als wenn das, was vor
allem in den USA Realität ist, quasi automatisch unsere Zukunft ist. Wenn man
aber z.B. bei dem in Programmen zur Sozialen Stadt zentralen Begriff
„Segregation in den Städten“ genauer nachliest, heißt es bei einem der Väter
dieses Begriffs, Hartmut Häußermann, einerseits: Es
„ist zu erwarten, dass die soziale
Segregation auch in deutschen Städten stärker wird“, andererseits aber:
„Bislang allerdings
gibt es kaum empirische Belege dafür; lediglich Farwick… hat für Bremen und
Bielefeld eine Zunahme der räumlichen Konzentration von Sozialhilfeempfängern
nachgewiesen. Friedrichs… hat dagegen festgestellt, daß in Köln, Düsseldorf
und Duisburg die Segregation von Ausländern… abgenommen hat. Andere Studien
bestätigen dies für Berlin… und Frankfurt.“
(Häußermann/ Siebel, 2001, S.38)
Wir neigen dazu, „Tendenzen“ schlicht mit der
Wirklichkeit zu identifizieren.
Meiner Meinung nach haben wir in Deutschland und den USA
in der Tat mit vielen gemeinsamen Problemen zu tun, die zentrale Themen des CO
sind (vgl. z.B. Kap.4 und Kap.7): Arbeitslosigkeit, der Unsicherheit der
Altersversorgung, der Gesundheitsversorgung, dem Wohnen zu bezahlbaren Mieten,
der Sicherung eines Lohns, von dem man/frau leben kann, einer Politik der
Steuerreduzierungen sowie der Privatisierung von öffentlichen
Versorgungseinrichtungen wie öffentlichem Verkehr, Energie, Wasser und
Kommunikation.
Aber es sind unterschiedliche Ausgangssituationen, von
denen aus die Veränderungen erfolgen. Exemplarisch möchte ich vier Bedingungen
skizzieren
- Die Lebensbedingungen für die ärmeren Schichten
sind in den deutschen Städten schlecht, aber wahrscheinlich weniger
bedrückend als die vergleichbarer Gruppen in den USA. So kann man hier mit
Sozialhilfe, Mietrecht und Wohngeld eher seine Wohnung behalten, und zwar in
der Regel eine geräumigere und besser ausgestattete als in den 60er Jahren,
während in den USA häufig auch Menschen, die in Arbeit stehen und z.B. den
gesetzlichen Mindestlohn erhalten, ihre Wohnung nicht mehr bezahlen können
(eindrucksvoll und sehr genau beschrieben bei Barbara Ehrenreich, 2001).
Sozialhilfe, Arbeitslosenunterstützung, Krankenversorgung,
Rentenversicherung, Pflege- dies alles steht gerade jetzt unter erheblichem
Druck- aber es geht in Deutschland stärker darum, bestehende Standards zu
sichern, als sie überhaupt erst zu erringen.
- Das Parteien- und Wahlsystem in Deutschland hat
sich seit 1980 als offener für zunächst „alternative“ politische Gruppen und
Positionen gezeigt, als es in den 60er Jahren zu erwarten war, indem grüne
Parteien in die Parlamente und Regierungen gekommen sind. Übersehen werden
darf dabei nicht, dass die Offenheit noch mehr konservativen
Wählervereinigungen zugute gekommen ist (bis hin zu Statt-Parteien und
Schill-Partei). Das vorherrschende Verhältniswahlrecht gibt dabei den
Parteien eine wesentlich größere Rolle als den einzelnen KandidatInnen,
wenngleich auch in Deutschland jede Wahl auch eine Wahl von bestimmten
Führungspersonen ist; das System der Koalitionsregierungen birgt die Chance
der Repräsentation von Minderheiten in einer Regierung in sich. Für die USA
dagegen schreibt die Newparty:
„Das vorherrschende Wahl System in unserem Land,
winner-take-all; der Gewinner bekommt das Ganze (also kein
Proportionalsystem), ist ein entscheidender Faktor, der die Entwicklung von
alternativen Parteien und Ansichten …hemmt.“ (http://www.newparty.org/strategy.html
- Wenn gegenwärtig in allen Medien- auch im Ausland- von
einer „Reformunfähigkeit“ Deutschlands die Rede ist, ist damit faktisch
gemeint, dass neoliberale Ansätze wie der Thatcherisms oder die Reaganomics
bisher nicht durchgesetzt werden konnten, weil es sozialrechtliche
Barrieren- von den bestehenden Gesetzen bis hin zu Urteilen des
Bundesverfassungsgerichts- aber auch institutionelle Barrieren in
Form der immer noch vergleichsweise starken Gewerkschaften gibt. Aber auch
bei beiden Volksparteien bestehen- anders als bei der wirtschaftsliberalen
FDP oder den immer mehr ökoliberalen Grünen- erhebliche Bedenken, dass ein
massiver Abbau von sozialen Sicherungen zu einem Wählerverlust führt.
