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Kap. 12- „Theorien der Veränderung“-  eine  Basis für die Evaluation der sozialen Stadtteilentwicklung?

Zum Ansatz des ASPEN-INSTITUTS

Von Michael Rothschuh

Comprehensive Community Initiatives.

Theorien der Veränderung als Basis für die Evaluation

Aufgaben von Handlungstheorien in der sozialen Stadtteilentwicklung.

Literatur....

In der umfangreichen Internetdarstellung des Deutschen Instituts für Urbanistik zum Programm „Soziale Stadt“ (www.sozialestadt.de, Stand 2.7. 2002) kommt das Wort „Praxis“ in 994 Dokumenten vor, das Wort „Theorie“ in vier Dokumente, teils abwertend, teils als Zitat..

Braucht man Theorien, um die Wirksamkeit von Vorhaben sozialer Stadtteilentwicklung zu erfassen?

Sieht man sich in Berichten über Stadtteilprogramme um, so erscheint dies nicht als zwingend. „Erfolg“ ist dort oft dadurch bestimmt, dass ein Angebot reibungslos läuft und Zuspruch findet, problematisch Bedingungen wie fehlende Finanzen oder Zeit, die das eigene Handeln einschränken. „Es geht aufwärts- aber es muss noch mehr geschehen“, ist kurz gefasst das Resümee z.B. in den meisten Berichten der Modellgebiete der Sozialen Stadt, wie sie in der „ersten Bilanz“ des Bund-Länder-Programms, 2002, veröffentlicht sind (vgl. Deutsches Institut für Urbanistik, 2002). Woran man genau erkennen oder gar messen kann, was „aufwärts“ heißt, oder was das Fortführen einer „Abwärtsspirale“ ist, wird kaum bestimmt.

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Comprehensive Community Initiatives

In Amerika gibt es eine lange Tradition der sozialen Stadtteilentwicklung, des Community Building und Development, beginnend mit den Settlement Houses und den Gesellschaften für Community Development im 19. Jahrhundert (vgl. Connell/ Kubisch 1998); eine seit etwa zehn Jahren bestehende Form sind die Comprehensive Community Initiatives (CCI), die ähnlich wie die Programme der „Sozialen Stadt“ umfassend angelegt sind auf Partizipation der Bewohner, soziale Beziehungen, Wirtschaft, Bildung, Wohnen und Wohnumfeld, Freizeit und Kultur, sowie Umwelt (vgl. zu den CCI‘s Smock 1997 und Hess 1999). Anders als die hiesigen Programme gehen sie aber vorwiegend von Institutionen des Dritten Sektors aus, wie z.B. Kirchen, Stiftungen, Wohltätigkeitsorganisationen, Bürgerorganisationen und Initiativen und arbeiten dann auch mit Unterstützung von Kommune, Bundesstaat und US- Bundesregierung. 

Zwei Merkmale kennzeichnen die Initiativen(Voices from the Foield II): Die „Comprehensiveness“, bei der von Anfang an sowohl verschiedene Themenfelder eingeschlossen sind als auch die Zusammenarbeit vieler Institutionen, und das Ziel des „Community Building“; dazu gehört  die Entwicklung von Individuen als „Leader“ in der Nachbarschaft, die Bildung von sozialen Beziehungen, die gemeinsames Handeln möglich machen und die Stärkung und Vernetzung der lokalen und regionalen Institutionen.

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Theorien der Veränderung als Basis für die Evaluation

Mit den CCI und ihrer Evaluation beschäftigt sich intensiv das „1950 in Aspen/Colorado gegründete „Aspen-Instituteseit 1992 mit einem „Runden Tisch“ (http://www.aspenroundtable.org) , an dem Vertreter von Stiftungen und aus dem öffentlichen Sektor, LeiterInnen  von Organisationen sowie mit der Evaluierung Beauftragte zusammen arbeiten; die Arbeiten des Instituts dazu sind vor allem in vier Schriften dargestellt,  zwei programmatischen Schriften zur Evaluation:  New Approaches...I und II (1995 und 1998) , sowie Auswertungen von Feldinterviews: Voices from the Field I und II(1997 zuletzt 2002).