Dies heißt allerdings nicht, dass z.B. die Gewerkschaften derzeit unbedingt
die richtigen Lösungen haben; insbesondere haben sie kaum eine Strategie,
wie eine zur vorherrschenden neoliberalen Logik alternative Sichtweise der
Probleme von Arbeitslosigkeit und Sozialer Sicherung gesellschaftlich
verankert werden kann.
- Die Kirchengemeinden spielen in der deutschen
Gemeinwesenarbeit ebenso wie in der Friedensarbeit, Anti-Atom-Bewegung und
in der ostdeutschen BürgerInnenbewegung, eine wesentliche Rolle. Ohne
Kirchengemeinden, christliche Wohlfahrtsverbände oder das Burkhardhaus wäre
eine kontinuierliche Entwicklung der GWA in Deutschland kaum denkbar
gewesen. Die Biographien der im Bereich des CO Aktiven sind oft mit der
Kirche verbunden, durch frühe Gemeindearbeit, Jugendarbeit oder Studium;
zugleich ist es oft ein kritisches Verhältnis zur „Amtskirche“. Andererseits
aber sind aber die Kirchen hier in anderer Weise mit dem Staat verbunden als
in den USA: Da sind die Strukturen zwischen Staat und Kirchen in der
Tradition des „cuius regio- eius religio“, die Sonderrechte des
Grundgesetzes für die Kirchen, das Subsidiaritätsprinzip und vor allem die
Kirchensteuer, die es schwer machen zu entscheiden, ob die Kirchen in den
„staatlich/ öffentlichen“ oder in den „zivilgesellschaftlichen“ Bereich
gehören.
(nach oben)
Community Organizing ist, wie Fisher und Velocchi
dargestellt haben (vgl. Kap. 2 CO in den USA), in drei Kontexten zu finden,
dem Aufbau und der Verbesserung von Nachbarschaften und Quartieren, der
politischen Arbeit sowie der Sozialarbeit. CO ist Teil einer dieser Bereiche
und zugleich können sich diese im Community Organizing überschneiden; ja,
vielleicht liegt ein Potenzial von CO gerade in der Verknüpfung dieser
Kontexte.
Wenn wir uns diese Felder in Deutschland ansehen, fallen
uns eine Vielfalt von Aktivitäten, Gruppen und Organisationen ein, an deren
Arbeit CO anknüpfen könnte, bzw. in denen sich Elemente und Ansätze von CO
entwickeln ließen. Dazu einige Stichworte:
1. Entwicklung des Quartiers
- Ehrenamtliche und z.B. öffentlich unterstützte Gruppen
wie Stadtteilgruppen, Bürgerinitiativen, Bürger- und Heimatvereine,
Jugendparlamente, Organisationen des „bürgerschaftlichen Engagements“,
Stadtteilverbesserungsaktionen (wie die früheren „Subbotniks“ in der
DDR)
-
- Programmelemente der „Sozialen Stadt“ u.ä.:
Quartiersmanagement, Quartiersbeiräte, Beteiligungsverfahren,
Zukunftswerkstätten, Sanierungsbeiräte
-
- Stadtplanung, Stadtteilentwicklungsgesellschaften
-
- Kirchengemeinden, islamische Gemeinden, Ortsräte
-
- Stadtteilzeitungen, Stadtteil- Internetseiten
-
- Stadtteilkulturarbeit
-
- Wohnprojekte
-
- Volkshochschulen, Bildungsträger
-
- Lehre im Bereich Stadtplanung, Freiraumplanung
2. Politische Arbeit
-
- Agenda Gruppen, BUND
-
- Parteien, Gruppen für Basisdemokratie
-
- Greenpeace, Attac
-
- Gewerkschaften
-
- Friedensgruppen, Friedensorganizing, Internet-
Organizing
-
- Hausbesetzungsgruppen, Bambule (Wohnwagenprojekte)
-