Unter dem Titel „Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie“ fordert 1995 Carol Hirschon Weiss, dass eine Evaluation auf einer Analyse der „Programm- Theorie“ beruhen sollte. Mit einer „Theorie der Veränderung“  würde  die  Evaluation auf die Schlüsselaspekte des Programms konzentriert, zum anderen wären die Praktiker des Programms damit aufgefordert, ihre Annahmen explizit zu machen und Konsens mit ihren Kollegen über Inhalte und Begründungen des Handelns zu erreichen.

Unter „Theorien“ wird hier dabei ein  zusammenhängender Komplex von Annahmen verstanden, die einem Programm zugrunde liegen und nunmehr explizit und damit überprüfbar gemacht werden sollen, wie beispielsweise die Annahmen:

·       „ein effektives Programm erfordert die Einbeziehung der lokalen BürgerInnen“;

·       „städtische Nachbarschaften sind geeignete Einheiten für die Programme“;

·       „Dienste für Erwachsene bringen Nutzen auch für die Kinder“, usw..

In einer ersten Zwischenbilanz stellen 1998 nehmen Connell, Kubisch und Fulbright-Anderson Aufgaben und Probleme einer theorie-basierten Evaluation in den Blick: 

Die Probleme liegen vor allem in folgenden Merkmalen: 

·       Horizontale Komplexität: es werden gleichzeitig vielfältige soziale, ökonomische, ökologische und politische Sektoren angesprochen sowie zudem deren angestrebte Synergie;

·       Vertikale Komplexität: Es geht zugleich um Individuen, die Familien, die Community, Organisationen und das nicht nur die Community umfassende System;

·       Community Building, der Aufbau des Stadtteils, ist als Ziel schwer zu bestimmen: Was sind gestärktes „soziales Kapital“, empowerte Nachbarschaften und woran erkennt man sie?

·       Community und ihr Kontext: Das Ziel ist es, aus er Sicht der Community externe politische, ökonomische und andere Bedingungen in den Rahmen einzubeziehen, aber man wenig Macht hat sie von der Community aus zu beeinflussen.

Eine „gute Theorie der Veränderung“ soll pausibel , handhabbar (doable) und  überprüfbar sein. Die Theorie soll vom zeitlich letzten Ziel quasi entgegen dem realen zeitlichen Ablauf hin zum jetzigen Zeitpunkt aufgestellt werde:

Langfristige Ergebnisse à Mittlere Ergebnisse à Erste Ergebnisse à Anfangsaktivitätenà Auflistung der notwendigen Ressourcen

Die  Akteure in der Initiative, Professionelle, Laien, Institutionsvertreter, Bürger usw.,  haben zum  langfristigen Ziel der Initiative unterschiedliche Sichtweisen; sie arbeiten mit verschiedenen und oft miteinander in Konkurrenz stehenden „Theorien“ gleichzeitig. Deshalb ist es eine wesentliche Aufgabe, die verschiedenen Theorien soweit in Einklang zu bringen, zu versöhnen (reconcile), um gemeinsame erste Schritte gehen zu können (Ressourcenbildung, Anfangsaktivitäten usw.).

In jeder Evaluation müssen Ergebnisse und Aktivitäten in beobachtbare Maßstäbe übersetzt werden. Wie wissen wir, dass eine Intervention oder ein Programm realisiert ist, und wie messen wir seine Ergebnisse? Gemessen werden dürfen nicht nur die Aktivitäten einer CCI, sondern ebenso ihre Ergebnisse; denn das Ziel ist nicht das reibungslose Funktionieren der einzelnen Programme, sondern das Ziel liegt im „Community Building“. Erforderlich ist es, dass Überlegungen über kausale Beziehungen zwischen Aktivitäten und Ergebnissen auf allen zeitlichen Stufen und allen Ebenen angestellt werden. Dabei muss die Diskussion um die Maßstäbe das Thema lösen: Wie viel „gut“ ist „gut genug“? Wann also war eine CCI wirklich „erfolgreich" und anhand welcher Leistungsstandards kann man dies erkennen?