- Stiftungen Mitarbeit, Körber, Böll,
-
- Umbruch - Bildungswerk für gewaltfreie Veränderung
-
- Identitätsorganisationen: Gay / Queer / Lesben/ Frauen/
Männer
-
- Jugendverbände, Graue Panther
-
- Migrantenorganisationen und -gruppen
-
- Montagsgebete in ostdeutschen Städten
3. Soziale Arbeit
-
- Sozialraumbezogene Jugendarbeit, -Altenarbeit
-
- Gemeinwesenarbeit, Stadtteilbezogene Sozialarbeit
-
- Stadtteilmoderation
-
- Stadtteilarbeitskreise
-
- Lehre an den Hochschulen für Soziale Arbeit
-
- Wohlfahrtsverbände, Kirchen, Jugendverbände
-
- Soziale Dienste
-
- Burckhardhaus Gelnhausen, Fortbildungsinstitute
Diese Organisationen werden sich aber nur auf Community
Organizing hin bewegen, wenn CO etwas bietet, was die eigene Arbeit
ergebnisreicher und freudvoller macht.
(nach oben)
Als Resümee aus der Darstellung des Community Organizing
in den USA stelle ich folgende Arbeitsdefinition für CO auf:
Abbildung: Community Organizing
|
Community Organizing ist der Aufbau und die
Entwicklung von BürgerInnenorganisationen durch die Schaffung von
sozialen Beziehungen, die Macht zum Handeln geben.
Die BürgerInnenorganisationen haben die doppelte
Zielsetzung: die Veränderung von Machtbeziehungen und die unmittelbare
Verbesserung der Lebenslage für die betreffende Gemeinschaft, die Community.
Eine „Bürgerorganisation“ kann dabei eine eher
informelle Gruppe sein, eine Organisation mit Einzelmitgliedern aus den
jeweiligen Communities oder eine Organisation von bestehenden Organisationen
wie Kirchen, Bürgergruppen, Gewerkschaften u.a..
Räumlich kann sich Community Organizing auf ein
Quartier einer Stadt beziehen, aber auch auf ganze Regionen, und es gibt
Verbindungen bis hin zur nationalen oder internationalen Ebene, seltener wird
der Begriff für Identitätsgruppen oder thematisches Organizing (z.B. gegen den
Krieg) verwendet.
Aufbau einer Organisation bedeutet nicht vorrangig
Erstellung von Satzung, Geschäftsordnung, Einrichtung von Büroräumen und
Einstellung von Mitarbeitern, sondern ist vor allem ein sozialer und
Kommunikationsprozess: Aufbau von handlungs- mächtigen öffentlichen
Beziehungen unter den Mitgliedern und mit Verbündeten, Entwicklung und
Förderung von Führungspersonen, Machtanalyse, Entwicklung von Strategien und
Taktiken und die Durchführung und Auswertung von Aktionen und Kampagnen..
Politisch ist Community Organizing nicht per se
einer bestimmten politischen Richtung zuzuordnen- auch George W. Bush versteht
sich als glühender Anhänger von Community Organizations, dennoch kann man
allgemein „soziale Gerechtigkeit“ und „Realisierung von Demokratie“ als Ziel
ansehen. Es geht also nicht um die Sicherung von Privilegien einer Community,
den Ausschluss der „Fremden“, oder um Kampagnen nach dem St. Florians- Prinzip
(„Heiliger St.Florian, verschon mein Haus, zünd’ andre an“) bzw. dem NIMBY-
Prinzip („Not In My Backyard“), sondern es wird von Werten der gleichen
Menschenwürde und des gleichen Rechtes aller Menschen auf Entfaltung ihrer
Persönlichkeit ausgegangen.
(nach oben)
CO bietet im professionellen wie im Sektor „freiwilliger“
Arbeit ein Repertoir von grundsätzlichen Handlungsorientierungen, Strategien
und Methoden und einzelnen Techniken, die in den verschiedenen Kontexten
genutzt und weiter entfaltet werden können. Diese sind nicht immer auf den
Bereich des CO begrenzt, sondern es sind oft Formen des effektiveren und für
die Aktiven selbst mit mehr Freude verbundenen Handelns in Gruppen und
Organisationen, wie sie z.B. im „Citizens Handbook“ zusammen gestellt (siehe
Kap.10) sind oder von der Midwest Academy gelehrt werden (siehe Kap.9).
„Es geht um die Macht.“
Ein solcher Satz geht uns schwer über die Lippen, weil
wir lieber sagen würden, es ginge um „Überzeugung“ oder um „das Recht“ oder um
die „Moral“. Aber es geht eben auch um Macht. Macht in einem doppelten und
spannungsreichen Verständnis: Um Macht, seinen Willen auch gegen Widerstreben
durchzusetzen - das Machtverständnis der Tradition von Max Weber - und Macht
als die Fähigkeit, sich mit anderen zusammen zu schließen, und im Einvernehmen
mit ihnen zu handeln - so die Position von Hannah Arendt.
Als eine der eindrucksvollsten Übungen beim CO-Training,
die wir 1994 von Ed Shurna und Don Elder erinnere ich die Arbeit an der Frage
„When have you felt powerfull as a person or as a part of a group?“, weil sie
das persönliche Erleben direkt mit dem politischen Bewirken in Verbindung
brachte.
Ein Instrument des CO ist die Machtanalyse (vgl. Kap.9)
Erforschen, wer in einem Kontext Macht hat, das zu geben, was wir fordern- und
heraus finden, auf welchem Weg dieser beeinflussbar ist, dies auch zu tun.
Machtanalyse ist eine schwierige Aufgabe und es eben bei weitem nicht immer
„der eine“ ist, der entscheidet- und trotzdem führt die Machtanalyse immer
auch auf Personen hin, die für ihr Handeln verantwortlich sind und gemacht
werden können.
Das zweite Instrument ist etwas, was wir in den sozialen
Berufen üblicherweise der Einzelfallhilfe zurechnen würden, nämlich das
direkte Zweiergespräch von Angesicht zu Angesicht (vgl. Kap.6 zur IAF); - hier
als wesentlicher Schritt zum Aufbau von machtvollen öffentlichen Beziehungen,
weil gemeinschaftliches Handeln nur dann nachhaltig sein kann, wenn es aus dem
entsteht, was die Menschen wirklich tief bewegt und die entstandene
„öffentliche Beziehung“ auch über Probleme, Krisen und lange Zeitspannen
trägt. Direkte Zweiergespräche - eigentlich ein einfacher Vorgang, der aber
erlernt werden muss, wenn wir nicht in die Diskussion, in die Therapie oder
ins Plaudern abgleiten wollen.
Das dritte Instrument ist die Aktion, die der
Öffentlichkeit und den Personen, von denen man etwas will, die Macht der
Gruppe oder Organisation zeigt. Das kann die große Zahl von klar auftretenden
Menschen sein, aber auch das Arrangement einer Sitzung, wie es bei der „accountability
session“ der Midwest Academy demonstriert wird.
„Auf die eigenen Ressourcen vertrauen“
Natürlich gäbe es keine Notwendigkeit für die Entwicklung
von Community Organizing, wenn es nicht Probleme gäbe, die sich nicht allein
mit den eigenen Mitteln verändern lassen. Dennoch halte ich den Blick auf die
vorhandenen Ressourcen, die Mobilisierung der Möglichkeiten, die schon da
sind, für einen zentralen Ansatzpunkt (vgl.Kap.11 „Von Innen nach Außen“).
Denn die Alternative ist der der Schneewittchenruf der Institutionen,
Interessenvertreter und politischen Gremien „Spieglein, Spieglein an der Wand,
welches Gebiet ist das benachteiligste im ganzen Land?“, mit dem um den
amtlichen Stempel für ein Quartier „mit besonderem Entwicklungsbedarf“
gebettelt wird. Und eine Demonstration der Hilflosigkeit macht vor allem die
Menschen selbst hilflos.