Ein schlüssiges Argument zu finden, ob eine CCI gewirkt hat oder nicht, bleibt problematisch; aber je mehr Ereignisse, die von der Theorie vorausgesagt sind, tatsächlich stattfinden, desto mehr Vertrauen können die Evaluierenden und andere haben, dass die Theorie richtig ist.

Die Praxis der theorie- basierten Evaluation beschreibt beispielhaft Susann Philibber. Ein Ausgangsproblem ist dabei, dass die sozialen Dienste in der  Tradition „der guten Taten“ traditionell fokussiert sind allein auf das TUN; sie werden oft „belohnt“ für hohe Klientenzahlen und Service-Einheiten, mehr als für die produzierten Ergebnisse. Dies produziert eine Mentalität, die sich sehr unterscheidet vom Geschäftsleben. Ein Fuhrunternehmer wird weder die Frage nach einem klaren Ziel noch nach dem auf der Landkarte ersichtlichen Weg zum Ziel für unangemessen erklären, nach dem Motto: „Hauptsache, ich bin unterwegs“. Dass die Anbieter von humanen Dienstleistungen ein klares Statement über die zugrunde liegende Theorie der Veränderung abgeben, ist ein notwendiges Vorspiel zur Evaluation. Um eine konkrete Theorie der Veränderung zu entwickeln, beginnen die Evaluatoren deshalb mit zwei Fragen:

1.    „Was macht ihr hier genau? Erzählt, was ihr leisten wollt, für wenn und wann?“

2.    „Was erwartet ihr, was in kurzer Zeit passieren soll und in längerer Zeit als ein Ergebnis von dem was ihr tut? Erzählt, bei wem das geschehen soll und wann.“

„Die Mitarbeiter können uns nicht erzählen, dass sie intendieren, „die Jugend entsprechend ihrem vollen Potenzial zu entwickeln“ , ohne gefragt zu sein, wie wir erkennen, was ein voll entwickelter Jugendlicher ist.“ 

Philliber stellt ihr Vorgehen an Beispielen dar, bei denen Interventionen und Ergebnisse mehr oder weniger auseinanderfallen. „Wenn da ein sehr großer Graben zwischen den Interventionen und den angestrebten Resultaten ist, nennen wir diese ‚Grand Canyon Modell‘.“

„Die Rolle des Evaluierenden ist weder, etwas direkt aufzudrängen, noch etwas in Isolation von den Partnern des Programms zu tun. Er wird vielmehr Ermöglicher, Zuhörer, und Partner der Beteiligten. Das heißt aber nicht, dass er weniger ‚objektiv‘ ist. Die Regeln der Evidenz für einen Erfolg des Programms ändern sich nicht.“

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Aufgaben von Handlungstheorien in der sozialen Stadtteilentwicklung

Auch den Projekten der Sozialen Stadtteilentwicklung in Deutschland liegen Annahmen zugrunde, bei denen es sich lohnen würde, sie explizit und überprüfbar zu machen, zum Beispiel:

·       „ein Stadtteil kann ‚umkippen‘“ und er kann vor dem „Umkippen“ bewahrt werden,

·       das Zusammenleben in einem Stadtteil wird verbessert, wenn er die geballte Aufmerksamkeit aller Ämter und Einrichtungen bekommt (Bündelung der Ressourcen)“,

·       eine ‚Durchmischung‘ eines Stadtteils bringt bessere Lebensbedingungen als eine ‚Zusammenballung‘ von Menschen mit ähnlicher sozialer Lage“,

·       ein Stadtteil kann ‚Modellgebiet‘ für andere sein“ versus die oft gleichzeitig gemachte Annahme: „was in einem Stadtteil funktioniert, kann nicht auf einen anderen übertragen werden“.