Meines Erachtens ist CO im Kern die Mobilisierung von
vorhandenen Ressourcen bei den Menschen, den Gruppen und Institutionen und die
Entwicklung der eigenen sichtbaren Mächtigkeit. Diese ist die Basis, auf
„gleicher Augenhöhe“ Forderungen zu stellen und nicht als Bittsteller
aufzutreten, Forderungen nach dem, worauf es Menschenrechte, Bürgerrechte und
Soziale Rechte gibt.
Strittig und nicht einfach zu beantworten ist die Frage
der finanziellen Unabhängigkeit. In Deutschland gab es schon einmal eine
heftige Debatte um städtisch, kirchlich und gemischt finanzierte
Gemeinwesenprojekte. Letztlich sagte die Finanzierung alleine nicht viel
darüber aus, ob die Akteure vor Ort- BürgerInnen wie Professionelle-
eigenständig agieren konnten oder nicht. Ähnlich ergebnisoffen blieb
eine jüngst geführte amerikanische Diskussion in Comm-Org dazu (vgl. Kap.2- CO
in den USA). Es gibt viele Formen der Unabhängigkeit und selbst ACORN (vgl.
Kap.7), das in seiner direkten Organisationsarbeit von den persönlichen
Mitgliedern finanziert wird, hat auch Arbeitszweige, in denen staatliche
Programme umgesetzt werden.
Mit erscheint als wichtig:
-
zu sichern, dass die politische Richtungsbestimmung tatsächlich bei
BürgerInnen aus der Community liegt, die für diese Arbeit nicht bezahlt
werden;
-
gut ist es, wenn es viele finanzielle Quellen gibt, so dass die Arbeit
weder von einer Stadt, noch einer Kirche, noch einer Stiftung abhängig ist.
„Die Organisation- das sind die Menschen“
Eine BürgerInnnorganisation ist im Kern das Geflecht der
Menschen, die sich in ihr zusammen schließen. Sie gehen untereinander und nach
außen hin „öffentliche Beziehungen“ in. Der Beziehungsaufbau, „Leute zu
gewinnen“ und „Leute zu behalten“ (vgl. Kap.10- Citizens Handbook), ist
deshalb ein notweniger und bewusster Vorgang.
Ebenso bewusst geht CO mit der Frage nach
Führungspersonen um. Führungspersonen um. Führungspersonen sind nicht die, die
herrschen und anderen ihren Willen aufzwingen, sondern „mover and shaker“,
Menschen, die etwas und andere bewegen und aufrütteln. Es geht um die
Identifizierung, Entwicklung und das auch persönliche Wachstum der
Führungspersonen.
In deutschen Bürgerinitiativen ebenso wie in der
Gemeinwesenarbeit sprechen wir kaum von Führungspersonen, geschweige denn von
Führern und Führerinnen. Wir wollen zu Recht keine Machtzusammenballung, aber
ohne die Identifikation von "Leadern" geschieht oft genug Konzentration der
Entscheidungen in den Händen einiger weniger oder öfters noch bei den
Professionellen. Nur der gezielte Aufbau von "Leadership" führt dazu, dass die
BürgerInnen nicht nur "beteiligt" werden, sondern wirklich die Richtung
bestimmen. Aufbau von Leadership bedeutet nicht bloß das Finden von
potenziellen Leadern, sondern auch ihr Training und die Begleitung des
persönlichen Wachstums der Leader.
Alinsky bezeichnet einmal die Leader als die
„Telefonnummer des Volkes“; nur soweit wir Leader aus den unterschiedlichen
Gruppen der Betroffenen, z.B. auch der Jugend, oder auch den MigrantInnen, in
eine Organisation aktiv einbeziehen, kann die Organisation auch mit diesen
Gruppen zusammen arbeiten.
„Wir definieren die Themen“
Als mächtig erweist sich in unserer Gesellschaft immer
weniger der, der Entscheidungen über Lösungen trifft, sondern der, der die
Probleme definiert und damit die politische Agenda bestimmt (vgl. Kap.4. zu „Predatory
Lending“). Ein Beispiel: Es ist eine „großartige“ Leistung der
Wirtschaftsliberalen in Parteien und Medien, „zu hohe Steuern“ als
Hauptproblem der wirtschaftlichen Entwicklung zu definieren, obwohl die Folgen
von geringeren Staatseinnahmen etwa im sozialen und Bildungsbereich für die
meisten BürgerInnen viel gravierender ins Gewicht fallen als die
Steuerentlastungen, die sie selbst vielleicht bekommen können.
Die Leistung des Organizing wird in einer sehr knappen
Definition von Valocchi zusammen gefasst: „persönliche, individuelle Probleme
in öffentliche Streitthemen (Issues) verwandeln“ (www.trincoll.edu/depts/tcn/valocchi.htm
). CO hat die wesentliche Funktion, die Probleme, die die Menschen
unmittelbar berühren, wirksam in diese öffentliche Sphäre einzubringen, ihnen
einen Rahmen zu geben („Framing“).
CO in den USA setzt mit der Schaffung von öffentlichen
und zugleich persönlichen Beziehungen, mit Treffen im Wohnblock und der
Community und mit Aktionen vor Ort gerade an dieser Schnittstelle von Privatem
und Öffentlichem an und geht von den Erfahrungen aus, die Menschen z.B.
konkret mit der Reduzierung von öffentlichen Dienstleistungen machen, um damit
einen „Gegen-Frame“ zu setzen, der z.B. Steuersenkungen als Geschenk an die
Reichen anprangert.
„Wir schaffen uns Erfolge“- Strategisches Arbeiten
Gerade in Bürgergruppen vor Ort haben wir Vorstellungen,
was wir wollen oder auch verhindern wollen, wir haben viele Ideen, was man
machen könnte. Das, was uns oft fehlt, ist die Strategie, in der Aktionen und
Ziele miteinander verbunden sind. Erfolge erscheinen so letztlich als zufällig
und schon gar nicht planbar.
CO macht deutlich, dass die Chancen für Erfolge bewusst
erhöht werden können: durch die überlegte Auswahl von Themen, durch eine
fundierte Macht- und Ressourcenanalyse, durch gezielten Aufbau von Leadership,
die systematische Mobilisierung von Menschen und die sorgfältige Vorbereitung
und Gestaltung von Aktionen. Ein gutes Beispiel für einen strategischen Ansatz
gibt die „Strategy-Card“ der Midwest Academy (vgl. Kap.9).
Von wesentlicher Bedeutung erscheint mir auch, dass
Erfolge ebenso wie Niederlagen ausgewertet werden können. Denn “happenings
become experiences, when they are digested, when they are reflected on,
related to general pattems, and synthesized”(Alinsky): Ereignisse werden zu
Erfahrungen, wenn sie verdaut, reflektiert, auf generelle Muster bezogen und
zusammengefügt werden.
„Community Organizing ist lernbar und lehrbar“
Es hat ja schon begonnen: Eine besondere Erfahrung für
die, die sich um CO bemühen, waren die Trainings, die die amerikanischen
Organizer mit uns durchgeführt haben oder einige auch in den USA z.B. bei IAF
erlebt haben. Mitglieder von foco und von Aufbruch bieten Trainings an,
an Hochschulen integrieren wir in Seminare praktische Übungen, es gibt
Beratungen für Gruppen, die vor Ort arbeiten.
Keine Frage, diese "ideale OrganizerIn" oder der „ideale
Leader“ ist nicht das Produkt eines sorgfältig ausgefeilten Curriculums, sei
es ein 10-Tage-Trainings oder eines Studiengangs an einer Hochschule. Aber die
notwendigen Qualifikationen sind auch keine Eigenschaften, die angeboren sind
oder vom Himmel fallen. Leadership und Organizing mag auch eine Begabung
sein, aber es ist auch etwas, wo man sich bewusst und gezielt weiter
entwickeln kann. Dabei ist Lernen immer die Verknüpfung von Wissen und
konkreten praktischen Erfahrungen; wie ich versucht habe zu zeigen, verfügen
wir auch in Deutschland , wo es keine Tradition eines elaborierten Community
Organizing gibt, über eine Vielfalt von möglichen Erfahrungsfeldern, an denen
und zu deren Entwicklung wir lernen können. (siehe hierzu auch Wolfgang Goedes
Vorschlag im Rundbrief Dezember 2002 für einen „kommunalen Empowerment-Coach
für CO“).