Wir erfahren in den Projektberichten selten, woran man den Veränderungen des sozialen Gefüges und in welchem Verhältnis dies zu den ursprünglichen Zielen steht. Und oft noch weniger, welche Annahmen über den Zusammenhang zwischen Aktivitäten und Ergebnissen bestehen und wie dieser Zusammenhang überprüft wird.

Wir können von dem Ansatz des ASPEN- Instituts lernen, dass eine Evaluation auf der Basis von einer oder vielmehr von vielen differenzierten Theorien der Veränderung, ein ständiger gemeinsam mit den Akteuren geschehender, unterstützender Prozess sein kann. Dabei ist es nicht die „große Theorie“ wie unsere Gemeinwesenarbeitstheorien der 70er Jahre, bei denen GWA in den Funktionszusammenhang der kapitalistischen Gesellschaft eingeordnet wurde, sondern eine Theorie im „kleinen Rahmen“; es geht um die systematische und konkrete Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Zielen, Handlungen und Ergebnissen sowie dem äußeren Kontext (Connell/ Kubisch 1998).

Und noch eines unterscheidet die hier geforderten „Theorien“ von der Großtheorie der 70er: Sie zeichnen sich nicht durch schwere Verständlichkeit aus oder dadurch, dass sie den „Akademikern“ vorbehalten sind, sondern im Gegenteil: Weil alle Beteiligten an einem Projekt, also auch die Bewohner eines Stadtteils, Vorstellungen davon entwickeln, mit welchem Handeln man vom Ziel zum Ergebnis kommt, und insofern „Theorien“ bilden, sind die verschiedenen Theorieproduzenten prinzipiell gleichwertig und sitzen deshalb gemeinsam an einem „runden Tisch“.

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Literatur

Voices from the Field: Learning from the Early Work of Comprehensive Community Initiatives , 1997
http://www.aspenroundtable.org/voices/index.htm

New Approaches to Evaluating Community Initiatives, Band 1: Concepts, Methods, and Contexts, veröffentlicht 1995
Washington,
http://www.aspenroundtable.org/vol1/index.htm

darin besonders: Carol Hirschon Weiss: Nothing as Practical as Good Theory: Exploring Theory-Based Evaluation for Comprehensive Community Initiatives for Children and Families

New Approaches to Evaluating Community Initiatives, Band 2 1998, www.aspenroundtable.org/vol2/index.htm,

darin besonders: Anne C. Kubisch/ Karen Fulbright-Anderson/ and James P. Connell:  Evaluating Community Initiatives: A Progress Report

Connell/ Kubisch: Applying a Theory of Change Approach to the Evaluation of Comprehensive Community Initiatives: Progress, Prospects, and Problems

Susan Philliber: The Virtue of Specificity in Theory of Change Evaluation

 

Voices from the Field Band 2, 2002, http://www.aspenroundtable.org/publications/voicesffII.html

Kristina Smock Comprehensive Community Initiatives, 1997: A New Generation of Urban Revitalization Strategies, http://comm-org.utoledo.edu/papers97/smock/cciweb2.htm, 3.7.02


 Douglas R. Hess, 1999: Community Organizing, Building and Developing: Their Relationship to Comprehensive Community Initiatives ,
comm-org.utoledo.edu/papers99/hess.htm

Association for the Study and Development of Community, Washington, 2001: Principles for Evaluating Comprehensive Community Initiatives, www.capablecommunity.com/pubs/NFCVP062001.pdf

Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.), 2002: Die Soziale Stadt, Berlin, http://www.sozialestadt.de/veroeffentlichungen/arbeitspapiere/zwischenbilanzkongress/index.shtml


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