(nach oben)
Community Organizing bietet Ansatzpunkte für
selbstbewusste Entwicklung von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit durch die
Bürgerinnen und Bürger selbst. Ich halte es für lohnenswert, sich in
verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und Organisationen diese
Ansatzpunkte anzueignen. Dafür kann es unterschiedliche Wege geben, die teils
nebeneinander, teils miteinander, vielleicht auch im Wettbewerb
zueinander verlaufen. Wünschenswert ist es für mich, dass am Dialog
miteinander gearbeitet wird und an der wechselseitigen Unterstützung.
Als Aufgaben von foco sehe ich es an,
-
mehr Wissen über CO und Erfahrung zu CO zu erwerben,
-
Wissen und Diskussionen dazu über verschiedene Kanäle (Internet,
Hochschulen, Organisationen) zu verbreitern,
-
um Wege zum CO in Deutschland zu ringen und vor allem
-
die Praxis, in der wir selbst tätig sind oder die wir kennen lernen,
daraufhin zu befragen, welche Elemente von CO in ihr enthalten sind, welche
Wirkungen diese erreichen und wie sie vielleicht weiter zu fördern sind.
Meine Hoffnung ist, dass zwischen den verschiedenen
Ansätzen, Community Organizing zu entwickeln, Netzwerke der wechselseitigen
Unterstützung und regionale Verbünde und Kompetenzzentren für Training und
kollegiale Beratung entstehen, Brücken zwischen Wissenschaft und Praxis
aufgebaut werden, damit handlungsmächtige soziale Beziehungen gestärkt werden,
BürgerInnen selbst mehr Macht gewinnen und spüren und soziale Gerechtigkeit in
die Lebenswelt der Menschen einzieht.
(nach oben)
Aktion Sühnezeichen
/Friedensdienste, Über Wolfgang Goedes Erfahrungen mit CO in den USA
http://www.asf-ev.de/zeichen/98-3-06.shtml
Aufbruch - Broad Based
Community Organizing in Deutschland e.V., Ankündigung eines Einführungskurses
http://www.mitarbeit.de/veranstaltungen/2003/ver_einfuehrungskurs_community_organizing.html
Baldas, Eugen / Schwalb,
Helmut / Tzscheetzsch,Werner (Hrsg.): Freiwilligentätigkeit gestaltet Europa:
Kooperation in Theorie und Praxis. Freiburg: Lambertus Verlag 2001, Darin ein
Aufsatz von Leo Penta zu CO, der vom Verlag angekündigt wird:
Leo J. Penta geht es um
Kirchen als Akteure in der Zivilgesellschaft und hier um internationale
Aspekte. Es geht um Beispiele aus der Arbeit in sozialen Brennpunkten, um das
spezifische Potenzial von gemeindlicher Arbeit und von community organizing
(CO) und um deren Verhältnis. Er beschreibt eine amerikanische Sonderform des
community organizing, das faith-based CO und macht nachvollziehbar, wie
entschieden, wirkungsvoll, parteilich diese Form lokaler Basisbeteiligung ist.
http://www.klinkhardt.de/EWR/78411381.htm
Beck, Detlef, CO als eine
Form von „konstruktiver Konfliktkultur“
http://www.learn-line.nrw.de/angebote/konfliktkultur/medio/literatur/lit-g-frei.html
Doll,
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Monika/ milan/ Schöffmann, Dieter/ Wattler-Kugler, Peter: Umbruch-
Bildungswerk für gewaltfreie Veränderung, 1998, Organizer-Spirale, Eine
Anleitung zum Mächtig-Werden, für Kampagnen, Initiativen, Projekte, Bonn,
http://www.umbruch-bildungswerk.de/
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Nichtregierungsorganisationen,
http://www.wusgermany.de/stube/seminare/bericht/arno-eul.htm
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Community Organizing,
www.fo-co.info
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FOrum
für Community Organizing (FOCO) (Hg.) 1995: Videoreihe: Training in Community
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foco-
Rundbriefe, seit 1995
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http://www.fh-potsdam.de/~Sozwes/projekte/PmP/DA_Schirmer/schirmer.htm
TAZ über CO
in Hamburg St Georg,
http://www.taz.de/pt/2002/07/06/a0318.nf/text.ges,1
TU Berlin Die Historische
Entwicklung der Gemeinwesenarbeit, 1970-1980
http://www.tu-berlin.de/fb2/sozpaed/tps/1970gwa.html
USAble, Bericht über CO
in Hamburg St. Georg,
http://www.helpev.de/dokumente/USable.htm
USAble, USAble fördert
mit der Körber-Stiftung Projekte des CO in Berlin-Oberschöneweide und Hamburg
http://www.stiftung.koerber.de/wettbewerbe/usable/aktuelles/nl2002/nl_02_2002.html
Wagner, Heiderose/
Kubicek Herbert „Community Networks und der Information Highway,
www.fgtk.informatik.uni-bremen.de/website/deutsch/downloads/CommunityNetworks/inhalt.htmll
und
www.nicoladoering.net/Hogrefe/wagner.htm
„Die lokale "Community"
stellt einen wichtigen Fluchtpunkt des amerikanischen sozialen und politischen
Lebens dar…; Siedlungsgeschichte der U.S.A. …, bei der zuerst lokale
Gemeinschaften aufgebaut wurden, danach erst Regierungen und öffentliche
Verwaltungen, … "Communities before Government" (1965). …. Vor diesem
Hintergrund wurde das Konzept des "Community Organizing" entwickelt. Damit ist
das Knüpfen von Kontakten und Verbindungen zwischen Gruppen und Individuen auf
lokaler Ebene mit dem Ziel des organisierten Informationsaustausches, der
kollektiven Erörterung lokaler Geschehnisse, der Organisation
gesellschaftlicher und sozialer Aktivitäten sowie der politischen Durchsetzung
gemeinsamer Interessen gemeint …Die Begriffe "Community Organizing" und
"Community Networking" werden nun zunehmend synonym verwendet. Sobald Computer
für soziale Bewegungen erschwinglich sind, werden sie in vielfältiger Form für
das "Community Organizing" eingesetzt.“
Waller, Heiko:
Gesundheitsförderung durch Gemeinwesenarbeit, Projekte der Community
Organising und Community Building for Health,
http://www.fh-lueneburg.de/forber/swa2.htm
Wegweiser
Bürgergesellschaft, Darstellung des CO als Methode der Bürgerbeteiligung in
einem Internet-Wegweiser der Stiftung Mitarbeit,
http://www.wegweiser-buergergesellschaft.de/politische_teilhabe/modelle_methoden/beispiele/community_organizing.php
Z_newsletter von Z_ GmbH,
Büro für Zukunftsgestaltung in Zusammenarbeit mit der Robert-Jungk-Bibliothek
für Zukunftsfragen in Salzburg, Hinweis auf
www.fo-co.info,
http://www.east.isi.edu/~rriley/ZPunkt/z-newsletter2002-04.pdf
CDU-
Präsidiumskommission, Vorsitz: Merkel, Angela, Neue Soziale Marktwirtschaft,
2001, S. 26
Ehrenreich, Barbara,
Armut poor, 2001
Gutachten im Auftrag der
Unabhängigen Kommission „Zuwanderung“ von Prof. Dr. Hartmut Häußermann,
Humboldt-Universität zu Berlin Prof. Dr. Walter Siebel, Carl von
Ossietzky-Universität, Oldenburg Berlin/Oldenburg, März 2001
Häußermann, Hartmut,
2000: Die Krise der „sozialen Stadt“, Aus Politik und Zeitgeschichte,
März 2000, S. 13-21
Hellmann, Kai-Uwe/
Koopmans, Ruud (Hrsg.) 1998: Paradigmen der Bewegungsforschung, Opladen,
Wiesbaden (Westdeutscher Verlag) 1998
Schaaf, H.J. (2002) Wie
werden Bewohnerschaften zu handlungsfähigen Akteuren und welchen Beitrag
können sie im Rahmen des Erneuerungsprozesses leisten? ,
www.stadtteilarbeit.de/seiten/projekte/dueren/handlungsfaehige_akteure.htm